Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 32 (11.8.1905)
- Date
- 1905-08-11
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3i Jüdisches Volksblatt Seite b nähme erfolgt trotz der gesetzlichen Vorschrift nur auf die kurze Zeit von 1—3 Jahren, nach deren Ablauf der Vertrag erneuert werden kann. Diese Erneuerung findet jedoch nur bei jüngeren Kräften statt, da mit dem zunehmenden Alter des Religionsdieners der Gebrauch in vielen Gemeinden besteht, den „großen" Gehalt zu reduzieren oder den Beamten ziehen zu lassen. Bei Ausschreibungen heißt es dann: „Nur Beamte, die das 40. bis 46. Lebensjahr nicht überschritten haben, haben Aussicht auf Berücksichtigung." Und die im Amt ergrauten Beamten haben die traurige Aussicht, im Alter brotlos zu sein und der Mildtätigkeit anheimzufallen. Daß eine von der Willkür abhängige oder durch das Unvermögen der Kultusgemeinde unsichere Stellung das Ansehen des Rabbiners und Religionsdieners untergräbt, ist einleuchtend. Und doch sollten die Rabbiner als öffentliche Beamte, als Trauungssunktionäre und Matrikenführer, die Amtshandlungen von Wichtigkeit und Tragweite im Namen des Gesetzes vollziehen, die genügende Autorität, die aus einer unabhängigen Stellung sich ergibt, besitzen! Die traurigste Tatsache, die nicht genug betont werden kann, ist jedoch die, daß die Rabbiner und Lehrer in den mittleren Gemeinden Böhmens, die im besten Mannesalter kaum das nötigste erwerben können, im Alter ohne jede Versorgung dastehen. Wohl hat der JsraclitischeLandcs-Lehrerverein inBöhmen im Vereine mit Unterstützung und Förderung der löblichen Repräsentanz der Landesjudenschast des Königreiches Böhmen einen Verein ins Leben gerufen, der den Namen Sr. Majestät „Kaiser Franz Josef-Jubiläumsverein zur Gründung von Pensionen für dienstunfähige israelitische Lehrer Böhmens, deren Witwen und Waisen" führt, allein die geringe Unterstützung seitens der Kultusgemeinden und durch die große Inanspruchnahme des Fonds infolge rascher Mortalität der Mitglieder ist derselbe nur imstande, an Mitglieder mit dreißigjähriger Mitgliedschaft nach vierzigjähriger Dienstzeit statt der Normalpension von 1200 K 40 Prozent dieses Betrages, also jährlich 480 L (an deren Witwen nur die Hälfte, das sind 240 X) zu leisten. Daß bei solch traurigen Aussichten auch die Uebelstände schon zutage treten, daß heute bereits Kultusgemeinden ohne Rabbiner und Religionslehrer dastehen, da ein Nachwuchs sich diesem aussichtslosen und sorgenvollen Amte nicht widmet, läßt sich aus diesen geschilderten Umständen leicht erklären. Wir halten es daher als unsere Pflicht, einerseits in Wahrung der Interessen unserer Mitglieder, andrerseits in Wahrung der Interessen des Judentums in Anbetracht der in Kürze geschilderte!: traurigen Verhältnisse die ergebenste Bitte zu richten: Ein hohes Abgeordnetenhaus des österreichischen Rcichsrates beschließe: betont, daß der Brief des Königs keinen anderen Wert habe und haben könne als der eines Privatmannes und baher in einem konstitutionellen Lande, das Glaubensfreiheit garantiere, nicht den geringsten Einfluß haben n>erde, und sodann fortfährt: „Die spanischen Negierungen haben einmal nicht die protestantische Kirche als einen Skandal angesehen, sodann ist das J«nidentum nicht wie der Protestantismus eine proselytisierenbe Religion und wirb daher weniger nnt den katholischen Interessen in Konflikt geraten. Gewiß ist ein großer Teil der Geistlichkeit noch unversöhnlich, aber man kann das nicht von ihrer Gesamtheit sagen, denn hervorragende Bischöfe und Geistliche zollen meiner Kanrpagne Bleifall. Allerdings gibt es hier religiöse oder fanatische Geister, die bas Vorhandensein anderer Religionen mit Furcht konstatieren und mit Entrüstung tadeln,' aber wo gibt es ein Land, iw öenr nicht Aehnlichcs vorkäme? Dafür gibt es aber in Spanien, wo wenigstens tausend Juden wohnen und prosperieren, gar keinen Antisemitismus, und man kann nicht ein einziges Journal nennen, das die Bestimmung hatte, die Person der Juden oder deren Interessen zu beschimpfen, wie dies in Frankreich der Fall ist. Die Tatsache, daß ich seit zwei Jahren im Parlament, tu der Presse und in Schriften einen öffentlichen Feldzug zugunsten der Juden führe, und daß man mir daraus keinen Vorwurf gemacht hat, beweist unwiderleglich, daß Spanien nicht ein fanatisches und zurückgebliebenes Lautst, wie man zu behaupten beliebt." 1. Eine Kultusgeminde dürfe nur dann als solche bestehen, wenn mindestens 60 beitragende Mitglieder in derselben sich befinden. Alle Kultusgemeinden, die weniger Mitglieder zählen, haben als solche aufzuhören, und steht denselben das Recht zu, sich als Synagogengemeinden der größeren Nachbargemeinde anzuschließen. 2. Der Gehalt des nach einjährigem Provisorium definitiv anzustellenden Rabbiners hat mindestens 1600 K nebst freier Wohnung zu betragen. 3. Diejenigen Kultusgemeinden in Böhmen, welche kein eigenes Pensionsinstitut für ihre Beamten haben, sind verpflichtet, dem „Kaiser Franz Josef-Jubiläums-Verein" mit einem entsprechenden Jahresbeiträge beizutreten, wodurch es auch der kleinsten und materiell schwachen Gemeinde möglich wird, die Pflicht der Versorgung für die im Dienst ergrauten Beamten zu erfüllen. Alle unsere Postulate enthalten keine Belastung des Staatsbudgets, sondern entsprechen nur dem gesetzlich dienstlichen Verhältnisse zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, weshalb wir uns der freudigen Hoffnung hingeben, keine Fehlbitte mit diesem unserem ergebensten Petitum getan zu haben. Der Vorstand des „Israelitischen Landes- Lehrervereines in Böhmen". Der siebente Kongreß*). I. Am Sonntag den 30. Juli wurde in Basel Geschichte gemacht. Jüdische Geschichte. Nicht nur über das englische Ostafrikaanerbieten, sondern auch über das Prinzip wurde entschieden, ob Bestrebungen, die auf die Erlangung eines außerhalb Palästinas gelegenen Territoriums abzielen, in der Richtung des zionistischen Ideals liegen. Der Kongreß hat mit großer Majorität dahin entschieden, daß es außer der Erfüllung, der Verwirklichung unseres ach, so rührenden Palästinastaatstraumes nichts gebe, nichts geben dürfe, das zionistischen Schweißes wert sei. Ich bin meinem Schicksale dankbar, daß es mir vergönnt war, der Szene beizuwohnen, die dieser Entscheidung folgte. Die Resolution war kaum verlesen, als auch die „schwarzen Hundert" Ussischkins schon ihre Hände oben hatten. Was sonst zur „Majorität" gehörte, schloß sich dem treuen Stimmvieh au. Rechts in der Ecke aber, wo die sozialistischen Zionisten und die Territorialisten saßen, im Wetterwinkel, aus dem bisher stets die Unterbrechungen gekommen waren, wurde es mit einem Male stille. Die Stille vor dem Sturm. Dann brach's los. Wie ein einziger Schrei war's, iir dein Wut und Empörung, brennender Schmerz und wilde Verzweiflung zu einer Leidenssinfonie sich vermählten. Die konnten's nicht fassen, daß man ihnen die Tür vor der Nase zuschlug, daß ideologische Schwärmerei gesiegt hatte über die Sehnsucht nach Brot und Freiheit, daß der Notschrei eines Volkes verdeckt werden sollte von den klingenden Worten falscher Propheten. Und während die um ihre Erlösung aus bitterer Pein Betrogenen heulten und vor Schmerz schrien, sich an Bart und Haaren rissen, sich umarmten und weinten und schluchzten — standen die Vollstrecker von Ussischkins Willen von ihren Sitzen auf und klatschten ihrem Führer jubelnd Beifall zu . .. Was sich in den Reihen der Vertreter des jüdischen Proletariats aus Rußland abgespielt hatte, war nicht ohne Wirkung auf die übrigen Kongreßmitglieder geblieben. Und als dann Israel Zangrvill sich den Zuaaug zur Rednertribüne bahnte, trotzdem die Abstimmung bereits erfolgt, die Entscheidung gefallen war, da wendeten sich ihm die Sympathien auch jener HU, die geglaubt hatten, als gute Zionisten für die Ussischkinsche Resolution stimmen zu müssen. Die „schwarzen Hundert" tobten freilich und versuchten *) lMr geben den Ausführungen -es Herrn O. Kr., -er Augenzeuge -er jüngsten Vorgänge in Basel <mx, gerne Raum, ohne unS mit denselben, besonders mit der Beurteilung -er Situation vor dem Kongresse und seinen Schlußfolgerungen, ohne weiteres identifizieren au wollen. Hirni, b. Red.) Zangwills Worte zu übertönen. Man verstand ihn doch, fühlte das Gewicht seines Protestes und war sich der Bedeutsamkeit der Stunde bewußt, da er mit deu Worten schloß: „Herzl sagte mir, der siebente Kongreß werde der letzte sein; auch ich hoffe das!" („The seventh congress will be the last; and I hope so!“) * * Der siebente war jedenfalls der letzte zionistische Kongreß dieser Art. Herr W o l f f s o h n, sonst ein sehr nüchterner und praktischer Herr, erklärte in seiner den Kongreß beschließenden Rede, die Krisis im Zionismus könne nunmehr als gelöst betrachtet werden. Freilich: wenn man das Köpfen als das beste Mittel gegen Kopfschmerzen betrachtet — dann hat Herr Wolffsohn recht. Man bedenke: Das, was unser bestes Kapital war, das Volk, hat sich von uns gewendet, da man ihm anstatt Brot Kaviar — nicht gab, sondern auch das nur versprechen konnte. Die Offiziere sind allein geblieben und meinen: Nun sei der Sieg leicht. Sie glauben freilich, das Volk stehe noch immer hinter ihnen. Und in diesen Irrtum fielen sie und mußten sie fallen, weil sie die Kongreßmajorität mit der Majorität des jüdischen Volkes identifizierten. Daß dem nicht so ist, mußte jedem einleuchten, der sich ein wenig unter den russischen Delegierten umgetan und die Verhältnisse erkundet hatte, aus denen diese Delegierten des jüdischen Volkes kamen. Ich will nicht sprechen davon, daß in öffentlicher Sitzung der Vorwurf erhoben wnrde, die Garde Ussischkins verdanke ihr Entstehen unerhörten Wahlmißbräuchen, und daß selbst der Referent des Legitimationsausschusses Percy Baker eingestehen mußte, es seien bei diesen Wahlen „Unregelmäßigkeiten" vorgekommen. Aber ich muß protestieren dagegen, daß diese unter der Hypnose Ussischkins Stehenden als die Vertreter der jüdischen Massen des Ostens betrachtet werden. Weil wir Westler irrten, indem wir in den verelendeten Juden des Ostens eine geistesträge, nur mystischen Schlagworten zugängliche Masse erblicken, hat unsere Agitation versagt, die immer nur den Palästinatraum in den Vordergrund rückte; und unserer Flagge folgte nur ein verhältnismäßig kleines Häuflein, das zum geringsten Teil aus Proletariern bestand. Erst als das Ugandaprojekt auftauchte, blinkte auch den Elendsten unserer Stammesgenossen im Osten ein Hoffnungsschimmer auf. Verlor doch der Zionismus nun das Visionäre, Traumhafte, um konkrete Formen anzunehmen. Nicht mehr ein Märchen, das wir von der Geschichte Zermürbten mit dem größten Kraftaufwand in absehbarer Zeit nicht zur Wirklichkeit umzuwandeln vermögen, sondern das Anerbieten einer Weltmacht, die politische Freiheit und ökonomische Unabhängigkeit in Aussicht stellt. Und die bisher nicht glauben wollten und konnten, daß ein Märchen über Stacht Leben werden solle, begannen unsere Reihen zu füllen, da es um eine konkrete, mögliche Sache ging. Ihre Zahl in unseren Reihen ist freilich noch nicht groß, denn nicht zu aller Ohren war die Kunde gedrungen von der Möglichkeit der Freiheit. Aber von Stunde zu Stunde wächst ihre Zahl und der siebente Kongreß war der erste, -an dem auch die Vertreter des ihrer Not bewußten jüdischen Proletariats teilnahmen. Der bauernschlaue Ussischkin erkannte, welche Gefahr seinem phantastischen Träumen von dieser Seite drohte. Und er nutzte den Augenblick, da er noch über eine Majorität verfügte und erzwang die Annahme der Resolution, die das jüdische Proletariat wieder aus unserer Mitte trieb. * .--j Manch guter Mann hat unserer Bewegung den Rücken gekehrt. Nicht mit Recht. Denn wenn auch die bedingungslose Zurückweisung des englischen Anerbietens ein grober Mißgriff war und die Beschränkung jeglicher zionistischen Bestrebung auf Palästina Wahnsinn ist, in dem nicht einmal System liegt, lebt doch in mir die unerschütterliche Hoffnung, daß der Geist Herzls, der die Bewegung schuf, siegen wird über Ussischkin, dem es in so schwerer Stunde gelang, unsere Entwicklung