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Jüdisches Volksblatt · 1905-09-01 · 35 (1.9.1905) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
35 (1.9.1905)
Date
1905-09-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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L 3.42 ---41 Verschleißstellen unseres Blattes, in welchen auch Abonnements ento,egen genommen werden: Hermann Goldschmidt, Wien, I. Wollzeile 11; Verlag „Zion"' Wien, JI/3, Stefaniestraste 12; Robert Weiß, Wien, I. Jakobergasse 7. Ur. 35. Mir«, 1. September 1908 <1. EI,»l 5665). VII. Jahrgang. haben könnten, haben wir bis heute*) keinen ernsten Schritt unternommen, mn die Judenschast des ganzen Landes einheitlich zu organisieren. Ja es wurde nicht einmal der Versuch gemacht, die starken politischen Kräfte dev Bukrwinaev Judenschaft zu exploitieren. Seveth und Radautz sielen den Deutschen zu, obwohl dort die jüdischen Mandate auf der Straße lagen. Selbst der eine jüdische Abgeordnete der Handelskammer, der als Jude gewählt wird, wollte nur als Propagator deutscher Interessen in den Landtag hinoju^ehen. Tex Abgeordnete von Suczawa wurde mit einem oerschlvommien radikal-bürgevl'ich-sozialistischen Programm gewählt, und nur der einzige Dr. S t r a u ch e v Wad es, der sich traute, I u d e rr Vertreter zu fein, nachdem er durch; Ueberlasfung des ztveiten Mandates dev Landeshauptstadt an die Deutschen^ sich saldieren zu müssen geglaubt hatte. Widnrann vertritt die Deutschen, Straucher also die Juden. Wir wären also dabei angelangt', zu erkennen, daß nur in Czernowih sich so etwas wie eine embryouale *) In der Zwischenzeit hat Abgeordneter: Straucher sich der dankeswerten Aufgabe unterzogen, <'ine Organisation,, der ganzen Jüdenschaft der Bukowina ins Leben zu rufen. AN 22. August I. I. wurde ein von Dr. Straucher entworfenes Qrganisationsstatut in einer Versammlung von Vertrauensmännern genehnrigt und soll der Judenbnnö schon in der nächsten Zeit zur Wahrheit werden. Ich glaube daher, das; die in diesem Aufsätze enthaltenen Ausführungen durch die Gründung des Jndenbundes an Aktualität gewonnen haben. Der Autor. Judenpolitik regt. Sie hört aber leider an der Piruthbrücke aus. Jenseits Hilst sich jeder, wie er kann. Kommt es dann vor, daß der Strom der allgemeinen Wahlbewegnna einige Inden in den Landtag hineinschwemmr, dann mag sie wohl die Not der Zeit zusammenbringen; ein organisches Ganzes bilden sie doch nicht, es fehlt ihnen dev wahre Zusammenhang mit der großen Wäblevschaft. Die spezifischen Lokabinteressen hängen; ihnen wie Bleigewichte an den Sohlen, die Sorge um das Mandat lähmt ihnen mitunter Hände und Zunge, weil jeder Abgeordnete mosaischer Kionfession sich gleichzeitig als Vertreter der anderen Volkskreise ansieht, ein Zartgefühl und eine Rücksicht, div kein andersnationalM Abgeordneter gegenüber den Juden aufbringt. Nein, es gibt bis heute eine Judenpolitik in der Bukowina nicht, sie muß also nicht revidiert, sie muß erst geschaffen werden. II. My tzex JupenpolM Die Neüvmalweijm höre ich. fragen: „Weck soll die Jikbenpolitik, was kann ihr Ziel fein, nachdem sie eigene nationalMastulate nicht auft zustellen vermag?" Als Jude antkvo'vte ich auf eine Frage, mit einer Gegenfrage:. „Wenn die. Juden als Juden keine besonderen Wünsche und Beschwerden, haben, warum hören Wir euch immer als Juden wehklagen? Wenn euch unrecht geschieht, wenn eure Söhne in> den Staatsämtepn präterjert werden, wenn neue Gesetze eure Existenzntöglichkeit verschlechtern und ungezügelte Volkshasen eure Wohnungen, Revision der Bukowinaer Jndensiolitik. Von Dr. Mayer Ebner. I. Gibt es eine Judenpolitik? In einer besonders schweren' Zeit ist das Schlagwort; von der Notwendigkeit einer Revision der bisherigen Judenpolitik aufgetaucht. Rumänen und Deutsche haben sich innig und stark miteinander verbundenzu gemcinsamiem Kampfe, gegen das mit dev Judenschaft verbündete Ruthenentnm. Mit dev uns zur nationalen Tugend oder Schwää-e gewordenen! leidenschaftlichen, Hingebung kämpfen unsere Führer den fremden' Kampf in vorderster Reihe. Das ist die heutige Judenpolitik. Gibt es aber in WrÄichjkeit eine Judenpolitik? Was wir so, nennen, ist gerade dys, was sich aus der politischen Haltung der Abgeordneten mosaischer Konfession im Bukowinaer Landtag ergibt, ob Dr. Weidenfeld der Wilde sich zum Freisinnigen' zähmt, ob die 3lbgeordncten Dr. Straucher und Tittiuger den Verband der Freisinigen nvtninell mn Leben erhalten oder nicht, das ist nicht Bukowinaer Judenpolitik. Bei uns blüht der reizendste Partikularismus. Jede Stadt uud jedes Dorf hat seine jüdischen Lokalgrößen, und die tvenigen jüdischen' Persönlichkeiten der Landeshauptstadt, die im> ganzen, Lande Autorität Feuilleton. Die Organisationen des jüdischen Proletariats in Rußland. Unter obigem Titel erschien im Jahre 1903 als die Dissertationsarbeit von Sarah Rabbinowitsch, einer russischen Jüdin, ein Buch, welches gerade jetzt, wo Rußlands jüdische Arbeiterschaft um eine kulturwürdige Existenz und um ihre politische Befreiung einen heroischen Kampf führt, ag Interesse und Wert gewinnt. Obwohl das Werk hauptsächlich Studien über das jüdische HandArkerproletariat in Mohilew am Dnjepr, die von der Verfasserin an Ort und Stelle gemacht wurden, zur Grundlage hat, gibt es uns dennoch über die verschiedenen lokalen Organisationen dieses russischjüdischen Proletariates, ihre Genesis, soziale Stellung und Wirksamkeit, lehrreichen Ausschluß und stellt ihnen nach einem instruktiven Exkurs über Theorie und Praxis des russischen Sozialismus den großen sozialrevolutionären „Bund" vom psychologischen und soziologischen Standpunkte vergleichsweise gegenüber. Die Anführung zahlreicher Analogieu mit der westeuropäischen 'Arbeiterbewegung und Zunftgeschichte zeugte. von dem wissenschaftlichen Ernst und umfassenden Studium der Verfasserin tmd erhöhte den Wert ihrer 'Arbeit, die über das Niveau der meisten gedruckten Dissertationsschriften, welche den Büchermarkt überschwemmen und kleinlicher Autoreneiteltest, nicht wissenschaftlichen oder literarischen Bedürfnissen entspringen, weit hinausragt, Das Buch, dessen Grundzug Objektivität und vornehme Darstellung ist, setzt mit einer geschichtlichen Einleitung ein, welche zunächst die Lage des Polnisch-litauischen Handwerkes zur Zeit der jüdischen Einwanderung in Litauen schildert und dem „Kahal" gewidmet ist, jener starken, historisch bedeutungsvollen Gemeindeoryanisation, welche bis in unsere Zeit hinein fast das gesamte wirtschaftliche und soziale Leben der russisch-polnischen Juden beherrschte. Der „Kahal", der seine Entstehung soziologischen, fiskalischen und religiösen Momenten verdankt, war zunächst wie alle Schutzorganisationen aus dem durch Verfolgung und Unterdrückung wachgerufenen und gestärkten Zusammengehörigkeitsgefühl heraus entstanden; denn wie in den westlichen Ländern, waren auch in Polen und Litauen die städtischen Bürger und Zünfte — hier nicht autochtbone, sondern aus Deutschland importierte Organisationsformen — die Erzfeinde und Verfolger der jüdischen Bevölkerung, deren Privilegien und die dank diesen gewährleistete politische und wirtschaftliche Gleichstellung sie ilugern sahen, deren geschäftliche Konkurrenz sie fürchteten. Außerdem führten Erfordernisse des religiösen Kultus, wie Synagogenerrichtung, Anschaffung von Thorarollen, dann das synagogale ' Wohltätigkestssystem, endlich die fiskalischen Interessen des Fürsten die Juden im „Kahal" zusammen. Die als GoMstche organisierten Juden bildeten eine einzige Steuerquelle, die Repartierung der jGesamtsteuer war ihre inierue Sache. Die Bedeutung des „Kahal" für den jüdischen Handwerkerstand lag nun darin, daß er nicht nur die alten Judenprivilegien zu überwachen und neue zu erringen hatte, sondern auch die jüdischen Handwerker gegen die polnischlitauischen Zünfte schützte und die öffentliche Anerkennung der jüdischen Zunft durchsetzte. Obwohl diese Zunft sich unter der Oberaufsicht der Kahalverwaltung herausbildete rmd zur Selbständigkeit niemals emporschlvang, sind die Verdienste des „Kahals" auf dem Gebiete der Handwerkerpolitik bedeutend. Daran ändert auch die Tatsache nichts, daß die Kahalverloaitung int Laufe der Zeit in eine selbstsüchtige Cliquenherrschaft, in „eine drückende Oligarchie", ausartete. Als dann im Jahre 1772 mit der Teilung Polens, bei der das größte Gebiet des heutigen jüdischen 'Ansiedlungsrayons unter russische Herrschaft kam, auch in der Kahalgeschichte eilt Wendepunkt eintrat und die von Peter dem (Großen inaugurierte merkeuttilistische _ Gewerbepolitik die Gewerbemonopole aushoö, die Zahlung einer Gewerbesteuer und nktr die Anerkennung seitens des „Kahals" zur gesetzlichen Voraussetzung eines Handwerksbetriebes machte, lvurde das jüdische Haudlverk vom „Kahal" unabhängig und seine

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