Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 33 (18.8.1905)
- Date
- 1905-08-18
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Jüdisches Volksblatt Seit*' 4 russischen Verhältnisse" zu mir und fand intuitiv das Richtige. Da er den Blick vom Konkreten hebt, um Programme zu schmieden, hemmt seine konservative Weltanschauung seinen Intellekt und macht ihn zum Phantasten. Otto Kraus. (Schluß folgt.) Ei« jüdischer Volksmann. Ezernowitzer Blätter berichten in spalten - langen Artikeln über Ovationen, die in dieser Boche die jüdischen Volksgenossen der Bukowina ihrem Führer, dem Kultuspräsiveiiten der Landeshauptstadt, Reichsrats- und Landtugsabgcordneten Dr. Benno Stra u ch e r, dargebracht haben. Zmn Anlasse dieser Ovationen lvar das 64. Geburtstagsfest dieses Mannes genommen und es wird für lveitere Krei;e des Judentums von Interesse seilt, zu erfahren, welche Bedeutung diesen demonstrativen Ovationen und Vertrauenskundgebnngen beizuleaen ist. Man war es bisher gewohttt, für Tr. Straucher, dessen Eintreten in die Bukowinacr Volitik für die Juden des Landes eine neue Aera, eine Aera der Sclbftänbigfcit und Befreiung von sklavischer, speichelleckerischer Anschmiegung an andere Völkerschaften, namentlich bei der galizischen Judenschaft, deren Interessen er wiederholt im Jnterpellationswege vertrat, während die jüdischen Mitglieder ^des -Bolenklubs ihre Volksgenossen oft vergaßen, weit mehr Anerkennung finden zu sehen, als dies bei der heimatländischen Judenschaft^ der Fall war. Daß die Bukowinacr Judenschaft, die unter der Führung Dr. Strauchers^ erst zum Betvllßtfein kailt, daß sie ein Machtfaktor sei, daß sie ihr Volksttint in gleicher Weise wie die anderen das Land bewohnenden Nationen betonen darf, diesem Manne lange nicht jene rückhaltlose Anerkennung zuteil werden ließ, als er verdient und vielmehr es viele unternahmen, durch Nörgeleien ltnb böswilligen Ausstreuungen ihm die Arbeit zu erschweren und die wiederholt versuchte Schaffung einer jüdischen Landcsorganisation zu vereiteln, nt eine Folge jener 'Agitation von kleinlichen Strebern, die unserem Volkskörper da und dort wiederholt blutige Wunden geschlagen und den Frieden jo mancher blühenden jüdischen Gemeinde zerstört haben. Dagegen hat sich nun dieBukowinaer Judenschaft jetzt aufgelehnt. Es traten einsichtige Männer auf den Plan, diae, unter Hochhältung des Prinzips der freien Kritik, dieselbe auf die jüdischen Volksversammlungen, auf die Sitzungeir der Kultusgemeinde verwies, es aber auf das entschiedenste perhorreszierten und verwerflich bezeichneten, daß jüdische Volksgenossen null r dem Mäntelchen der Kritik der jüdischen und unsere Seelen zueinander patzten." To wurden sie Mann und Frau, fuhren ans dem Dampfer „Cedric" nach Liverpool und sind in Gesellschaft einer Freundin der jungen Frau auf einem Kraftwagen nach Bethnal Green gefahren, wo infolge des Besuches unter den jungen Jüdinnen große Aufregung herrschte. Nach einigen Wochen, jo wurde während des dreistündigen Besuches in einem der kleinen Hänschen ansgemacht, werden, einige Verwandte der jungen Frau ebenfalls nach istine r i ka answandent. Huntes Feuilleton. Ein Monnnient für Moritz Simon. Ans Hannover wird geschrieben: Moritz Simon, dem im Jänner dieses Jahres einem tragischen Schicksal erlegerren Schöpfer der israelitischen Erziehungsanstalt in Ahlem bei Hannover, wird innlitten seines Werkes lein Monument gestiftet iverden. Die Jugend, die in Ahlem die Mutter Erde liebgewonnen hat, errichtet dort für ihren Freund nnd Wohltäter das Denkmal. In eitlem Aufruf an die Mitglieder des „Vereines ehernaliger Ahlemer" heißt es: „Wir rvollen aus dem schönen Stück Erde, das uns zur Heimat geworden ist, eil: Moritz Simon-Denkmal errichten. Kein prunkendes, grvtzmassiges Monument. Das entspräche nicht dem bescheidenen Sinne des zu Ehrendetl, den» der Schein nichts, die Tat und der ilnrere Wert des Menschen alles waren. Das Denkmal sott schlicht nnd doch hehr sein: es sott ein ragendes Zeugnis für echte Größe und Güte sein: es soll allsporneil, die Bestrebungen Moritz Landespolitik ihren: persönlichen Hasse Ausdruck gaben lmd so gefahrbringend für die jüdische Solidarität, den Volksfeinden wirksame Waffen in die Hände schmiedeten. Es entstand das Bedürfnis, Tr. Straucher aus ein äußerliches Kennzeichen der Verehrung seiner Volksgenossen ztl bieten. Ter Manu, der in kur'er Feit den Juden des Landes eine so geachtete Position schuf, der als e r st e r j ü d l - s ch e r Land e s a ll s s ch ti ß in das Bukolrinaer Landhaus eiuzog tmd m:ter dessen Führung erst in letzter Zeit die Landeshauptstadt einen j ü d i f ch e n B ü r g e r in e i st e r erhielt, sollte nicht bloß seine Fehler stets gerügt finden, feilten Verdiensten sollte einmal auch dllrch eine Bolkskundgebung Anerkennung gezollt und ihm der Beweis erbracht werden, daß feine Volksgenossen in ihn», trotz all seiner, bei jedem Menschen vorhandenen Fehler, den Führer der Juden des Landes sahen, zu dem sie voll Vertrauen aufblicken und von dem sie erwarten, daß er, den Volkswüirschen Rechnung tragend, den richtigen Weg für die Juden der Bukolvina aus der unklare!: Situation finden wird, um nicht seine Volksgenossen den Schmutzwellen der Bukowinacr Landcspolitik stets am meisten ausgesetzt zll sehen. Das war der Grund des seltsamen Demonstrationszuges vom israelitischen Tempel zum Hofe der Ezernowitzer Knltnsgemeinde und von da zum israelitischen Waisenhause; der Gratulationszug am Freitag sollte klipp und klar kundtun, daß die Ezernowitzer Judenschaft treu zll Dr. Straucher hält, und war ein Pendant zur Kundgebung sämtlicher jüdischer Kultusgemeinden des Landes, die zuvor die Angriffe gegen Dr. Straucher auf das entschiedenste zurückgewiesen hatten. Ter jüdische Bolksmann Tr. straucher hat hierdurch den schönsten Beweis der Anhänglichkeit seiner Bolksgenossssen erhalten. Die Hochrufe der jüdischeil Wähler, der Chor der jüdischen Waiscilknaben „Gott schütze dich", mögen sie ihm ein Ansporn sein im Fortschreiten auf dem dornenvollen Wege einer jüdischen Volkspolitik seines Heimatlandes Bukowina! Wir erfüllen nun noch eine publizistische Pflicht, indem wir für die österreichische Jndenschaft znril näheren Verständnisse noch einige biographische Mitteilungen, die am 21. Oktober 1904 einer unserer Mitarbeiter ans Ezernolvitz, Herr Salomoir K a ß n e r, in einem Artikel: „Der erste jüdische Landesausschuß" in nnsercin Blatte publizierte, teilweise reproduzieren. Dort heißt es: „Dr. Stralicher, diese markailte Persönlichkeit, verdient hier eine nähere Würdigung. Schon als junger Manil trat er in die Politik ein, ja schien schon als junger Stuben i f zu feilt, eine führende Rolle inne zu haben. Simons, der mrs die Kultur des Bodens, die Pflege des Handwerks lieb gemacht hak, zu fördern, rov es nur geht." Ein junger Bildhauer, August Waterbeck in Hannover — ein Schüler Hellmers und Zumbusch' — wird das Monument, eine Pyramide mit dem Bildnis Simons und einer die Bodenkultur und „Ahlem" verkörpernden Jünglingsgestalt, formen. Jüdische Zeitungen im Ostende Londons. Man schreibt uns ans London: Unter den im Judenvlertel Londons im Ostende verbreiteten Blättern steht der im jüdischen Jargon oder „Aiddish" verfaßte und mit hebräischen Schristzeichen gedruckte JewishExpreß, eine täglich lmtAusnahme des Sautslag erscheinende Zeitung, obenan. Ueber die Vorgeschichte dieses Blattes, das in dem von eingewanderten Hebräern bewohnten Viertel einem wirtlichen Bedürfnis entspricht, berichtet T. W. Wilkinksvn in einem Artikel in der Angustnummer der voll W. Heinemann in London verlegten Monatsschrift The Wvrlds Work and Play ungefähr folgendes: Der Jewifh Expreß ist hier das einzige mit nichkjndischem Gelde begründete Jargonblatt. Und das kam so. Die Griinder warell die Eigentümer des Leeds Expreß, eines jetzt eingegangeneu Abendblattes, das im liberalen Interesse tätig war. Um der Zeitung unter den in den Leylands angesiedelten Juden Eingang zn verschaffen, beschlossen die Gründer des Leeds Expreß, eillelt Teil der Auflage in „Äiddish" zll drucken. Nach den Leylands ziehen nämlich die meisten ans deni Auslände kommenden Juden, die in Hüll landen. Da keiner der am Leeds Expreß beschäftigten Setzer und Drucker mit dem „Mddish" bekannt lvar, beschloß man, einige jüdische Setzer einzustellen und es diesen zu überlassen, die Aufsätze in ihre Mundart zu übertragen — ein Ausweg, den noch jetzt der Leiter eines im Ostende verbreiteten im Jargon gedruckten Blattes einschlägt. Er schreibt feine Aufsätze in seiner Muttersprache und überläßt es seinen Setzern, sie ins Nr. :j3 Die erwachende Fähigkeit und der flammende Drang, der Körperschaft, der er angehörte, nützlich zu sein, brachte ihn, den armen Studenten, der unter Not nnd Entbehrungen sich vorwärts brachte, in Wien ins Präsidium der akademischen Lesehalle, wo er eine eifrige Tätigkeit entwickelte. Als Advokat in Ezernolvitz schuf er sich rasch eine gute Klientel nnd lvurde, kaum daß er das gesetzliche Alter für eine Wahl hatte, in den Kultusrat entsendet. Von hier ans begann seine Fühlungnahme mit seinen Volksgenossen, mit der jüdischen Wählerschaft. In der Kultusgemeinde herrschte die „Familie" nnd er begann gegen deren einflußreiche Macht eine zielbewußte Agitation zu entwickeln. In seinem Herzen hegte Straucher eine innige Liebe für sein Volk nnd dasselbe in der Bukolvina selbständig denkend zu machen, war ihm Lebensziel gelvorden. Er, der Volkssotzn, sah ein, daß auch die niedere und mittlere Bevölkernngsschichte ein Anrecht habe, in den öffentlichen Körperschaften ihr Geschick selbst zu bestimmen, und begann seine Aufklärungsarbeit in zahllosen Vereinen und Volksversammlungen. Kein Mißerfolg nnd keine Anfeindung hielten ihn von einer rastlosen Weiterarbeit zurück. Er sah ein, daß die Inden bei energischer nnd zielbewusster Leitung ein Machtfaktor in der Bukolvina werden könnten, und legte darum sein Hauptgewicht ans Heranziehung der jüngeren Generation. Er selbst kandidierte in S cr e t h für den Landtag und unter! a g gegen den von der Negierung aufoktroyierten Kandidaten, auch in den Neichsrat versuchte er vergebens gegen den Plutokraten Heinrich Wagner in der Landeshauptstadt Ezernolvitz durchznkommen. Schließlich brach er sich Bahn. Seine tlneigennützigkeit, seine Charakterfestigkeit und sein ernster Wille gewanileil ihm eine immer größere Anhängerschar und heute steht Doktor Straucher, geliebt nnd geehrt von seinen Volksgenossen, bereits auf dem Gipfel seiner politischen Macht. Er ist Präsident der israelitischen Kultusgemeinde, hat das Reichsrats- und Landtagsmandat Ezernolvitz, gehört dem Gemeinderat an, war auch Stadtrat, mußte aber infolge Zeitmangels auf dieses Mandat resignieren und ist nunmehr auch Mitglied des Landesausschusses. Die Einwendung seiner Gegner, daß er den so zahlreichen Agenden, die ihm infolge dieser Maildate obliegen, nicht gelvachsen sein kann, ist durch seine erfolgreiche Tätigkeit in allen Körperschaften stets widerlegt worden. Eine unermüdliche Arbeitskraft, ein Mann von untadclhafter Korrektheit, füllt er überall seinen Platz gewissenhaft nnd zur vollsten Zufriedenheit seiner Volksgenossen und des ganzen Landes ans. Die Judenschaft der Bukowina blickt mit Stolz ans diesen Mann, ihn hält ihr unerschütterliches Vertrauen und ein Wunsch be- „Aiddish" zn übersetzen. In Leeds bewährte sich dieser Ausweg nicht. Man nmßte, um dem Blatt ans die Beine zn helfen, jüdische ZeltnugsschreiHer a»stellen. Aber auch in dieser Gestalt fand es keinen Absatz. Schließlich wurde es an Kapitalisten verkauft, die das Blatt nach London verpflanzten nnd ihm als Jewifh Expreß im Judenoiertel Londons als erstes nnd bisher einziges hiesiges Jargon-TageAblatt Eingang verschafften. — Das Jewifh Telephone, ein anderes in „Mddish" verfaßtes Blatt, ist ans dem vor 35 Jahren in Mainz für die russischen Inden geschriebenen Lebanvn entstanden. Dieses Blatt, das mit der Briefpost nach Rußland gesandt lvurde, dann eine Zeitlang eingestellt nnd hierauf in London herausgegeben lvurde, ist alö Telephone neu erstanden nud ist eine nichtpolitische Zeitung. Seine größte Leistllng fiel tu die Zeit des Dreyfnsprvzesses, als der Verkauf der Jargvnblätter irn Ostende feine» Höhepunkt erreichte. Der Telephone war imstande, dell Ausgang des Prozesses seine» Lesern mitzntelien, bevor die anderen Zeitungen, sogar bevor einige Abendblätter davon Kenntnis hatte»!. Ebenfalls eilt Jargollblatt, aber mit einer ausgeprägten politischen Tendenz ist der Workers Feiend, das Organ der jüdisch sprechenden anarchistischen Gruppe itt London nnd Paris. Das Blatt besteht seit m'ehreren Jahren, ist aber oft eingestellt worden. Sein Leiter ist eilt deutscher Nichts »de und die Mitarbeiter sind zumeist jüdische Schneider und Schuster. —> In russischer Sprache gedruckt ist das revolutionäre, mm einem. Ausschuß jüdischer Arbeiter aus Rußland und Pole»! geleitete Blatt mit dem Titel Neueste Nachrichten. Es kommt ill London zilm Berkans lllld enthält oft wichtige Nachrichtelt einen Tag oder zwei vor der Londoner Times. Das Blatt ist allch fürs Ausland bestimmt und gibt dell itt London lebenden russischen Juden Mitteilungen über ihre Allgehörigen ill Rußland und Polen. — E. C. S.