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Jüdisches Volksblatt · 1905-08-18 · 33 (18.8.1905) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
33 (18.8.1905)
Date
1905-08-18
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Jüdisches Volksblafet beite 2 österreichischen ^uDcn liech immer als Bildnngsfortschritt uiiD macht üolz. $(&er die p e r f e k t e B e h e r r s ch u ngf r e m o e r S p r a ch e n m acht w i r t s ch a s t l i ch st a v f, weil f i c d e tt M o it k n r r tnj* k a nt p f u it d die Berufs w a h l w altig erleichte r t. I h re intenf i D ft e P fleg e i st f ü r n n s c r e st u - d i e r e n d e Ing e n d ei n u n e r l ä ß - i i ch e s G e b o t der Selb st e r h a l - t n n fl it n d iv i r t s ch östlich e n F ü r - s o v g e. Sie muß es erfüllen, will sie der fortschreitenden Deklassiernna entgcgenarbeiten und den Konkurrenzkampf siegreich bestehen. Sie mns; ablassen von der traditionellen Schablone in Studium nnd Berufswahl, von den vreitgetretenen Pfaden, deren Stationen immer wieder Matura, Promotion usw. waren und welche nicht mehr so gangbar und verlockend sind, seitdem sie, von zuvielen Passanten ausgesucht, in überfüllte Endstationen führen. Ich weih, das patriotische Empfinden vieler Leser wird sich gegen den Gedanken sträuben, dah in Oesterreich, dem Rechtsstaate, dem Kulturstaate, akademisch gebildete Juden das Opfer ungünstiger Existenzbedingungen werden und zum Auswandern gezwungen sein könnten. Aber es ist nun einmal so, dieser Staat „läßt die Armen schuldig werden, dann überlässt er sie der Pein ..." Gegen die praktische Betätigung des nationalen und staatlichen Egoismus hilft kein sentimentales Raisonnieren und akademisches Erörtern von Staatsgrundgesetzcn und Humanitätspflichten. Das jüdische Volk ist dank der Anomalie seiner Volksexistenz das Volk der Wanderung und auch das jüdische Jntelligenzproletariat des Westens wird in den anschwellenden Strom dieser Wanderung hineingerissen werden ... Der Mangel an genügenden Sprachkenntnissen drückt auf dem „Arbeitsmarkte" den Arbeitswert der jüdischen Intelligenzler stark herunter, schwächt sie im wirtschaftlichen Kampfe. In den Sudetenländern tritt dies sehr deutlich zutage. Es ist einfach unverständlich, -tjüit welcher Kurzsichtigkeit, mit welchem Lcichtsiime die jüdischen Studenten die böhmische Sprache behandeln und ignorieren. Das rächt sich bitter. Es sind noch die Nachwehen der deutschtümelndcn Haltung dev Juden in den Sudetenländern. Die Aufrcrbtbaltung des bisherigen Zustandes käme wirtschaftlichem Selbstmorde gleich. Die genaue Kenntnis der böhmischen Sprache ist in den Sudetenländern für die überwiegende Mehrheit derjenigen, die hier — in welchen Berufen immer — wirken wollen, unerläßlich. E s i st h ö ch st e Z e i t, d a ß d i e jüdischen Studenten der Subete nlän der endlich die Wichtigkeit d i e s e r F o r d e r u n g erkennen din der Restauration in Paris, eine Tochter Marie Antoinettes. Dennoch lehnte Herr Bandy ab, die Partie wurde ohne Wette gespielt. Ein anderer Zuschauer war ein reicher jüdischer Bankier ans Warschau. Dieser machte sich nach der Partie an Herrn Bvndy heran und sagte ihm vertraulich: „Wissen Sie, Herr Bondy, Sie nnd alle Juden von Karlsbad nnd Lichtenstadt zusammen haben das nicht im Vermögen, was wir Warschauer Inden darum geben würden, wenn einem von uns die Ehre zuteil würde, mit dem Grafen Pahlen nnd dem Staatsrat v. Schelling Schach zu spielen." Er hätte auch sagen können: „Oder gar mit dem Grafen Stroganoff", denn dieser große Herr, seinerzeit Gouverneur in Marschau, war auch ein häufiger Partner Bondys. Und das konnte unter Umständen — wenn nämlich die russische Gewalt wieder einmal keine Umstände machte — sein Gutes haben. Das geschah zum Beispiel in der ersten polnischen Revolution, nach der berühmten Schlacht bei Ostrolenko. Bei Ostrolenkv hatte ein Bruder des Herrn Bondy eine Fabrik. In und nach der Schlacht wütete im Orte das Feuer. Alles brannte ab. Trotzdem wurde hinterher den Abgebrannten eine schwere Kriegskontribution auferlegt, die sie vollends an den Bettelstab gebracht hätte. Sie bestürmten den Gouverneur Grafen Stroganoff mit flehentlichen Abordnungen um Gnade und Barmherzigkeit. Auch die Iudenschaft schickte eine und Fabrikant Bondy gehörte ihr an. Dieser ging aber nicht unbewaffnet in die Höhle des Löwen, sondern hatte sich beizeiten von seinem Bruder in Karlsbad einen Empfehlungsbrief an dessen Schachpartner schicken lassen. Wie nun diese Leute in Audienz erschienen, warf der Gefürchtete einen Mick aus sie, der jeden einzelnen durchbohrte. Auch den Fabrikanten Bivndy, trotz des Briefes in seiner Brusttasche. Doch siehe da, das scharfe Auge des Gouverneurs bleibt auf ihm haften, unter so vielen Leidensgefährten. „Was ist das?" sagt er, „Sie kommen mir so bekannt vor. Wer sind Sie? Wie heißen Sie?" Er sagte es so barsch, daß der Angeredete und sich die perfekte K e n n t n i s d e s B ö h in i s ch e it nneig it e it, b et in i t e i it H i n d e r it i s f ü r i h r Fortko ntin e n ft u s d c in Wege r ä u in e n d. Darauf kann jeder Einzelne Einfluß nehmen, während zur Ueberwindung allgemeiner ungünstiger Erwerbsverhältnisse und sozialer Zustände Fleiß und Wille des einzelnen nicht ausreichen. Die Deutschen haben trotz allen nationalen Ehauviuisinus in den letzten Jahren erkannt, daß für ihre Konnationalen die Erlernung der böhmischen Sprache ein Ding der Notwendigkeit und des nationalen Interesses sei. Sogar das „Neue Deutsche Tagblatt", also ein deutschvölkisches Organ in Wien, hat in einer Augustnuminer diese Forderung aufgestellt und ausführlich begründet. Wer unter Tschechen gelebt und ihre Anschauungen über Judenfragen kennen gelernt hat, weiß, tvie sehr der Umstand, daß die Juden die Sprache der Bevölkerung, in der und von der sie leben, entweder überhaupt nicht oder nur zur Not radebrechend kennen, zur antisemitischen Gesinnung speziell der tschechischen Intelligenz beiträgt. Die durch Beherrschung der böhmischen Sprache gewonnene Erweiterung des Arbeitsgebietes und gesicherten Existenzmöglichkeit wird die Zahl der jüdischen Einzelpositionen auf dem Lande und in den Provinzstädteu erhöhen, weil viele jüdische Beamte, Angestellte und Angehörige freier Berufe mit Rücksicht auf die Unmöglichkeit einer durchgreifenden Verständigung mit den Einheimischen in gemischtsprachigen oder reintschechischen Gebieten auf Niederlassung und Betätigung verzichten müssen. Daß die jüdische Käufmanuswelt aller Branchen, der jüdische Reisende, Handelsangestellte von der gründlichen Erlernung der tschechischen Sprache geschäftliche Vorteile und eine Erhöhung ihrer Koitkurrenzfähigkeit zu erwarten haben, liegt auf der Hand. Auch den Zug in die Großstadt, dem die jüdische Intelligenz aus sprachlichen und anvcren Gründen folgen muß, würde die Erfüllung der Forderung nach Aneignung der nichldenischen Landessprachen teilweise verringern. Aufhalten läßt er sich nicht, weil er eine allgemeine jüdische Erscheinung und in den jüdischen Berufsverhältuissen tief begründet ist. Früher machte die berufliche Gliederung, die Stellung als Zwischenhändler die Juden zu Stadtbewohnern und heute treibt sie die ökonomische Entwicklung, welche in der Industrialisierung, im Ausbaue des Welthandels und Weltverkehrs vorwärtsschreitet und dem Zwischenhandel in kleineren Städten Lebenskraft und Bedeutung nimmt, in die Großstadt. Dazu kommt noch, daß in den Groß- und Hauptstädten als den politischen und wirtschaftlichen Zentren, auch jene Berufe ihren natürlichen Mittelpunkt fmauf die .Knie fiel und zitternd in die Brusttasche langte. Immerhin beeilte er sich, seinen Namen zu neunen. „Bvndy . . . Bondy . . . Sie sind doch nicht verwandt mit dem Bvndy in Lichtenstadt bei Karlsbad?" — „Gewiß, Exzellenz, das ist mein Bruder, ich habe auch einen Brief von ihm au Ew. Exzellenz bei mir." — „So, sein Bruder! . . . Brief unnötig, alles bewilligt. Haben nichts zu zahlen." Einer der denkwürdigsten Partner Bondys war der britische Botschafter in Berlin, Odo Russell, später Lord Ampthill. Eigentlich hatte er das Schach von ihm gelernt, als er 1838, acht Jahre alt, zum ersten Male mit Mama utiö Brüdern nach Karlsbad kam. Die ganze Familie Russell lernte da Schach, und die sehr gelehrte Mama, Lady William Russell, nebenbei Hebräisch, dies aber vom alten Saphir, dein Edelsteingravenn Damals lag ans Bvndys Laden noch gewissermaßen ein Nachglanz des Wiener Kongresses. Im Hintergründe spielte Papa Bvndy mit dem Grasen Tatischtscheff, russischen Gesandten in Wien, nnd dem General Grafen Balmain, der als russischer Kommissär mit Napoleon ans St. Helena geweilt. Der gelehrte Graf Kaspar v. Sternberg, Goetheschen Angedenkens, der berühmte Geologe Leopold v. Buch, der Komponist Ludwig Spvhr, der russische General der Kavallerie De Witt, ein Nachkomme des ermordeten „Großpensionärs" von Holland, einst Teilnehmer des Wiener Kongresses, der prächtige Fürst Paul Esterhazy, auch der Sohn Mozarts nnd so noch andere Nemargnables der Zeit saßen bei Papa Bondy im 'Hinterstübchen und spielten um die Wette Schach. Selbst der Orient fand sich ein. Unter anderen ein hoher türkischer Würdenträger, der sich auf sein Schachspiel viel zugute tat und einmal drei Tage lang mit Bvndy rang, aber täglich unterlag. Da sagte er: ,>Bousetes extremement fort, vons-etes mon maitre", und spielte nie mehr mit ihm. Isaak Bvndy war ohne Frage eine Erscheinung des Tages, eine charakteristische Lvkalfignr, ja Figur überhaupt, jener weniger zerwühlten Nr. 33 den, in denen flcvabc Juden sehr stark vertreten sind. Die politischen und gesellschaftlichen Mo- .mente bilden ein weiteres Moment. Sic schrecken naturgemäß die jüdischen Studierten ab und bewirken, daß sie um jeden Preis in der „Stadt" bleiben, die Berufe weiter überfüllen, die Existenzbedingungen weiter verschlechtern. Gerade im Aerztennd Advokatenstand füht! die Furcht vor dem nationalen Boykott und der gesellschaftlichen Isolierung auf dem Lande zur Zusammenpferchung in der Großstadt. Ter Boykott, der in Oesterreichs national umstrinenenGebicten so mannigfaltig ausgebildet und so eifrig gehegt und gepflegt wird, erreicht auf dein Lande seine Opfer leichter, trifft sie viel empfindlicher und tiefer. Die jüdischen Kau'- leute und Gewerbetreibenden, die bis zum Beginne der nationalen Hetze auf den Dörfern ruhig und zufrieden lebten, wissen davon zu erzählen und in Mähren z. B. nimmt infolgedessen der Zug der Dorfjuden in die Kreis- und Hauptstädte von Jahr zu Jahr zu. Es ist^ die Flucht vor dem Boykott und es ist zum Teile die Frucht der dentfchtümclnden Haltung jener Juden, die von sicheren Positionen ans aus Kosten des jüdischen Mittelstandes ihre deutschnationale Politik treiben. Zieht der Dorfjuve in die Kleinstadt, der Kleinstädter aus ähnlichen Gründen in die Großstadt, dann ändert sich auch die Lebens- und Studienrichtung seiner Kinder, denen nun im Gegensatz zu früher Mittel- und Hochschulen ohne große Opfer zugänglich sind. Wir haben gesehen, wohin d a s ,,S t u d i c r e n u in jede n P r e i s" f ü h r t: z u r Z it ch t int g eines j ü d ts ch e n I n t c l l i g e n z p r o l e t a r i a t e s, z u r U e b erfüll it n n alle r B c r u f c, z u r Schwächung d c r n a t i o n a l e n it n b wirtschaftlichen Widerstandskraft der ö st e r r c i ch i s ch •' n Jude n heit. Im „Neuen Wiener Tagblatt" hat der bekannte Reichsratsabgeordnete Dr. Otto Stein wen de r, der Gymnasialprofest or ist, unter dem Titel „D e r A n d r a n g z tt den Mittelschule n" einen bemerkenswerten Artikel veröffentlicht, in welchem er auf Grund genauer statistischer Daten den Nachweis führt.- daß die wirtschaftlichen Zustände in Oesterreich eine so starke Nachfrage nach Arbeitskräften mit höherer Schulbildung absolut nickt bedingen. Im Jahre 1903 gab es in Oesterreich 75,768 Gymnasiasten nnd 39 Realschüler, 6576 Studierende haben die Maturitätsprüfung bestanden. Ueberflüssige Mitielsckmleu — zu viele Mittelschüler — zu viele Hochschüler. Die lehrreiche Gegenüberstellung der Juristenzahl in Oesterreich und Preußen kennzeichnet treffend die Zustände und Anssichien in der juristischen Fakultät. Im Jahre .1901 Zeit. Er sah auch danach aus. Groß und schlank, die Adlernase ohne jüdischen Charakter, Lippen und Kinn rasiert, besonders ausfallend die buschigen, weikhinschattenden Augenbrauen, Haltung und Kleidung die des Weltmannes. Er war 1785 in Lichtenstadt geboren und starb 1873 in Marienbad, wo er seit einigen Monaten wohnte, nachdem das Vaterbans daheim eines Nachts abgebrannt war. Es war gerade die jüdische Nenjahrsnacht, September 1873 und die Familie brachte sie ans freiem Felde zu, dem brennenden Hanse gegenber, in dem massenhafte Andenken zugrunde gingen. Ein einziger alter Schrank wurde gerettet. Fünfunddreitzig Häuser gingen damals in Flammen ans. Das Bondysrhe Hans stand am Markte, ans dem Explatze, und sah mit der makellos weißen Tünche seiner festnngsmäßigen Mauern nnd dem ungewöhnlich hohen deutschen Dach sehr stattlich ans. Es war ursprünglich als herzoglich badisches Jagdhaus erbaut und später ein sogenanntes Freihans. Der Freibrief, eine Pergamentrolle mit zwei mächtigen Siegeln, deren eines in der Holzkapsel »iederhing, war eine Familienrelignie) dieses Dokument verlor aber mit dem Jahre 1848 seine privilegiale Zauberkraft. Die Familie Bondy hatte an die zweihundert Jahre in diesem Hanse gesessen, unberührt von der Unstetigkeit der damaligen Judenschaft. Auch sagte sie sich bald vom herkömmlichen Handel der Handelsleute los nnd neigte dem Fabrikswesen zu. Schon Isaaks Vater gründete in Lichtenstadt eine Strnmpswirkerei mit Handbetrieb,' eine der ersten in Böhmen, wohin dieses sächsische Gewerbe ans Annaberg und Eibenschütz eindrang. Isaak selbst war znm Studieren bestimmt und bezog das Polytechnikum in Prag. Sein Busenfreund und Mitschüler daselbst war Emannel Be ich, der spätere berühmte Dompvedlger bei St. Stefan in Wien und Beichtvater der Kaiserin Maria Anna. Er war in Knttenplan, nahe bei Lichtenstadt, geboren. Alle diese Dinge sind bezeichnend für die geistige Atmosphäre, in der Bvndy anfivnchs. Er ist ein richtiger Vertreter jenes fortschrittlichen Jndentnms, dein

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