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Jüdisches Volksblatt · 1905-08-11 · 32 (11.8.1905) · p. Seite 3

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
32 (11.8.1905)
Date
1905-08-11
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 32 Jüdisches Volksblatt Seite 3 Stück Zugvieh und 5487 Schafen hinzu. Es besitzt jeder Kolonist in Enire Rios 31,96 Ochsen, und Kühe, 2,41 Pferde und 3,80 Schafe, in Santa Fe 00,37 Ochsen und Kühe und 25,81 Pferde und in Buenos Aires 75,03 Ochsen und Kühe, 22,45 Pferde und 10,42 Schafe. Dian sieht, für die Kolonisten in Argentinien ist gut gesorgt worden. Sie könnet! bequem eine extensive Wirtschaft betreiben und brauchen sich selbst vor einer Mißemtc nicht *ui fürchten!. Eine solche Mißernte gab es eben in km abgelaufenen Jahre 1904. Das Getreide ergab nur in! Durchschnitt 6,94, der Flachs 4,27 und kr Mais 2,59 Zentner pro Hektar. Allein infolge ihres ausgedehnten Grundbesitzes hatten die Kolonisten dennoch 108 056 Zentner Getreide, 63 989 Zentner Flachs und 38 029 Zentner Mais geerntet. Welchen! Geldwert diese gewaltige Emte hatte, laßt sich aus einer dem Berichte beigeg-ebenen Note, die Emte pro 1904/05, ersehen. In derselben wird der Preis sämtlicher GetreideaAen im Durchschnitt mit 6,6V Francs netto pro Zentner berechnet. Dies würde pro 1904 eine Einnahme von 1 367 341,8 Francs allein aus demKörncrb>iu bedeuten. Dazu kommen noch die unkontrollierbaren Einnahmen aus Gemüse und Obstbau, Vieh- und Geflügelzucht sowie in Mauricio und Mosesville die aus den ausgedehnten Luzernenfeldern, welche im Jahre 1903 auf 428 000 Francs geschätzt wurden; endlich wird für alle Kolonisten noch de in Ertrag aus der Milchwirtschaft zuzurechnen sein, welcher im Vorjahr aus 207 223 Francs berechnet wurde, Demnach könnte man die Gesamteinnahmen der jüdischen Kolonisten in Argentinien mit 2 002 564,8 Francs bewerten, gleich 1744,39 Francs pro Kolonist. Dieses Einkommen, um welches mancher deutsche Bauer sie beneiden würde, könnte noch von den Kolonisten' um weitere 646 736,72 Francs, gleich 470,42 Francs pro Kolonist erhöht und so aus 2220,81 Francs pro Kolonist gebracht lverden, wenn sie tüchtig genug wären, die Eentearbeit allein und ohne Hilfe von Tagelohnem auszuführen. D a r l e h e n. Der Bet mg dieser ist bei freier Wohnung, nebst nahezu freier Beköstigung aus den selbsterzeugten Produkten, reichlich genug, um nicht nur bequem leben, sondern auch die an die Gesellschaft zu zahlenden Jahresraten entrichten zu können. In Wirklichkeit verhielt sich jedoch die Sache ganz anders. .Nicht nur sind die Jahvcsrateir sehr spärlich gezahlt worden, 'bcr größte Teil der Kolonisten ist gezwungen, sich! von der Gesellschaft größere Vorschüsse sowie kurzfristige Darlehen bewilligen zu lassen>. Zum! Zwecke der Gewährung von. Darlehen« ist sogar ein. Extrafonds von 440 000 Francs bestimmt worden. Niveau der Arbeiterschaft heben. Es entstand in derselben ein starkes Drangen nach Wissen, es bildete sich ein großes Interesse an verschiedenen gesellschaftlichen Fragen heraus, am Leben »md an den Einrichtungen der westeuropäischen Länder. Jeder Schritt der Bewegung mußte durch harten Kampf erobert werden und diese Schule war es, die den Juden, der chenmls vor jedem Polizoihut zitterte, zu einem Bürger im vollen Sinne des Wortes erzogen hat. Und diese Tätigkeft des „Bundes" war es, die revolutionierend auch auf die verschiedenen Schichten der jüdischen Bourgeoisie wirkte, was auch von dem größten Teile der letzteren offen zugegeben wirk». Dies zeigt am beste»! die Tatsache, daß sic den „Bund" Unterstützen, und das ist auch sehr verständlich, denn wenn sie auch das Endziel desselben — den Sozialismus — nicht testen, so verstehen sie ganz Mt, daß das nächste Ziel, zu dem der „Bund" strebt — die Erkärnpfung einer? Verfassung auf demokratischer Grundlage, die polttische und bürgerliche Gleichberechtigung — den» ganzen jüdischen Volke zugute kommen wird. Dieser Umschwung in dem Leben des jüdischen Volkes mußte selbstverständlich sein Selbstbewußtsein und seine Menschenwürde heben. Die traditionelle Furchtsamkett war verschwunden und daher ist es kein Wunder, daß der jüdische Proletarier eher sein Leben als seine Ehre hingM. Der Selbstschutz fimmnt jetzt auf den Plan, rmd fast in jeder Stabt, wo die Flamme der Judcnkrawalle ausloderte, war er tätig. Kischenew war die einzige größere Stadt, wo die Arbeiterorganisation keinen Egen Selbstschutz organisiert hatte. Und das ist Man sieht, ein großer Teil der. Kolonisten ist nach wie vor auf die Subvention der Gesellschaft angewiesen, nur heißt cs nicht mehr „Subvention", sondern „kurzfristige Darlehen", welche selbstredend alljährlich iuit neuem ei beten und gewährt werden. Der Grund für diesen Zustand ist weniger in der unter Leitung des ersten Buchhalters der Jca, Herrn W. Moß, und des bekannten Agenten des Baron Hirsch, T. Beneziani, wirklich vortrefflichen! Veiüvaltung, als in denr mangelhaften Meuichenmatorial zu suchen. Wir haben schon auf die zwei Fünftel der Einnahmen aus dem Getreidebau verschlingende Ausgabe für Tagelöhner hingewiescn. Einen weiteren^ Beweis für die Untüchtigkeit der jüdischen Kolonisten! in Argentinien liefert das vernichtende Verdikt des Verwalters der Kolonie Mosesville, Herrn. Bab, in seinem im Jahresberichte veröfsentlichten Memorandum vom 7. Juli 1904. Das Ergebnis all dieser Tatsachen ist, daß die junge Generation die Kolonie verläßt, um in den großen Städten als Arbeiter oder Händler sich eine neue Existenz zu suchen. Tie Zahl dieser Landflüchtigen ist in mancher Kolonie so groß, daß die von ihren Söhnen verlassenen Kolonisten aus Mangel an Arbeitskräften ihre Felder nicht mehr bestellen können und gleichfalls zum Verlassen der Kolonie gezwungen sind. Im Jahre 1905 werden' nicht weniger als 31 solcher in ihren alten Tagen hilflos gewordener Kolonisten, die Kolonie „Klara" verlassen müssen. Das Memorandum? des Herrn Bab gibt uns auch die genügende Erklärung dafür, daß die Gesellschaft ihre riesigen Ländereien lieber brach liegen resp. zu einen! Spottpreise verpachten läßt, als sie unter den jungen Söhnen der Kolonisten, deren Zahl sich auf 2984 beläuft, zu verteilen. M a u r i c i o. Tie zu großer Berühmtheit gelangte Kolonie Mauricio im gesegneten Buenos Aires marschiert auch, in diesem Jahre an der Spitze sämtlicher argentinischen Kolonien. Tie Kolonisten haben, aus dem Getreidebau zirka 500 980 Francs und aus den Luzernenfcldem 161 000 Francs, zusammen 661 980 Francs, gleich 3637,25 Francs pro Kolonist, eingenommen. Bei solchen reichlichen Einnahmen konnten die Kolonisten nicht anders, als ihre Jahresrate mit 96 863 Francs voll einzuzahlcn. Mosesville. Etwas schwieriger war diese Bezahlung von den Kolonisten in Mosesville zu erhalten, da die Ernte daselbst, wie ja mit Ausnahme von Mauricio, in fast allen jüdischen Kolonien Argentiniens sehr mäßig und die Maisernte fast gänzlich vernichtet war. Dennnoch haben sie für 269 775 Francs netto gezu erklären erstens dadurch, daß die Arbeiterbewegung dort sehr schwach war, zweitens weil Militär «und Polizei auf brutalste Weise jeden Widerstand der Juden niederdrückten. Aber dann folgte Hornel, wo der Krawall schon nicht sv ganz unerwartet kam. Tort war ein sehr tätiger Selbstschutz organisiert. Alle Augenzeugen stimmen überein, daß, wenn das Militär nicht auf der Seite der Krawaüheldeu gewesen wäre, die letzteren sicherlich eine vollständige Niederlage erlitten hätten. Und trotz dieses Verhaltens des Militärs war die Zahl der getöteten und verwundeten Krawallente fast dieselbe wie bei den Juden. Der Krawall dehnte sich nur auf ein paar Straßen ans und der größte Teil der Stadt war gerettet. Besonders heldenmütig haben in der letzten Zeit die Mitglieder des Selbstschutzes in Schitomir gekämpft. Ohne den Selbstschutz wäre es dort zu einem zweiten Kischenew gekommen; die Zahl der zerstörten und beraubten Wohnungen ist einfach minimal, aber es war eine förmliche Schlacht zwischen der organisierten Bande und den» Selbstschutz. In Bvest-Lttowsk, wo die Regierungsbeamten die Reservisten gegen die Juden aufhetzten <es ist festgestellt, daß vorher unter ihnen entsprechende Broschüren von Polizisten verteilt wurden) und wo die Reservisten ebenfalls Flinten bei sich hatten, hat der Selbstschutz das Unglück lokalisiert und den größten Teil der Stadt vor der Plünderung gerettet. Auch diese Stadt kann mtt Knmmer, aber zugleich mit Stolz aus ihre 6 Toten und über 90 Verwundeten blicken. Eine große Bedeutung hat auch bei der jetzt-. erntet. Die Luzernen, welche von dm Kolonisten jetzt zur Mästung von. eigens dazu gekauftem oder in Pension genommenem mageren Vieh gebraucht wird, dürfte ihnen mindestens weitere 240 000 Francs ei ngeb rocht haben. Rechnet man dazu, den Ertrag aus der Milchwirtschaft mit etwa 77780 Francs, so ergibt sich eine Gesamteinnahme von 587 555 Francs, gleich 1883 Francs pro Kolonist. Da eine solche Einnahme der Verwaltung viel zu geringfügig erschien, so bestand sie -nicht ans der vollständigen Zahlung derJah res rate und begnügte sich mit einem, verhältnismäßig geringen Betrage von 43 025,4 Francs. E n t r e R i o s. Der im- Süden, von Entre Rios im Jahre 1902 gebildete Verwaltungsbezirk Lucienville mit 179 Kolonisten: hat im Berichtsjahre 10 014 Hektar gegen. 7 470 Hektar im, Vorjahre bestellt. Tie Getreide- und Flachsernte war schlecht, während die Maisernte weit günstigere Resultate ergab. Da jedoch die mit Mais bestellte Fläche sehr geringfügig war, hatte die günstige Maisernte das Gesamtresultat sehr! wenig beeinflußt. Im ganzen betrugen die Einnahmen der Kolonisten aus dem Kornanbau 243 368,4 Francs, gleich 1 359,0 Francs pro- Kolonist. Obgleich doch die Kolonisten noch einen sehr großen Viehstand besitzen, aus dem sie erhebliche Einnahmen haben müssen, weigerten sie sich dennoch, ihre Jahresrate zu zahlen. Die nachsichtige Verwaltung begnügte sich mit der Gesamtzahlung von 13 717 Francs. Man vergleiche damit die unten folgenden Angaben, über die Kolonisten von Katrah in Palästina, welche bei einer Gesamte in nah me von 1000 Francs pro Familie ihre Jahresraten voll bezahlt haben. Die Kolonisten von Argentinien sind eben die Lieblingskinder der Jca, und sie alle werden noch einmal ihr Ideal, den Besitz von. 150 Hektar Land, erreichen. Für die Kolonisten in Lucienville wird dieses Ereignis bereits im. Jahre 1905 eintreten. Clara. Das gleiche wird wohl in ganz kurzer Frist für die im Norden von Entre Rios wohnenden Kolonisten von Clara eintreten müssen. Sie haben zusammen 55 598 Zentner geerntet, was nach dem bet den Kolonisten in Argentinien üblichen Abzug von 40 Prozent für Tagelöhner einen Nettowert von 366 946,8 Francs, gleich 772,61 Francs pro Kolonist, präsentiert. Die Gründe für diesen Mißerfolg sind ans den früheren Berichten der Jca bekannt. Der Boden ist erschöpft infolge des beständigen Anbaues von Flachs. Die Leute sind leichtsinnig in bezug auf die Auswahl der Saaten, pflügen nur oberflächlich und vernachlässigen die Milchlvirtschaft. Diesen geringen Einnahmen hat die Verwaltung auch Rechnung gen Lage des Judentums der geistige Umschwung, der sich in der christlichen Bevölkerung vollzogen hat. Früher konrrte dank einer gewissenlosen Agitation den christlichen Volksmassen wirklich eingepaukt werden, daß die Juden nur Wucherer, Ausbeuter und Betrüger seien. Jetzt aber, wo er zusammen mit den» Inden arbeitet, zusammen mtt ihm lebt, wo ans Schritt und Tritt die Solidarität znm Ausdruck kommt, und besonders, wo er den schreckenlosen Kampf des jüdischen Proletariats mit der Negierung vor Augen Hat, da »nutzte auch bei dem christlichen Arbeiter eine neue Ansicht über das Judentum überhaupt entstehen. Dann aber wird dank der aufklärenden Arbeit auch der christliche»» Bevölkerung immer klarer, daß die verbrecherische- Negierung, um die Aufmerksamkeit vom wahren Schuldigen abznlcnken, die christliche Bevölkerung gegen die jüdische aufzuhetzen sucht. Es wird immer klarer, wer der wahre Volksfeind ist. - Billiger Schuldenerlaß. Der mittelalterlich-römische Rechtsbegriff kannte nur zwei Sorten von Menschen, den Freien rmd den in irgend einer Weife Hörigen. Jeder Freie mußte seine Freiheit beweisen können durch Urkunde oder Zeugnis von Nachbarin Wer dies nicht konnte, galt als unfrei und nmßte einen Herr»» haben, der Über ihn die Bormundfchast ansnbte. Daher wurde jeder Fremde, der in Deutschland einwanderte, jeder Schiffbrüchige, den der Sturm ans Land warf, unfrei, wenn er seine Freiheit nicht durch Urkunden zu Lerveifen in der Lage war. In Ermangelung eines anderen Herrn wurden die Frenrden zunächst unfrei zu Händen des

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