Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 35 (1.9.1905)
- Date
- 1905-09-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Jüdisches Volksblatt Pr. 35 einbrechenden Krise in der Tabakindustrie sehr zu wünschen übrig. Auch in I e s s o d H a m a a l o h scheint -der Tabakbau günstige Nesvltate versprechen zu wollen. Es ist dies ein Lichtpunkt im Leben dieser unglücklichen Kolonie, deren unglückliche Lage am Ausgang einer engen Schlucht ihr sonst jede Aussicht auf Erfolg rauben würde. Zu dem glühenden Sirocco, der ungehindert über die Felder der Kolonie streicht, trat im Berichtsjahre noch der große Regenmangel hinzu, infolgedessen haben die Kolonisten, deren Zahl inzwischen von 32 auf 27 zurückging, eine schmale Ernteeinnahme von nur 6907 Francs brutto gegen 31 691 Francs im Vorjahr erhalten. Nach Abzug der Saaten und des „Zehnten" blieben ihnen nur 1256 Francs zur VcUfügung übrig. Unter diesen Umständen mußten die Kolonisten von der Gesellschaft bare Unterstützung erhalten. Metuleh. Der Streit mit den Drusen, den früheren Besitzern der Kolonie, ist endgültig geschlichtet worden. Dieselben haben sich gegen eine einmalige, sehr hohe Abfindungssumme, die, wie aus anderen Quellen bekannt ist, 60 000 Francs betragen soll, verpflichtet, ihre Raubzüge gegen Metuleh einzustellen. Es bleiben noch einige Schwierigkeiten mit den christlichen Nachbarn zu schlichten. Infolge der Unsicherheit, welche bis dahin geherrscht hat, konnten die 39 Familien von Metuleh, obgleich sie mit lebendem und totem Inventar genügend versehen waren, bisher kaum Getreide bauen, geschweige denn dauernde Anpflanzungen anlegen. Die Dürre hat auch in Metuleh den Ernteertrag so geschmälert, daß die Kolonisten nur 700 Francs netto pro Person haben erwerben können. Auch S e d j e r a, auf dem 12 Pächter sowie 36 bis 40 jüdische Taglöhner leben, ist von der Dürre schwer heimgesucht worden. Die 401 Hektar von der Gesellschaft in eigener Regie bestellteil Boden ergaben, da die Felder auch von Ratten und Mäusen geplündert wurden, nur zwei- bis dreifaches Korn. Noch schlechter ging es den Pächtern, welche kaum die Aussaat^ wieder euzuheimsen vermochten. Auch die durch die vorhandenen reichen Weiden sonst sehr begünstigte Viehzucht hatte von der Dürre sowohl wie von der Pest gelitten. Die Gesellschaft beabsichtigt, die 1700 Hektar der Kolonie, von denen große Strecken zum Getreidebau ungeeignet sind, durch Vermehrung des Viehstandes sowie durch Anpflanzungen von Oliven zu utilisieren und Sedjera ganz und gar mit Pächter zu besiedeln. Ueber diese Pächter berichtet der Verwalter der Kolonie Kalvarisky wie folgt: „Sie sind sehr fleißig und.überaus anspruchslos und können daher für ihre schlimme Lage, in der sie sich gegenwärtig befinden, unmöglich verantwortlich gemacht werden. Nebst dem Umstande, daß auf mittelmäßigem Boden eine einseitige.Kultur nieumls rentabel sein kann, sind sie auch aus Mangel an Stallungen nicht in der Lage, Viehzucht in ausgedehntem Maßstabe zu Betreiben/' Aus der zionistischen Kemgilns. Mährtsch-schles. Distriktstag. Der vom Vereine „Zion"-Proßnitz einberusene Delegieüentag der mährisch-schlesischen Zionisten fand am Sonntag den 27. August in Proßmtz statt. Vertreten waren durch 19 stiminberechtigte Delegierte 10 Distriktsvereine, außerdem die Schekelgruppen Leipnik, Holleschau, Kojetein, Weißkirchen. Der Distriktstag, dessen wichtigste Aufgabe die Reorganisation und Neubelebung der zionistischen Arbeit in Mähren und Schlesien war, nahm einen durchwegs würdigen und sachlichen Verlauf. E-s ist gelungen, eine nem Leitung zu wählen, welche die Garantien ernster, zielbeloußter Tätigkeit bietet und zu der Hoffnung berechtigt, daß die in den letzten Jahren in Mähren ein getretene Stagnation bald beseitigt seilt und von anhaltender, ersolgbringender Arbeitsfreude abgelöst werderr wird. Auch mit dem ominösen Beschlüsse des Prager Parteitages über die Zugehörigkeit von Zionisten zu fvemdnationalen Vereinen und Parteien Hai der Distriktstag sich befaßt uttb klipp und klar sein Festhalten an der altert radikalen Auffassung ausgesprochen. Die Einmütigkeit der daüber gefaßteir Beschlüsse liefert der: Beweis, daß unter den, mähvischMlesi scheu Zionistjen die opportunistischen Bestrebungen einiger böhmischer Packeigeiwssen keinen Anklang finden. Den Vorsitz in der mehrstündigen Sitzung, der zahlreiche Proßnitzer als Gäste beiwohnte::, führten die Herren Fritz L ö w und Rudolf N a s s a u, als Schriftführer wurde gewählt Herr Alex. Geller („Haschachar"- Bielitz). Aus dem Einlaufe sei besonders ein sehr warm gehaltenes Begrüßungsschreiben des Proßnitzer Rabbiners Dr. Golds ch m i d t hervorgehoben. Ueber das eingelaufene Schreibe:: des Herrn Julius L ö w y, der dem Distriktstag eine Aktion anläßlich der Reichsratswahl in Südmähren (6. Kurie) im Wege einer Einflußnahme auf die Kultusgemeinden dieses Wahlkreises empfiehlt, wird mit Rücksicht auf die Zwecklosigkeit und Widersinnig-keit einer solchen Aktion zur Tagesordnung übergegangen. Das Referat über „Neuorganisation des Distriktes" und über „Agitation in Mähren und Schlesien" erstattete Herr Fritz L L w. Seinem Anträge zufolge besteht dev mährisch-schlesische Distrikt nunmehr aus den zionistischen Vereine::, deren Satzungen den Forderungen des Baseler Programmes und des Oesterveichischen Zionistentages entsprechen, und aus der „Freien zionistischen Vereinigung für Mähren und Schlesien", welche die Zusammenfassung aller nichtinkorporierten Zionisten des Distriktes darstellt. Diese Vereinigung hat nicht Vereinschvrakter, steht unter der Leitung des Distriktskomitees und erscheint mit den Rechten einer 'geschlossenen Zionistischen Korporation nur für den österreichischen Parteitag und den mährisch-schlesischen Distriktstag. Die Beitragsleistung ihrer Mitglieder wurde auf 2 K — Parteisteuer und Schekel — jährlich fixiert. Das Distriktskomitee soll aus sechs Mitgliedern, von denen drei am Sitze, drei außerhalb desselben domizilieren sollen, bestehen. Das ausführliche Referat über Agitation befürwortete besonders die Einführung kleiner Wandevversammlungen, die Einrichtung von Wanderbibliotheken und die Einführung von sachlichen und aktuellen Referaten an Stelle der landläufigen allgemeinzionistische:: Tendenzveden. Gegeni'lber den Kultusgemeinden soll nicht düs Erobern von Mandaten, fünbett: das geistige Erobern der Kultusstuben, das Hineintragen gesunder nationaler Ideen in diese und besonders die Umgestaltung des hebräischen« und jüdischen Geschichtsunterrichtes das vorläufige Hauptziel sein. Nach einer sehr regen Debatte, an dev sich die Delegierten Dr. Schwarz (Troppaust Geller (Bielitz), Dr. Gustav Zweig (Proßnitz), Mandel (Proßmtz), Zweigen t h a l (M.-Ostrau), N e u in a ir n (Proßnitz), Walter L ö w (Proßnitz), T h: eb erge r (Bielitz), Meist (Olinütz) beteiligten, wurden die Anträge des Referenten angenommen. Bei der Wahl des neuen Distriktskbinitees wurde zunächst Proßnitz als Sitz bestimmt und mit der Leitung des Distriktes betraut die Proßnitzer Fritz L ö w, Dr. Gustav Zweig und Sal. Stekler. Außerdem gehören de::: D.-K. an ein von den Bielitze-r Organisationen. zu nominierender dortiger Gesinnungsgenosse, ein durch das D.-K zu kooptierender Gesinnungsgenosse und Herr Leopold S o nnenfeld (Ung.-Ostra). Das Referat über den Prager Parteitag und die bevorstehende Wiener Parteikonferenz hielt Herr Rudolf Nassau, dev nach kurzer Begründung folgende Anträge vo-tlegte: „Ter mährisch-schlesische DisteMstag hält an der Tendenz des ß 2 des Bielttzer Orgcmisatilmssiatuts fest und erklärt für organi siebte Zionisten seines Rayons die Augehövigkeik zu solchen fremdnationalen Vereinen, welche politischnationale Zwecke verfolge:: und eine fremdnationale Gesinnung und Betätigung erfordern, als ganz u n z u l ä s s i g. Ob organisierte Zionistei: andersnattonalen Vereinen angehöven dürfen, welche statutarisch Mir wirtschaftliche, gesellschaftliche, sportlich, wissenschaftliche oder künstlerische Aufgabenhabm und nicht auch in: Dienste freMdNatbnalev Kampf- oder Schutzzwecke stehen, darübe: entscheidet von Fall zu Fall zunächst die Lokülorganisation, in letzter Instanz der Disviktstag. Habe:: diese Vereine interlokale 'Organisationen und handelt es sich um. ZtveigorKNifationen, so entscheidet das Diftriktskomtee, respektive der Distriktstag, und zwar einWkich und bindend für den ganzen Distrikt. E ift* aktive Mitarbeit in ande rtz - nationalen Vereinen oder d. e Mitgliedschaft in fremdna'trdn a l e n Parteiorganisationen ist unter allen Umständen unvereinbar mit «den na t:o na leto Gru n d a n s cha u u ngen u n d P a r - teiinteressen der mährischschlesischen Zionisten." Dieser te» trag wurde fast dobattelos und einstimmig zuM Beschlüsse erhoben. Ebenso fand einmütige Annahme folgende, vom Referenten vorgeschlagene Resolution an die Parteikonferenz: „Der mährisch-schlesische Distriktstag bedauert die aus dem Prager Parteitage beschlossene Streichung des § 2 ans dem Bielitzee Organisationsstatut und weist die diesem Beschlüsse zugrunde liegende Tendenz, unsere bisherige Parteitaktik und -Agitation einer nur mm:erischen Stärkung der Partei zuliebe in opportunistischer Weise beeinflussen und den jüdischnationalen Parteigedanken damit verwässern zu wollen, entschieden zurück. Wir fordern« und erwarten daher von der Parteikonferenz: 1. Die genaue Präzisierung der vom Pvager Parteitag anläßlich dev Abstimmung über innerpolitlsche Betätigung angenommenen Resolution (Absatz 2) und ihre Ausnahme in das Parteiprogramm, und zwar in einer Fassung, die unseren nationalen Prinzipien gerecht wird und keine mit nationaljüdischer Gesüvnung unvereinbare Interpretation zuläßt; 2. eine unzweideutige und für die össtetreichische Gesamtorganisation bindende Entscheidung der Parteikonferenz über die absolute Unzulässigkeit des von böhmische!: Ziömsten vertretenen Standpunktes, daß zionistische Parteiangehörige zugleich „treue Mitglieder UNd Anhänger" fremdnationalev Parteien sein und in den Kampfvereinen dieser sich!n leitenden Stellungen oder überhaupt aktiv betätigen können; 3. die unzweideutige Zurückweisung dev von böhtNischen Zionisten versuchten Interpretation des Baseler PvogrammcA, daß für Zionisten die Schekelzahlung und äußere Anerkennung des Heimstättenzieles genüge und eine bewußte jüdischnatlonale Gesinnung nebensächlich sei. Der Distriktstag :nacht es seinen Delegierten zur Pflicht, auf der Parteikonferenz für die radikale Präzisierung obbezeichneter Resolution und gegen jede Verwässerung der jüdischncstionalien Parteigrundsätze 'einzutreten." Nach Annahme dieser Resolution wurden für die außerordentliche Parteikonferenz , als Delegierte des Distriktes, .die diesen laut einem Parteitagsbeschlusse nebst den: D.-K!., zu vertreten haben, gewählt die Herren Dr. Entil K r a s n y, Rudolf ,N a s s a u, Rudolf H a vtm a n n. it Nach Erledigung einiger Ebentu a laut rüge des Herrn Gelle v, die sich ans die ntatevielle Fundierung des D.-K. und die Heranziehung von Ugitationsrednern bezogen, wurde dev Distriktstag geschlosst'!:. Er hat seinen Zweck, . sammelnd, reformierend, ermutigend zu wirken, erfüllt. Es ist zu wünschet:, daß der Zionismus in Mähren und Schlesien durch das energische Zusammeidarbeiten der neuen Leitung und der Organisationen bald auf feine alte Höhe gebracht und die Krise der letzten« zwei Jahve überwunden werden wird. Die Jüdischnationalelt habe!: in Mähreit und Schlesien fruchtbaren Baden, dev nur entsprechend rationette Bearbeitung erfordert. Weg mit der Verzagtheit, Iveg mit dev BeqnoMlichkeit>! Dann wird bM Nationale Werbe- und Orgmtisationsarbeit wie in den ersten Kongveßjahre:: im ntährisch-schlesischen Distrikte die schönster: Früchte zeitigen.