Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 36 (8.9.1905)
- Date
- 1905-09-08
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Wien unmöglich l'ctu? Die Mähr.-Ostraner MuU tlisgemeinde hat Da* ihr im Bo rj all re von Dm mährischen Indengemeinden übertragene Mandat, Den Emigramendnrchzrig mit relatiu gerin geren Mitteln und Arbeitskräften, als sie Den Wiener Inden verfügbar sind, zri regeln, mtlstergültig nnD norbilDlich erfüllt. Es wäre ein betrübenDes Zeichen non Einsichtslosigkeit und nrangelndem ernsten Willen, wenn die maßgebenden Wiener Juden Dein Beispiel einer kleinen (Gemeinde nicht folgen nnD ihrer sozialjüdischen Ausgabe Den armen Emigranten gegenüber nicht gerecht werben könnten. Die Errichtung eines Auswanderer-Heimes, vorläufig in provisorischer Form Durch Mietung entfprechenDer R'äume ist Das Minimum Dessen, was von einer Wiener Kuttnsgemeinde mit Fug nnD Recht geforbert werben kann. Der Anfang einer fpstematischen. .Kräfte sparenden miD Geldmittel rationeller verteilen Den AuSwanbererfürsorge muß in Wien endlich gemacht werben. Hier kann nirb mns; Der Hebel angesetzt werben zur Vereinfachung und Verbilligung Des kornplizienen Wiener Wohltätigkeitsapparates, zur Modernisierung Der jüdischen Armenpflege. Ein starker moralischer nnb praktischer Erfolg ist Den führenden Wiener Juden sicher, wenn sie Die (Gelegenheit nicht verpassen, Die praktische Wohltätigkeit in Wien in neue Bahnen zu lenken und Das Answanderungsproblem, Das der heikelste nnb schwierigste Punkt aller jüdischer (Gegenwartspolitik ist, ans Wiener Boden durch energisches Handeln zn beseitigen. Das Gesamtproblem ist damit freilich nicht gelöst und einfacher gestaltet. Die laden im entgegengesetzten stalle eine schwere Verantwortung auf sich, wenn sie Die bisherigen, einer Großgemeinde unwürdigen Zustände lvciterdnlden und ihren Einfluß nicht anfbieten, um die Wiener Inden behufs Beseitigung an die nationalen Pflichten desBesitzes zn mahnen. Es darf nicht dazu kommen, daß Die „gewissen'' Auswanderer als willkommene Agitationsinittel gegen die Wiener Inden mißbraucht und wegen ihrer Wiener Elendsqnartiere gegen diese ansgespielt werden. Dolch er Agitation muß die Dpitze rechtzeitig abgebrochen werden. Ein Answandererheim mit gesundem, billigem, menschenwürdigem Aufenthalt! Das ist in Wien das nächste erstrebenswerte eminent praktische Ziel der jüdischen WohlfahrtSpolitir. Ein Ziel, aufs innigste zu wünschen! Die kommenden Reichsratswahlen werfen bereits ihre Dchatten voraus und wieder einmal zeigt es sich, baß Die gesamte österreichische Politik fast ausschließlich in einein Sl a m p f uni M a n d a t e gipfelt, und zwar in einen. Nenchlin ergriff dann bekanntlich gegen den getauften Juden Pfefferkorn und die Kölner Dominikaner unter dem Ketzermeister Hochstraten Partei, die alle jüdischen Schriften dem Scheiterhaufen überantworten wollten. Nenchlin wendete sich an den jüdischen Leibarzt Bonet de Lates des Papstes Leo X. und durch dessen Einfluß wurde wahrscheinlich der Papst bewogen, ein Breve gegen Hochstraten zu erlassen. Ein bewegtes Leben führte Isaak de Noeamora, der als Mönch in Valencia den Namen Frag Vincente de Nocamora trug, bis zum Beichtvater der Infantin Maria aufstieg, jedoch aus Spanien nach Amsterdam entfloh, dort als Vierziger Medizin studierte und Vorsteher der jüdischen Gemeinde wurde. In Amsterdam lebte noch ein Arzt, Orobio de Castro, der ein ähnliches Schicksal wie Nocamora hatte. Er war als Maranne Leibarzt des Herzogs Medira-Celi geivesen, des Judaismus angellagt, schmachtete er drei Jahre im Kerker, zwei Jahre trug er das Schandhemd bis er endlich ans Spanien verwiesen in Amsterdam sich zum Judentum bekannte. Er stand im lehaften Verkehre zn Spinoza. Jur Mendelssohnschen Kreise ragte der Arzt Markus Herz und dessen Frau Henriette Herz, die Tochter des portugiesisch-jüdischen Arztes Benjamin de Lemos, hervor. Allerdings ist es fraglich, ob dieser Kreis mehr Heil oder Unheil Inda gebracht hat. Mit zwei großen Männern schließt die Zahl der großen jüdischen Aerzte: Johann Jacobi, dem Jüdisches Volksblatt Kampfe mit Den verwerflichsten Mitteln Der nationalen, konfessionellen lind sozialen D em a g o g i e. Je De Fraktion sucht Die andere im E h a n v i n i s m u s imD ArltisertkitiSrrrirs zn ü b e r t r n m p f e n. Do haben mii' vor allem Die Anbiederung Der größten deutsch„sreiheitlichen" Fraktion, Der „D e n t s ch e n V o l k s p a r t e i" an Die Ehristlichfvzialen. Wenn auch sich Dtimmen gegen jede Verständigung mit Den Ehristlichsozialen innerhalb der „Deut s d) e n V o l k s p a r t e i" erheben, so lvird Damit nicht Die Tatsache ans Der Welt geschafft, Daß ein Flügel Dev „Deutschen! Volkspartei" ebenso zu den Ehristlichsezialen gravitiert wie ein anderer zn den AllnnD Ostdeutschen und ein Dritter Teil 51t — Den „Liberalen". Dieses 'Konglomerat, das mir e i n i g ist im Ehanvinismtls, A n t i - s e m i i i s m n s lind der sozialreaktionären Wirtschaftspolitik, nennt sich „Deutsche Volkspartei". Daß aber die Herren sieh trotz aller ihrer Froschmänsekriege sehr gllt vertragen, die „Klerikalen" nnb die Antiklerikalen, haben sie nicht nur durch die Politik der famosen „Deutschen Gemcinbürgschafl" gezeigt, sondern es äußert sich auch m Der rührenden Harmonie Der christlichsozialen, derttschvolklichen imD alldeutschen Gewerberetter, welche, durch einzelne Scheinliberale unterstützt, im Gewcrüeausschuß an der Verschlechterung unserer ohnedies in jeder Richtung r ü ck st ä n d i g e n und tt n b r a n ch b a r e ir G e iv e r b e 0 r dn n n g m i t a r b e i t c n. Dabei lverden sie aufs wärmste gefördert von den „freiheitlichen" I n n g t s ch e ch e n und Deir p 0 l n i s ch e n Dtaneyken. Typisch speziell für die zerfahrenen Verhältnisse im jnngtschechischen Lager, die denen in der „Deutschen Volkspartei" sehr ähneln, ist es, daß immer häufiger das Gerücht anftritt, daß eine Gruppe der Jnngtfchechen unter Führung des Abg. Dr. Dt r a n sky sich mit der extremnational-antisemitischen Baxa-Fraktion koalieren ivevde. ES bereiten sich überall Parletu m bildnngen und Partei n e n bildnngen vor; das gesamte Parteiwesen in ZiS- und TranSleithanien ruht eben auf ganz ungesunden, veralteten Grundlagen und kann nirgends mehr die Bevölkerung befriedigen. Symptome sind genügend vorhanden, myter anderen, daß gerade die neue austauchenden, radikale w i r t s ch a f t l i ch e Reformen fordernden Gruppen Anhang in der Bevölkerung erwerben. In Böhmen sieht man dies besonders deutlich. Tie Agrarier gewinnen. sowohl nr derib schen wie in tschechischen Bezirken täglich an Boden und dürsten bei den nächsten« Wahlen dein Alldeulschen Deutschen Volksparteilern und bekannten Königsberger Arzt, und Isaak Erter, dem mutigen Bekämpfer des Chassidismus in Galizien Die Gegenwart und unmittelbare Vergangenheit ist nicht arm an berühmten jüdischen Aerzten, trotzdem schweigt Scherbel über sie — notgedrungen. Denn wenn sie auch fachwissenschaftlich sich einen Namen machten, mit ganz vereinzelten Ausnahmen stehen sie ohne jede Beziehung zum Volke und ohne jede Bedeutung für dasselbe. Immer seltener werden Charaktere wie der verstorbene Prof. K. Weigert in Frankfurt, der es verschmähte, durch Taufe in Leipzig ein Ordinariat zu erhalten, oder der Assistent Dr. Borchert in Berlin, der einen Selbstmord beging, weil er als Jude in Berlin nicht die Venia legendi erhielt. Recht zahlreich, speziell aber in Wien, sind jüdische Aerzte, Dozenten und Professoren, die leichten Herzens ihr sacnficio d’irilelleUo brachten. Ein herrliches Bild: die Ahnen trotzten Foltern und Qualen, die Enkel werfen das Judentum wie einen alten Rock weg. Und da wundern wir uns, wenn wir ini Kreise der Völker nicht geachtet werden? Dr. Sofer. Tragödien des jüdischen Zeltens. (Lesefrüchie von Jakob Kransz.) t. Vom Manne verlassen. Schüchtern trat sie in die Redaktiousstnbe der „Ielvish (Gazette" in New Port. Cie Nr. : G besonders den Iungtschechcn viele Mandate ab' nehmen, wie bereits die Dtnumuug in der Wählerschaft jetzt zeigt. Auch die „Freien D 0 z i a ( i ft e n" wollen in den Wahlkamps eintreten, und zwar nicht nur in der fünften Kurie, sondern auch in einzelnen D t ä d l eb e z i r k e n, wie Tachan-Mies. Das sreijozialistisehe Zenlralorgan, die „Freie Worte" in F a l k e na n, präzisiert in einem polemischen Artikel den sreisoziatistischen Dtandpnnkt zmn sozialistischen Problem, zu der nationalen und Jndenfrage dahin, daß: Das Fundament des freien Sozialismns die B 0 d e n r e s 0 r m ist und daß wir als Weg zur Umgestaltung der Wirtschaftsordnung die wirtschaftliche Organisation bel rächten. 2. Daß wir als das einzige Mittel zur Beseitigung der staatsrechtlich-nationalen Kämpfe in diesem Reiche die nationale Autonomie all.e Völker in beiden Reichshälsten anfehen. Auch nufere Stellung zur Indenf r a g e, znnr Z i 0 n i s m n s, zur Assimilation und znm Antisemitismus lvird durch {mm Teil unseres Programmes präzisiert, in dem es heißt: „Die freien Dozialisten treten, fußend auf dem Programme der nationalen, konfessionellen und sozialen (Gleichberechtigung, auch für die G l e i ch b e r e eh t i g u n g d e S j n d i f ch e n V 0 l k e s mit allen anderen Rationalitäten Oesterreichs ein, nnbeschadet ihres entschiedensten Kampfes gegen Ausbeutung, Korruption und ParkeidefpotismuS, ohne Rückficht auf bereu Ursprung." Darin« ist unser „Zionismus" und nufer „Antisemitismus" eingeschlossen. Dolche „Zionisten" miD solche „Antisemiten" haben in uuseren Reihen Platz, denn unser „AntisemitismnS" iß! illustriert durch jenen Passus unseres Progranimes, der da ansspricht, daß die Indenfrage weder durch! die vergeblichen uud bisher auch immer g e s ch e i t e r t 0 u A s s im i l a t i 0 n S b e st r e b u n g e u noch durch ul a ßu u d z i.e l l 0 s e R a s s e nu u d K 0 n f e s s i 0 n s h e tz e u gelöst lverden kann. Wir bekänrpfen daher nur d i e Juden, die sich alS deutsche, slawische und nmgyarische Ehanvinisten ansspielen, d i e Iudellgeuosseil, die znm Stabe der marxistischen Führer' gehören, d i e Inden, die mit Lueger oder mit der kapitalistisch-liberalen Clique Geschäfte machen. ES kann nicht verhindert werden, daß es Elemeilte gibt, die sich „freie Sozialisten!" neuneu, 0 h u e es zu sein«; gibt es doch unter der Sozialdemokratie Zehuiausende, di?e nichts! vom Marxismus verstehen, sondern die als Sozialdemokraken' gleichzeitig Deutschuatiouale, Tschechlsch'nationale, Poluischuatiouale, Bcagyarischnationale, Zionisten, Antisemiteil, Ehristlichsoziale lind Anarchisten sind. Wenn Dr. Lueger mochte 28 Jahre alt sein. Die schlvarzblauen Ringe unter den Augen, das eingefallene, furchige Gesicht uud ihre Dünnen, verdorrten Lippen sind traurige Belveife ihrer großen Leiden. Tränenden Auges begann sie zu erzählen: „Ich lvar fünfzehn Jahre alt, als ich nach Amerika kam. Kanin hier augelangt, nahm ich in einer Fabrik Arbeit, mm meinen kranken Vater in Galizien in der Erhaltung einer zahlreichen Familie zn unterstützen. Fünf Jahre lang habe ich fchlver gearbeitet; ich gönnte mir kaum ein* besseres Kleid oder einen Hul; ich mußte miit drei Dollars die Woche mein Auslangen finden, denn der.Rest des WochenlobileS ging regelmäßig nach Galizien alr meine armen Eltern mit ihren vielen kleineir Kindern. Ich darf es ohne Ueberhelniug sagen, ich lvar ein schönes, jlinges Mädchen, lind viele brave junge Männer boten mii fast täglich die Ehe an. Aber ans zlvei (Gründen konnte ich mich nicht recht entschließen, zll heirate»': erstens lvvlktle ich meinen Eltcwn die Nilterstütznug nicht entziehen, über die ich in der Ehe nicht so frei verfügt hätte, zlveitens lvollie ich keinen Arbeiter heiraten, lind so blieb ich Denn1 bis zu meinem fünflindzlvanzigsten Jab re ledig nnb allein. Nnl> diese Zeit! lläherte sich mir ein noch junger Mann, ein Witlver mit drei Kliirdern, Besitzer eines kleinen KieiderladenS. Einige Landsleute nnD gute Freundmnen bemühten