Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 34 (25.8.1905)
- Date
- 1905-08-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Redaktion: IX/1, Wafagasse 31. Telephon Nr. 1472». Sprechstunden r Kn Wochentagen von 4 bis 6 Uhr nachm. Postadresse: Jüdisches «olkSblatt. Wien. IX)I. Beschwerden wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbittm wir uns dringend. — lUanuttrlpte werden nicht xtirflckacttcm. Postfparkaflen-Konto 847037. In das Abonnement kann man täglich eintreten. Erscheint jeden Freitag. Ejgrnljimr und Hrrimsgröer: IaKod Kraus;. Inserate übernehmen di« firmen: M. vukes Nachf., kjaasenstein & Vogler, Rudolf Masse, M. pozsonqi, N. Schale! in Wien, ferner alle Annoncen« Expeditionen im Ruslande. Einzel -Nummer in Wien SV Heller. Administration: IX/1, Wasagaffe 31. Telephon Nr. 14783. Abonnements » PreiSr Für Wien u. Oesterreich- Ungar« s. Frankozustellung: Ganzjährig. Halbjährig . Vierteljährig . K 12.- .K «.- .K 8- FiirdaS gesamte AuSlaub samt Frankozustellung: Ganzjährig ... X 13.0« Halbjährig . . . K 0.3» Bierteljährig . . . K L.4S Verschleißstellen unseres Blattes, in welchen auch Abonnements entgegengenommen werden: Hermann Goldschmidt, Wien, I. Wollzeile 11; Verlag „Zion" Wien, II/3, Stefaniestraße 12; Robert Weiß, Wien, I. Jakobergasse 7. Ur. 34. Wie«. 25. A«g«st 1905 (24. Ab 5665). VII. Jahrgang. Kossuth von den ch r i st l i ch s o z i a l e n Arbeitern bejubelt wird und verschiedene Blätter der Koalition, speziell die volksparteilichen, eine unverhüllt antisemitische Sprache führen. Ungarn steht am Vorabend ernster Ereignisse. Die ausgerollte Frage des allgemeinen Wahlrechtes wird nicht mehr von der Tagesordnung verschwinden und dadurch auch die ungarische Nationalitätenfrage der nichtmagyarischen Völker eine brennende. Es ist daher nicht uninteressant für unsere Leser, die Auffassussng eines ungarischen Reichstagsabgeordneten nicht magyarischer Zunge kennen zu lernen, um so mehr, als diese sich so ziemlich mit derjenigen der deutschslawisch-rumäuischen Vevölkerungsmehrheit in den Ländern der St. S t e p h a n s k r o n e deckt. Die „Allgemeine Österreichische Zentralkorrespondenz" veröffentlicht aus der Feder des rumänischen Reichstagsobgeordneten Dr. W l a d über die ungarische Krise folgendes Urteil: Zur Lösung der Krise auf gesetzlichem Wege ist meiner Meinung nach keine Verfassungsrevisiion nötig; es genügt die sofortige Einführung des allgemeinen Wahlrechtes. Freilich müßte dann sogleich die A u fl ö s u n g des ungarischen Reichstages erfolgen, damit die Meinung des ganzen Landes in den strittigen Fragen zum Ausdrucke komme. Zu diesem Zwecke müßte das einzuführende Wahlgesetz jedem Staatsbürger ohne Standes- und Sprachenunterschied das Wahlrecht sichern, was ein großer Teil der Koalition nicht will. Die Helden der Koalition möchten nämlich ein Wahlrecht haben, das den magyarischen Elementen das allgemeine Wahlrecht sichert, die nicht magyarischen Nationalitäten aber gänzlich vom Wahlrecht ausschließt. Zu diesem Zwecke will die Kossuth- und die „Neue Partei" das Wahlrecht nur denen zusprechen, die der ungarischen Sprache kundig sind. Dadurch würde die nicht magyarische Hälfte des Landes ihrer politischen Rechte gänzlich beraubt und die Allmacht der Kofsuthpartei für immer gesichert. Die nationalistischen Abgeordneten des ungarischen Reichstages haben schon in ihrem Adreßentwurfe darauf hingewiesen, daß sie eine beruhigende und friedliche Lösung nur von einem auf Basis des allgemeinen Wahlrechtes gewählten Reichstag erwarten. Es ist daher selbstverständlich, daß ich in der Absicht des ungarischen Ministers des Innern K r i st o f f y, der Verwirrung im ungarischen Reichstage durch Einführung des allgemeinen Wahlrechtes ein Ende zu machen, das richtige Mittel erblicke. Wir würden den diesbezüglichen Antrag, wenn er im Reichstag eingebracht würde, mit Freuden begrüßen. Daß es Minister K r i st o f f y mit seinem Antrag ernst meint, bezweifle ich nach seiner kategorischen Erklärung nicht, dagegen kann man mit Bestimmtheit sagen, daß die Koalition einen solchen Antrag mit der Motivierung ablehnen würde, sie wolle mit der gesetzwidrigen Negierung nichts gemein haben. In diesem Falle sollte die Koalition aufgefordert werden, eine ad Hoc-Regierung zu Zur Krise in Ungarn. Was wir seit Jahren im „Jüdischen Volksblatt" voraussagten, ist eingctroffen: Die böhmische Frage ist in den Hintergrund gedrängt worden durch die u n - g a r i s ch e. Jenseits der Leitha vollzieht sich nun — und auch das haben wir vorausgesagt — derselbe Entwicklungsprozeß wie in Zisleithanien. Die liberale Partei hat auch unter den Magyaren abgewirtschaftet und wie in Westösterreich, so sind nun auch in Ungarn ihre Erben die Chauvinisten, Klerikalen, Antisemiten und sonstige Reaktionäre. Im ungarischen Reichstage herrscht jetzt derselbe Wirrwarr, wie im zisleithanischen Abgeordnetenhause, und wie diesseits der Leitha Graf T a a f f e als letzten Trumpf geegn die nationalen Demagogen das allgemeine Wahlrecht ausspielte, so tut es nun in Ungarn der Minister des Innern K r ift o f f y. - So wie damals die sonst uneinigen Politiker von rechts und links zum Sturze Taaffes sich verbanden, gerade so sind heute die T i s z a, B a n f f y, A p P o n y i und K o s s u t h einig gegen — das allgemeine Wahlrecht in Ungarn, das gar bald der Herrlichkeit der Koalitionsmehrheit im ungarischen Reichstage ein Ende zu machen droht. Die Jude n Ungarns aber leisten heute mit derselben Verblendung der Koalition Heeresfolge, wie seinerzeit in Westösterreich der „Vereinigten Linken", trotzdem in derselben Koalition die ungarischen Klerikalen sich befinden, trotzdem Herr Die Juden ho« Zirndorf. ^Noman von Jakob Wassermann. Paris, Leipzig, München. Verlag Albert Lange n.) Statt langweilige biographische Daten über Jakob Wassermann zu bringen, will ich den Dichter selbst über sich sprechen lassen. Als sein Münchener Verleger Albert Langen im Vorjahre zum zehnjährigen Jubiläum der Firma einen künstlerisch wertvollen Katalog*) herausgab, ersuchte er die Schriftsteller seines Verlages um kurzgefaßte Selbstbiographien. Jakob Wassermann schrieb ihm: „Ich bin am 10. März 1873 zu Fürth in Franken geboren. Das ist der einzige vernünftige und haltbare Satz, den ich beim Nachdenken über eine Selbstbiographie zustande bringe. Ich kann mich dem Eindrücke nicht entziehen, daß jede weitere Angabe von Daten und die Bestimmung verineintlicher Epochen etwas Fragwürdiges, ja Lächerliches wäre. Und verließe man die Linie bürgerlicher Lebensabgrenzung, wo wollte man da Grenzen finden: dieser eine Tag ist mehr als jenes Jahrzehnt und irgend ein unvergeßliches, aber äußerlich bedeutungsloses Bild aus ferner Vergangenheit hat vielleicht einen tieferen Einfluß auf das innere Leben geübt als Jahre der Not. *) Albert Lanaens Berlagskataloa (1864 bis 1804). 86 Sekbstbiogvap'üierl der Verlagsautoren; 57 Karikaturen von O. Gulbransfon und TH. Th. Heine. München 1604. In solchem Sinne die eigene Existenz zu betrachten, heißt sie zu einer Welt für sich umschaffen; daneben ist jede kalendarische Notiz belanglos. Vielleicht vermag nur der trockene Pedant zurückschauend seinen Weg zu erkennen und zu deuten; die anderen sehen nur ein Finsteres, aus der sie zaghaft verzerrte oder verklärte Träume pflücken. An Tatsachen ist mein Leben nicht arm, doch wollte ich es unternehmen, sie nebeneinander aufzustellen und zu sagen: „das habe-ich erlebt," so müßte ich hinzufügen: eigentlich ist es nicht wahr, Tatsachen lügen. Die Ereignisse, für sich genommen, erinnern an eine soldatische Paradekolonne, sie sind uniformiert zugunsten einer Idee, sie sind gesichtslos. llnd um das andere zu geben, dazu habe ich cs eben unternommen, Bücher zu schreiben. Gelingt es mir in ihnen nicht, der Richter und Zusammenfasser meines „Lebens" zu sein, dann müßte ich als letzten Ausweg allerdings den Kalender tvählen. Ich entsinne mich eines alten Invaliden, den ich in meiner Kindheit kannte. Er wohnte in einen: Dorf im Altinühltal, ärmlich und einsam. So oft wir Knaben ihn bestürmten, er solle uns seine Erlebnisse aus dem Krieg erzählen, schüttelte er lächelnd den Kopf und antwortete: ich habe alles vergessen. Als aber einst im Wirtshaus ein zugereister Schwadroneur seine erlogenen Abenteuer aus dem Feldzuge zum Besten gab, stand mein Invalide auf und rief: „Schämst du dich nicht, für das Vaterland zu lügen? Sieh mich an, ich schäme mich sogar, die Wahrheit zu sagen." Nun will ich aber nicht länger bei dem Menschen Wassermann verweilen, obgleich er als solcher und als Dichter eine gleich interessante Physiognomie zeigt, sondern auf sein Werk eingehen. „Die Juden von Zirndorf." Ein Roman. Zuerst ein „Vorspiel". Dann die Erzählung selbst. Wenn „Die Juden von Zirndorf" kein Roman wäre, es würde ein Drama sein. Eine Tragödie. Die Tragödie des modernen Juden. Und wie erzählt Wassermann dieses Judenschicksal! Mit welchen Mitteln der Darstellung! Er ist in jungen Jahren ein Meister geworden in der Kunst der Erzählung, über die er auck) ein Buch geschrieben. Er wendet nicht nur im Dialog, sondern vielfach auch in der ruhigen Darstellung jüdische Wendungen an, wodurch sein Roman eben das eigenartige, typisch jüdische Gepräge erhält. „Die Rosenaus Mädchen" sagt er oft, und er gebraucht mancherlei sonderbare, aber stets wirkungsvolle Vergleiche, gemäß der bilderreiche!: Sprache des Orients. Und durch Zusammenwirkung dieser Wassermannschen Eigenarten wird die Darstellung eines Kirchenbrandes erreicht (Seite 374 bis 380), der ich in der modernen deutschen Romanliteratur nur die Schilderung der Schlacht bei Gravelotte in Gustav Frenssens „Jörn Uhl "zur Seite stellen möchte. Ueberhaupt: so grundverschieden ihre Ueberzeugung, ihre Weltanschauung, ihre Religion, ihr Stoffkreis, ihre Technik sein mögen