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Jüdisches Volksblatt · 1905-09-08 · 36 (8.9.1905) · p. Seite 3

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
36 (8.9.1905)
Date
1905-09-08
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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J ii'lisclic- YolksWatt in nichts recht hätte, Daitn hat er gewiß recht, das; unser g e s a m t e.s P a r t e i >v e s e n e i n c ui politis eh e it ,/Jl a r r e n t u r m" gleicht. Das; aber Nieser Narrciituriu gar so voll ist, daran tragen nicht nur Tr. Lueger und seine Partei nnd die nationalen' Chauvinisten die Hauptschuld, sondern auch die Führer jener Partei, die die politische und soziale Erziehung der XMvliciioiinaffciv als ihr Acouopol in Anspruch irehnren, die aber die Aufklärung dev österreichischen Proletariates nicht betreffs dev A n t i f e in i! is in u s n n d d e s N at i o n a t i v in n s besorgt haben, wie es ihre elementare Pflicht gewesen wäre." Auch in II n g a r n rechnet inan mit baldigen N e u io a h l e n, wenn nicht in zivölfter Stunde ein Kompromiß zwischen Krone und der iiiagparisehe11 :1 ieichstagennehrheit nslmide koniiiiit. Aber es kracht in den Fugen der Koalition ebenso wie in> der Organisation der „Liberalen". Die ungarischen Inden speziell täten gut daran, außer der Tatsache dev vollständigen Zerfalles der magparischen „Liberalen", das Anwachsen der christlichsozialen Bewegung und die iiwner kraftvoller hervortretrnde Aktion der s l o w a k i s ch e n, s e r b i s ch e n und r u in ä n i s ch e n Nationalisten in Ungarn im Auge zrr behalten. Wie stark die C h i i st l i eh s o z i a l e n schon in. B u d ap e st sind, ist daraus ersichtlich, das; eine große Majorität des dortigen B ü r g e r k l u b s sich für g e in e i n s a in e Arbeit im Klub und in der Koalition mit den Christlichsozialen aussprach. Sapieuti seit! Von Dr. Mayer Ebner. m. Die Juden und die anderen Völker. .Nehmen wir an, Die Organisation der Judenschaft sei geschaffen. Wie sie gemacht werden muß, gehört nicht in den Nahmen dieser allgemeinen' Betrachtung. Welche Stellung hätte die Judenschaft nach der Anschauung vieler, die nicht zrr den derzeit leitenden Kreisen gehören, gegenüber den anderen das Land bewohnenden Völkern anzunehmen? Ich gestehe, daß das eine heikle Frage ist nird daß sie auch nicht anzuschneiden gewesen wäre, wenn der Autor dieser Zeilen nicht auch eine Kr'itik der bisherigen sogenannten Inden- Politik beabsichtigt hätte. Das; diese Kritik vor der breitesten Oeffentlichkeit geschieht, eiNspricht den in, unserem parlamentarischen. Zeitalter anerkannten Gepflogenheiten. sich ans Angst, das; ich „mit grauem Kopfe sitzen bleiben" könnte, um, da.S Zustande lwmmeu der Partie, und so ivtirde ich dann ganz ividerwillig — eine Stiafmuttev. .Nach der Hochzeit! begann ich meine Stiefkinder zn betreuen und bot alles auf, damit die Kleinen' keinen Grund, zur Klage haben. Ich wartete ihrer mit der Zärtlichkeit einer wirklichen, leiblichen Mutter, mi>d begaiüir die Kinder schoir so iiebzngelvinnen, wie wenu sie meine eigenen tväreu. Dies alles konnte' es fedoch nichi hindern, daß der unedle Charakter meines Mannes 'bald zn,in Durchbruche gelangte. Der kleinlichste AiNlaß ivar ihm, gut genug, um mich vor den Kindern mit den unflätigsten Schimpflvortni zn, besudeln und mir zn fluchen.. Ich ertrug dies alles stilt und geduldig, trug meinen Knimnier iim Herzen verschlossen,, um mm den mißgönnerischen Leuten nicht zum Gespülte zn dienen'. lind so schloieg und litt ich bis znm Chantika vorigen, Jahres, als ich von meiner zwanzigjährigen Schivester ans der Heimat die Nachricht erhielt, daß der Vater gestorbeit, tind sie selbst gezwungen sei, zu bettelit', weuu ich ihr nicht eine Schiffskarte schicke, die ihr die Uebersahrt nach Amerika ermögliche. Ich gab den, Brief meinem Manne znm Lesen. Ich tvar auf einen der gewohnten, Wutausbrüche gefaßt. Zn meiner Ueberraschnng blieb er jedoch ruhig nud nachdenklich auf I Cs ist das Verhältnis der Jtideit zu den Deutschen, N'ntheneit uuD NAmiäueu zn erörtern, allerdings in gedrängtester Kürze unb iit ultzweioeutiger Kleie heil. Deittsche unb Jlldeu, ehemals zu Deutschliberalen ztisammengeschiveißl, fiitgen Mitte der neunziger Jahre au, sich voneinander loszusageu. Tie deutschuatiouale unb die jü di schnei tiouale Beivegung erstarkte gleichmäßig. Cs tvar ein historischer Vorgang, der nicht aufzuhalleii' tvar. Eine Assimilatiouohne vollständige Amalgaluatiou schafft höchstens das Monstnun einer Mischinaschuation: Indendeutsche. Das Widerliche dieser Situation haben beide Teile empfundeit und beide —- wenigstens die Mehrheit auf jeder Seile — schufen sich ihre nationalen Organisationen. Die Deutschen allerdings, indem sie einerseits ganz überflüssigerweise das konfessionelle Moment Hervorkehrtelt- und sich so des Antisemitisnuls dringend verdächtig machten, andrerseits durch Ralliierung der „christlichen" Deutschen recht schlau, aber wenig fein auf die politische Gefolgschaft jener arm-seligen Inden spekulierten, die sich mit ihrem schiffbrüchigen Deutschtum ctii! den konzedierten Begriff von dem jüdischen, Deutschtum klammerten. In den deutsch,politischen Vereinen sollte der Rendezvousort feilt, wo die deutschen Führer mit Israels rätldigster Horde zusaiiunentrafeu. Der politische ZeitungSkampf, der nun entbrannte und zirka 5—O Iahte anhielt, wurde auf deutscher Seite mißverstanden. Wir haben niemals gegen die deutsche Nation geschrieben. Wir kehrten uns nur nicht aller Inbrunst gegen den deutschpolitischen -Lchwiudel, gegen die von den Deutschen, beabsichtigte Ausbeutung u n s e r e r politischen Kiräfte, gegen die Selbstvergessenheit jener Juden, die trotz allem und allem die Schmach einer jüdisch-deutschen Zivitternationalität ertrugen, und nicht merken ivollten, das; sie mit der Narrenkappe durch die Lande gingen. Gottlob, auch diese schuiachvolke Periode ist vorüber, die Zeit hat auch diesem, letzten Nest der verschollenen, liberalen Aera die Augen geöffnet. Rühmlos, wie er gelebt, sank der dentschpolilische Verein in die Gruft. Nun war die Scheidung zwischen Deutschen nud Juden eine vollkommene. Die Entwicklung der Dinge ist bekannt. Die Deutschen verloren. einen politischen Posten nach dem anderen, erstarkten, aber national; ivas sie an äußerer Machtstellung verloren, erlangten sie an innerer Volkskräftignng. Die Juden hingegen wurden ztvar politisch kräftiger, sie eroberten, ivas jene verloren, im Innern aber große Zevfahvenheit. Die politischen Ereignisse nach vollständig vollzogener Separation hätten nun die sei neu t Stuhle sitzen, ohne den Brief der Schwester auS der Hand zn legen. „Weißt du," sagte er daun nach einigem Nachdenken, „es scheint daheim tatsächlich bitteres Elend zn herrschen nud deine Schwester befindet sich in großer Not, wir müssen trachten,, sie hewzu schassen. Nimm deine' Uhr nud Kette mit den, paeu Ringen, die du. hast, trage sie ins- Versatzhaus nud schicke ihr die gewünschte Schiffs karte." Diese plötzliche, bei i()m tiitgelvvhnte Anivandlttug von Edelnuit versetzte mich wohl in Statinen, aber ich folgte seinem Rat, nud eine Stunde später war mein, satter erworbener Schmuck bei der „Tante". Einen Atonal später kam« meine Schivester hien ait und ivtirde voit miciinicm Manne gastfreundlich ausgenommen. Ich ivar natürlich der Meinillug, daß er dies aiis Taiikbarkeit dafür tue, daß ich seinen Kindern, eine gute Mutter ivar -- ich selbst habe fein 'Kind. Bald jedoch wollte es mir scheinen, das; die Neigiiiig meines Mannes für meine Schivester viel mehr ist, als mau von ihlit veilange» diirfte. Aitfaitgs erschreckte liiich der Gedanke, daß ich mir für den Pfalidivert meines Schlnitckes eine Schlaiige gekauft habe, die ineiir Leben vergiftensoll. J'ii der ersten Zeit iiliterdrückte ich meinen Verdacht, bis ich die beiden, zur Nachtzeit in einer Sitiiation überraschte, die leben Zweifel über das zivischeit ineineni. Mannunbmeiner Schwester bestehende VerhältiiiS atisschloß. Und atich jetzt Detitschen belehren sollen, daß von mm ab eilte Aendernug in ihrem Verhältnisse zu deir Juden eiiitreten' muß. Ten Juden aber mußte mit dem Atlftatichen der Freisiimigen Vereinigung ein Licht atifgeheu, das; eine innnerhin mögliche Vetständigtnig der beideil Hatiptstämme nicht zum Besten der Judenschaft ansfalleit kann. Beide, Deutsche nud Juden, mußten erkennen, daß sie die Städtebetvohuer, die Träger einer höheren Kultur, durch das Ausgreisen des agrarischeil Rnmän-enrmd Ruthcnentums erdrückt ivetdeit. Brach sich diese Crkeulttnis auf beideit Seiten Bahn, Dann War Die lat form gegeben, auf der die politisch auseiuaitdergegaiigeueit Teile mieder sieh ztisamuteusiuden koituteu, allerdings aber in einer ganz anderen Form als ehedem. Die Scheidting hat unbedingt aiifrecht zu bestellen, deitu. sie ist iticht um eine natürliche, daher gesunde, sie bewahrt auch vor allen Jrrtümeru! und Uebervorteiluugen, denen ivir ehedern ausgesetzt waren. Die Stäbtefmie gehört ziveifellos Den Juden und den Deutschen, und beide haben auch die Aiacht, sie sich iticht eutreißeu zu lassen. Eine Berstäudlgu'Ng von Volk zu Volk ^— ehrlich, aufrichtig unb ohne Hinterhalt — und der Schlüssel zur Verteilung der Mandate ist gefunden, wobei man sicher sein kann, daß die Juden! von der brutalen Macht der Ziffer keinen ungehörigen Gebrauch machen werden. Nachgiebigkeit tind Cutgegeukomutelt ist eine unserer Erbschwächen. Tie gewählten deutschen und jüdischen Abgeordneten vereinigen sich nicht m-ehr wie ehedein in einem deutschen Klub, souderu nach der Anregung des Abg. S k e d l in einem S t ä d t -c k l u b. Im Städteklnb iverden beide Interessen natürlich gewahrt, die den Deutschen! uniö Juden gemeinsamen Kilttur- und Sprachinteressen tind die insbesondere ben: Juden ain Herzeit liegenden, auf die Hebung von Handel und Gewerbe geriditeten Bcstrebungen. Alle städtisch - ivirtschastlichen Jttteressen, die Jitdtlstrialisierting des Landes, die Hebung des Verkehres uitd vieles andere — im Städteklnb hätten sie ihren natürlichen Hort. Unsere auf die vollständige faktische Durchführung der Gleichberechtigung gerichteten Bestvebtmgeit hätten in dem natnrgelnäß liberalen (in des Wortes gtiter B-edeutung) Städteklrtb ihren besten Rückhalt. Das wäre beilättfig das Verhältnis zwischen, Detltsch^eu und Juden, ivie e-s sein! soll. Daß eS derzeit nicht so ist, daß der dünne Faden, der tmS verknüpfte, m der letzten Landtagsperiode gerissen ist, ist bedauerlich. Ich will nicht untersuchen', wer die Schuld daran trägt. Aber die Erfahrung hat gelehrt, das; schtvieg ich noch aus Achtung vor mir selbst, um. nicht die Beute böser Zungen zu. iverdeu. EineS Tages erlvähn>te ich, daß es doch gut wäre, iveuu meine Schivestei indie Arbeit ginge, um den verpsäudeton Schm'tick allmählich zurückzulösen, mein Mann ivar jedoch der Meinung, daß sie für die FabrikSarbeit ztl gilt sei, und daß er mir meine Sachenaus dem Pfandhanse schon holen iverde. Dieses nuhaltbare Verhältnis währte bis ktirz vor Purim. Es war Samstag früh, ich erhob mich von meinem Bett und begab mich wie gelvöhntich in, das Eßzittuuer zuin Fnübstück. Weder meine Schivester nod; tncini Manu imreu im Hause. (5'in1 schrecklicher Gedanke fuhr durch meinen- Kops, ich rannte zur Garderobe, wo meine Schivester ihre Kieidtmgsstücke aufbeivahrt hielt . . . ihr Seidenkleid unb die notwendigsten Kleider ivareir verschivuudeu. Ich machte iwch eilten Verstlch, ging in das Geschäft, inivelchemmein Maim arbeitete «er hatte inzwischen, sein Geschäft verkauft); ich fand ihn and; dort nicht. Nun ivtirde es mir beutlid) und klar: mein Manu ist mit meiner Schirester flüchtig geworden, mit derselben Schivester, die ich mit dem Pfandgelde meiner schiver erarbeiteten Schuttickgegmitüude aus der Heimathierherbrachte. Ich ivill meine Schwester gelviß nicht eut schuldigen. Abei verständlich ivird wir der Schritt, ivenir ich bedeitke, daß sie ztl Hause in unserem! kleinen Städtcheuein schüchternes, züchtiges Aiädcheu ivar, luwrfahren imd schön.

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