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Jüdisches Volksblatt · 1905-09-01 · 35 (1.9.1905) · p. Seite 3

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
35 (1.9.1905)
Date
1905-09-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. S Seite 3 Jüdisches Volksblatt Sokolür, aber hinzuzufügen vergaß, daß am WichtUtn der Kampf gegen. Ehrenmänner sei, die de Tochter ihres Gastlfreundes verführen und >anu, wenn ein Freund unwissend dieses Mädhen heiratet, einen Speech über die Tunnd deutscher Jungfrauen und über die Freundest reue halten — in diesem edlen Bütte schreibt Dr. Kaniak, der sich um die Propagierrmg des Antisemitismus in Mähren gvße Verdienste erworben hat, man verdanke dü Wahl eines Deutschen in der Z n a i m e r algemeinen Kurie neben den deutschen Stimnen der Unterstützung der Juden; er. lvendet sch daher bei der Stichwahl gegen die Aufhellung eines Gesinnungsgenossen des ehrenwerten K. H. Wolf. Die Znaimer Juden hätten also bald Gelegenheit, einmal praktische Judenpolitik zu machen, indem sie, im Falle ein Antisemit in die Stichwahl kommt, jedenfalls gegen ihn stimmen. Ist aber wirklich die politische Reife der Juden so weit vorgeschritten, daß sie schon über — das ABC der Politik hinaus sind, das da heißt: Nur die allergrößten Kälber wählen ihre Metzger selber? ^Wir hegen nur geringe Hoffnungen. S. Der Jahresbericht der „Jewish Colonizaüon Association" j»ro 1904. (Schluß.) 3. Palästina. Die Kolonie R e ch o b o t h, welche sich immer noch ausschließlich mit dem Weinbau befaßt und wertvolle Traubensorten benützt, hat im Berichtsjahre infolge der Dürre nur 1 846 900 Kilo Trauben im Werte von 166 261 Francs — 377,82 Francs pro Hektar, gegen 2 243 936 Kilo im Werte von 184 722 Francs im Vorjahre produziert. Die 44 Hektar ertragliefernden Mandelbäumc haben 174 Francs pro Hektar — 7656 Francs gegen 17 900 Francs im Vorjahre gebracht, während die mit Gerste bepflanzten 46 Hektar fast kein Ergebnis geliefert haben. Die Kolonie beherbergt 88 Familien mit 426 Seelen, von denen 66 Kolonisten und 32 Taglöhner, Handwerker und Beamte sind. Von ihrer Bruttoeinnahme im Betrage von 176 917 Francs — 3105,66 Francs pro Kolonist, gingen so bedeutende Unkosten ab, daß ein einziger über 2000 Francs und nur vier über 1600 Francs Nettoeinnahmen gehabt haben. Von den 100 Kühen der Kolonie sind 7 6 der Pest erlegen. Die kleine Kolonie Wad e l C h a n i n umfaßt 128 Hektar, non denen 81Vmit Wein bepflanzt sind. Dieselben brachten Trauben lich: Erkämpfung befriedigender Löhne und Arbeitsverhältnisse. Die organisierten jüdischen Ofensetzergehilfen haben schon zu wiederholteil Malen uild mit Erfolg das Kampfmittel des Streiks in Anweildung gebracht, meist gegen die KAnkurrenz auswärtiger Arbeiter, sie haben auch im Karnpf unl die Lohnerhöhung die größten Erfolge linier allen Gehilfenorganisationen Mohilews errungen: Seit km Bestand ihrer Chewra sind die Arbeitslöhne von 8 auf 11 Rubel pro Woche gestiegen. Die reinen Arbeiterchewras haben sü> religiösen und nurcharitativen Zwecken ganz befreit und verfolgen lediglich ihre beruflichen, ihre Klasseninteressen. In der Chewra der Tabak- und Zigarrenarbeiter, deren Stand durch die Umwälzung in der Produktionstechnik und den Absatzverhältnissen zu Solidarität und Orgnllisation gedrängt wurde, ist Kanlvf um bessere Arbeitsbedingungen ausgesprochener Hauptzweck. Diese Chewra, welche auch gegen die Hungerlöhne und die dadurch gef.'brliche Konkurrenz der Arbeiterillnen, gegen die Mißbräuche in der Kinderarbeit kämpft und die nianlligfachen sanitärell Uebelstände in der Branche abzustellen sich bemüht, erfreut sich llicht der Sympathien der Polizei und Fabriksinspektion. Man hält sie für „staatsgeführlich" und zll polizeiliches Schikanierung reif. Das haben besonders die Bllchdrucker uild Gärberchelvra zll fühlen bekonlmen. Die Buchdruckerchewra, die schon einer Anzahl wirtschaftlicher Forderungen zunl im Bruttowerte von 23 237 Francs gegen 33 039 im Vorjahre. Davon gillgen Unkosten ab im Betrage von 12 016 — 51,70 Prozent gegen 64,46 Prozent im Vorjahre. Von der Nettoeinnahme im Betrage von 11 221 Francs giilgeil noch die Steuern sowie die Gemeindeunkosten mit 4677 Francs ab, so daß zur Ernährung von 21 Kolonisten 6624 Francs — 326,20 Francs pro Kolonist übrig blieben. Einen kleinen Nebenverdienst fcmkit die Winzer in der der Jca gehörenden 10 Hektar umfassenden Orangerie, wo sie gelegentlich als Taglöhner arbeiteten. Die Gesellschaft beabsichtigt, den Boden der Kolonie durch den Kauf einer benachbarten Parzelle im Umfange von 77 Hektar zu vergrößern und daselbst Tabakbau zu betreiben. Wad el Chanin zählt gegenwärtig 24 Kolonisten-, 7 Arbeiter- und 4 Beamtenfamilien mit im ganzen 162 Seelen. K a t r a h beschäftigt sich immer noch im wesentlichen mit Weinbau. Die mit Trauben bestellte Fläche ist von 114 auf 136 Hektar gestiegen. Ferner besitzen die Kolonisten 80 Hektar Getreidefelder und 12 Hektar bereits fruchttragende Mandelbäume. Ihre Einnahmen beliefen sich auf 26 769 Francs gegen 24 292 Francs im Vorjahre. Diese Mehreinnahme trotz ungünstiger Witterungsverhältnisse ist vermutlich auf die wesentlich verminderten Unkosten beim Weinbau zurück^nkübren. Nach Abzug von 9488 Francs für Steuern und Gemeindeunkosten blieben den 21 Kolonisten 17 271 Francs, d. h. je 822,42 Francs übrig. Trotz dieser selbst für Palästina sehr geringen Einnahme haben die Bauern von Katrah auch dieses Mal ihre Jahresraten an die Gen '' voll bezahlt. Katrah zählte im Berichtsjahre 21 Kolonisten und 9 Taglöhnerfamilien mit im ganzen 126 Seelen. In C h c d e r e h wohnten 36 Kolonisten mit 140 Seelen. Dieselben haben 628 Hektar gegen 376 im Vorjahre mit Körnerfrüchten und 119 Hektar Weinberge gehabt. Die Getreidefelder wurden derart von den Natten geplündert, daß sie kauin die Zweieinhalbfache Ernte gebracht haben. Der Wein brachte 3300 Kilo pro Hektar. Im ganzen hatten die Kolonisten eine Bruttoeinnahme von 70 600 Francs und eine .Nettoeinnahme von 30 600 Francs. S i ch r o n Jakob. Die Verteilung der Ländereien von Mara und Burdje unter 68 Kolonisten hat es diesen ermöglicht, sich in ausgedehntem Maße mit dem Anbau von Getreide zu befassen und damit 1100 Hektar gegen 460 Hektar im Vorjahre zu bestellen. Leider hat der Regenmangel dieses Mal alle Bemühungen vereitelt. Das Getreide brachte 77 000 Francs, der Wein bei einer Ernte von 2700 Kilo pro Hektar 17 800 Francs gegen 47 000 Francs Siege verholfen hatte, löste sich infolge innerer Zwistigkeiten und einer von der Polizei gesprengten Versammlung auf. Die Buchdrucker scheinen für eine Arbeiterorganisation die nötige soziale Reife und das proletarische Rückgrat noch nicht besessen zu haben. Wirkliche zielbewußte Arbeiterpolitik verfolgen die jüdischen Arbeiter im Gärbergewerbe, welches alle Merkmale kapitalistischer Produktion an sich trägt und über ben Nahmen des Handwerksbetriebes durch Technik und Absatz schon hinausgewachsen ist. Im Jahre 1898 bildeten sie eine Kasse zur Schaffung eines Streikfonds. Diese Chewra war irt Mohilew die erste Klassenorganisation mit dem Zwecke des Klassenkampfes, sie war geheim, daher „illegal", „illoyal". Ein Jahr nach ihrer Entstehung fiel sie der Polizei zlim Opfer und löste sich dem Scheine nach auf. Auch die Idee einer Produktivgenossenschaft wollre man im Gärbergewerbe in zwei Fällen verwirklichen. Die Hoffnungen, die an diese Gründlingen geknüpft wurden, erfüllten sich nicht. Den Chewras, „echt jüdischen Organisationen, echt in ihrer fehlen Anpassungsfähigkeit, in ihrer zähen Ausdauer, in ihrem bescheidenen und zugleich stolzeil Freiheitssinne", steht der „Bund", der im Jahre 1897 aus der Vereinigung der politisch-jüdischen sozialdemokratischen Partei mit den litauisch-weißrussischen jüdischen Arbeitern eiitstaild, feindlich gegenüber. Das ist begreiflich. Die Chewra steht ihrer ganzeli Wesensart ulid historischen Entwicklung nach auf volkstüliilich jüdischer im Vorjahre, die Mandelbäume 2900 Francs gegen 9737 Francs, 126 Hektar Olivenplantagen 1000 Francs und der Seidenbau nur 1657 Francs gegen 2400 Francs im Vorjahre. Im ganzen vereinnahmten die Kolonisten, trotzdem sie 640 Hektar Getreide mehr hatten, nur 100 360 Francs gegen 102 704 Francs im Vorjahre. Die Kolonie A t l i t im Umfange von 630 Hektar wird von 16 Kolonisten aus Sichron Jakob und 8 Pächtern bewohnt. Letztere bekamen 12 Hektar Land und eine Summe von 1600 Francs als Jilstallationskosten. Dennoch läßt die Lage dieser Pächter sehr zu wünschen übrig, da 12 Hektar Getreideboden zur Ernährung einer Familie in Palästina nicht ausreichen. Von den neuen Kolonien um Liberias sind fünf im Berichtsjahre definitiv installiert worden. Die Kolonie I a m a besitzt 36 Kolonisten, welche zusammen 1169 Hektar bebauen und Getreide im Werte von 34 860 Francs produziert haben, von dem aber noch der „Zehnte" in Höhe von 21,9 Prozent abzuziehen war. In M i l ch a m i sind von 21 Kolonisten 290 Hektar bebaut und von diesen nach Abzug von 26^Prozent „Zehnteil" eine Nettoeinnahme von 8870 Francs erzielt worden. In M e s k a h haben die 21 Kolonisten aus dem Getreidebau je 800 Francs vereinnahmt. A b e d j e h umfaßt 720 Hektar, von denen 462 versuchsweise an 21 Pächter vergeben wurden. Der Versuch muß aber als gescheitert gelten, da die Pächter nach Abzug von 20 Prozent Pacht nur 360 Francs vereinnahmt haben. Der Boden von S b e h und L u b i e h im Gesamtumfan.ge von 1181 Hektar wird nach vollzogenen Vermessungsarbeiten („Mafruz") demnächst parzelliert werden. Die Kolonien D a l a i k a I s s a und D a l a i k a S a h u im Umfange von 1800 Hektar sind im Berichtsjahre um 2466 Hektar vergrößert worden und dürften demnächst von jüdischen Arbeitskräften in Anbau genommen werden. In der Nähe von Dalaika Sahu sind 1400 Hektar hinzugekaust worden. Die aus den vier Gruppen Rosch-Pinah, Machnajim, Kaba und Birija bestehende Kolonie Rosch-Pinah im Gesamtumfange von 4413 Hektar hat unter der Dürre schwer zu leiden gehabt. An Trauben ernteten die Kolonisten 240 000 Kilo, von denen 90 000 Kilo zu Wein bearbeitet wurden, während der Rest zu guten Preisen in Safed verkauft werden konnte. Die Kokonzucht war auch sehr mäßig und brachte nur 790 Kilo. Bessere Ergebnisse hat schon der in Machnajim auf 28 Hektar gebaute Tabak gebracht. Allein die Qualität war minderwertig und die Preise ließen infolge der Grundlage und trübt nicht den Blick uild das Interesse ihrer Mitglieder für die Gesamtintcressen ihres Volkes. Der „Blind" ist eine Klosseilorganisatioil, „von engen Klasseninteres,en getragen, und will die große jüdische Frage durch kosmopolitische Forderuilgen lösen". Er glaubt, der Sieg der sozialrevolutiouären BeweglUlg in Rußland bedeute auch die Lösung der jüdischen Frage. Der „Bund" leistet jedenfalls kostbarste Kulturarbeit für unser Volk, indenl er die kulturellen und wirtschaftlichen Existenzbedingungen des jüdischen Proletariats zu verbessern sucht unb ans gedrückten, feigen, wehrlosen Elendskindern selbstbewußte, wehrhafte und opfermutige Kämpfer macht. Aber vorn Standpunkte des jüdischen Gesamtproblems, das ein Sieg des russischen Soznalismus oder Liberalisums nie und nimmer lösen fann, ist bei der Beurteilung des „Bundes" maßgebend, was Sarah Rabbinowitsch im Schlußwort ihres Buches in die Worte kleidet: „Fragen wir danach, was der „Bund" km jüdischen Arbeiter geben kann, sofern dieser nicht als Arbeiter, sondern als Mensch, als Träger bestimnlter, volkstümlicher Anlagen und Bedürfnisse auftritt, sofern er mit einer eigenen Persönlichkeit ausgerüstet ist und diese Persönlichkeit der Geschichte aufprägen will, kllrzum fragen wir dailach, was der „Bulld" nicht dem Arbeiter, sondern km Juden geben kann, so erhalten wir bloß negative Resultate." Nß.

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