Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 33 (18.8.1905)
- Date
- 1905-08-18
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 33 Jüdisches Volksblatt studierten cm den preußischen Universitäten 4896 Juristen, an den österreichischen Universitäten 9608, fast so viel als im ganzen Deutschen Reiche, welches eine Mehrbevölkerung von 30 Millionen hat. Und wie Dr. Steinwendcr in seinem Artikel, so sollten auch die jüdischen Eltern und Studierenden sich ernstlich die Frage Hellen: „Es ist eine schöne Sache um die Bildung. aber es durfte doch an der Feit sein, sich z» fragen, ob der wachsende Zudrang zu den Mittelschulen der adäquate Ausdruck eines an sich ganz löblichen Bildungsbedürfnisses sei. Bildung inacht frei, Wissen macht stark. Aber die Üeberprodnktion an mittleren Intelligenzen macht uns in Oesterreich schwach und arm. Nicht Doktorhut und Universität allein dürfen das Bildungsideal und Lebensziel jüdischer Eltern und Studenten sein, fonbcrn wirtschaftliche Tüchtigkeit, praktischer Sinn, positives Wissen. Doktordiplome werden die jüdische Intelligenz in Oesterreich in der kommendere Krise vor Proletarisierrmg und Not nicht retten. R e c t u s. Der siebente Zionistenkougreß. U. Es ging heiß zu hinter den Kulissen; nicht leicht wurde dem reaktionären U s s i s chkin der Sieg über die modern empfindenden, intellektuellen Führer unserer Bewegung. Aber Ussischkin halte sich eine Organisation in der Organisation zu bilden gewußt. In Freiburg, einige Tag? vor dem Kongresse, fand die Truppenschau statt. Mich will es bedünken, als ob es Ussischkin in Freiburg nicht um eine Revue, sondern um eine Truppen d e m o n st r a t i o n zu tun war. Er wollte zeigen, daß er den Kongreß zu beherrschen und zu vergewaltigen imstande sei. Und er erreichte sein Ziel nach zwei Richtungen hin: Er reizte und provozierte seine territorialistischen Gegner zur Obstruktion — die ein taktischer Mißgriff war, da sich die Territorialisten durch ihr turbulentes, den Kongreß gefährdendes Verhalten die Sympathien auch ihnen Nahestehender verscherzten; und er schüchterte jene ein, die dort das Recht sehen — wo die meisten Stimmen sind. Dieser Vorwurf darf und kann unseren Führern nicht erspart werden. Freilich, es war niemand da, dessen Autorität gewichtig genug gewesen wäre, um sich der von der Ussischkinschen Organisation ausgehenden Gewalt entgegenzustemmen. Das galt aber nur bis zu dem Momente, da Ussischkin in der Generalversammlung der Kolonialbank nnterlag, als er durch seinen Einfluß verhindern wollte, daß C o w e n in das Direkein großer Teil des Sauerteiges für den ganzen österreichischen Vormärz entstammte. Ein Menschenschlag, der schon deshalb für den ganzen Staat schätzbar wurde; Rasse von der Nasse, die den Keim der Zukunft in sich trug. In Marienbad ließ sich Bondy irr dem Hause „Stadt Hannover" nieder. Er war 88 Jahre alt geworden, er hatte nur noch wenige Monate zu leben. Aber von seinen Nachkommen leben noch jetzt drei Familien in Marienbad. Eine derselben ist die 'Familie Fischt, deren altberühmtes Spitzengeschüft an der Ecke des Hotel Klinger, dicht am Kreuzbrnnnkorso, auch einer der internationalen Punkte in der böhmischen Bäderwelt war. Ich sage „war", denu die Firma besteht zwar fort, ihre Gründer haben sich jedoch vor einigen Jahren zur Rühe gesetzt. Diesen Winter ist leider anch Frau Fisch! gestorben, vielverehrt zu ihren Lebzeiten und vielbetranert nach ihrem Tode. Sie war eitle ganz hervorragende Dame, eine echte Enkelitr des alten Bandy, und genoß ebenso internationale Geltung wie er. Es elltwickelte sich da eilte förmliche gesellschaftliche Merkwürdigkeit. Bei ihr, im eleganten Spitzeuladen, versammelte sich Jahr llm Jahr die Creme der Manenbader .Urgesellschaft. Hohe Intelligenz, feinster Datt und gesellige Anmut waren ihre Anziehungskräfte. Stundenlang saßen die Träger von Pariser und Londoner Rauven, die alle Zeitungen stillten, bei ihr und schlitteten ihr Herz aus, besprachen ihre privaten und ösfelltlichen Schmerzen, für die sie bei diesem seingeistigen Wesen das vollste Verständnis fanden. Männer, wie Leon Säy und der Gelleral Margnis de Galliset, die englischen Parlamentarier Labollchere nrld Campbell-Vannerman, auch Gelleral Tottleben, der Held von Sebastapvl und Plewna, lvaren tägliche Stammgäste. Exzellenz Graf Max Mvnteeueevli war eilte der ständigsten und willkommensten Erscheinungen. Der einarmige Admiral Skolkow kam häufig. Auch Herr v. Kotze, der einst viel durch die Zeitungen Geschleifte lKotze-Affüre!) klagte tlnmerzu fein Leid der Frau, die so gescheit zu trösten wußte. ,-La torium der Bank gewählt werde. Denn dieser Mißerfolg — trotz U s s i s ch k i n s Einspruch wurde Co wen mit 120 gegen 42 Stimmen gewählt — diese eklatante Niederlage zeigte auf, daß es durchaus nicht unmöglich sei, den finsteren Einfluß U s s i s ch k i n s niederzuringen; dessen Macht mit der der katholischen Kirche zu vergleichen ist, die nur darum so groß ist, weil man sie fürchtet. Diese Niederlage zeigte auf, daß Ussischkins Macht vor einem ernsten Ansturm zusammenbrechen müsse. Und ich habe die innige Ueberzeugung, wenn der Reihe nach Nordau, Wolfss o h n und Alexander Marmor ek aufgestanden wären und so gesprochen hätten, wie sie es im Innersten empfanden — die fatale Resolution Ussischkins wäre nie zustande gekommen und es wäre vielmehr eine Form gefunden worden, um unsere Bewegung auf der politischen Höhe zu erhalten, die sie durch das englische Anerbieten erklommen hatte. Denn nicht nur, daß den in politischer Knechtschaft schmachtenden, hungernden jüdischen Massen des Ostens durch die auf dem Kongresse gefaßten Beschlüsse bitterer Schaden zugefügt wurde; unsere Bewegung selbst hörte auf, eine politische zu sein. Und darum muß jeder Zionist, der politisch empfindet, gegen die gefaßten Resolutionen Front machen und anstreben, daß die nun angebrochene unpolitische Epoche im Zionismus nur eine kurze Episode in unserer großen jüdischen Volksbewegung bleibe.. * Der siebente Kongreß hat die bisher latente Krise zu einer akuten gemacht. Es ist vielleicht ganz gut, daß es so gekommen ist. Denn man sieht nun, wohin der konsequente Ussischkinismus führt; man wird mit Schrecken gewahr, daß unser" Bewegurig auf das Niveau eines großen Diskusfionsklubs hinabsinken muß, wenn wir nicht endlich einmal aufhören, vor den bitteren Wahrheiten des Lebens die Augen zu verschließen und immer nur schönen Träumen nachzusinnen. Wir müssen einsehen, daß keines von den Rezepten taugt, von denen ihre Verfasser sagten, sie müßten uns Palästina bringen. Weder der Charterismus noch Gro߬ oder Kleinkolonisation, Infiltration und wie alle diese schönen Dinge noch heißen mögen, werden uns dazu verhelfen, Herren des Landes zu werden, das unsere Väter besaßen. Dieses Landwerden wir nur erlangen, wenn wir die Kraft haben werden, die dazu gehört, um einer Forderung den entsprechenden Nachdruck zu verleihen. Wenn man über keine materielle Kraft verfügt, nicht mit dem Säbel rasseln kann, dann ist, was man als Forderung ausgibt, eine Schnorrerei, die von dem Mächtigen mit einem Lächeln, im besten Falle mit einem Almosen beantwortet wird. providenee de Marienbad" nannten sie die Franzosen. lind die Gräfin von Paris war lange Zeit eine Zierde dieses Zirkels. Auch Prinzessin Luise, Schwester des Deutschen Kaisers, kam viele Jahre. Und Großfürst Wladimir, der nie an die Grüße seiner Frau und der Zarin vergaß. Und König Eduard der Siebente, noch als Prinz von Wales, verbrachte manches Viertelstündchen in dem „Geschäft an der Ecke", wie es von vielen einfach genannt wurde. Das Stammbuch des Hauses ist eine ganze Sammlung interessanter Autographen. Vervollständigt wird es durch die verschiedensten Photographien mit Widmungen. Und eine solche Photographie ist auch die der eingangs geschilderten Schachszene. Sie hängt ganz schlicht und unauffällig an der Wand im Bureau des Herrn Fischt, meines liebenswürdigen Hausherrn. Und da ich solche D<inge immer bemerke und das utitnnter seine schriftlichen Folgen hat, so ist das vorliegende Blatt aus der Chronik der böhmischen Bäder entstanden. Die sind wirklich Weltstädte, in ihrer Art, ltiiö können Weltmänner und Weltdamen hervvrbringen, um die sich eine eigene Atmosphäre bildet. Personen mit internationalen Eigenschaften, Vvttmenschen von snggeftiver Eigenart, die sogar ein chronisches Bild ihres Wesens hinterlassen. Ihre Zeitgenossen geben ihren Ruf weiter und der Chronist überliefert ihn, so gut er kann, der Nachwelt. („P. Ll.") Millionär und Jüdin. Ein Besuch im Londoner Ghetto. In Chambord Street in Bethnal Green, dem Ghetto deö Londoner 'Ostendes, herrschte am Sabbat der vorigen Woche große Ausregung. Es war bekannt geworden, daß der amerikanische Millionär und Menschenfreund James Phelp Stokes mit seiner jugendlichen Gattin, einer Jüdin ans dem Londoner Ghetto, der er wenige Tage zuvor in New Uork angetrant worden war, auf der Hvch- Seite 3 Ich glaube aber, wir wollen Palästina doch nicht als Almosen empfangen — abgesehen davon, daß man es uns nicht einmal als Almosen gibt. Dasselbe Argument kann nicht auch gegen den Territorialismus ins Feld geführt werden. Hier ist's kein Almosen mehr, das man uns gibt, sondern ein Geschäft, das man mit unS machen will. England liefert Land und politische Autonomie — wir liefern die Leute, durch die das bisher unbesiedelte Land ein Absatzgebiet für die englische Industrie wird. Daß uns dieses Land nur ein Mittel ist, um unsere verelendeten Bolksg - nossen zu Soldaten heranzubilden für den heiligen Krieg, den Israel einmal, auf einer weiteren Stufe seiner Entwicklung, wird führen müssen, um das Land der Väter zu erobern, ist unsere Sache und tangiert das Interesse unseres englischen Geschäftsfreundes nicht. Ihm kann es gleichgültig sein, daß das, was ihm nichts als Absatzgebiet ist, für uns den Wert eines Exerzierplatzes oder, wie andere es nennen, einer Kraftstation hat. * Wenn ich mich bisher mehr mit Ussischkin beschäftigte, als manchem gerecht dünken mag, so geschah es nicht nur wegen des unheilvollen Einflusses, den dieser Phantast auf den siebenten Kongreß ausübte, sondern weil Ussischkin tatsächlich der Repräsentant eines Prinzips ist, das wohl entscheidend mitgewirkt hat an der E r h a l t u n g des Judentums, das aber andrerseits unser Volk stets hinderte, sich in der Linie geistiger und politischer Freiheit zu entwickeln. Üssischkin ist der Repräsentant des Konservativen im Judentum. Seine konservative Weltanschauung verwickelt ihn in zahlreiche Widersprüche und drängt ihn auf den Standpunkt, der jedem politisch Empfindenden ein Horror sein muß. Eine lebendige Volksbewegung hat aber die konservativen Elemente noch immer rasch verdaut und so wird auch die Erscheinung Ussischkins gar bald der Geschichte angehören. Vor einigen Monaten erklärte mir Herr Ussischkin — es war zur Zeit der letzten Sitzung des großen A.-C. vor dem Kongreffe — der Zionismus werde in Rußland, falls die Konstitution eingeführt werden sollte, im ersten Anfänge wohl abflauen, dann aber, wenn die jüdischen Massen politisch freier und wirtschaftlich kräftiger sein würden, werde der Zionismus der russischen Juden ein mehr verinnerlichter, ideeller werden. Herr Ussischkin hat damit selbst das beste Argument für den Territorialismus geliefert. Diese Worte sprach er, weil ich ihn zwang, seinen Blick auf konkrete Verhältnisse zu richten; er sprach als «.Kenner der speziellen zeitsreise einen Besuch im Ostende Londons machen werde, wo seine Frau ihre Kinderjahre Angebracht und viele Bekannte und Verwandte hatte. Wir haben von dieser Hochzeit und dem beabsichtigten Besuch in London seinerzeit berichtet. In Chambord Mreet, einer der muffigen Londoner Ostendgassen, mit niedrigen Häuschen, die je zwei Familien beherbergen, war Miß Rose Harrtet Pastor, die jetzige Frau Stokes, seit mehr als zehrt Jahren nicht mehr gesehen worden. Ihre Eltern stammten aus Rußland und kamen vor ungefähr zwanzig Jahren ans Angustowa in der Provinz Suwalk, um irr London ihr Fortkornmen zu suchen. Im Zarenreiche hatten die Eltern mit der Armut kämpfen müssen. Irr der englischen Millionenstadt fanden sie die Straßen auch nicht mit Gold gepflastert, doch tonnten die Kinder in der unentgeltlichen jüdischen Schule unterrichtet werden und der Aufenthalt in der Black Lion Uard, wo die Familie eine bescheidene Wohnung bezog, hat jedenfalls dazu beigetragen, derr geistigen Horizont des jungen Mädchens zu erweitern. Sie war ungefähr neun Jahre alt, als die Eltern nach Amerika auswanderten und sich in Cleveland niederließen, wo die Tochter wenige Jahre später in einer Tabakfabrik Arbeit nnb Verdienst fand. Schon während der Jahre, die Rose Pastor in der Tabakfabrik zubrachte, beschäftigte sie sich mit schriftstellerischen Arbeiten; ihre Beiträge wurden in der Presse veröffentlicht und fanden Beifall und vor etwa drei Jahren siedelte sie nach New Nork über, um als Mitarbeiterin des „Jewisli Daily News" zu wirken. In ihrer Eigenschaft als Berichterstatterin besuchte sie die Slums der amerikanischen Großstadt und machte bei dieser Gelegellbeit die Bekanntschaft des Mr. Stokes, der als Menschenfreund die Not der armen Bewohner zll lindern suchte. Nach ganz kurzer Bekanntschaft machten die beiden Leute die Entdecknllg, daß sie füreinander bestimmt waren. „Von Heiratsantrag, Verlobung lind Hochzeit war unter nlls gar nicht die Rede," sagte Mr. Stokes. „Wir wußten instinktiv, daß wir dieselben Ideale hatten