Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 33 (18.8.1905)
- Date
- 1905-08-18
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2432763-2433077-2433110--3126-2437054- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 33 Jüdisches Volksblatt feeft cifte, das; es ihm noch gelingen möge, f i ch c i n e u f ii h i g e n, v e tl ä ß l i ch e n N a chtu it ch s 3 u v c i* s ch n f f e n, der sich mich in späten Jahren noch der bewußten Leitung des dann greisen Führers nnterordnen möge, um nachher, durch Rat und Erfahrung gestärkt, die von Dr. Strancher so schön geschaffene Position der Juden int Lande erbalten 311 können. Jnsolange Dr. Strancher die Juden des Landes führt, ist ein erfolgreiches Vorivärtsfchreiten derselben gewiß und darum vereinigen sich alle Wünsche, daß dieser Mann der Judenschaft und dem Lande noch lange erhalten bleiben möge." Der Rattenfänger von Portsmouth. Es ist eine eigentümliche Erscheinung, daß innerhalb der allgemeinen Verachtung, die Rußland am Kontinente sich zu verschaffen wußte (die Achtung der Herren Vergani, Schneider und Pater Schacher ist ein geringer Ersatz dafür), ein Mann in der europäischen Tagespresse, an deren Einfluß wenigstens einige Leser glauben, nicht genug gelobt werden kann. Es ist dies Herr v. Witte. Selbst der spröde Maximilian Harden alias Witkowsky der mit solchem Erfolge Männerstolz vor Königsthronen posiert, wird eitel Wachs, fast hätte ich gesagt, Butter, wenn der Name Witte am Horizont erscheint. Nach dem einstimmigen Chorus dieser Meinungsfabrikanten müßte man annehmen, daß die Ordnung des russischen Chaos eine sehr einfache Sache wäre, man brauche nur Herrn v. Witte genügende Regierungsvollmachten zu geben. Nun, diese Rechnung hat ein großes Loch; Herr v. Witte saß schon einmal am Steuerruder, vor Plehwe, und auch die Begeisterung der Presse hat ihr Loch, nämlich das, durch das russisches Geld von Herrn v. Witte sehr freigibig verstreut wurde. Herr v. Witte saß schon einmal am Steuerruder und in Rußland herrschte damals dieselbe Korruption, dieselbe Beamtenwillkür wie heute. Wenn also Herr von Witte nicht der europäischen Presse auf seine Weise die Augen geöffnet hätte, würde kein urteilsfähiger Mensch an die Zauberkraft Wittes glauben. Und wir Juden speziell sollten uns daran erinnern, daß Witte auf manchem Gebiete, zum Beispiel dem Eisenbahnwesen, die antisemitische Richtung erst eingesührt hat. Deshalb müssen wir die a m e r i k a n i« s chen Juden ernstlich warnen, den Versprechungen Wittes zu trauen. Worte sind bei ihm so billig wie Brombeeren. Der russische Bär, der beim Bauer Rüsteviel Honig naschen wollte, sitzt in der Klemme. Natürlich verspricht er den jüdischen Bankiers das Blaue vom Himmel. Wir warnen sie aber, ihm Glauben zu schenken. Z u e r st die Reformen und dann das Geld. So muß man mit skrupellosen Barbaren verfahren, sonst wird man tüchtig übers Ohr gehaut. Zu oft hat die russische Regierung ihr perfides Spiel getrieben. Wir rufen daher den amerikanischen Juden zu: „Die Taschen zu! Achtung vor Witte.»" S. JIuö der Mistischeil Bewegung. Eine Unterredung mit Dr. Nord au. Anläßlich des siebenten Kongresses entsendete die galizische Landsmannschaft eine Deputation an Dr. N 0 r d a u, welche ihn bat, die Führerschaft der zionistischen Partei zu übernehmen. Dr. N 0 r d a u erwiderte, daß er wegen der bekannten Gründe persönlicher Natur die Parteiführung unter keinen Umständen übernehmen könne, und fügte dann hinzu: „W 0 l f f s 0 h n ist sicherlich die geeigneteste Persönlichkeit zur Uebernahme der Führerschaft. Erstens ist er zufolge seiner Privatverhältnisse ganz unabhängig, ohne materielle Sorgen und ist daher in der Lage, sich ganz der zionistischen Sache zu widmen. Zweitens ist er ei» strenger Herzlianer und wird daher in den vom Seite 4> verstorbenen Führer vorgezeichneten Bahnen wandeln. Er ist auch ein Mann, den ein guter Wille für sein Volt beseelt. Allerdings ist er kein Mann von großen Ideen, aber mit solchen sind wir schon zur Genüge versorgt. Ich kann die Führerschaft nicht übernehmen, denn unsere Bewegung ist noch nicht stark genug, um Vorwürfe gegen ihren Führer stillschweigend hinnehmen zu können." „Hindert Sie vielleicht der Ussischkinfragte einer der Delegierte«. „Ussischkins Diktatur fürchte ich durchaus nicht," antwortete Nordan, „aber ich fühle mich nicht stark genug, gegen ihn zu polemisieren und den Kampf der Abwehr gegen ihn zu führen." Im Verlaufe der Unterredung sagte Doktor Nordau noch unter anderem: „Als die wichtigste zionistische Arbeit unter den heutigen Umständen betrachte ich außer der Kolonisationsarbeit in den Nebenländern Palästinas die Regelung der Emigration, die von Tag zu Tag zunimmt. Man muß Vereine gründen, Fonds sammeln, um den Auswanderern zu Hilfe kommen zu können." * * * Abhaltung eines Distriktstages in Proßnitz. Der Proßnitzer „Zion" ladet die zionistischen Vereine und Gruppen in Mähren und Schlesien nach erfolgter Anzeige beim Landeskomitee zur Abhaltung eines Distriktstages für den 27. d. M. nach Proßnitz ein. Die Tagung beginnt um 10 Uhr vormittags im Saale des Hotels „3 Könige". Tagesordnung: 1. Neuorganisation des mährischschlesischen Distriktes; Agitation in Mähren-Schlesien. Referent Gg. Friedrich L ö w. 2. Stellungnahme zu den Beschlüssen des Prager Parteitages und zur Parteikonferenz. Referent Gg. Rudolf Nassau. 3. Wahl des Distriktskomitees und der Delegierten zur Parteikonferenz. Der Jahresbericht der „Zewish Colonizatioa Association" pro 1904. ('Fortsetzung.) 8. Bereinigte Staaten. a) S ch it l e n. In bat Vereiuig-teit Staate it von Noroamerika geht die Jca Hand in Hand mit dem Baron. Hirsch-Fonhs und dem int Jahre 1000 in New Port begoüiDeten jüdischen! Hilfsverem für Ackerbau und Industrie (Jewish Agricultural and Industrial Aid Society). Zllsmmn'ai mit dent Baron Hirsch- Fonds unterhält sie in .Rav Port die jüdische Gewerbeschule, welche die Ausgabe hat, einwauderiweu Juden in möglichst' kurzer Zeit ein Handwerk oder Gewerbe beizuü'ringen. Im Berichtsjahre haben 196 Schüler die Schule beeu'det, worauf sie in der Lage loa reu., eiuen Wochatlohu. von 11 —14 Dollars zu verdienen. bi W 0 0 d b i 'n e. In der von Professor Sabsovich geleiteten Ackerdauschule . zu Wood, bi ne lvurden 160 Schüler unterrichtet, von denen 06 im Berichtsjahre die schule beendet haben. Ans der Ausstellung in. Et. Louis hat Woodbine die goldene Medaille erhalten. c ) I ii b i 1 ch e F a r m e r. Der.Hilsö'vercin für Ackerbau und Industrie hat ivähreud seiner fünfjährigen Tätigkeit nicht weniger als 1096 Farmern mit 01 901 Seelen zu ihrer Installierung als ’ Ackerbauer verhol seit. Von diesen haben 632 Darlehen, iin Gesamtbeträge von 207 430,79 Dollars erhalten. Davon sind bereits 68 107 06 Dollars an Kapital und 1.8 380,97 Dollars an Zinsen zurückgezahlt worden. Die vonder Gesellschaft installierten Farm>er sind über alle Teile der Vereinigten Staaten verstreut. Besonders zahlreich sind sie aber int Staate New Port' (101 Familien mit 832 Seelen), in New Persey (311 Familien mit 1776 Seelen.) und in den lwrdlvestlichen Staaten und in Kanada (243 Familien mit 1298 Seelen). Dieser glänzende Erfolg, lvo mit wenig Geschrei und verhältnismiäßig minlmalem Kostenaufwand in fünf Iah rar fast ebensoviel Juden Uno in Argentinien oder Palästina zu Ackerbauern gemacht worden, sind, gibt uns dar billigsten und begnonOen Weg an, auf dem die Juden« zu tüchtigen. Ackerbauern gemacht werden könnten. Die praktischen Amerikaner schenken nichts. Dafür haltar sie Agenten, welche überall nach für Kolonisationszwecke geeigneten Ländereien! Ilmfchan halten und den ürloloiiisteil mit ihren- Erfahrungen gerne zur Seite stehen. Im übrigen haben letztere ihre Jnslaltationskosten wenigstens zum größten Teile selber zu tragen. d) F ö r d e r u n g d e r I n d u st r i e. Daneben fährt die Gesellschaft fort, in der Nähe von jüdischen Kolonien Fabriken zu errichten, deren jüdische Arbeiter den Kolonisten ihre Produkte abkanfen und ihnen dafür ihre Jndustriecrzengnisse geben. So lvurden im Jahre 1904 in der Nähe der Kolonie Earmel zwei Ziegeleien etabliert. Außerdem bestehen Fabriken bei Nosenhayn, Normo und Brotmamville. In der Nähe der letzten Kolonie wurde eilt Konfektionsotelier eröffnet. Das größte jüdische Industriezentrum bleibt jedoch nach wie vou das Städtcheit Woodbine, wo int Berichtsjahre 139 460 Dollars an Löhnen ansgezahlt wurden. Ter Wochenlohn der Arbeiter schwankt zwischen- 4,39—8,88 Dollars. c) S p r e n g u n g d e s G h e t t 0 s. Der (Zweck dieser Gesamttät'igkeit ist neben der Verbreitung van Ackerbau und Industrie unter den Jubeit atich der, das große Ghetto in. New Pork zu sprengen. Zu. diesem Behufe hat der Jüdische .Hilfsverein zur Verbreitung von. Ackerbau und Industrie mit der Bnei Brith-Loge und dem Baron. .Hirsch-Fonds sich zu einem. „Removal Eeinmittee" vereinigt, welches int Jahre 1904 6023 gegen 6626 im Vorjahre in New Pork wohnende Juden bewogen hat, sich anderswo niederznlassen. Im ganzen wurden in denletzten fünf Jahren 10 680 Inden aus New Pork fortgeschick't. Zu gleicher Zeit lvurden. int Berichtsjahre aus Philadelphia 191 und aus Boston 639 fortgeschickt. (Fortsetzung folgt.) Korrespondenzen. Olmütz, 1. August 1905. Sehr geehrter Herr R e d a k t e u r! Jlt der Nr. 28. vou Dr. Blochs „Oesterretchtsche Wocheitschrift" vom 14. v. M. war unter dem Titel: „Fund eittes alten Grabsteines mit jüdischer (!) Inschrift in Olmütz" ein Bericht über einen bei Niederreißtutg eiltes alten Bauiverkes aufgefundeneit Stein mit hebräischer Jltschrift. Der Referent dieses Berichtes Unterkantor Stößler schreibt hierzu unter anderem: „Die ttoch vorhaitdenen, stark verwittertert uitd tmr durch das Tastgefühl tvahrnehmbarett Buchstabett: ITi wahrscheinlich H'S wahrscheinlich N1287I sodann “)Tin 12? W8..... unleserlich Sin lassen darauf schließen, daß es jedeitfalls ein Grabstein gemeseit sein dürfte." Ich habe tum.die Vermutung ausgesprochen, daß dieser Stent einem Maniw gesetzt worden ist, ivelcher beit Tod auf dem Scheiterhaufen fattd. Der Referent erzählt mm von dem Hetzprediger Johannes Capistrano, durch dessen Predigten „die Glaubenstvut der Bevölkerung eittflamntt wttrde, so daß auch in Olmütz, Brünn je. Juden gefoltert und verbranltt lvurdeit". „Dieser Stellt", so schließt St., dürfte detmtach vermutlich eütem jüdischert Märtyrer gestellt und die 600 Jahre alt sein." Ich hätte über diese lange ltieht spruchreife Angelegenheit noch geschwiegen. Doch nach dein Worte des Weisen (Mischle, Kap. 26, Vers 5) „Antworte dem Toreit auf seine Torheit, daß er sich nicht für klug halte", bin ich gezwmtgen, meine Wahrnehutultg int Interesse der Oeffeittlichkeit mitzttteilen. Die voit St. angegebene Lesart der in Rede stehenden Jltschrift ist falsch und dereit Behandlung verrät klar die vollkontmene Umvissenschaftlichkeit in derartigelt Dingen sowie die gänzliche Unkatlttltis des hebräischen Sprachgebrauches. Dies ist einem Unterkantor und Gemeindeschreiber gewiß zu verzeihen. Eine derartige Veröffentlichung jedoch ist tutverzeihlich. Statt Inschriften zu entziffern