Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 36 (8.9.1905)
- Date
- 1905-09-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Erscheint jebat Freitag. Ggrirljimr mib JrriMrkr: Iahet' fircüö], 3n{cvate Ober nri,inen dir firmen: in. Vukrs Vachs., Ijctoferijtef« & Dcglcr, Hufiolf Müsse, ill. pszsoniZ, fl. Schale! in Wien, ferner alle Annoncen- Expeditionen im flnslande. Ginze! Nummer in Wien 30 Heller. Für Wien n. Lestcrreich- Nngar« s. Frimkozustelinng: Kmizjährisi. . . . IC 15*.— Hail-jäh ig . . . . K 8 — Vierkeljädrig . . . X 8 — Ndmi-'-istratimr: IXji, WflsagMe 31. Telephon Nr. 14728. Für das gesamte Lluölanb samt Jrankozustellung: Ganzjcibrig ... X 18.8S 1 aibjährig ... X 0.88 Bierteljährig... X 3.42 Rrdalttion: JA71, Wnsagagr 31. Telephon Nr. 14723. Sprechstunden: An Wochentagen teil 4 bis 0 Hin nachm. 'Postadresse: Jüdisches lvollsblnlt, Wien,!X|i. Bttcfcwcrdcn wegen verspitleier oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir uns driuacnd. — Msnurltelpte tveeäen nicht rurLtkaertellt. Postfparkasien-Konto 847087. In das Abonnement kann man täglich eintreren. Verschleißstellen unseres Blattes, in welchen auch Llbonnements cntc.ern'ngenonnncn werden: Hermann Goldschmidt, Wien, I. Wollzeile 11; Verlag „Zion" Wien, 11/3, Stefaniesiraste 12; Rodert Weiß, Wien, I. Jakobergasse 7. 36. llett, 8. September 11)05 (8* Giul 5663). VIL Jahrgang. Praktische Auswanderers'-! sorge in Wien. Unter dem Drucke der wachsenden jüdischen Wandeibewegung ans dem Osten Habens die großen jüdischen Organisationen im Dezember 1004 auf der Frankfurter Konferenz ein Zentralbureau für jüdische AnsloanvovWan>gelcgen>- hciten ins Leben gerufen. Auch in Wien drängt der nnschwellende Strom von Emigranten, die immer zahlreicher passieren und die jüdische Avmenpslegv des Durchzugs-gobi-ctosbelasten, zur gemeinsanMt Organisation der jüdischen Wohttätigkeitsinstitutc, zur Zentralisierung der Emigvantemmterstütznng, zur Schaffung moderner Einrichtungen des Emigrantenschutzes. Wohl haben die Wiener Hilfsvereine — wie auch die private Wohltätigkeit — nach der Schablone der althergebrachten kurzsichtigen und kleinlichen Almosenpolitik ihr Möglichstes getan, aber sie sind mit ihren Mitteln rmd Mittelchen den stetig steigenden materiellen und sozial res o rma teri scheir A nso rd ent ngen län gs t nicht mehr gewachsen!. Es ist leider sehr tvahr, daß wir in Oesterreich und speziell in Wien hinter den dem Mswanderungsschutz dienenden Reformen rnrd Einrichtungen anderer westlicher Länder und Städte weitzmückgebtieben sind. Das alte' System, privater Wohltätigkeit und vielfach zersplitterter, begrenzter Vereinshilfe lvird gegebenenfalls einem Ereignisse gegenüber versagen, das sich von Osten hei! drohend an'kündigt und Vorsichtsmaßregeln! gebieterisch fordert." Die Choleragefahr muß die Wiener Mische Aerzte. „Es ist eine merkwürdige Erscheinung, wie wir sie bei keinem attderen Volke in den Büchern der Weltgeschichte verzeichnet finden, daß Männer aus eurer bestimmten Klasse der Bevölkerung einen so hervorragenden und oftmals entscheidenden Einfluß auf die Geschicke ihrer Nation ausgeübt haben, wie e§ sich ausprägt in der bedeutungsvollen Stellung, welche jüdische Jünger der Heilkunst au verschiedenen Zeitpunkten inmitten ihrer Glaubensgenossen eingenommen haben." So beginnt Dr. Scherbe! seine Schrift über „Jüdische Aerzte und ihr Einfluß auf das Judentum", Verlag I. Singer LEo., Berlin, Leipzig. Er erklärt diese Erscheinung damit, daß unter den Juden lange nicht die Sitte herrscht, die Gesetzes- und Schriftkundigen zu besolden; deshalb betrieben sie vielfach die Heilkunde als Brotstudmm; aber sie benützten rücklvirkend ihre Doppelstellung als geistige 'Führer ihres Volkes und als Aerzte oft, um als Leibärzte von Fürsten, Päpsten und Ministern drohendes Unheil von den Juden abzuwendeu. In einer langen Reihe ziehen nun die glänzenden Gestalten der großen jüdischen Aerzte an unserem geistigen Auge vorüber. Zuerst Mar Santnel, Arzt des Patriarchen Rabbi Juda I. in Babylonien (tun 160). Er entwickelte uub bereicherte das jüdische Recht nach allen Seiten hin und alle seine Entscheidungen haben halachische Gültigkeit gewonnen. Besonders Juden, die, Macht und Mittel genug haben, um die jüdische Wohltätigkeit für die Auswanderer in einer allen sanitären und sozialen! Forderungen, Rechnung tragenden Form umzugestaltcn, aufrütteln und zu posttivpraktischen Reformen geradezu zwingen. Obwohl die Lokalisierung der Cholera aus ein beschränktes Grenzgebiet gelungen! ist, lvird von den Sanitätsbehörden ihv verstärktes Auftreten und Umsichgreifen im Frühjahr erwartet. Ob sich diese Bcuraussage als richtig erweist oder nicht, die Choleragefahr macht die bisher vernachlässigte Frage der Auswanderungsfürsorge im höchsten Grade aktuell. .Nicht egoistische Furcht darf die Führer der Wiener Juden bei der Durchführung prophylaktischer Maßregeln und bei der Schaffung dauernder Institutionen leiten. Zwei andere Motive müssen sie dazu führen, den äußeren Anlaß einer drohenden Einschleppung von Epidemien zu benützen und wenigstens die Wohnungsfrage der Emigranten, die nach Wien kommen, zlveckentsprechend zu lösen': erstens die Notlvendigkeit, den jüdischen Auswanderern menschenwürdige Wohnungsgelegenheit zu bieten, sie vor privater Ausbeutung zu schützen und behördlichen Schikanen vorzubeugen, zweitens die Gelegenheit, antisemitischen Hetzereien vorznbeugen und den lauernden Gegnern eine wirkungsvolle Agitationswaffe zu eutwindeu. Wie notwendig die Errichtung 00.11 hygienisch entsprechenden, stets kontrollierbaren Quartieren für jüdische Auswanderer schon mit Rücksicht auf die antisemitischen Treibereien ist, zeigt die Wiener Gemeinderatssitznng vom 5. d. M., in der ein übereifriger Gemeind erat sich beeilt wichtig für die ganze folgende jüdische Geschichte ist sein. Ausspruch, daß die Landesgesetze ebenso rechtskräftig für die Juden sein sollten wie die eigeneti. Am Hofe Theodosius H. (408—450) lebte der Ärzt Gamliel Batradh, der letzte Patriarch und der letzte Sproß des Hauses Hillel. Zedekias war Leibarzt Karls des Kahlen. Jüdische Aerzte brachten auch das Judentum au den Hof Bulaus, Königs der Chazaren, der mit seinem ganzen Volke zttm Judeutttm übertrat. Jüdisch-arabische Aerzte, wie Abu Sahal Ali (835—853), der Lehrer der arabischen Aerzte Razi und Anzarbi, datm Messer Gäivach hatten einen klangvollen Namen. In Afrika wirkte Isaak beu Snleiman. Israeli war Leibarzt des Fürsten Ziadek Allah in Kairan, dann des Gründers der fatimidisehen Dynastie, Waid Allah. Er schrieb acht Werke über Medizin, die der Gründer der Salerner Schule dann placierte. Er war auch der Lehrer des mohammedanischen Arztes Algezzar und des Juden Dunasch den Tamim, der Leibarzt des Kalifen Jsmael Almansur. Die laitge Reihe der glänzenden Gestalten, die die Blütezeit der arabisch-jüdischen Kultur in Spanien erfüllen, eröffnet Chasdei ben Isaak Jbn Scbaprut, aus der Familie Jbn Esra, der die Stelle eines Ministers am Hofe des Kalifen Abdul Rahnian HI. bekleidete. Jüdische und - rabische Dichter wie Charisi besangen seine Taten. Hundert Jahre nach Chasdai lebte der Arzt und Grammatiker Jbn Gänach, der Schöpfer der hat, „gewisse" Auswanderer als die gefährlichsten und sozusagen einzigen Einschlepper epidemischer Krankheiten der weiten Oesscntlichkeit zu denunzieren. Aber dies ist nur ein taktischen Erwägungen entspringendes Moment. Die humanen, nationalen, sozialpolitischen Gründe entscheiden. Während andere Städte, wie Hamburg, Bremen, Vorkehrungen getroffen haben., so daß die Wohnnngsverhältnisse der Answanderev fortwährender U-eberwachung unterworfen sind, haben die Wiener Juden über die skandalös sani t ä t sw i d eigen u n d kn lt uruMvü rdigen Elends- und Massenqnartiere im 2. und 20. Bezirke, in denen die Auswanderer nicht nur den größten körperlichen Gefahren ansgesetzt sind, sondern auch in deruNverschämtcisHn Weise ausgebeutet werden, sich achtlos hiuweggesctzt. Sie berechnen nicht, daß die Mehrkosten dieses' Ausbeutnngssystems zum. großen Teile von den HilssvereiNen und Pri'vatspenden bestritten, werden. Die Belastung der Armenpflege wächst durch dieses Einguartierungssystem, das auch die größere Gefahr der Zurückweisung von der Landung und dev damitverbundenen Repatriierung mit sich bringt, sehr häufig längeren Aufenthalt in der Stadt bedingt und für alle Fälle den Kassen der unterstützenden Vereine, den Taschen unterstützender Privatpersonen größere Opfer auferlegt. In Hainburg ist es den Herbergswirten polizeilich untersagt, russische Auswanderer aufzunehmen, diese müssen in „Auswandererhallen", die sanitär einwandfrei sind, wohnen, in Breinen existieren' ähnliche . Emigvantenhäuser. Sollte ihre Errichtung in hebräischen Snntax. Bekannt sind Namen wie Jizchaki, Jbn Schalbib, Jbn Almuallem. Aber alle überragte der Stolz Kastiliens Jehnda Halevi (1085), der große Dichter der Zioniden. Hhm schließen sich an Jbn Daud Halevi und Benvenisti in Barcelona, Jbn Tilbon in Südfrankreich, der die Hauptwerke Jbn Gabirols, Jehnda Halevi, Saadias aus dem Arabischen ins Hebräische übertrug. Mose ben Maimoni, der Arzt ans Cordova, gehört zu den größten Juden aller Zeiten!; seine Verdienste und Taten einzeln zu besprechen, würde zu weit führen. Sie sind allgemein bekannt und anerkannt. Noch viele Namen wären aufzuzählen, bis gegen Ende des 14. Jahrhunderts mit den großen Judenverfolgungen die große Zeit der jüdisch-spanischen Epoche abschließt. Als Joanno II. Schiffe zur Entdeckung des Seeweges nach Indien aussenden wollte, ließ er eine Art astronomischen Kongreß zusamnientreten, in dem neben Martin Beheim auch der jüdische Leibarzt Joses Vecinho saß. Dieser verbesserte das nautische Astrolabium, wodurch es erst Vasco de Gama möglich war, den Weg uin das Kap der guten Hoffnung zu finden. Vielleicht benützte auch Columbus dieses Instrument. Zn Ende des 15. und anfangs be§ 16. Jahrhunderts wählten in Italien Päpste und Kardinale vorzugsweise jüdische Leibärzte. Auch Kaiser Friedrich III. hatte einen jüdischen Leibarzt, Jakob Locm, der zugleich Reuchlins erster Lehrer im Hebräischen war.