Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 33 (18.8.1905)
- Date
- 1905-08-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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K S.4» , —. ... -M Verschleißstetlen unseres Blattes, in welchen auch Abonnements entgegengenommen werden: Hermann Goldschnüdt, Wien, I. Wollzeile 11; Verlag „Zion" Wien, 11/3, Stefaniestrasze 12; Robert Weis;, Wien, 1. Jakobergasse 7. Ur. 33. Pfe«, 18. A«g«st 1905 (17. Ab 5665). VII. Jahrgang. Schulschluß und Berufswahl. (Schlus;,«) Ausland! Das Wort hat für die meificu Oesterreicher einen merkwürdigen Klang. Jenseits der Reichsgrenzcn beginnt für sie eine unbekannte, ferne Welt. Der österreichische Jude unterliegt dem Milicneinflusse. Gemütlicher Bierbankpolitiker, kleinlicher Spießer, ohne jeden Zug ins Große und Weite, mit eitlem Worte der typische Provinzler — so ist der Oesterreicher in der Tat, und so präsentiert er sich auch dem Fremden als Politiker, als Geschäftsmann, als Erzieher und Berufsfinder studierender Söhne. Die österreichischen Juden haben sich ihm in allem assimiliert und glauben, Oesterreichs Schicksal und Zukunft sei ganz unbedingt auch ihr und ihrer Kinder Fatum. Und doch wird sie die Logik unüberwindlicher Tatsachen, die schwere Not der Zeit, die gegen sie wirkende Entwicklung eines Besseren belehren: So wie der slolvakische, polnische, kroatische Landarbeiter, der tschechische Taglöhner, der Südtiroler oder ungarische Hungerproletarier seine Scholle verläßt und einen fremden Erdenwinkel aufsucht, weil ihm die österreichische oder ungarische Heimat nicht genügend Nahrungsspielraum und Arbeitsgelegenheit bietet, so ttnrd auch einem Teile der studierenden jüdischen Jugend in Oesterreich nichts anderes übrig bleiben, als außerhalb Oesterreichs ihr Brot und ihre sichere Existenz zu suchen. Es *) Siebe „Iüd. Bolksbl." von« 1-1. Juli und 3. August &. I. Feuilleton. Der alte Bondy. Au der Wand des Bureaus hängt eine alte Photographie, au der ich nicht vvriibersehen tonnte. Angeuscheiulich aus der ersten Zeit nach der Erfindung des Lichtbildes. Diese Berniascheuheit hat etwas Familieuhastes, als wäre die Aufnahme gar nicht von einem Professional gemacht, sondern von einem schlauen >FauMiemnitglied, hinterrücks, zur Ueberrafchung eines verehrten Hauptes. Und danach sieht die Szene denn auch ans. Zwei alte Herren sitzen beim Schach und hinter ihnen stehen zivei Zuschauer, ein eisgrauer Herr und eine alte Dance in geschlossenem Hut mit mächtiger Baud schleife unter dem Kinn. Schauplatz: die alte Wiese in Karlsbad. Zeit >858. Alle vier Personen sind längst tot . . . Dte Photographie ist eine Kopie, znm Jainitiengebrauch. Aber ich kenne auch das Original, das die ehrwürdige Witwe des einen Schachspielers besitzt. Es tarn eines Tages, als Ueberraschnng für diesen, ans London. In einem elegant«» schwarzen Nahmen, mit einer Unzahl kleiner Messiuguägel verziert. Und aitf der Rückseite ist unter Mas ein gedrucktes Matt eingelegt mit diesem Text: Souvenir von Sr. Exzellenz dem Herrn Grafen von Granville, Peer von Großbritannien und Irland, Lvrdpräsident des Geheimen Rates der Königin von England. Se. Exzellenz Lord Clarendon mit Lad» Granville als Zuschauer bei der Schachpartie mit Jsae Bondy. Im September 1858." Solche Photographien mit solchen Widmuugeu gibt es nicht viele. Ilnd es ivar nicht einmal die einzige solche Widmung des berühmten englischen Diplomaten der Krimkriegzeit an den alten Herrn Bvndy. Seine Mtwe bewahrt auch noch eine prachtvolle, massiv silberne Kassette, deren Deckel ein reizendes Relief schmückt, von Kindern, die im gilt nun, sich dazu zu rüsten. Bereit sein ist > alles! Vorderhand ist unsere Heranwachsende j Intelligenz für die Eventualität einer dauerni den Niederlammg in der T re in de nicht gerüstet, obwohl diese Eventualität an sehr viele gebieterisch und ausschließlich herantreten wird. Schon jetzt ist eine Wandlung bemerkbar. Jüdische Techniker, Handelsschüler und Absolventen verschiedener Fachschulen suchen in weit größerer Zahl als bisher Beschäftigung im Auslande. Unter dem eisernen Drucke des inuerösterreichischen Notstaudes wagen sie rascher und zahlreicher den ihren Lebensweg entscheidenden Schritt über die Grenze. Darauf weist auch die Tatsache hin, daß die Erportakademie und die höheren Handelsschulen, zu denen der Andrang um so stärker wird, ie fühlbarer die Ueberfüllung der Hochschulen ist, von Juden immer mehr frequentiert werden und ihre jüdischen Absolventen in wachsender Zahl ins Ausland senden. Die jüdischen Jntelligenzproletarier in Oesterreich werden ihre Scheu vor dem Auslande, vor der Auswanderung überwinden und über die Grenzen, eventuell übers Meer ziehen müssen, wenn hierzulande für sic nichts zu holen sein wird. Der „Daseinskampf" dieser Intelligenzler hat sich, so lange sie in Oesterreich nicht allzu zahlreich waren, meist in schablonenhafter Weise, besondere Emotion abgespielt. Der Platz am „Futtertroa" war bald "Kunden und er näbrte seinen Mann. So einfach und gemütli^ wird's in Zukunft nicht mehr gehen. Der Kampf um jenen Platz ist heißer, unsicherer, opfervoller geworden, i seine Siegesfrüchte sind geringer. j Weiulaub spielen. Ans dem Deckel des grünen Safsiausuttcrals ist unter Glas ans rosa Seide eine ähnliche Widmung des „Grafen von Grauville" gedruckt, datiert: „im Oktober 1856". Damals ivar Earl Granville als englischer Fricdensbevottmächtigter in Moskau, um den Krieg beenden zn helfen, und die Kassette brachte er dem alten Bvndy mit. Das sieht ihm auch ähnlich. Man sieht es ihm deutlich an, ans der Photographie, wie er in die Partie versunken dasitzk, mit dem feinen britischen Aristvkratenprvsil und dem lockigen Haar um den bedenkenden Schädel. Er ist noch in den besten Jahren, Lord Clarendon dagegen eisgrau, 'wie übrigens auch Herr Bondy, dessen dichtes weißes Haar nebst Backenbart sich wie eine Frisur ans der alten Puderzeit um den dunklen hageren Kopf schließt. Der alte Bvndy, der in Großväterzeiten, von len zwanziger bis in die sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts seinen -Wirkwarenladen ans der alten Wiese in Karlsbad hatte — im alten Hanse „zur Kanone" — war jedenfalls ein hervorragender Mensch. Nicht nur wegen seines berühmten Schachspieleus, wofür sein Porträt sogar in ausländischen Schachklnbs (Paris, Dresden n. s. f.) Hängen soll. Er ivar überhaupt ein gediegener Mensch und seine christlichen Mitbürger waren sozusagen stolz ans den alten Bvndy, der in altmodischen Zeiten lange genng sogar der einzige Jude war, der über Sonntag in Karlsbad bleiben durfte." Nach 18-18 mußte er sogar als Vertreter der Judenschaft des Egerer nnd Elbvgener Kreises nach Prag, in die politische Oeffentlichkeit, ans einen ganzen Monat; der Egerer Kreishanptmann Graf Rothkircli meinte, er lind fein anderer müsse eS sein. Diese bürgerliche Gediegenheit gehörte natürlich mit zur Grundlage, ans der auch seine internationale Beliebtheit als Schachmeister sich liach und nach ansbante. Er hatte aligellscheinlich den gewissen alten jüdischen Schachtopf, wie Nathan der Weise — „Nathan im Gebirge" nannte ihn Heinrich Laube, der ihn auch in seinem Heimatsorte Lichtenstadt, am Fuße des In Oesterreich ist heule maßgebend, was i und wie man in den Schulen und in ganz bei stimmten Schulen lernt. Schul-, Fleiß- und Sittennoten entscheiden, nicht wirklichesKönnen. Draußen aber, wo große Staaten und Völker in den Wettbewerb treten und jede Position mit zäher Ausdauer und Kraft verteidigen, gilt nur, was einer wirklich well' und leistet. Jene österreichische „Gemütlichkeit", Rückständigkeit, Weltsremdbeit äußert sich am besten in der fast allen Schichten gemeinsamen Vernachlässiguug fremder Sprachen. Es bedarf wohl keines weiteren Beweises, daß Sprachenstudium und Sprachcnkenntnisse — abgesehen vom erzieherischen und Bildungswerte — nicht zu unterschätzende Hilfsmittel im wirtschaftlichen Kampfe sind. Diese Erkenntnis ist in Oesterreich noch lange nicht Gemeingut, auch die österreichischen Juden haben es noch nicht begriffen. Sie haben bis jetzt ans g r ii n d l i ch e Erlernung und Beherrschung fremder Sprachen sehr wenig oder gar kein Gewicht gelegt. Kein Zweifel, daß dieses Bildungsmanko unsere Jntelligenzkreise in ihrer Bewegungsfreiheit beträchtlich hemmt und späterhin ihre Lage, wenn es nicht wettgemacht wird, nur verschlimmern kann, weil sie so nicht imstande sind, überzählige Arbeitskräfte ans Ausland abzugeben, vielmehr wie mit eisernen Klammern in dem Staate sestgehalten werden, der durch seine nationale Struktur und wirtschaftliche Situation für das Gedeihen eines jüdischen J'ntelligenzproletariates den denkbar. üppigsten Nährboden darstellt. Eiue fremde Sprache I lernen — nicht sie beherrschen — gilt 6ei Erzgebirges, besuchte. Er hatte den Schachkopf Moses Mendelssohns, dessen ansgeglichener Humanismus und furchtloser Fortschrittsgeist in der damaligen Judenschaft so durchgreifend nachwirkte. Den Schachkopf so vieler späterer Schachmatadore gleichen Stammes: der Zuckertort, Wiinawer, Steinitz, Kolisch und anderer weltberühmter Mattsetzer. Schon als Studiosus der Technik in Prag war das Schach seine Leidenschaft. Auch der Theorie hing er eifrig nach und er war der Urheber vieler interessanter Probleme, die in die Schachpresse gelangten. In seinem Karlsbader Laden trafen sich die hochgestellten Schachfreunde der ganzen Welt. Die österreichische, englische und russische Aristokratie saß üvrt an seinem Brett nnd stritt abwechselnd um den Rekord. In der harmlosen Wirk- und Leinenwarenlnit spielten sich mitunter scharfe Kämpfe ab, deren Echos nm Teil rlvch jetzt nachklingen. Der österreichische Minister Graf Mittrowsky, ein Fürst Lobkowitz, ein Graf Schaaffgotsch sind nvch erinnerlich. Ich lveiß nicht mehr, welcher vvn dieserr Herren es ivar, der schlechterdings nur um Geld spielen lvollte, so daß mall sich einfür allemal ans einen Gulden die Partie einigte. Er verlor ehrlich jederr Tag seine Partie, nahm den Gulden ans der Tasche, küßte ihn und legte ihn auf den Tisch. Ein russischer General GrafPahlen mtö ein russischer Staats rat v. Schelling gehörten zu seinen besonderen Gönnern. Schelling war ein starker Spieler und fühlte sich als solcher. Einmal lvollte er durchaus ans eine Partie wetten, und zwar gleich nm 100 Louisd'vr. Der alte Bondy ließ sich nuf so exzentrische ttnternehlnnngen überhaupt nicht ein; er spielte mit Vorliebe platvuisch, um deil Ruhm oder aus Interesse am Problem. Da langte Fürst Lobkvwitz in die Tasche, legte sein Portefeuille ans den Tisch lllld sagte: „Hundert Lonisd'vr habe ich nicht bei mir, aber der Inhalt dieser Brieftasche dürfte dem entsprechen, ich halte der» Einsatz." Es war auch der Mühe rvert, scholl wegelt der interessanten Znschanerschaft. In dieser befand sich gerade auch die Herzogin vvn Angvnleme, die berühmte Hel-