Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 34 (25.8.1905)
- Date
- 1905-08-25
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Jüdisches Volksblatt Nr. 34 bilden, mit der einzigen Aufgabe, diesen Gesetzentwurf votieren 31t lassen. Dies müßte die Majorität des Reichstages akzeptieren, da sie dazu moralisch verpflichtet ist, weil sie mit der Parole des allgemeinen Wahlrechtes in den Wahlkampf gezogen ist. Sollte sie sich aber dessen weigern, dann ist wohl eine Lösung der Krise auf gesetzlichem Wege schwer möglich. Die ungarische Frage hat aufgehört, eine Rechtsfrage zu sein, sie wird allmählich eine Machtfrage — wenn sic es nicht schon geworden ist. H. K. Der siebente Zionistenkongreß. III. Nach den bisherigen Ausführungen könnte es vielleicht den Anschein erwecken, als verurteile ich beit Zionismus an sich; als wollte ich behaupten, nur der von den Territorialisten eingeschlagene Weg sei der richtige, ihr Ziel allein bedeute die Befreiung aus leiblicher und seelischer Judennot. Nichts liegt mir ferner als das. Ich will nur, daß an allen Seiten angefaßt werde, daß kein Mittel unversucht bleibe, das uns dein Ziele näher bringen kann. Und nur aus dieser Erwägung heraus scheint mir die auf dem jüngsten Kongresse gefaßte Resolution, die unser Wirken auf ein einziges Gebiet einengt, verhängnisvoll. Aus demselben beschränkten Gesichtswinkel heraus wie jetzt auf dem Kongresse wurde seinerzeit von orthodoxer zionistischer Seite jede politische Gegenwartsarbcit verurteilt. Derselbe politischeKonservatismus war am Werke, als beispielsweise in Oesterreich der Jüdischen Volkspartei Krieg auf Leben und Tod erklärt wurde, wie jetzt, da die Bestrebungen der Territorialisten als der jüdischen Renaissance schädlich hingestellt werden. Und nicht gegen den Zionc- Zionismus, sondern gegen die konservativen Politiker, die den Zione-Zionismus als das allein Seligmachende hinstellen, muß nur jeder wahrhaft politische Zionist, sondern jeder Jude, dem die Lösung der Judenfrage am Herzen liegt, auf das entschiedenste ankämpfen. Der Kampf der Zionisten, die durch die jüngste Kongreßresolution in die Opposition gedrängt wurden, muß dahin gehen, den Geist der Toleranz in unseren Reihen einzubürgern. Jeder Arbeiter muß uns willkommen sein, wenn er dasselbe Ziel anstrebt wie wir: die L ö s u n g der I u d e n f r a g e. Das hat auch Nordau erkannt, da er verkündete, dem Schekelfordernden dürfe nur die Frage vorgelegt werden, ob er das Baseler Programm akzeptiere; der Gefragte aber sei nur mit „Ja" oder „Nein" zu antworten verpflichtet. Damit hat Nordau wieder beit Rahmen erweitert, den — ich behaupte dennoch, man könne den Juden Jakob Wassermann und den ehemaligen protestantischen Pastor Gustav Frcnssen treffend miteinander vergleichen. — Und ich glaube, das muß jedem .Kenner der „Juden von Zirndorf" in den Sinn kommen, wenn er „Jörn Uhl" oder „Die drei Getreuen" liest. Zirndorf, eigentlich „Zionsdorf", liegt in unmittelbarer Nähe von Fürth, des Dichters Geburtsort, oder „Ferth", wie die Juden von Zirndorf den Namen aussprechen. Und diese Menschen in Zirndorf, die kenne ich alle; und wenn ich doch einen noch nicht kennen sollte, so werde ich ihn kennen lernen, denn diese Menschen leben. Eines Tages werde ich einem von ihnen begegnen und „Ah, da ist er ja!" rufen; und dann verlegen mich entschuldigen: „Ja, Sie kennen mich allerdings nicht, aber Jakob Wassermann hat Sie mir schon vorgestellt." Ich kenne sie, denn ich lebe unter ihnen; seht doch: da ist Stefan Gndstikker, der vielgelesene Schriftsteller lind schuftige Mensch; der Schurke, der manchmal große Gedanken hat; die Lüge selbst, mit ihrer ganzen brutalen Unbekümmertheit. Glätte und Spitzfindigkeit, Zähigkeit, scheinheiliger Ernst: jüdisch, in des Wortes häßlichstem Sinne; da ist Erich Vojesen, der edle Mensch; der Lehrer mit dem warmen Herzen, der Liebesbedtzrftige mit der sehnenden Seele: von seinem Lehrstuhle wird er verjagt durch Muckergesindel, das sich Jugendbildner nennen läßt; Ussischkin zu straff spannte, und als weitblickender Politiker unserer Bewegung eilten unschätzbaren Dienst erwiesen. Dadurch loird ermöglicht, daß alle jene in der Partei bleiben, denen das ideale Endziel der Nationalstaat in Palästina ist, die aber über den Weg, der zur Erreichung dieses Endzieles führt, anderer Meinntig sind als Herr Ussischkin. In dieser Entscheidung, die Nordau in der Sitzung des A.-C. nur mit schwerer Mühe durchgesetzt haben soll, manifestiert sich ein Geist, der auch die Ueberzcugung des Andersnteiitenden respektiert. So lvie wir, die einerseits in der Erlaitguvg eines Teritoriums ein geeignetes Mittel sehen, dein Eltdziele näherzukonunen, andrerseits das Territorium auch als Zweck wolleit, weil es hunderttausende unserer Brüder vor ökonomischem und politischem llittergange rettet, so wie tvir nicht lvollen, daß unser auf die Erlangung eines außerhalb Palästinas gelegenen Territoriuins gerichtetes Wirken verfemt und als nichtzionistisch bezeichnet werde, so dürfen tvir auch das Wirken feiler nicht hemmen, die durch diploumtische, kolonisatorische oder innerpalästinensische Kulturarbeit Palästiila direkt erlangen wolleil. Ja, tvir müssen vielnlehr, soweit cs in unserell Kräften liegt, auch diese Tätigkeit unserer Geilossen tatkräftig fördern, selbst wenn unsere Hoffnung nicht groß ist, daß diese Tätigkeit einen u n in i t t e l b a r e n Erfolg haben kann. Denn vielleicht irren wir und jene haben recht, lind da wir beide dasselbe Endziel wollen — ich betone noch einnial: dieses Endziel kann und darf nur das ciue sein, die Lösung der Judenfrage — müssen tvir überall anfassen. Darum haben jene Territorialisten unrecht, die Palästina perhorreszicren. Sic begehen damit denselben Fehler wie Ussischkin, wobei allerdings zu berücksichtigen ist, daß sie die Provozierten sind; daß die Unduldsamkeit jener, die jegliches territorialistisches Streben verfemten, sie auf diesen engherzigen Standpunkt gedrängt hat. Was ilns jetzt vor allem nottnt, ist die Zusamenfassilng aller jüdischen Kräfte und die Schaffiing einer möglichst breiten Basis, um unserer Idee auch die Arbeit jener nutzbar zu niachen, die bisher nicht in unseren Reihen kämpften. Wir fordern Toleranz, und wir müssen tolerant sein. Es war ein arger Fehler, daß tvir uns deii großeli philanthropischen jüdischen Organisationen gewissermaßen, Qcgncrisch gcgcnüberstellten und daß wir nicht mehr Mühe darauf verwendeten, die KnltusgemekNden zu erobern. Unser Kampf gegen die assimilatorischen Bestrebungen der Nichtzionisten hätte weniger aggressiv fein und in positiver Hinsicht mehr leisten rnüssen. Welliger Polemik und mehr praktische Tagesarbeit. Der seine Liebe, seine wahnsinnige Liebe wird von einem seltsamen Weibe zurückgestoßen, von einem Weibe, das ihn lächelnd, küssend verachtet; und an eine Frau ist er gebunden, die schön ist, jung, anmutig; aber er ist gekettet an sic, weil sie „llicht hungrig wird an ihrem Körper. Sie hat kein Verlangen, liebt seelisch und wie die schönen Diilge alle heißen, iiennt es Schmiltz, wenn sich die Leiber vereinigell, tvie cs die Natur sanktioiliert hat". Und dieser prächtige Mensch sinkt durch dieses sein Verhängnis immer tiefer . . . Kismet! und er sinkt uiid sinkt und taumelt durch nachtfeuchte Gassen, „Hurra!" die Schnapsflasche im Arm, und endet in der Gosse; da ist Geannette, die sonderbare, ehemals Dirnenjungfrau, unberührte Becchantin: rinn „Tänzerin" ... Sie wandelt einen seltsamen, fremden Weg: Des reichen Baron Löwengaards Tochter ist sie; mühsani zwingt sie ihre Natur nieder, denn ihr nachzugeben wäre ja „ilicht standesgemäß" gewesen! Aber im Herzen, geistig, ist sie schon längst zur Dirne herabgesunken in diesem entsetzlichen, cntnerveilden Kampfe gegen ihr eigenes Ich. Uiid wie nun ihr Vater sie zwillgen will, einem Greise sich zu verkaufen, da komnlt es 311 n 1 Bruche. Sie wird eine der vielen europäischen Bajaderen: sie hält sich eine Zeitlang auch in Paris auf, sie wälzt sich in wüsteni, betäubtem Taumeltanz von Sünde zu Sünde, sie verkauft sich dem Laster und lacht und lacht . . . Und so gleitet sie haltlos nach unten und will andere mit sich ziehen: und bei Bojesen gelingt Zioilismus dürfte keine durch Dogilien eingeeilgte Partei fein wollen, sondern mußte mit allen Mitteln darnach streben, eine allumfassende jüdische Volksbewegung zu werden. Wir durften nicht so revolutionär sein, sondern mußten vielmehr evolutionistisch denken. Evolntionistisch denken aber heißt das Begreifen deffeil, daß nur etappenlveife das Eildziel erreicht iuerbeit kann und ilicht mit einem Sprung aus tiefster Nacht in die helle Mittagssonne. Daß gerade Wolffsohil zuni Leiter der Betvegullg gewählt wurde, erweckt in mir die Hoffnung, daß der uns voll Ussischkin zugefügte Schaden reparabel fein werde. Wolffsohn unterhält gute Beziehungen zu ben großen philanthropischen Gesellschaften mld es darf gehofft lverdell, daß er Persönlich seine Unterstützung llicht versageil wird jenen, die trotz der Ussischkinschen Resolution die Judenfragc durch die Erlangung eines außerhalb Palästinas gelegenen Territorilinls llicht lösen, aber doch die Lösung anbahnen wollen. Er ist ein Marin, der als Kaufmann mitten im Leben steht und darunl wohl starrer Dogmatik weniger zugänglich ist. Und gerade weil er einer der intimsten Freunde Herzls war, darf gehofft werden, daß er die Fehler Herzls ilicht niachen werde, der, wie jedes Genie, leider auch in feinen Irrungen groß war. Der, weil er selbst groß uiid stark war, wähnte, auch die hinter ihm Stehenden seien groß und stark. Wolffsohn, der Manil der praktischen Arbeit, wird seine Augen vor der Tatsache nicht verschließeil, daß wir, ein in hunderte Meinungsfraktionen zerklüftetes, in nationalen Dingen zum großen Teil indifferelltes Volk, noch schwach und dekadent sind, und wird nicht im Nameil voll nlißgeachtcten Schwächlingen diplomatisiereil wollen. Er wird begreifen, daß wir vor allein st a r k werden müssen, um auch nur die bescheidenste unserer Forderungen zu erringe n. Auf welche Weise wir nicht stark werden können, das hat der Kongreß gezeigt. Bevor ich diese Ausführungen schließe, möchte ich noch einiges über die Zusammensetzung des Kongresses sagell. Schoil der erste Eindruck, den mail gewann, locnn man das Kongreßhaus betrat, war der eriles r u s s i - s ch e il Kongresses. Alles sprach russisch und auch — heute darf man es wohl sagen — die Umgangsformen der meiften Kongreßteilnehmer waren russisch. Eine intensivere politische Erziehuilg unserer Genossen aus dem Osten würde Szenen verinieden habeil, wie sie sich zum Schadeil uilserer Sache auf dem Kongreß ereigneten. Aber fast möchte ich sagen, dieses äußerliche, locnn auch noch so störende Moment sei von geringer Bedeutung gegenüber dem Umstande, daß durch die Majorisierung es ihr uild bei dem Helden des Romans gelingt es ihr nicht; so besudelt sie den, der sauber, so ächtet sie den, der echt . . . Mer einmal noch rafft sie sich empor: in ihrer Liebe, in ihrer denlütigen Verehrung für den König, dessen Geliebte sie werden soll. „Unsterbliche hebeil verlorene Kinder Mit feurigen Arillen zum Hinlmel empor." Aber der König, der ihrem Leben Jilhalt gegeben hätte, stirbt und sie starrt ins Leere, schaudernd, mit verloreilem Auge .... Da ist dieser König selbst, für die Freude geboren, ein Somlenköilig, ein Heliogabal; so groß, so stark ist er und so gar llicht verstanden wird er. Enttäuscht ist er uild zerinartert und ein Ankläger der Menschheit, uild eine tiefe Leere brennt in feinem Herzen. Und er kann es so länger nicht ertragen und verblutet . . . tötet sich oder wird getötet: ein See. — Wir kennen diesen großen König; kein Denkrnal „verewigt" seine Züge, aber er lebt fort im Herzen seines Volkes, das ihn abgöttisch liebt. Und nach hnnderteil von Jahren noch wird das Lied voil seiner somligen Größe den Kindeskindeskindern kliilgen und die spätesten Geschlechter lloch werden den Nanlen Ludwigs II. tvie einen geheiligten aussprechen. Ueber den Tod dieses Bahernkönigs breitet sich der Schleier geheimnisvollen Dunkels; vielleicht wird der Historiker in künftigen Jahrzehnten Klarheit in den seltsamen Vorfall bringen; vielleicht wird auch hier die Weltgeschichte zum Weltgericht werden .... Es sind mir andere Charaktere in dem Roman