Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 35 (1.9.1905)
- Date
- 1905-09-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdisches Volksblatt Nr. 35 Seite 2 überfallen unb euer Eigentum beschädigen, warum schreit ihr gerade als Juden Zeter und Movdio?" Man sieht, daß das, was bei anderen schon aufgehört hat, nationales Postulat zu sein, oder eigentlich es nie gewesen ist, bet uns eines der wichtigsten, das wichtigste nationale Postulat ist. Die anderen haben die politische Gleichwertigkeit schon mit der Geburt der Verfassung faktisch erlangt. Vorkommende Verletzungen dieser Grundrechte werden vorn " Individuum, vonr betroffenen Staatsbürger selbst beklagt. Bei uns hat jede Verletzung einen tendenziösen, die Gesamtheit treffenden Charakter. Ist nun der stete, mit allen! >geestzlichon Mitteln geführte Kampf für die praktische Durchführung der Staatsgrundgesetze auch den Judengegenüber nicht ein schönes, erstrebenswertes Ziel für eine jüdische Volkspolitik? Muß man sich wieder andrerseits nicht sagen, daß dieser friedliche Kampf für die Grundrechte der Volksgenossen desto aussichtsvoller sein muß, je kräftiger die Kämpfer auftretcn, je mehr politische Macht-, folglich Kampfmittel unsere Vertreter ins Feld stellen können? Da sind wir dabei, daß eine organisierte Judenschaft, eine möglichst große Vertretung in den öffentlichen Korporationen, eine weise, die Kräfte messende und klug verbindende Politik durch Machtmittel auch erzwingen kann, was bisher lendenlahme Abwehrvereine, papierene Proteste und ohnmächtiges Gewinsel in der jüdischen Presse nicht vermocht haben. Ich will die für die Bukowinaer Judenschaft müßige Frage, ob dieses System, in ganz^ Oesterreich zur Anwendung gebracht, von Erfolg sein kann, unerörtert lassen, obwohl ich für meine Person sie freudig bejahe, ich will nur darauf Hinweisen, daß 'dieses Sy st cm. e iner Judenpolitik nirgends so viel Aussicht auf Erfolg hat, wie gerade in der Bukowina. Es sind bekannte Dinge, auf die ich hiev anspiele, auf die Tatsache, daß die beiden Hauptftämme des Landes einander in Schach halten, daß es nur schwer zu einer Hegemonie des einen kommen kann, ferner auf den Umstand, daß die Juden das berühmte Zünglein an der Wage sein können, daß sie an und für sich vermöge ihrer Zahl, ihrer Intelligenz, ihrer Steuerkraft, ihrer Ansässigkeit in den Städten ein bedeutender politischer Faktor im Lande sind, schließlich auch auf das nicht gering anzuschlagende Moment, daß die Juden ich der Großgrundbesitzerkurie bereits ein geschlossenes Drittel bilden. Diese Erkenntnis von der politischen Bedeutung der Judenschaft ist heute bereits eine allgemeine, nur die Juden versäumen es, aus ihrer überaus dankbaren Stellung Kapital zu zahlreichen Einrichtungen. waren überflüssig geworden. So beraubte die russische Steuergesetzgebung die altpolnischjüdische Gemeinde auch ihrer Stellung als „Steuerbehörde", zu der sie die Steuereintreibung unter polnischer Herrschaft erhoben hatte. Im Jahre 1840 erfolgte auch die formale Aufhebung des Kahals. Die russischnationalistische Judenpolitik begann. Der erste Abschnitt des Buches befaßt sich mit den „Ehewras" in Mohilew, den jüdischen Handwerkerorganisationen, die, durchwegs mit religiös-philanthropischen Tendenzen gegründet, zum Teile zu Berufsverbänden mit Klassencharakter sich entwickelt haben. Sie sind überall lokale Organisationen und stehen noch nicht unter dem Einflüsse der revolutionären Prcvaganda. Der Jndustrialisierungsprozeß in Rußland hat das jüdische Fabriksproletariat vermehrt und in den Strom der großen russillhen Arbeiterbewegung und in ihre revolutionären Bahnen gedrängt. So entstehen zwei getrennte Lager unter den russischen Arbeitern, die durch ihr Organisationsprinzip und ihre Kampfesweise grundverschieden sind, aber durch nationale Sitten, Sprache, Eigenkultus und politische Sonderstellung in gleicher Weise zur Organisierung auf jüdischer Basis gezwungen werden. Die nichtgewerblichen Ehewras, eine Art gegenseitiger Unterstützungskasscn auf Grund örtlicher Konzentration, dienen rein charitativen Zwecken. Ansätze zu einer beruflichen Organisation sind in der Chewra der Melamdim vorhanden, die auch schlagen. Rumänen und Ruthenen wetteifern, die Juden auf ihre Seite hinüberzuziehen. Mitunter klingen die Freundschaftsbetenerungen geradezu überschwänglich; aber mögen sie aufrichtig sein oder nicht, die Tatsache selbst muß uns, die Vielgeschwächtcn und draußen in der Welt so sehr Getretenen, mit einem, Gefühle hoher Befriedigung erfüllen. Endlich irgend ein Fleck auf der Welt, wo wir im Konzerte der Völker eine gewichtige Stimme erheben können, wo unsere Freundschaft nicht bloß ertragen, sondern auch gesucht rvird. Nun frage ich wieder jene, welche das Vorhandensein von Zielen für eine Judenpolitik bestreiten, ob denn die Erhaltung, die Befestigrmg rind die Erweiterring dieser jüdischen Machtstellring nicht schon an und für sich ein erstrebenswertes Ziel einer Judenpolitik ist. Ich frage weiter, ob dann, nicht die politische Machtstellung unsere wirtschaftliche Position stärken wird, ob wir nicht durch kluges Auftreten Handel und Gewerbe — unsere Berufszweige — heben, die Städte — unsere Territorien — zu großer Entwicklung unb Blüte bringen können. Und schließlich: Ist die Rückwirkung der politischen Machtstellung auf unser Selbst- und Stammesbewußtsein, auf die Jugend und den Volkscharakter denn gar so gering anzuschlagen? Viele, die so denken wie ich, stellen diese ethischen Erfolge der planmäßigen Politik einer organisierten Juden schaßt sogar obenan, weit wir der Ueberzerigung sind, daß ein moralisch gestärktes, selbstbewußtes Judentum ungeahnte Entwicklungsmöglichkeiten bat. (Fortsetzung folgt.) Unter den Linden. Man kennt den pikanten Vers Heines. Aber wir, seine Stammesgenosfeu, haben besondere Ursache, ihn uns zu Gemüte zu führen. Unter den Linden, in der großen Oeffentlichkeit, in den weiten Sälen, wo Aemter, Ehren und Stiftungen ausgeteilt werden, da kennen uns selbst die nicht, welche wir großgesäugt haben; aber in der stillen Kammer, wo man Steuer auf Steuern, Geld rmter diesem und jenem Titel von uns erpreßt, da entdecken auf einmal die unterschiedlichen Nationen ihr Herz für die Juden. Da ging in den letzten Monaten eine Angelegenheit durch die deutschen und tschechischen Blätter, welche selbst die harmlosesten Gemüter unter uns aufklären sollte; wohlgemerkt, sollte. Tenn was wir Juden an politischem Unverständnis leisten, schlägt Wohl den besten Rekord. Prof. v. Mieser in Prag sandte nämlich eine peinlich genaue Schularbeit in die Welt, in der er schlagend bewies, daß die Deutschen Böhmens, der Unterstützung für den Fall der Arbeits-, d. i). Schülerlosigkeit dient. Allen Ehewras, den gewerblichen und nichtgewerblichen, gab früher noch die Gemeinsamkeit einer Thorarolle dauernden Charakter, die in der Geschichte der Ehewras überhaupt als „das Symbol der sozialen Solidarität ihrer Besitzer und in andereil Fällen als Veranlassung zu neuen Vereinigungen" eine große Rolle spielt. In ben gewerblichen Ehewras unter den jüdischen Handwerkern von Mohilew ist im Keime die Gewerkvereinsidee enthalten und kommt inuner mehr zum Durchbruche, je mehr die religiösen und charitativen Zwecke in den Hintergrund treten und mit der Verschärfung der Klassengegensätze auch das Klassenbewusstsein der Gesellen wächst. Die Traditionell der alten polniilb-jüdischen Zunft leben unter ben jüdischer Handwerkern jener Gebiete noch fort, und ihre Ueberreste sind die zahlreichen Zerenlonien, die in ben Ehewras noch beobachtet werden. Ratbinowitsch teilt die Ehewras nach der Bedeutung, welche die religiösen Funktionen noch habeil, ein in E l e m c nt a r ch c w r ci s, in denen die religiösen und philanthroPischenPriuzipien die einzigen Träger der Solidarität aller ihrer Mitglieder, Meister und Gesellen, sind, in Doppel ch e lv r a s, ift denen neben diesen Prinzipiell der soziale Gegeilsatz zwischen Melller. und Gesellen organisationsbildend wirkt und eine Separation herbeiführt, lind in Arbeiter ch ewras, in denen der soziale Gegensatz allein zlw Organisation führt. zwar au Kopfzahl schwächer seien als die Tschechen, aber die stärkere Steuerkraft repräsentieren. Man könnte inm denken: habeant sibi. Man kann beit' Deutschen! dieses kleine Vergnügen gönnen; in unserer demokratischen Zeit hat ein solches Privilegium immer weniger zu bedeuten. Aber die alttschechische „Politik" begann Lärnr zu schlagen. Die Listen des Herrn Professors seien gefälscht, denn er habe sich den Trick erlaubt, alle Juden einfach taxfrei und ohne Verleihung der deutschen Bürgerrechte zu Deutschen zu ernennen, und ihre Steuerleistung einfach zu der deutschen zu schlagen. Ein allerdings sehr probates Mittel. Ein tschechischer Abgeordneter hat erst in der letzten Session darauf hingelviesen, daß bei solchen Gelegenheiten die Deutschen sehr freigebig seien, wenn es sich aber im böhmischen Landesausschusse darum handle, eine vakante Stelle zu besetzen und aus Gründen der Parität ein Deutscher in Frage komme, so protestieren die deutschen Landesausschüsse dagegen, daß ein Jlk.de, wenn and) ein deutscher Judo, die Stelle erhalte, weil er eben ein Jude und kein Deutscher sei. Woraus wieder erhellt, daß fein Volk die Treue so schätzt, wie die Deutschen, nämlich die Treue bei denanderen. Die „Politik" ging mm unverdrossen an die Arbeit, um von ihrem Standpunkte die Steuerleistungen abzuschätzen. Mer auch sie wählte nicht den geraden Weg, indem sie drei Rubriken: Deutsche, Tschechen unb Juden, aufstellte, sondern sie komplizierte aus durrhsichtigen Motiven die Untersuchung, und stellte f ü n f Rubriken auf, nämlich Deutsche, Tscheche n, den t sch fr e u n d l i che, t sch e chen freundliehe Judeil lind Juden schlechtweg. Selbstverständlich brachte sie nach ihrer Methode das heraus, was sie wollte, daß nämlich die Steuerleistung der Tschechen und der tschechenfreundlichen- Juden größer sei als die entsprechende deritsche Leistung. Quod erat demonstrandum! Einen objektiven Wert haben selbstverständlich die Zahlen der „Politik" ebensowenig wie die Zahlen Professor Wiesers. Man sieht aber, wie begehrenswert die jüdischen Steuern sind, wenn sie schon gezahlt sind. Den Juden aber sollte doch bei solchen Dokumenten der deutschen und der tschechischen Liebe die Augen aufgehen, daß sie für beide einen. Wert nur haben: als Steueru n d S t i in m - Vieh. In der letzten Sonntagsnumlner des momentan „Wiener Deutsches Tagblatt" sich nennenden Wechselbalges des Ritters von Hohenelbe, K. H. Wolf, der unlängst auf einem Turnertage sagte, daß der Kampf gegen die Juden wichtiger sei als der Kampf gegen die Zu den Elementarchewras gehören die Schuster-, Blechner- und llhrmacherchewras. Es sind lediglich Unterstützungskassen. Nur die Blechner und Klempner sind beruflich fester gegliedert und haben auch den Versuch der Gründung einer Art Nohstoffgenossenschaft gemacht, die aber praktisch keine Bedeutung hat. Die Entstehung von Arbeitervereinen wird bei der wachsenden sozialen Differenzierung zwischen Meister und Gesellen auch in diesen Branchen nicht lange auf sich warten lallen. Die Schusterchewra wird den Untergang oes Schuslergewerbes, das der Fabrikskonkurrenz nicht standhalten kann, nicht aufhalten, sie kann ihrer Mitgliedern nur „die Todesagonie erleichtern". Zu den Doppelchewras zählen die Damenschneider, Maler, Tischler und Ofensetzer, mit Ausnahme der Tisthler von Mohilew durchwegs von Juden vertreten. Die Gesellenchewrcr der Damenschneider ist eine klassenbewusste, stolze Arbeiterorganisation, die auf siegreiche Kämpfe um ihre Selbständigkeit zurückblickt und von der die ersten Arbeitsein-" slelluugen in Mohilew als organisierte Proteste gegen Verletzungen der Gesellenehre seitens der Meister ausgegangen ivaren. In der Tischlerbranche haben sich die Gesellen im Jahre 1897 abacsondert und in dem kurzen Zeiträume bis 1900 hat ihre Chelvra durckmesetzt: die Pünktlichkeit der Lohnzahlungen, die Ersetzung des Ja: reskontraktes durch einen monatlichen, Verki". zung des Arbeitstages. Der Zweck der Gesellerchewra der Ofensetzer ist rein Wirtschaft-