Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 35 (1.9.1905)
- Date
- 1905-09-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 35 Jüdisches Volksblatt Seite b Korrespondenzen. Londoner Brief. *) Wenn jetzt eine Zahlung der Bevölkerung Londons vorgenminnm würde, so dürfte essich Wohl kaum die Sicchsmillionenstadt nennen. Es Würde bestimmt mindestens eine halbe Million weniger zählen. Im fashiouablen testende Uttd in dem größeren London haben die Äugen der Häuser, die Fenster, ihre Lider geschlossen. Außerhalb dev City in den behäbigen Borgten ist dies in Noch weit höherem Grade der Fall. Wo man es am wenigsten merkt, das ist in dem der City nahegelegeiwn O st ende, in Whitechapel, M i l e - E n d und Stepney. Es verlohnt ein 4kmg. in diese Stadtteile und namentlich interessant ist er für den, der London vor einem Vierteljahrhimoert kaMte. Wahrlich die Zeiten ändern sich. Vor 25 Jahren war dieser Stadtteil zuist gtößtcst Teile von der niedrigsten englischen Bevölkerung bewohnt und namentlich in den dem Flusse nnhev gelegenen Teilen, mit den berüchtigten Nattliffe Highway, Dorset Street usw. aN der Spitze, war es nicht sicher nach Einbruch dev Dunkelheit selbander zu wandeln. Das. Leben in diesen meist engen und winkeligen Stvaßeu offenbarte die Schattenseiten im Dasein der armen Stadtbevölkevuug, Laster, Vevkotnstten-- heit, Trunksucht, alles trat da in der widerlichsten Form in die Erscheinung und namentlich am Samstag abends trat dies erschreckend hervor, wo auch die Brutalität, die unstreitig dem britischen Nationalchara-kter anklebt, sich breit Machte. In jeder Nebenstraße gab es da einen Free sight. Rock und Mütze auf. die Erde geworfen, standeit sie da, von einer johlenden Menschenmenge umgeben, zwei Männer gegenüber, die sich nach landesüblicher Sitte gegenseitig mit den Fäustenbearbeiteten. Mit von.Blut überströmten 'Gesichtern, bildeten sie für die Menge eine Augenweide, die sie mit immer -erneuerten Zurufen aufmünierte, den Kampf fovtzrischen, der erst dann endigte, tvenn einer der Streiter niedergeschlagen und Hors de combat gefetzt war. Dabei in den Straßen betrunkene Männer, betrunkene Frauen', in Lumpen gehüllte Kinder, die sich vor den W-irshäusevn und selbst in. denselben HMkMtriebcn itnb die größte Fretlde daran hatten, wenn es einen tüchtigen Row gab. Wo man durch die offenen Türen in die Woh-nung-en sehen konnte, überall die größte ArMut, Schmutz und Vernachlässigung. Die einzig anständige Klasse in diesen Stadtteilen bildete das in -einigen Straßenvorwiegend angesiedelte deutsche Element, das seit dev Zeit, wo die deutschen Zuckersiedev vor 160 Jah'Mi. herüberkamen und sich in Whitechapel niedevließen (Leman Street ist noch eine Erinnerung daran), die dort, sozusagen, an der Scholle klebte. Heut e i st das« n-d ers geword o n. Eine vollständige Verschiebung der Bevölkerung hat stattgefund'en'. Das britische Element ist zum größten' Teile verdrängt und von beit Deutschen ist kaum ein Drittel in Whitechapel wohnhaft oder ansässig geblieben. Wer sie verdrängt hat, waren die massenhaft eiugewcmderien Juden, deren Zahl sich in dieser Zelt vvn etwa 6000 auf Mindestens 60 000 gehoben hat. War früher Petticoat-Laue mit 5er nächsten Umgebung das Londoner Ghetto, so ist jetzt der größte Teil von Whitechapel dam gewöroen und damit hat sich cstrch das Leben in diesem Stadtkeile Und der Charakter desselben! vollständig geändert. Schon die Firmatafeln ober den Ladengeschäften zeigen die eingetretene Wandlung. Statt 5er früheren englischen Und deutschen Namen, findet man jetzt überall die Cohen, Eohn, Jsaacs, Abrahams, dis Rofenblueh, dieNubinstein, Mendelsohn iiNd nMeNtlich das Heer Von ic: Josephovic, Abrahamovic und die ski: Draweski, Lazareski usw., «die -erkennen lassen, aus welchem Teile Europas die Zuwanderung, hauptsächlich erfolgt ist. Dabei verrät die .Anbringung dos *) Diese Schilderung des.Londoner East End in der „Münch. Aug. Zeitung" ist wegen der Quelle ein doppelt wertvolles DokunreM. Anw. d. Red. „Koscher" und andere Anfschriftcn in hebräi-- schen Buchstaben, wer da eingczogen ist. Die größte Aenderung macht sich aber in dom Stmßenleben bemerkbar. Von Trunkenheit ist kaum- -etwas mehr zu sehen und wenn jemand in diesem Zustande dmch die Straße schwankt, so ist es bestimmt kein Jude. Die Brutalität, die überall zutage trat, ist auch verschwunden. Der Anstrich der Armut ist! geblieben, er ist aber nicht länger in S ch m u tz g e h ü l l t. Wo rnan in den engen Straßen durch die offene Haustüre, die unm-ittelbav in ein Zimmer führt, Einblick in das Innere gewinnt, zeigt sich das Bestreben, alles wohnlich zu gestalten und reinlich zu halten, namentlich am Freitag abends, wenn die Scha-bbes-Lichter brennen und der mit einem Tuche bedeckte Tisch auch mit Blumen geschmückt ist, tritt dies hervor. Statt der rohen und wüsten Mengen,, die sich dort hevum-trieben, jagen sich jetzt fröhliche Und munteve Kinderscharen herum, arm, wie man ihnen ansieht, aber glücklich, und vor den Häusern sitzen die älteren Leute, Mästner und Frauen Und sehen dein Treiben zu. Die Roheit dev Spräche, die inan da zu hören bekani, ist auch verschwunden und diese A e n d e ru n g i n d -e m C h a r a kt e r Whitechapels ivurde auch vor der königlichen Kommission zur Erörtetnng dev Einwandelungssvage, von den Missionären und Polizei-Inspektoren des Bezirkes anerkannt. Wenn diese jüdischen Eiirwändtwev trotz-! dem als nicht wünsche,nswevte Frestide bezeichnet und betrachtet werden, so fließt das aus dem Umstande, daß sie bei ihren geringeren, mit ihrer Mäßigkeit züsäntmenhängestdest Lebestsbedürfnissen und bei ihrer Armut gern zu billigeren Lohnsätzen arbeiten. Zum größten Teile Verdi eiten sie in dev Schneiderei, Tischlerei und Schuhmacherei ihr Leben, indem. sie für die Großfirm-en in diesen Ge-schäfts-zweigerr arbeiten. Dadurch sind selbstverständlich icmsende anderer britischer Arbeiter verdrängt und gezwungen tvorden, sich nach eist-em anderen Berufe umzilschen. Daher her Groll, wobei nicht in Rechnmig gezogen wird,, daß durch die billigere Arbeit die billigere' Beschaffung der hauptsächlichstes Bekleidungsstoffe dw Bevölrevung zugute kommt. Der Groll.ist aber vorhanden und daher auch -dev Wunsch nach Einschränkung dev Einwanderung, der aber den weiteren Zuzug und das Wachstum des Londoner Ghettos und der in Leeds, Manchest!er und anderen Städt-en gleichfalls evstanden'en Gheiiis nicht äüshalten dürfte. Schlesischer Brief. (Die schlesischen Juden. — Troppau und der ,, Jeschurun". — Literarischer Verein und B. B. L. „Silesia". — Die Bielitzer zionistischen Verein-e. — Dev „Haschachar". — Voranzeigen dev „Emunah" und des Bielitz- Bialaev Turnvereines. — Wohltätigkeitsakt.) Bielitz, 28. August. Die schlesische Jndenschast wurde stets aus ünbogreiflichen Gründen seitens der jüdischen Oeffentlichkeit stiefmüttevlich behandelt. Vielleicht nur deshalb, weil ihr Leben ruhiger als das der Judeuschast anderer Länder dahinfloß, vielleicht nur aus dein- Gründe, weil die Wogen des sichtbaren Antisemitismus nientals so hoch gingen' als in den anderen Ländern. Dieser Unbeachtung einerseits und der verhältnismäßig guten materiellen Läge, in der sich die schlesischen Juden befinden, andrerseits, sich die schsesischen. Juden befinden, andrerseits Nur zwei Zentren pulsierenden .jüdischen Lebens vorfinden: Bielitz-Biala und Troppau. In dev letzteren Stadt, die in der letzten Zeit einen heißen Boden pölitischNationalev Kämpfe und Reibereien hergab, ist die jüdische nationale Bewegung im >,Jeschurun" verkörpert, dev sehr wacker arbeitet, eine Reihe von Rednern heimischer rrnd fremder Coiffeur in einer Reihe von stark besuchten Diskussionsabendeni zilim Worte kommen ließ und alles daran seht, den nationalen Gedanken in diese vom Assiinilationsgeiste durchseuchte Hochburg des yhgokrachhen LkberalisiNNs zu prdpagieven. Es bleibt bloß dev eilte Wunsch übrig, daß näntlich in großen Frctgrn jüdischer Art ein Zusanrmxntgehen des Troppauer „Literarischen Vereines" und der „B. B.-Loge „Silesia" rttti dem „Jeschurun" überaus zweckmäßig erscheint. Getrennt marschieren und vereint fchlagem-! Muß auch hier Parole sein. Wim zu Btelitz: In dieser Stadt wird düs nationale Judentum durch drei Vereine repräsentiert, Vereine, -die alle auf eine Mehrjährige, arbeits- und erfolgreiche Tätigkeit mit Stolz zurückblicken können, alle Stadien der zionistischen Bewegung innerlich miterlebten. Selten eine Frage, die nur irgendwie mit deui Judentum im Zusammenhänge stand, die hier nicht diskutiert wurde, wenngleich oft viel Zeit und Drnckerschwärze mit kleinlichen Lokalhistörchen und Lokalreibereien vergeudet wurde. Selbst in den „Ferien" — keimt unsere Bewegung solche?! — wird fleißig gearbeitet. So veranstaltete die jüdische Ferialverbindung „E m u n ah" am 26. ds. einen Vortragsabend, an dem Ing. M-erovy über „Zum 7. Kongreß" sprach. Am 4. Sept-embor wird Herr Felsen einen Vortrag über „Die Geschichte des Zionismus" halten, und schließlich ist zu erwähnen, daß die ungemiein rührige Verbindung am 9. September im großen Festsaale des „Kaisechof" ihr 18. Stiftuno^fest feierir wird. Dev „Bielltz-Bialaer Jüdische Turn-- verein" veranstaltet am 16. September einen Schauturnabend, wobei die auch in weiteren Kreisen bestbokannten turnerischen Leistungen unserer jungen Muskeljuden auch diesmal Beifall finden werden. Ein Wohltätigkeitsakt: Die Familienmitglieder des verstorbenen Herrn Max B r o d spendeten demhiesigen Israelitischen Frauctnwöhltätigkeitsveveine 40 Kronen. Ueber die Verhältnisse in den anderen schlesischen Städten und ans dem Lande näMens. Zuveithetzen in Persien. Die Juden in Schiras hatten in deir letzten Wochen untet heftigen Ausbrüchen des mohäin» medanischen Glaudeüsfanatismus zu leiden. Aüs ganz Unbedeutendem Anlaß entfesselten mehrere Mullahs (Geistliche) eine arge Me gegetr sie und versuchten, sie durch Einschüchterung jeder Art und offene' Gewalttaten zur Annahme einer schimpflichen, sie kennzeichnenden Kleidertracht ztt zwingen. Nach einem Berichte des Herrn Schouker, des Direktors der Allianeeschulen in SchiraL, vom 10. Juni, erfolgte am Sonntag Morgen, den 4. Juni ein Uepetfall üttf die friedttch im Basar ihrer Beschäftigung nachgehenden Mischen Händler. Ein Teil von ihnen wurde perwunbet, vielen tvutden die Hüte zerschnitten, die Kleider zerfetzt. Trotz M sofortigen Eingreifeus des englischen Konsuls, der sich, begleitet von seinen sechs bewaffneten Indern, rütt HertN Schoüker in dcts Jttdenqüartier begäb, und trotz des Versprechens des Gouverneurs, die Schuldigen zu bestrafen, kam es an den folgenden Tagen zu noch schlimmeren Aufruhrszeneu. AM 6. Jüni, Wey 3 Uhr nachmittags, wurden die Läden oep Äöhammedaner ailf Geheiß des Gtoßmullah Agha Mirza Ibrahim, geschloffen. Den Gläubigen würden alle Arbeiten Untersagt, ste sottt'eii älso' nur an die angefüngene heilige Suche denken. Das war zugleich e'iüe Art Absage an den prinzlichen Goiiverneür, denn in Persien pflegt der Klerus die Läden schließen zu lassen, wenn et Nus irgend' einem Grunde eine Volkserhebunä plmitz. Herr Schouker sandte an diesem. Tage eiste Depesche an das Zentralkomitee der Älliänce und begäb sich fnU seinem Gehilfen und Einigen Söldnern ins JüdeNquartier, wo er ä'üch die Nacht zilbrachte, Um best Unglücklichen Mut ^inzuflößen. Schon bestürmten Kaufende den Großmullah, das Zeichen zum Glaubenskrieg gegen die' Judeit zu geben, da schickte Se. rais. Hoheit der Gouverneur, der für sich selbst ärgerliche Folgen befürchtete, den einflußreichsten Würdenträger, KauMänt El Äülck, nach dem Basar Und ließ zur Oeffntmg der Läden auffordern. Neue Gerüchte wurdest verbreitet: Man lehre in den neuest jüdischest Schulest den Koran. Um