Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 34 (25.8.1905)
- Date
- 1905-08-25
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 34 Jüdisches Volksblatt Seite ü im nächsten Jahre in den Besitz der Kolonisten gelangen wird. Der neue Boden ist nur zu einem Drittel zum Getreidebau geeignet, während der Nest zur Anpflanzung von Oliven- und Mandelbäumen verwendet werden soll. E k r o n. Die Lage der Kolonisten itt Ekron hat sich auch in bicfcnt Jahre nicht zu verbessern vermocht. Die Erwerbung des Bodens von Mansurah, welche schon feit drei Jahren airgestrebt wird, itm dadurch die an Lcmdkimppheit leidende Kolonie zu sanieren, konnte noch nicht perfekt werden, so daß 13 Familien noch ihrer endgültigen Installierung harren. Aber selbst die bereits genügend mit Land versorgten 18 Farnilien haben ein sehr schlechtes Jahr gehabt. Die Ernte war iirfolge der Dürre schon von Hause aus sehr schlecht und das Vorhandene wurde überdies zum großen Teile von Feldmäusen geplündert, so daß die Getreideernte nur 17 OOO Francs gegen 38 000 im Vorjahre brachte. Die Olivenbäume haben infolge der Dürre sehr gelitten. Dagegen brachte die Seidenzucht 1803 gegen 1633 Francs im Vorjahre und die Mandeln ihre erste Ernte in Höhe von 3370 Francs. Trotz dieser Mindereinnahme wollte die Negierung den „Zehnten" nicht nur nicht herabsetzen, sondern sie steigerte ihn auf 13 693 Francs, von denen 3066 gleich 27 Prozent bezahlt werden mußten:. Endlich hat auch die Rinderpest unter den Viehherden der Kolonisten eine wahre Verwüstung anperichtet. Von 306 Stück Hornvieh erkrankten 171 und verendeten 127 Stück. Auch P c t a ch T i k w a h hat unter der: ungünstigen Verhältnissen schwer zu leiden. Der Wein brachte nur 107 867 gegen 134 220 Francs im Vorjahre. Das Getreide, mit dein 390 Hektar bestellt wurden, ergab 26720 gegen 0 Francs im Vorjahre (Sch'mitahjahr) und 26 000 Francs im Jahre 1902. Eine solche Einnahme würde für eine Bevölkerung von 882 Seelen bei weitem nicht ausreichen, wenn nicht die sich in Petach Tiklvah befindende!: Orangerien im Umfange von 116 Hektar wären, von denen 94 Hektar bereits Früchte trugen und 24 349 Kisten brachten. Infolge der Mißernte in Spanien und Sizilien konnte die Kiste mit 3,8 Francs verkauft werden, so daß die Orangerien, eine Gesamteinnahme von 92 400 Francs ergaben. Für das nächste Jahr rechnet inan auf eine Ernte von 40 000 Kisten, die, zum regulären Preise von 3,12 Francs verkauft, 124 800 Francs einbringen dürsten. Petach Tikwah, dessen Bevölkerung 20 Jahre hindurch als untüchtige „Jerusalemiter" und „Chalukamänner" verschrie!: wurde, ist binnen weniger Jahre infolge der Orangenkultur zu einer blühenden Kolonie geworden, vor deren Glanz selbst Rischon le Zion, das Zentrum des jüdischen Weinbaues in Palästina, verblaßt. Der Orangenbau ist so lukrativ, daß die Einnahinen ans demselben auf 1800—2000 Francs pro Hektar bei einen: einmaligen Kostenaufwande vm: 8000 bis 10 000 Francs pro Hektar berechnet wird; demnach bringt der Orangenbau eine Verzinsung von 20 Prozent. Wir wollen diese Tatsache so laut betonen, daß sie den jüdischen Mäcenen zu Ohren kommt. Hier bietet sich ihnen einmal eine Gelegenheit, ihre privaten Interessen mit den Interessen ihres unterdrückten, der Hilfe so sehr bedürftigen Volkes zu verknüpfen. Die Kolonisten von Petach Tikwah liefern auch den besten Beweis dafür, daß das Glück tüchtig und unteruehinungslustig macht. Wer hätte es vor zehn Jahrei: geglaubt, daß die „Dunkellnänuer und.Rückschrittler" von Petach Tiklvah, welche kein anderes Ideal kannten, als unter das Rothschildsche Protektorat zu gelangen, sich noch einmal als geradezu revolutionäre Landwirte zeige:: werden. Nicht nur drangen sie auf eine rationelle und moderne Art der Bearbeitung ihrer Orangerie!:, sie sind es auN gelvesen, die von allen Kolonisten Palästinas zuerst den ägyptischen Klee, den Mais und allerhand sonstige Futterpflanzen einfi'lhrten. In: Jahre 1904 hat Petach Tikwah die angrenzenden Ländereien Jehudije el Arab und Fedje im Umfange von 436 Hektar erworben. Dieses bildet im Vereine mit den bereits im Vorjahre in Jehudije erworbenen 319 Hektar sowie dem Ankäufe der der Jca noch in Käfer Saba gehörenden Parzelle von 126 Hektar einen Gesamtzuwachs von 880 Hektar, so daß Petach Tikwah gegenwärtig nicht weniger als 2120 Hektar umfaßt. Da die neu hinzugekommenen Terrains sandig und zun: Getreidebau wenig geeignet sind, sollen sie mit Reben und Mandelbaumen bepflanzt werden. Ein Garten von 61 Hektar Mandelbäumen und ein Weinberg im Umfange von 80 Hektar sind in: Berichtsjahre auf den neuer: Terrains angelegt lvorden. -('Schluß folgt.) Vermischte Nachrichten. Wer arbeitet in Palästina? Das Wiener katholische „Vaterland" schreibt am 11. August 1905: „Schon seit einiger Zeit entwickelt Italien eine lebhafte religiös-praktische Tätigkeit im Heiligen Lande und in anderen Ländern des ottomanischen Reiches. Sgr.Schiaparelli, Direktor des Altertümermuseums in Turin und Generalsekretär des italienischen Vereines für katholisches Missionsweseu, hat vor kurzem in Begleitung des Dolmetsches des italienischen Konsulats Palästina nach verschiedenen Richtungen durchreist und Grundstücke in Jerusalem, Jaffa, N a p l n s, Dschenin, Liberias gekauft zur Errichtung vonSchulen undlandwirtschaftlichen Waisenan st alten. Dem genannten italienischen Missionsvereine wurden kürzlich vom König Bittorio Emanuele zwölf Millionen Lire übergeben, welche China Italien ausbezahlt hatte als Entschädigung für die während des Boxeraufstandes getöteten und verwundeten italienischen Missionäre und die Verheerung der italienischen Missionsanstalten. Wenn auch diese Uebergabe nur einer strengen Forderung der Gerechtigkeit entsprach, darf man doch in der glatten Abwicklung der Sache ein Zeichen freundlicher Gesinnung des Monarchen und der ihn beratenden Staatsmänner gegen die Missionen sehen." Es ist immerhin interessant, daß König Viktor Emanuel seiner Palästinafreundlichkeit solchen wirksamen Ausdruck verleiht. Wichtiger ist aber die Frage, ob den verbohrten C h a r t e r i st e n noch immer nicht die Augen ausgehen, daß das Warten auf den Charter Palästina unwiderruflich Fremden in die Hände spielt!? Zur Vnkowinaer Landesschnl-Jnspektorenfrage. Zn dieser Frage lesen wir in der „Buk. Post": In der vorigen Dvnnerstagnummer (vorn 3. dö.) verlangen die „Bnkvwinaer Nachrichten", nachdem sie von der bevorstehenden Versetzung des Landesschulinspektors Dr. Karl Tumlirz nach Graz gesprochen und den Rumänen einen rumänischen, den Nnthenen einen rnthemschen Landesschulinspektor gnädigst znerkannt haben, für die Deutschen einen nrdenkschen „stramm nationalen" Nachfolger. Also mit anderen Worten: ein Christlich-Deutscher reinsten Wassers soll er sein, der, wie es in: ermähnten Artikel heißt, 1a nicht „indifferent und in nationalen Sachen nicht gleichgültig" sei. Und welche Schulen soll dieser urdentsche Landesschnlinspektvr inspizieren? Die Antwort ist sehr einfach: die deutschen Schulen. Sind aber auch diese nrdeuksch? In den Jähresprogranunen der einzelnen Mittelschulen, die uns gerade um diese Zeit sämtlich ausliegen, findet man freilich unter „deutsche Muttersprache" überall eine sehr stattliche Schülerzahl verzeichnet, doch da sind deutsche und israelitische Schüler friedlich zufarnlnensnmmiert. »Wie, wenn wir uns die Mühe nehmen, eine reinliche Scheidung der Israelitischen von den „deutschen" Schülern durchzuführen? Ein sehr überraschendes Resultat tritt uns dann zutage: wir finden, daß die.Zahl der israelitischen Schüler mitunter das Sechsfache, durchschnittlich aber ohne Zlveifel das Dreifache der deutschen Schülerzahl ansmacht! Ungemein interessant ist eure solche Gegenüberstellung, die wir im folgenden geben wollen: Israelitische -S ch ü l e r : 1. Staatsgymn. 175 nahezu 60% der Gesamtzahl Filiale .... 107 also 88% „ 2. Staatsgymn. 178 „ 26% „ „ Realschule . . 366 „ 64% „ Nadantz . . . 208 „ 55% „ Sereth ... 202 „ 55% „ Suczawa . . 191 „ 80% „ „ Summe 1707 israelitische Schüler, also 46% aller Schüler. Nein deutsche S ch ü l e r: 1. Siaatsgynm. . 171 also 21% der Gesamtzahl Filiale .... 30 „ 9% „ 2. Staatsgymn. . 91 „ 18% „ „ Realschule ... 62 „ 11% „ „ 'Nadantz .... 93 „ 25% „ „ Sereth .... 82 „ 22% „ „ Suczawa ... 66 „ 10% „ „ Summe 596 deutsche Schüler, also lft% der Gesamtzahl. Da führen die Zahlen eine überaus beredte Sprache und unter solchen- Bewandnissen soll ein „stramm Nationaler" als Landesschulinspektor berufen werden, der — schon nur seiner Ueberzengnng und inneren Natur nicht untren zu werden — die Inden gän-zlich an die Wand drücken muß? Da müssen auch die Inden nvit den „Stachrichten" (im vorerwähnten Artikel) sagen: „Las werden wir uns nicht gefasten lassen." Bei einer so immensen Schülerzahl, bei so einein grasten Prozentsatz, ferner bei einer jo ansehnlichen Zahl jüdischer Mitielschullehrer — es gibt deren in der Bukowina bis jetzt 21, abgesehen von den Neligivnslchrcrn, von denen an jeder Anstalt einer, mitunter zivei angestcllt sind — cs ist schon hoch an der Zeit, daß auch die Inden in der Schnlinspcktion gebührend berücksichtigt werden. Bor vier Jahren hatten die Nnthenen nicht einen Mittelschuldirettor anszuweisen, heute gibt es zwei rnthenische Mittclschnldircktvrcn und einen mit der Inspektion der rnthenischcn Volksschulen betrauten Professor. Wir mißgönnen es ihnen nicht: im. Gegenteile, mir glauben, daß ihnen noch mehr gebührt, nämlich: ein wirtlicher Landesfchnlinspektor. Die Nnmänen haben es schon früher verstanden, sich eine Position im Schulwesen zu schassen, nur die Juden wirft inan — wo es den Herren paßt — mit den christlichen Deutschen in einen Topf. Sonst aber, da separieren sich die Herren sehr strenge. Sie mögen nur separiert bleiben. Tann aber must voll gelten: Jedem das Seine! Auch die Inden sind vollkommen berechtigt, jüdische Mittelschnldirektoren und — für den Anfang — zu in mindesten einen jüdischen Adlatus des deutschen Landesschnlinspektors zu beanspruchen! Die jüdischen Schüler und die Judenschast können und dürfen nicht unter das Diktat eines deutsch-deutschen Landesschnlinspektors kommen. Sie tennendas Schicksal, das ihrer dann harrt, sie erfahren täglich, mit welcher Gehässigkeit sie von den stramm-dentschnationalen, d. h. antisemitischen Nassendeutschen behandelt werden. Wien. Der Schlußkonvent der jüdisch-akademischen Verbindung „Jvria" wählte zum Ferialleiter ing. Fedor Goldschneider, Mühr.-Ostrau, Brückengasse 3, wohin auch alle Zuschriften zu richten sind. Wien. (N e n c s B e t h a u s.) Der Tempelverein des 13. Bezirkes, der erst ein Jahr besteht, eröffnet zu den hohen Feiertagen in der Penz in g e r st ra ß e 132 ein neues Bethaus, welches aufs würdigste ausgestattet ist. Er gewann in Herrn Dr. Bertis ch einen gewandten Prediger, und in den Herren Gotthold F r i e d I ä n d c r und Salomon Lagodzinsky zwei begabte, künstlerisch ansgebilüete Bvrbeter. Die Tischlerarbeiten besorgte die Firma Brüder Popper. Alle sonstigen Arbeiten stammen ans ersten Arbeitsstätten. Der Verkauf der Betsitze beginnt am 10. September. Vormerkungen nimmt schon jetzt der Vorstand 13. Bez., Anhofstraße 222, entgegen. Die Freie zionistische Vereinigung (F. z. V.) für Böhmen in Prag Hat ihre erste Generalversammlung abgehalten und statutengemäß einen sechsgliedrigen Ausschuß gewählt, der sich folgenderuraßen tonstitnierte: Obmann: Herr JUDr. Leopold M e i s e l, 1. Obmaunstettvertreter: Herr Ncdaktenr Julius Löwy, 2. Obmannstellvertreter: Herr Ludwig P v p p e r, Kassier: Herr Fabrikant Anton Glaser, Sekretär: Herr kand. phil. Victor F r e n d, Beisitzer: Herr Fabrikant Leopold M a h l e r. Die F. z. V. hat die Organisation all der Gesinnungsgenossen zum Zwecke, denen keine Gelegenheit geboten ist, sich in einem Lokaloereine zu betätigen. Der Vereiiisleitung, deren Sitz Prag ist, liegt es ob, mit den einzelnen Mitgliedern einen innigen Kontakt zu erhallen. Die Mitglieder genießen den Vorteil einer Wanderbibliothek, die neben Organisationsoorschriften und Büchern der Parteit'iteratnr auch Werke vom Gebiete der jüdischen wissenschaftlichen, belletristischen und Knnstliteratnr umfaßt. Der Jahresbeitrag ist auf 5 Kronen festgesetzt) hiervon entfallen je 1 Krone auf Schekel- und Parteisteuer, mit 3 Kronen beteiligt sich jeder an der Bestreitung der Vcreinsbedürfnisse. Welchem Bedürfnisse diese neue Institution entgegenkommt, beweist der Umstand, daß die F. z. V. trotz ihres kurzen Bestandes bereits 63 Mitglieder zählt, wovon die meisten natürlich ans dem Laude wohnen. Erwähnenswert ist insbesondere, daß der 4. österreichische Parteitag allen Distrikten der Landesorganisativn das Beispiel der böhmischen Neugründnng zur Nachahmnng empfohlen hat. Marienbad. Um die zionistischen Abende auch in diesem Jahre mit Benützung der Erfahrungen des Vorjahres organisieren zn können, werden Gesinnungsgenossen, welche diesen Sommer Marienbad besuchen, hiermit aufgesvrdert, sich diesbezüglich mit Herrn Rabbiner Dr. Philipp Goldberger in Marienbad ins Einvernehmen zu setzen. Schriftliche Anfragen werden gerne beantwortet: die Sprechstunde ivird täglich (außer Samstag und Sonntag) von 2—3 Uhr im Hanse „Beethoven" gehalten. Hohes Alter. In Ja ros lau starb vor einigen Tagen Jakob L e i b k r n g im hohen Alter von 105 Jahren. Leibkrug war Handwerker und übte noch bis vor drei Jahren sein Handwerk ans. Rosenberg in Ungarn. Vorige Woche starb Hier nach langem Leiden der Ehrenpräsident der hiesigen israelitischen Kultnsgemeinde, Dr. Friedrich D n s ch n i tz. Das Begräbnis fand unter zahlreicher Beteiligung aller Gesellschaftsklasssen des Komitats statt. Petersburg. (Tod eines jüdischen Ionrnalisten.) In W i l k o m i r starb dieser Tage im Alter von 75 Jahren Israel Lewt. > Lewt war in den achtziger Jahren ln Petersburg