Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 35 (1.9.1905)
- Date
- 1905-09-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Jüdisches Yolksblatt Nr. 35 diese Lüge zu widerlegen, mußte der Gouverneur durch seinen Chefsekretär, obwohl dieser erst zehn Tage vorher dem gesamten Unterricht beigewohnt und ihm einen genauen Bericht darüber erstattet hatte, die Schulen nach Koranexemplaren durchsuchen lassen, natürlich vergebens. Die Verfolgungen ließen jedoch nicht nach. Am Abend vor dem Wochenfeste ließ Agha Mirza Ibrahim im Judenquartier durch Anschlag bekannt machen, daß die Juden anstatt der Hüte von schwarzen: Filz türkische Feze oder eine Art Mützen, die denen der Clowns ganz ähnlich sind, tragen sollten. Zugleich erhielt Herr Schouker den Besuch eines der fanatischesten Geistlichen, der ihn aufforderte, seinen Glaubensgenossen die Aenderung der Hüte zu befehlen. Auch redete der Besucher von dem angeblichen Koranunterricht und hatte es überhaupt darauf abgesehen, auf der Stelle Händel anzufangen, wurde aber so höfllich behandelt, daß er sich unverrichteter Sache zurückziehen mußte. Der Direktor sandte eine Abschrift der Bekanntmachung an den Gouverneur und an den englischen Konsul. Unter solchen Verhältnissen stockte jegliche Erwerbstätigkeit der Juden, die vielfach aus geschäftlichen Gründen die Umgegend aufzusuchen pflegen, sich aber aus ihren Wohnungen nicht zu entfernen wagten. Not und Elend nahmen zu. Soweit der Bericht. Das Zentralkomitee der Alliance ließ auf die erwähnte Depesche hin eine Unterstützungssumme von 1000 Frs. nach Schiras telegraphisch anweisen nnd wendete sich an das französische Ministerium des Aeußeren mit der Bitte, durch Vermittlung des Vertreters in Teheran, bei der persischen Regierung vorstellig zu werden, was auch telegraphisch geschah. Die Antwort des französischen Botschafters in Teheran wurde in diesen Tagen dem Zentralkomitee mitgeteilt. Sie lautet: Die Juden in Schiras hätten unter der Rohheit der Fanatiker viel zu leiden gehabt, nun aber sei die Ordnung wiederhergestellt. Der Botschafter äußert seine Sympathie gegenüber den dortigen Juden und gibt seinem Bedaurn Ausdruck, daß sie so ungerechterweise der Wut eines unwissenden und gegen sie aufgehetzten Pöbels anheimgefallen wären. Er gibt sich der Hoffnung hin, daß dank seiner Intervention und derjenigen der anderen europäischen Bevollmächtigten, die sich ihm anschloffen (u. a. der englische und der italienische Botschafter), derartige Ausschreitungen nicht mehr stattsinden würden. Vermischte Nachrichten. Mitteilungen des innerösterr. Distrikts- Komitees. Das i.-ö. D.-K. teilt mit, daß auch dieses Jahr in allen Räumen des K ongreßbureaus, 9. Bez., Türkenstraße 9, an den hohen Feiertagen ein Gottesdienst stattfindet, weshalb die P. T. Gesinnungsgenossen und ihre Damen eingeladen werden, r e ch t z e it i g die gewünschten Plätze zu belegen. Anmeldungen sind zu richten an Herrn Teitelbaum im Kongreßbureau, der auch nähere Auskünfte erteilt. Max Markus, Obmann. Jochanan Tha u, Schriftführer. Proßnitz. Der Indische Turnverein veranstaltete am 27. August anläßlich des hier tagenden mähr.-schlesischen Drstriktstages ein öffentliches Schauturnen, bei dem 36 Turner antraten. Das zahlreiche Publikum verfolgte die strammen Produktionen mit lebhaftem Interesse und belohnte die wackeren Turner mit wiederholten Beisalls- 'bezeugungen. Sowohl die Freiübungen, die unter Leitung des verdienstvollen Turnleiters Herrn H ö n i g exakt und stramm durchgeführt wurden, als auch das Niegenturnen am Neck, Pferd und Bock boten den erfreulichen Beweis von der turnerischen Entwicklung und dem Können des Jüdischen Turnvereines. Er leistet nationale Hebungsarbeit im schönsten Sinne. Mähr.-Weißkirchen. Am 26. August veranstaltete der Ferialverein „Massada" eine Agitationsversammlung, die von zirka 150 Personen besucht war. Das Referat über „Zionismus u n d ö st e r r. I u ü e n f r a g e" erstattete I. U. C. Rudolf Nassau, welcher nach Erörterung des zionistischen Programms und besonders der Palä- Vs5 beste Gelränku.NahrungsmUteJ. für f iebernd e Kran ke C e re s-Apf eisaft derNährmilfelwerke „CERES"Aussig stinakolonifation, Kolonialbank, Nationalfonds usw. die nationale Frage in Oesterreich besprach. Das unsinnige Verhalten der Weitzkirchner Juden, die auch nach dem Falle von Weißkirchen an ihrem kostspieligen „Deutschtum" festhalten und vor den letzten Gemetndewahlen durch Ablehnung eines ihnen von den Tschechen angebotenen Kompromisses den stärksteü Beweis ihrer politischen Unreife gaben, unterzog der Referent einer scharfen Kritik. i Ein Kultnrbild aus Galizien. In der Teschener „Silesia" vom 19. August d. I. findet sich in einen: „Brief aus Zakopane", dem bekannten galizischen Höhenkurorte, folgende bezeichnende Mitteilung: „Wenn man Zakopane den Rücken gekehrt und über Krakau hin gen Europa sich gewendet hat, passiert man den weit und breit berühmten Wallfahrtsort Kalwarya. Hierher pilgern fast das ganze Jahr hindurch Tausende, um durch Beten und Singen den Heiligen neuen Segen abzudringen. In dem Seitenschiffe der Kirche ist hier ein merkwürdiges altes Bild zu schauen, das anderswo kann: geduldet werden dürfte. Es st e llt die A b schla cht u n g eines ch r i st l i ch e n Kindes durch Jude n i n s e h r d r a st i s ch e r Weise dar und wird seine Wirkung a u f d i e ungebildeten V o l k s m a s s ie :: sicherlich nicht verfehlen. In Kalwarya holt sich auch der polnische Schulverein von Fall zu Fall den Segen und seine Propaganda ist dann umso wirksamer." Das Gefasel von Volksaufklärung und allgemeiner Schulbildung wird durch solche kulturwidrige Andachtsgegcnstände zuschanden, die den judenfeindlichen Instinkten der Masse entgcgenkommen und Judenexzesse von langer Hand präparieren. Wahrlich, ein „K u l t u rb i l d", das der galizifchen Kultur alle Ehre macht! Zum 80vjährigen Todestage Raschis. Aus Worms wird der „Fr. Ztg." geschrieben: Schon mancher hörte gewiß von dem bedeutenden Kommentar über Bibel und Talmud von Rabbi Salomo Jsak, der im Volksmund abgekürzt Raschi genannt wird. (Raschi besteht aus den Anfangsbuchstaben der drei Wörter Rabbi Schelomo (— Salrmon), Jizchaki (— Jsak). Am 1. August nun waren es 800 Jahre, daß dieser bedeutende und doch so schlichte Gelehrte sein tätiges Leben beschloß. Hier in Worms, wo dieser Raschi eine Lehr schule unterhielt, und wo gar viele Schüler zu seinen Füßen saßen, um andächtig den Worten des großen Meisters zu lauschen, erinnert noch manches an sein segensreiches Wirken. Hier ist im Westen an die brühmte alte Synagoge noch das Lehrhous Raschis angebaut, die sogenannte „Raschikapelle", mit einem in die Wand eingelassenen steinernen Sitz des Rabbi, dem sogenannten „Raschistuhl", erhalten. In der „Raschikapelle" befinden sich auch mehrere von der Hand des Gelehrten geschriebene Werke. In der jüngsten Zeit Hat auch die Stadtgemeinde Worms das Andenken an diesen Mann dadurch geehrt, daß sie einer Straße in der Nähe seines Wirkungskreises lSynagoge und Raschikapelle) den Namen „Raschistraße" gab. Ueber das Leben Raschis berichtet in seiner Schrift „Aus Vergangenheit und Gegenwart der israelitischen Gemeinde Worms" der Lehrer an der Stadtschule zu Worms Samson Rothschild: Raschi wurde in Troyes (Champagne) 1040 geboren und besuchte, um sich in: Talmudstudium zu vervollkommnen, die berühmten Schulen zu Mainz, Speyer und Worms. Sein Wissensdrang war so groß, daß er Haus und Weib verließ, um in der Fremde seine Kenntnisse in der Gotteslehre zu erweitern. Er erzählt von sich selbst, in welch dürftigen Verhältnissen er das Studium betrieb „in Mangel an Brot und ordentlicher Kleidung, obwohl in der Ehe lebend". Hin und wieder besuchte er seine Frau, kehrte aber imn:er wieder zu den genannten Lehrstätten zurück, bis er sich im Atter von 25 Jahren dauernd in Troyes niederließ. In seiner Bescheidenheit ahnte er nicht, daß n:an ihn schon damals als >einen Meister im Talmud verehrte. Der Raschikommentar über Bibel und Talmud ist auch in nichtjüdischen Kreisen allbekannt und hochgeachtet. Aus allen Teilen Deutschlands und Frankreichs richtete man an Rasch: Anfragen religiösen Inhaltes und seine hierauf erteilten gutachtlichen Bescheide zeugen ebensosehr von tiefer Sachkenntnis als von liebenswürdiger Milde des Charakters. Nascht starb in Troyes 1105 und liegt nicht, wie manche Geschichtsschreiber behaupten, in Worms, sondern in feinem Geburtsorte begraben. — Bekannt ist noch, daß Raschi drei Töchter hinterließ, deren eine die Mutter zweier hervorragender Gelehrter geworden ist. In der letzten Nummer des Monatsblattes des Wormser Altertumsvereines „Vom Rhein" hat derselbe Rothschild in einem Aufsatz über Nascht das Urteil über diesen sehr treffend also zusammengefaßt: Raschi war weder Philosoph noch Dichter, er war ein Vvlkslehrer, besonders durch seine meisterhafte Erklärung der Bibel und des Talmuds. Er verdient mit Recht den Namen eines Volkskehrers, denn von allen Bibe-lerklärungen ist keine so volkstümlich geworden als die Raschis. Was ihn besonders auszeichnet, ist das später auch von Lessing geforderte „Streben nach Wahrheit". Raschi bemüht sich, immer den einfachsten Sinn des Bibelwvrtes zu erklären, stellt auch zuweilen die, wenn auch von der seiuigen abweichende Erklärung anderer Gelehrten neben die seinige und läßt den Leser selbst urteilen. Zur Geschichte des „ewigen Inden". Der Altertumsverein zu Ulm besitzt neben mehreren Merkwürdigkeiten auch eine große Seltenheit: die Schuhe des ewigen Juden. Jeder dieser Schuhe rviegt neun bis zehn Pfund, besteht aus einer Anzahl einzelner Lederstreifen nnd ist reich mit Nägeln beschlagen. Wie die Schuhe in den Besitz des Ulmer Altertumsvereins gekommen sind, wird folgendermaßen berichtet: Schon vor beinahe hundert Jahren hieß es, daß ein Ulmer Gastwirt sich im Besitze dieses Unikums befände, und zwar sollten die Schuhe schon seit unvordenklichen Zeiten im Hanse gewesen sein. Merkwürdigerweise beobachteten aber alle darüber ein mysteriöses Schweigen und der letzte Besitzer soll überdies auch einen hohen Grad von Derbheit besessen und jeden, der ihn um diese Altertümer befragte, mit harten Worten angelassen haben. Daß die Phantasie nicht untätig geblieben und die Schuhe mit der ganzen Mille von Romantik ausstattete, ist leicht begreiflich. Das Geringste, zugleich aber auch das Unwahrste dieser Schilderung war, daß die Schuhe mit goldeueu und silberner: Nägeln beschlagen seien. Als die letzten Besitzer, nämlich der erwähnte Gastwirt und seine nicht minder geheimtuende Ehehälfte, starben, machte der Erbe — ein junger Mann — die Raritäten den: dortigen Altertumsverein zum Geschenk, und nun war es jedermann ermöglicht, sich von ihrer Beschaffenheit zu Überzeugen. — Eine wertere Sage von diesen Schuhen berichtet: Ein frommer Wallfahrer, der vor Jahrhunderten nach Ulm gekommen, habe sie dort zurückgelassen, indem es ihn: schien, daß er sich damit eine gar zu schwere Buße auferlegt habe. Unsere, seitdem noch nüchterner gewordene Zeit bezweifelt aber auch dieses und will in den Schuhen nichts weiter als das Wahrzeichen irgend eines alten Schuhmachers erblicken, wie derartige Dinge vor alter Zeit außerhalb der Werkstätten der Handwerker überall aufgehängt zu werden pflegten. OberKantor gesucht. — Deutfdj=israeL Synagogen* Uerbanb, Hamburg 14. Lehrling wird in ganzer Verpflegung aufgenommen bei Aug. 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