Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 32 (11.8.1905)
- Date
- 1905-08-11
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Jüdisches Volksblatt Nr. 32 getragen, indem sie sich mit einer Ratenzahlung von 60 599 Francs begnügte, welche sämtliche 475 Kolonisten ihr großmütig bewilligt Hubert. b) Brasilien. ' K o l o n i e P h i l i p p s o n. Die im Berichte pro 1903 angekündigte Kolonie Philippson in der Provinz Rio Grande do Sul ist irn ersten Viertel des Jahres 1904 etabliert worden. Dieselbe umfaßt 5 398 Hektar und besteht aus einem großen Verivaltungsgebäude, einer Schule und 40 Holzhäusern zu zlvei Zimmern und einer Küche. Tie Klolonie Philippson ist! zwischen den Stationen Pinhal und Colonias der Eisenbahnlinie Santa Maria Passa Fundo gelegen und hat eine eigene Station Philippson erhalten. Die Emigranten, frühere Kolonisten im Gouvernement Beßarabien, hatten vor der Abreise eine für ihnen- Unterhalt bis zur ersten Errrte bestimmte Summe zu deponieren, wogegen ihnen schon in Rußland ein Besitztitel auf ein Haus, das Übende imb tote Inventar sowie 25 bis 30 Hektar Land ausgehändigt wurde. Die 37 Kolonisten mit 267 Seelen haben zwar bei ihrer Ankunft alles zu ihrem Empfange vorbereitet gefunden. Infolge des verspäteten Eintreffens der dritten und größten- Partie von ihnen konnten jedoch nur 59 Hektar bebaut werden. Die eigentlichen Arbeiten, werden daher eift im Jahre 1905 beginnen. Die Verwaltung besteht aus einem Agronomen und dessen Gehilfen, sowie einem eingeborenen Landwirte, der die Kolonisten in der für Brasilieu passenden Art der landwirtschaftlichen Arbeiten unterweisen soll. c) Kanada. a) E m i g r a t i o n. In Kanada arbeitet die Gesellschaft im Vereine mit dem zur Förderung der Emigration in Kanada bestimmten Baron Hirsch-FondS. Von den im Jahre 1902/03 in Montreal gelandeten Einwanderern wurden 2848 mehr oder weniger unterstützt. Ihre Zahl stieg vom 1. Oktober 1903 bis 30. September 1904 auf 3967 Seelen. Davon sind 2606 in Montreal verblieben, während der Rest über die verschiedensten Teile deS Landes verstreut wurde. In den letzten drei Monaten des Berichtsjahres nahm die Emigration einenweiteren Aufschwung und erreichte die Ziffer von 2318. b) Schulen. Nebst! der materiellm Unterstützung der Emigranten sucht der Baron Hirsch-FondS ihnen sie elfte zu ihrem Fortkommen in Kanada unentbehrliche Elementarbildung beizubringen. Außer der Abendschule in Montreal, deren Schülerzahl im Dezember 1904 die Höhe von 513 erreicht hat, unterhält das Baron Hirsch-Institut daselbst eine Primävschule, welche 883 Schüler zählt. Das im Jahre 1903 erweiterte Schulgebäude erweist sich bereits wieder gegenüber dem enormen Andrange als zu klein. <) der Hirschkoloni-e in Kanada geht es bereits so gut, daß die Gesellschaft sie vollständig sich selber überlassen konnte. Einzelne in! und um der Hirschkolome der Jca noch gehörende Parzellen werden zur Vergrößerung derselben verwendet, indem auf ihnen neue Klolonisten angefiedelt werden. Gleichzeitig wurden im Berichtsjahre zwei neue Kolomsationszentren in Ansell und Bineberg, nicht weit von der Hirschkolonie, errichtet. b) Die Kolonie Qu'Apelle bei der gleichnamigen Festung in. der Provinz Afsiniboia, welche gleich nach ihrer Begründung im Jahre 1902 von dem größten Teile der Ansiedler verlassen wurde, beginnt sich allmählich wieder zu erholen. Die 60 in Qu'Apelle verbliebenen Kolonisten sehen ihre Ausdauer reichlich belohnt und bedürfen keiner weiteren Unterstützung mehr. Nunmehr verspricht Qu'Apelle ein großes Kolonisationszentrum zu lvevden, das auf tüchtige jüdische Ackerbauer eine bedeutende Anziehungskraft ausüben wird. Bereits sind neue Emigranten in Qu'Apelle eingetroffen, welche gerne die in der Kolonie noch zur Verfügung stehenden Ländereienbearbeiten-, ohne von der Gesellschaft irgend welche Subventionen zu beanspruchen. (Fortsetzung folgt.) Petition jüdischer Lehrer an de» Reichsrat. Am 4. Juli l. I. nahm eine Deputation des „Israelitischen Landeslehrervereines in Böhmen", bestehend aus den Herren Rabbiner Freund (Bodenbach) und Rabbiner Stein (Raudnitz), Gelegenheit, eine Petition an den Minister für Kultus und Unterricht sowie an den Reichsrat abzugeben. Die Abgeordneten Dr. Bpk, Slama, Hofrat M a r ch e t. Abgeordneter F o r st gaben die Versicherung, daß die Lehrer reüssieren werden, indem das von ihnen angestrebte Ziel einer Altersversorgung durch die Gemeinden, in deren Dienst sie stehen, nur recht und billig sei. Daß der Herr Minister für Kultus und Unterricht auf die „Autonomie" der Kultusgemeinden als ein „Noli me tangere“ hinwies, ist wohl wahr, allein auch er erkannte die bestehenden Zustände als unbedingt nicht haltbar und der Remedur bedürftig. Auch er versprach, Mittel und Wege zu ftndcn, um den berechtigten Ansprüchen der Lehrer gerecht zu werden. Die Petition hat, wie wir den „Mitteilungen des Israelitischen Landeslehrervereines in Böhmen" entnehmen, folgenden Wortlaut: »Hohes Abgeordnetenhaus! Der „JsraelitischeLandeslehrerverein in Böhmen", der seinen Statuten gemäß die Ausfgabe hat, die Standesinteressen seiner Mitglieder — der Rabbiner, Religionslehrer und Kantoren Böhmens — zu vertreten, hat in seiner am 23. August 1904 abgehaltenen Hauptversammlung beschlossen, in seiner Not und Bedrängnis dem löblichen Abgeordnetenhause nachstehende Denkschrift über die Verhältnisse dieses Standes zu unterbreiten und an dieselbe eine Reihe von ergebensten Bitten zu knüpfen, denen sich sämtliche Vereinsmitglieder angeschlossen haben. Auf Grund des Gesetzes zur Regelung der Verhältnisse der israelitischen Kultusgemeinden vom 25. März 1890, R.-G.-Bl. Nr. 57, ß 11, hat jede Kultusgemeinde die Pflicht, mindestens einen Rabbiner anzustellen, welcher der Lehrer des Religionsgesetzes und der Berater der Kultusgemeinde und ihrer Angehörigen in religiösen und rituellen Angelegenheiten ist. Außerdem erteilt und beaufsichtigt er den Religionsunterricht, ist vom Staate als Trauurigsfuiiktionär bestellt und hat auch die Matriken der Gemeinde als öffentlicher Beamter zu führen. Die Wichtigkeit der diesem Manne übertragenen Aemter sollte auch eine unabhängige materielle und soziale Stellung voraussetzen, da diese eine unerläßliche Voraussetzung für seinen moralischen Einfluß und für sein Ansehen ist. In Wirklichkeit ist derselbe in den meisten der in Böhmen auf Grund der hohen Ministerialverordnung vom 10. März 1893, Z. 101, geschaffenen 200 israelitischen Kultusgemeinden in jeglicher Beziehung abhängig, materiell beispiellos schlecht gestellt, im Alter der Not preisgegeben. Der erste Grund hiefür ist zunächst die große Menge von Gemeinden, die nur aus einer geringen Zahl von beitragenden Mitgliedern bestehen — Gemeinden mit 12 Mitgliedern gibt es auch —, und diese sind deshalb auch nicht imstande, größere Gehalte den mit Aemtern überbürdeten Kultusbeamten — Rabbiner, Religionslehrcr und Vorbeter in einer Person — zu zahlen. So zahlen in Böhmen, wie aus den in den Tagesblättern veröffentlichten Konkursen ersichtlich ist: 1 Gemeinde 700 X, 3 mit 800 X, 4 mit 900 X, 17 mit 1000 X, 1 mit 1080 X, 3 mit 1100 X, 1 mit 1160 X, 12 mit 1200 X, 5 mit 1320 X, 8 mit 1400 X, 5 mit 1600 X, 10 mit 1600 X, 1 mit 1700 X, 1 mit 1740 K. 2 mit 1800 X usw. Gehalte, mit denen standesgemäß zu leben eine Unmöglichkeit ist. Die Folge dieser materiell ungünstigen Lage ist auch die traurige soziale Stellung der Rabbiner in diesen kleinen oder mittleren Gemeinden. Die Auf- Kaisers, der sie 'unter feinte Kammerknechte ausnahm. Als Fremde, Eingewanderte gehörten auch die Inden zu den kaiserlichen Kammerknechten. Sie galten daher nach römischem Rechte durchaus als Unfreie, als Hörige, und dursten von ihrem Eigentümer, dem Kaiser, verschenkt oder verkauft werden nach Belieben. Sie hatten auch kein persönliches Eigentum. Alles, was die Inden -besaßen, gehörte demnach dem Kaiser, der damit zu jeder Zeit machen konnte, was er nur wollte. Es kann daher nicht wundernehmen, daß die Fürsten skrupellos über Person und Vermögen ihrer hörigen Kammerkn echte verfügten. So wurde 1221 in Beziers der reiche Benjamin an die Tochter des Untergrafen als Aussteuer verschenkt: 1290 schenkte Eduard der Erste seinem Bruder Edmund in London den Juden Aron. Ebenso selbstherrlich verfügten die Fürsten über die jüdischen Vermögen. Besonders gern erließen sie ihren christlichen Untertanen die Schulden, die sie bei den Juden hatten. „Um des Soelenheiles seines Vaters" willen erließ Ludwig der Neunte von Frankreich allen jüdischen Schuldnern ein Drittel ihrer Schulden. Selbst von den bereits gezahlten Summen mußten die Juden ein Drittel wieder herausgeben. Desgleichen befahl er, daß Christen nicht jüdischer Schulden wegen verhaftet, noch ihr Eigentum mit Beschlag belegt werden durste. In Deutschland waren es besonders Ludwig der Bayer, Karl der Vierte und Wendel, die jederzeit bereit waren, auf diese billige Weise ihre christlichen Schuldner aus den Händen der jüdischen Gläubiger zu befreien. 1341 erließ Ludwig der Bayer dem Kloster Waldsafsen die Schulden, die es bei den Juden von Eger hatte. 1343 erließ derselbe Ludwig dem bis über die Ohren an Kolmarer und Schlettstädter Juden verschuldeten Ulrich von Württemberg die aufgen-ommenen Beträge. was Karl der Vierte dem Eberhard von Württemberg 1841 nochmals bestätigte. Die Kolmarer und Schlettstädter Juden waren aber nicht ohne weiteres bereit, dem Kaiser zu gehorchen. Sie warben Söldner, rückten nach Württemberg und pfändeten und raubten die unglücklichen Bauern aus, die also in diesem Falle, wie immer, die Suppe, die andere eingebrockt, auslöffeln mußten. 1349 „bezahlte" aus diese Weise Markgraf Rudolf von Baden durch Erlaß Karls des Vierten die Bären, die «er in Straßburg angebunden hatte. Am ärgsten machte es 1390 Kaiser Wenzel. Er trieb das Judenprellen im Engros, aber nur dann, wenn er von der Beute einen hübschen Batzen abbekam. So erließ er dem Herzog Friedrich von Bayern seine jüdischen Schulden gegen eine Zahlung von fl. 15 000. Ebenso viel zahlte der Graf von Dettingen. Nürnberg gab fl. 4000. Der Rat machte dabei noch ein feines Geschäft, denn er erhob 30 Prozent der ursprünglichen Schuldsummen von den jüdischen Schuldnern zur Deckung dieser sl. 4000; er nahm aber fast doppelt so viel ein, wie er gegeben. Rothenburg a. d. T. löste sich mit fl. 1000 an den Kaiser usw. Daß bei solchen Manipulationen alle Ehre und Treue, alles Vertrauen, der Glaube an die Heiligkeit der geschworenen Eide zum Teufel gehen mutzte, war klar. 1335 entband Heinrich, Erzbischof von Mainz, zum Zwecke des Judenprellens alle Bürger von Worms, Speyer, Straßburg, Basel „im Namen des Herrn" von ihren den Juden geleisteten Eiden. Von solchen schoflen Mitteln bis zur direkten Gewalt und Erpressung war nur ein Schritt. Und wie häufig wurde ein solcher getan! 1234 ließ Johann von England einem Juden in Bristol, der sich weigerte, Mk. 10000 herzugeben, die er gar nicht schuldig war, jeden Tag einen Zahn ausziehen. Sieben Tage hielt der Mann die Tortur ans, dann beugte er sich der brutalen Gewalt. Wenn Heinrich der Dritte von England Gelbrauchte, ließ er schnell «in paar Juden auf die Folter spannen. Rupert von Mansfeld, Erzbischof von Magdeburg, sollte 1261 Mk. 100 060 Mantelgebühren für seine Wahl nach Rom bezahlen. Um diese ungeheure Summe aufzubringen, ließ er alle Juden in Magdeburg und .Halle am Laubhüttenieste ins Gefängnis werfen, zu Hause ihre Geldkasten erbrechen und so lange foltern, bis die Summe zusammengebracht war. 1292 wollte Adolf von Nassau auf ähnliche Weise in aller Geschwindigkeit Mk. 20 000 von den Juden in Frankfurt a. M. „aufnehmen" — um die Kosten seines Aufenthalts daselbst bezahlen zu können. Der Bürgermeister von Frankfurt schützte aber die Juden vor der kaiserlichen Folter und so mußte der Kaiser seine Zeche auf andere Weise aufzubringen suchen. Huntes Feuilleton. Spanien und die Juden. Der spanische Senator Angel Pnlido tritt seit zwei Jahren in Wort und Schrift für die Rückkehr der Juden nach Spanien ein. Als nun neulich der König von Spanien auf ein Schreiben des Kardinal-Erzbischofs Salvador Casanas, der um die Verhinderung der Einweihung einer protestantischen Kirche in Barcelona bat, antwortete, daß er über den neuen Angriff auf den Glauben der Väter und auf die Staatsreligion sehr betrübt sei und alles, waS in seiner Macht liege, tun werde, um denselben zum Scheitern zu bringen, bemerkte der Pariser „Univers Jsraeltte", daß, wenn dies schon Protestanten gegenüber geschehe, man sich leicht denken könne, wie wenig Aussicht auf Erfüllung die Pläne bes Senators Pnlido bezüglich der Juden haben können. Darauf hat nun Senator Pnlido ein langes Schreiben an die Redaktion des genannten Blattes gerichtet, in welchem er zunächst