Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 36 (8.9.1905)
- Date
- 1905-09-08
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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bt'Uu '!■ Jüdisches Volksblatt Nr. 36 die Politik das Wort „Niemals" nicht kennt, und dos; in der Politik nichts nnmöglich ist. Beantwortet sich die froste nach dem. Verhältnisse der Teutschen nnd Inden zueinander ziemlich leicht, schwierig wird die Antwort, wenn die Frage ausgeworfeil wird, wie sich die Juden zn den Rnthenen nnd zn den! R'nmänen stellen sollen. Ter Antor dieser ZAlen will nun versuchen, dieser spießigen Frage herzhaft ans den ücib zn gehen. Vorerst nrns; gesagt werden-, das; in der Politik Symparbien nicht maßgebend sind. Tb nnstro Syinparhie ans der Leite „der gleich uns rmterdriickten rnihenischen R'ation." sind oder auf der Leite der Rumänen - - das ist speziell für eine Indenpolitik gang nebensächlich. Wir Juden wissen ganz gut, dos; wir schon seit Taeilns' Seiten die Vedgehasgen sind, wir wissen gang gut, was wir von den Rnthenerr und von dev! Rumänen .511 errvarlen wenrl Teü'erreich trotz seiner Zerschrenheit nicht ein Rechtsstaat tväre, in dein der schwache nicht fürchten nnrs;, des Mächtigen Beute zu werden. Wir hoben volles Verständnis für den ethischen Wert der Irenndschoft, die uns von rnthenischer Leite garantiert, von rumänischer Leite angetrogen wird. Wir merken es, das; jede dieser Versicherungen on die Bedingrrng des politischen Zrlsonun'engehens geknüpft ist und es gehört nicht gerade viel Scharfsinn dazu, zu erraten, womit uns gedroht wird, sollten wir uns unterstehen, uns mit der anderen Leite zu verbrrhlen. Es ist also gut, wenn wir Juden bei rmserrn politischen Erwägungen die Sentimentalitäten ausschalten. Wir sollen auch auf den Einwurf nicht achten, das; die Rumänen im Königreiche praktischesten Antisemitismus treiben, denn in einem ukrainischen Königreiche ginge es uns nicht rnn ein Haar besser. Wir haben nur mit den in der Bukowina! gegebenen Verhältnissen zu rechnen. Tiefe liegen nun so, das; wir zusammen mit den deutschen Bundesgenossen, soweit es a n g eh t, '- r i k t e st e R utralität wahren sollen. Beide Gruppen — Deutsche und Juden — haben peinlielpt darauf bedacht zu sein, die zwischen Ruthenen und Rumänen bestehenden Gegensätze weder auszugleichen nach zu verschärfen. Tenn in dieser natürlichen, jedoch nicht übermäßigen Spannung liegt die Garantie, daß das von Deutschen und Juden gemeinsam vorgestelkte höhere Krilturelement dem Lande — auch zum Wähle der Rumänen und Ruthenen — den Charakter aufdrückt. In dieser Spannung liegt auch die Garantie, das; die Städte immer mehr an Bed-eut!nng gewinnen. Aber es ist klar, daß strikte Neutralität für die Dauer nnd für alle Fälle ein taugliches Rezept nicht sein kann. Es wird nicht immer möglich sein, teilnahmslos znznsehmnniD auf die Früchte ans denr Streite der andere,r zn warten. Was bann? Es gib! dauernde Allianzennnd gelegentliche Bündnisse. Ta.S Verhältnis zwisweu Inden nnd Deutschen soll eine dauernde Allianz sein, die Bündnisse von Fall zn Fall bald mit den Rnthenen, bald mit den Rumänen nach Bedarf nnd Vorteil •— nicht aus schließt. Dieser politische Handel — und nur naive Gemüter tonnten sieh darov entrüsten - - hätte den Vorteil, das; wir niemals auf uns das Oviritn laden werden, die Hand zur brn-! taten Unterdrüernng eines Teiles geboren zu i haben, indem wir ja immer das Interesse j haben, dauernde und bedernende Bi acht rer-! schiebnngen z-lvii'Gn! beiden .Nationen, zu permeide«. Ans diesen Gesichtspunkten., die nur aller Offen-heil vor-zntragen ich mich keine-stvegs scheue, ergibt sich, das; die d e r z e i t i g e Allianz d e r j ü d i s ch e rr A b g e 0 r d - n e t e n mit d e n R u t h c n c n nicht z n billig e n i st. Vorerst aus einem ganz einfachen' Grunde: Diese Allianz ist dermalen' unfruchtbar, unpraktisch und nicht vorteilhaft, öenm wir Juden, haben es nicht not, das bekanntlich bittere Brot der Opposition zu essen. Wein zu Liebe-? Einer hohen Kulturfrage zu Liebe, die von den Ruthenen, dem Strom entgegen, verfochten wird? Nein. Es handelt sich nin eine für uns ziemlich nebensächliche Personalfrage. Ich hätte es noch verstanden, wenn Rnthenen und Inden zusammen mit starker Entrüstung ein Prinzip in Trümmer geschlagen, hätten, welches die Möglichkeit gibt, daß überhaupt freigewählie Abgeordnete sich auf Kosten des Landes Sinekuren schaffen. Man hätte den gemeinsamen Kampf gegen eine Gesetzesvorlage begriffen, die ganz ohne Scham dekretiert, daß die zur Ko n t r 0 l l e berufenen Abgeordneten auch bezahlte Beamte der zu kontrollierenden Landesbank sein sollten. Aber da der Kampf sich nicht nur diese großen, Fragen gedreht hat, sonderir nur eine nein ruthenifche Frage, so erscheint die leidenschaftliche Parteinahme für die.Rnthenen und gegen die rumänischen Abgeordneten vom Standpuirkt einer nach der allerdings nicht maw gebenden Ansicht des Autors dieser Zeilen, allein richtigen Jndenpolitik nicht zu billigen. Eiiw feste Allianz mit den Ruthenen, die natnrgemäß ihre Stütze gegen die Rumänen hat, ist atich ans and-eren GePchtsp unkten nicht zu akzeptieren. Unstreitig sind die Rtithenen in der Bukowina gegenüber den- Rumäne» zwar die an Fahl Stärkeren-, aber an Macht und Bedeutung entschieden- Schwächeren. Die Mein Mann >mißte sie zu betören, sprach immev davon, daß Amerika ein freies Land fei, wo das Familienleben, nicht den starren Sinn habe wie „bei uns zu Hause". Diese einschmeichelnden, verführerischen Reden, tinterstützu durch kleine Geschenke, ein Ringelchen unö ein Scideirkleid, perbtendeten das tiirglückliche Geschöpf, bis es, völlig betör' mit meinem Manne floh, mich tmo seine drei Kinder unferem Schicksal überlassend .... Ich gehe wieder fleißig in die Arbeit," schloß die arme Frau ihre traurige Erzähltmg, „und erhalte die unschuldigen kleiiten Waisen. Aber meiue Kräfte gehen zur Neige . . . kt kann nicht mehr arbeiten . . . nnd eines Tages wird man uns alle tot auffin'ben . . . wir werden Hungers sterben . . . Ich fih meine Person bin des Todes gewärtig, tvas soll ich auch in. einer Welt, in welcher die Menschen gleich Treten leben, was haben aber diese kleiiten, nnschtildigen Kinder verbrochen, daß sie dieses elende Los mit mir teilen sollen? . . . Was ich non Ihnen verlange, ist, das; Sie meinen Fall in Ihre», Blatte veröffentlichen, vielleicht wird der Mörder meiner Ruhe itnb meiner Ehre es leseir 1111D Mitleid haben mit den drei Würmchen, die er il, die Welt gesetzt. Meine Schwester ist verloren, undich . . . ich werde sterben, abev rettet die Kinder ..." Weinend verließ die arnre Frau das Redaktionslokal der „Jewish Gazette". Huntes Feuilleton. Mißbrauch der Statistik oder falsche Moralstatistik. In einem diese Ueberschrift tragenden Artikel wendete sich die katholische „Germania", Hauptorgair des deutschen Zentrums, kürzlich scharf gegendie Art, mit der man häufig mit allerhand Zahlenntaterial den sittlichen Wert oder die Wertlosigkeit der einen oder änderet! Konfession zu beweisen' sucht. Wenn man so Moralstatistik treibe, komme man zu dem Schlüsse: Also ist der Protestantismus gebrandmavkt durch den Selbstmord seiner Bekenner, der Katholizismus durch die Körperverletzungen und der Mosaismus durch die Betrugsvergehen ihrer Bekenner. Dazu bemerkt die „Germania" wörtlich: „Und doch ist dieser Schluß so falsch, wie nur etwas falsch sein kann-. Denn er berücksichtigt nicht die soziale Skellnng, die ökonomische Lage und die Berufe der Detiiigueiitcn. So isl das Vergehen des Wuchers, Bankrotts nnd der Zuwiderhandlung gegen! Paragraph 147 der Gewerbeordnung eben ein nicht der mosaischen Religion, sondern, tient: Handel und Gewerbe eigentümliches Vergehen. War mm weiß, in tvelchem Maße die Inden andiesen Berufsarten beteiligt sind, hat sofort den Schlüssel für die größere Belastung der Inden! an diesen Delikten. Eine gerechte Statistik müßte also berechnen, wieviel handeltreibende Juden! komtneii auf handeltreibende Christen- und wieviel Juden' sind im Verhält ins zu Christen' wegen Rmnänen haben einen Adel und einen Großgrundbesitz, Kirche und GcislUchkeit liegt in den Händen der Rumänen, die Rumänen sind ivohthabend, imelligent und verfügen.^ über eine große Atrzahl politischer Talente. So bedauerlich es ist, daß die ruthenische N'ation derzeit in der Bukowina noch nicht so hoch steht tvie die unnänische, so ist dies doch eine Tatsache, die gerade die besten rlttheurschen Patrioten nicht leugnen tverden. Eine A l l i a n z mit den Rnthenen hat deirniach zur Folge — die Feindöbaft der Jimnäneu, die wir Inden ans .Klugheit vernwiden sollen. Und noch ein Uinstand, der schwer ins Getvicht fällt: Wir Juden sind Städte r. Auf dem. flacheir Lande wohnt nur ein! kleiner- Bruchteil des Bnkotvinaer jüdischen! Volkes, so z. B. im Serether Londbezirke karmi :ü)(> zn o210 im der Stadt Sereth selbst. In! keiner S ladt der Bnkotvina spielendie Rnthenen eine politische Rolle, während die Rttlnänen in Snezawa, Kimpolnitg, G-nrahlimora nnd Räidantz ausschlaggebend, in Ezernowitz ein bedeutender Faktor sind. Das hak sich in der Ezerinnvitzer Bürgermieistorfrage gezeigt. Die Inden hättenmit Hilfe dor^ zwei Rnthenen. im Gemeinderate ltichts ansrichten können. Mit den .Rumänen hätten wir die Majorität, um unseren^ verehrten Bürgernn-ister ans den krirutischeu Stuhl zn erheben. Bei allen politischen, Wahlen in. den Städten können uns die RUithenen tvenig, die Rumänen! viel Helsen; das ist so sonneirklar-, daß es ernstlich-nicht bestritten tverden. kann.^ Wenn also die lnaßgebenden jüdischen Politiker mir im Wege von. Allianzen Politik machen zn können' glauben, dann 'nkögen sie die Allianzen' dort, suchen, wo uns Städtern, mächtige städtische Allianzeir zur Verfügung stehen. Die A l l i a n z mit den Rnthenen ist n n f r u ch t'- b a r und undankbar, dasist nicht bloß meine persönliche 9tnschanniig, das ist die An>schauntkg> der weitesten! jüdischen Kreise, von der ein- Hehl zu machentvir gar keine Verantassiing haben. T-ie J-ndenschaft erwartet nun, daß der Abgeordnete Dr. S t r a n ch e r, der de facto Führer der Brikowinaev Inden ist, dieser allgemeinen Stimmung- Rechnnirg trägt, was von ihm nin so eher anztmehtnen ist, als er ja gerade in, der verflossenen Landtags-session den! Vetveis erbracht hat, daß er in der Frage dev Landtags- und Gemeindewahlreform! die! Wünsche seiner Wähler höher gestellt hat als die Klnibdisziplin', ein Standpunkt, der» von der damaligen Parteileitung in der loyalsten! Weise Rechmmg! getragenwinde. Ich schließe meine Allsfnhrnngen mit der Versicherung, daß ich jede Belehrnng! eines besseren mit Vergnügen und aufrichtigem Dank entgegemrehm.enwerde. Ich hielt es für meine Wuchers nsw. bestraft worden. Eine gerechte Statistik muß aber bei beit Katholiken auch deren wirtschaftliche Lage berücksichtigen,. Nun ist es ja kein Geheimnis, daß die Katholiken im allgemeinen in einer schlechteren tvirtschäftlichen Lage sich befinden. Es handelt sich für die Belvertnng einer Konsession um> den Grad der Religiosität, das Leben nach dem Glauben und den Einfluß der, religiösen- Vorschriften auf die Handlnngen des einzelnen. Davon aber kann die Moralstatistik nicht das allergeringste aussagen. Und doch wäre das für ein objektives Ergebnis die Hauptsache. Wir geben der Reichsstatlstik (Bd. 69, 2., 37)' recht, wenn sie ihre Betrachtungen' über den Znsammenhan'g zwischen Religion und Verbrechen mit den Worten schließt: „Es kann! nicht nachdrücklichgenug davor gelvarnt werden, solche Daten zugunsten oder nngunsten dieses oder jenes tzytaube 1 rsbekeimtnisses indem Sinne zll verwerten, daß dadurch eine Wirkung desselben auf die Kriminalität erwiesen sei." Judenchristeu in Rnbland. In Rußland existiert eitle Sekte von Jlldellchristen, die einen arvßeu Teil der jüdischen Religiousgesetze angerlvinmen liabeu. Als jililgst das bekannte Tvleratlzedikt des Zaren herallskam, sind viele Anhänger dieser Sekte znm Jndentum Wergetreten.!Jm Gouvernement Astrachan gibt es ganze Dörfer, derer! Eiuwvliner fast ausschließlich dieser Sekte augehören. Die meisten vvu ihnen sind Ackerbauer. Ntill ist eine große Attzahl dieser zürn Judentum übergetreteuerl Judenchristen über Odessa nach P a l tt st i u a ausgewalldert.