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Jüdisches Volksblatt · 1905-08-25 · 34 (25.8.1905) · p. Seite 3

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
34 (25.8.1905)
Date
1905-08-25
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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JNr. 31 Jüdischcs Volksblatt Seit*- des Kongresses durch die Juden Rußlands nicht die in: Gesamtjudeutum herrschende Stimmung voll zum Ausdrucke kommen konnte. Die Juden in den verschiedenen Ländern der Welt sind nicht auf den gleichen Ton gestimmt und nicht überall haben die Juden ganz dieselben Bedürfnisse, Interessen und sozialen Empfindungen. Ein Kongreß, der ein genaues Bild von der in der gefaulten Judenheit herrschenden Stimmung geben soll, der alle Nüancen zum Ansdrucke bringen will, itm aus allen Komponenten die richtigen Resultate zu ziehen, darf nicht auf den: absoluten Majoritäts- Prinzip, sondern muß auf einem gerechten Proportionalsystem beruhen. Ich denke mir das so, daß die Wahlen zum Kongresse nicht direkt erfolgen mögen, sondern daß bestimmt werde, wieviel Vertreter eine Landsmannschaft zu entsenden habe, worauf die Landeskonferenz die Wahl dieser Vertreter nach einem Proportionalsystem, so daß auch die in der Landsmannschaft vorhandenen Minoritäten zur Geltung kämen, vorzunehmcn hätte, lieber dieses Thema übrigens ein nächstes Mal mehr. Otto Kraus. (Gartenfest des Ostrauer „Zion. Mädchen- Vereines". — Das „Ostrauer Tagblatt" und die „Zionistischen Lausbuben". — Die Verteidigung der Jüdischnationalcn durch den „Ostravsky Dennik".) Mäh r.-O st r a u, 18. August. Sonntag den 13. ds. veranstaltete der hiesige Jüdische Mädchenverein sein erstes Sommerfest in den Gartenanlagen der Erbrichterei in Witkowitz. Der glänzende Verlauf desselben sowie der Massenbesuch überzeugten jedermann von der großen Popularität, die sich der junge Verein in so kurzer Zeit zu erwerben verstanden hat. Bunte Zelte, in denen unsere jüdischnationalen Mädchen Leckerbissen, Blumen und Coriandoli verkauften, gäbe:: dem Fest einen prächtig bunten Charakter. Ileberall wehten blauweiße Fähnlein und auch des Nationalfonds wurde überaus reichlich gedacht. Um das gelungene Zustandekommen des Festes machten sich verdient die Damen: Frl. Alter Manja, Beer Else, Berger Irma, Engländer, Engel Selma, Ebel Olga, Goldberger E., Königstein E., Krieger I., Läufer E., Langer, Levnovsky, Mahner, Mehler, Presser Ella und Waldapfel Irma, sowie die Heren jur. Beer, ing. Goldschneider, jur. Löw, Kühn,t Singer und ing. Reichenbaum. Das Fest lieferte so recht den Beweis, daß man sich in Ostrau auch ohne bcn Deutschen Schulverein und die sympathischer, menschlicher sind die anderen; aber Ludwig ist übermenschlich, er ist ein Genie. Er ist der Größte in dieser Dichtung, cr^ ist einer der Größten aller Zeiten: es ist ein Unsterblicher, der da 1886 gestorben ist ... . Und die Behörden erklärten, er sei wahnsinnig. Das Volk glaubte es damals nicht und will es auch hellte nicht glauben. Ich aber glaube an des Kölligs Wahilsinn, ich weiß bestimmt, daß dieser Llldwig irrsinnig war. Denn er war genial. Und daher null' er wahnsinnig gewesen sein. Nur durch Wahnsinn wird er erst zum Genie. Es ist ilicht die Theorie Lonlbrosos von der Verwandtschaft zwischen Genie und Irrsinn, es ist eine neue, eine eigene: in jedem Wahnsinn liegt etwas von genialer Größe — aber auch kein Genie ohne Wahnsinn!; da ist Edward Nieberding, ein weicher, sympathisch-kranker Charakter: ein leidend Moderner, ein schmerzbeglückter Dekadent, der tieftraurige Freude findet iiu Erdulden von pmchischen und physischen Schmerzen. Aber diese Schmerzen, diese Liebesschmerzen werden zu Wonnen für ihn, den Perversen. Ja, pervers ist er, so anziehend pervers . . . : er trinkt das Leben aus den Tiefen, wo andere Leute nur Finsternis gewahren, er findet Genüsse, lvo andere nur Narrheiten sehen; aber was anderen eine Labe, wird ihm zur Qual, die nährende Speise wird ihm zum Ekel, das Helle Licht des Tages verletzt feilt Träumerauge. Und eine so süße Schwäche beherrscht ihn . . . und aufrüttelnd dröhnt ihm die glänzende Tirade des Starke«, ins Ohr: jüdische „Aristokratie" unterhalten kann. Das Patronat über das Fest hatte in liebenswürdiger Weise Frau Lina K r a S n y übernommen. Dies der Tatbestand nnb gewiß würde sich so mancher Leser erstaunt fragen: „Wozu der Lärm?" Nun, die Sache hat eine Vorgeschichte und einen Epilog. Am Samstag, ein.Tag vor dein Fest, erschien im „Ostrauer Tagblatt" eilt Eingesendet in Versen, das ich der Kuriosität halber einerseits, andrerseits um die Kampfmethode der hiesigen „Deutschnationalen" zu charakterisieren, hierhersetzen will. Zions Söhne überall, rüstet euch zun: Gartenfest! Ist die Eil' an: Platz doch da, Sonntag ist ja schon das Fest. Ohne Säumen, Manit lind Frau, auf zur Richterei! Nur die Sorge laßt zu Haus, eilt, o eilt herbei! In dein Garten, Zelt und Laub, Schönheitskonkurrenz, Schaukeln, Musik findest du, Zirkus a la Renz. Tanz im Saal als letzte Lab' bns in des Morgens Früh', Ehrung an des Festes Ende, für die schönste Jungfrau hie. Nun auf zit Ftlß und auch zu Wagen, in die Nichterei nach Witkowitz! Liest man nun die fettgedruckten Lettern, so ergeben dieselben die an Unverfrorenheit grenzende Beleidigung: Zionisten Lausbuben! Nun ist zur Steuer der Wahrheit zu bemerken, daß im Gedichte des „Ostrauer Tagblatt" bloß die ersten Anfangsbuchstaben — also Zionisten — fettgedruckt waren. Es ist aber für die Findigkeit und skrupellose, redaktionelle Wirtschaft des redigierenden „Schriftleiters" bezeichnend, daß ihm diese versteckte Gemeinheit nicht allfgefallen ist, andrerseits er nicht vorher bei irgelld einer ziollistischen Persönlichkeit Erkundigungen einzog, bevor er das miserable Poem — selbst unter „Eingesendet" — abdrucken ließ. Oder war das Wort „Lausbuben" auch unterstrichen? Wie dem auch sei: Tatsache ist, daß diese Gemeinheit durch den „Scharfsinn" des „Schriftleiters" im „Ostrauer Tagblatt" abgedruckt wurde und daß tags darauf das hiesige Tschechenorgan „Ostravsky Dennik" in einem Leitartikel unter der Ueberschrift: „Ostrauer Tagblatt — gegen die Juden" die Sache aufdeckte und kräftig glossierte. Bei dieser Gelegenheit kann ich nicht umhin, dem „Ostravsky Dennik" für die wirklich stramme Verteidigung der Jüdischnationalen herzlichst zu danken. Und mag man auch als Motiv die Gegnerschaft zum deutschen Blatt in Betracht ziehen, so wird doch jeder Zionist die ehrlichen und entrüsteten Abwehrworte des „Ostravsky Dennik" voll und ganz unterschreiben, so z. B. „-Es ist all dies Mystische und Schwächliche, das über uns gekommen ist wie eine Krankheit, daß wir nicht mehr wissen, was Kraft oder Roheit oder wahrhafte Scham oder Unnatur ist. Sie sind Jude, Herr Nieberding. wie? Ich weiß es, ich hatte auch schon einiges über Sie gehört. Nun, Ihr Volk ist es, das uns dies Geschenk geinacht hat, Ihr arbeitsames, intelligentes, stets an Extremen bauendas Volk. Sie lieben nicht das Weib, sondern sie lieben die Liebe, nicht inehr die Selbstbetrachtung unb Selbstvervollkommnuug, . sondern das Quälerische, Zerstörende, Erniedrigende, alles, was Sie zum Märtyrer macht. Glauben Sie mir, glauben Sie einem, der viel erfahren und vielleicht ein wenig gedacht hot, es gibt viele von Ihrer Art. Es sind Flagellanten, unsere Flagellanten, und der Gott, vor dem sie sich geißeln, ist dieses wohlbekannte Ich, die Phrase vor: der Individualität, vor der jetzt alles auf den Knien rutscht. Uud wenn ich sage, die Juden sind Schuld, so ist das keine gedankenlose Anschuldigung von nur. Nicht jene alten Juden, die noch fromm sind, sie ftnb entweder ehrwürdig oder fomif«*' nein, die neuen, die sogenannten modernen Juden, die vollgesogen sind mit dem ganzen Geist und der Ueberkultur des Jahrhunderts, sie sind es. die mit ihrer inenschlichen Düsterkeit und ihrer geistigen Schärfe kommen, und ein Pseudochristentum aufrichten mit Gefühlskasteiungen, fleckenloser Liebe und dergleichen. Ich weiß es nur zu gut, es ist ein altes Erbe Ihres Volkes. Auch Christus war ja ein Jude."; wenn der Redakteur P o l i c a r schreibt: „Das sich philosemitisch geberdende „O. T." beleidigt die Blüte Israels, die Zionisten, durch eine unerhörte Impertinenz," und fragt zum Schluffe: „Was werden dazu die Jude,: sagen?" Darauf können wir ihn« sofort antworten: Sofort nach dem Erscheinen des Artikels des „O. D." begab sich der Obmann des Komitees in die Redaktion des „O. Tagblatt" und fragte nach dein Einsender; der Redakteur suchte sich anfangs hinter das Rcdaktionsgeheimnis zu verstecken und erst als der Obmann ihm bedeutete, daß für diese Rubrik die Redaktion keinerlei Verantwortung übernimmt, meinte der Redakteur, ' es sei anonym (?!) eingesendet worden. Also selbst die einfachste journalistische Regel, Anonymes in den Papierkorb lvandern zu lassen, kennt die Redaktion des „Ostrauer Tagblatt" nicht und findet es auch nicht der Mühe wert, sich vor seinen fast ausschließlich jüdischen Abonnenten zu entschuldigen. Da ist jeder Kommentar überflüssig. Die Ostrauer Judenschaft wird sich dieses Vorgehen für künftighin merken. Eingesendet. Olmütz, am 21. August 1905. Löbliche Redaktion! Ohne mich auf den § 19 des Paßgesetzes zu beziehen, stütze ich mich auf Ihre Loyalität, daß Sie geehrter Herr Redakteur, einem in feiner Ehre schwer angegriffenen und beleidigtet: Kultusbeamtetr die Spalten Ihres geschätzten Blattes zum Zwecke einer Berichtigung gegen das Eingesendet in Nr. 33 Ihres Blattes von: 18. August l. I., betreffend die hebräische Inschrift des hierorts aufgefundetten Grabsteines, zur Verfügung stellen werden. . Vorausschicken will ich, daß ich jede persönliche Spitze gegen den Einsender vermeiden und bloß das streng sachliche Moment des zu berichtigenden Falles im Auge behalten will. Die vott dem Einsender mir aufoktroyierte Lesart des Steilles *T"OKn wahrscheinlich: rrDKil W.m sodann: mn iw W8 unleserlich "81,1« ist unrichtig und fehlerhaft. Richtig ist vielmehr, daß ich laut vorliegender Nr. 28 der „Oesterreichischen Wochenschrift" vom 14. Juli 1905, Seite 444, folgendes schrieb: „Die noch vorhandenen, stark verwitterten Buchstaben: Da sind all die andern, die uns greifbar deutlich aus dem Roman entgegentreten: Fanny, das schon geschilderte Weib Bojefens, Corncly, die zärtliche, aufopfernde Schwester Nieberdings, die ihren Bruder liebt, schwärmerisch, glühend, rasend, aber nicht wie einen Bruder . . ., klein Sema, der Sohn des großen Königs, der gequälte jüdische Waisenknabe, das Märchenkind mit den wunderschweren Geigelltönen — alle, alle! In dem Roman gibt es keine Nebenpersonen. Und in der wahren Dichtung, der echten, darf es ja allch keine geben. Die Charaktere sind alle mit gleicher Liebe plastisch herausgearbeitet, jeder einaelnc in sich ein Menschenschicksal tragend und vollendend. Mit wenigen Ausnahnten sind es „Gestalten, deren Seele das reinste und empfänglichste Jnstrllnlent ist für das unbegreifliche Spiel des Schicksals". Vor allein hat einer diese tönende, bebende Seele: Agathon Geyer, der Held des großangelegten, großzügigen Romanes. Den zu charakterisieren, fühle ich mich nicht berufen. Mit ein paar Worten kann ich diesen außerordentlichen Menschen dieses außerordentlichen Buches nicht abtun und wollte ich dementsprechend mehr über ihn schreiben, so hätte ich oiel, viel zu sagen; Wassermann hat ein ganzes großes Buch gebraucht, um ihn zu zeichnen zu malen. In Agathon lernen wir einen Juden kennen, „der das herrlichste Menschenexettkplar ist, das man finden kann, um und um. Alle

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