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Jüdisches Volksblatt · 1905-08-11 · 32 (11.8.1905) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
32 (11.8.1905)
Date
1905-08-11
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Jüdisches Volksblatt Nr. 32 so werden nämlich fälschlich unsere öffentlichen Schulen, hie durchgehendgut katholisch find, genannt — die erfüllt ihre Aufgabe so, wie die Erfolge zeigen. Der karg zugcmessene Religionsunterricht wird zu irr größten Teile noch oberflächlich erteilt, wobei der Religionslehrer überdies gerne den Entfoll einer oder der anderen stunde — der durch Beichte, Kommunion, christliche Feiertage, Hitzfernen eintritt — in den Kauf ninunt. Sein Beruf ist ihm in der Regel nur Brot und nickst Ideal, und doch bedurfte die jüdische Jugend zu keiner Zeit so sehr idealer Lehren wie heute. Köuueu wir aber von dem jüdischen Lehrer Idealismus erwarten, wenn er entweder mit der nackten Not kämpfen mutz oder den Beruf nur deshalb ergriffen. weil er im anderen Schiffbrnch gelitten hat? lind endlich das Haus! Das jüdische Haus von heute, das es eigentlich nur deshalb ist, weil cs der christliche Nachbar so nennt, aber, nichts Jüdisches an sich hat, weder Sabbat, nach Feiertag, noch Gebet, und diel weniger Ritus oder Rituelles sieht das jüdische Kind vor sich. Der moderne Jude ist Familienvater, das moderne, übergebildcte Fräulein, das alles das, was jüdisch ist, von oben herab angesehen hat, ist Familicnmutter geworden uird da soll das Kind Liebe zum Judentum und zu den Juden, seinen Stammesgenossen, mit auf den Lebensweg nehmen, in dieser Familie, wo zumeist noch gewissermaßen als Zugabe auf alles Jüdische losgewettert wird, aus solchen Nestern fliegen nur Renegaten und, wcun's gut geht,Nochjuden in die Welt. Ich glaube der Wahrheit entsprechend geschildert zu haben, allein das genügt aber nicht, es müssen auch Mittel und Wege angegeben werden, Oie eine Besserung der traurigen Zustände herbeizuführen vermöchten. Es soll zumindest versucht werden. Mären die jüdischen Gemeinden tatsächlich das, was sie sein sollten, so wäre es nie so weit gekommen und sie allein wärenberufen, hier sanierend einzugreifen. Diese sind aber heute alles andere als die Hüterinnen des Judentums und haben in bedeutendem Maße dazu beigetragen, die Tinge soweit gefördert zu haben. Sie bleiben daher außer Betracht. Dagegen hat die jüdische Presse die heiligste Pflicht, auf der Wacht des Judentums zu stehen. Tie moderne Presst die so Vieles und Bewundernswertes in der Mitte anderer Nationen geleistet hat. diese hat auch im Judentum große Aufgaben zu erfüllen. Auf welche Art cs geschehen soll, das möge ein zweiter Artikel auseinandersehcn. Ben Jehuda. anderen Verhältnissen spielen sich die Exzesse der letzten Zeit ab. Die letzten zwanzig Jahre sind nicht umsonst vorübergegangen für Rußland. Das Niveau der Volksmassen, besonders in den Städten, hat sich wesentlich gehoben, eine starke Arbeiterbewegung ist entstanden und ein richtigeres Verständnis der verschiedenen sozialen Lebensereignisse greift immer mehr um sich. Man erinnere sich nur an. Krschenew: eine spezielle Zeitung wurde dort herausgegeben, die die Massen in diesem Sinne bearbeitete („Bessarabetz" von Kruschewan), cs mutzte ein spezieller Beamter (Baron Löwen dal) mit einer ganzen Bande kleinerer Polizeibeamten sich längere Zeit vorher in der Stadt mederlafsen, um diese schreckliche Inden - metzelung zu organisieren, und am Ende hatte nur ein sehr kleiner Teil der friedlichen Bevölkerung an den Exzessen t-eilgenommen; nicht nur alle Anführer, sondern auch ein überwältigender Teil der Krawallhelden überhaupt bestand aus Polizeiagenten, Spitzeln und Vertretern der sogenannten „schwarzen Bande" des städtischen Gesindels, unterstützt von einigen Geschä ftsantisemiten und dergleichen. Einen Judenkrawall jetzt zu organisieren, ist bet weitem nicht so leicht wie vor 20 Jahren. Man denke sich nur, was für ein« Unmasie von Flugblättern und Broschüren, die gegen dieJuden aushetzen und zu Gewalttätigkeiten ausfordern, jetzt erscheint. Die Zahl solcher Flugblätter kann vielleicht nach Millionen gezählt werben, dabei die verstärkte mündliche Agitation, die von Geistlichen, Polizeiofsizieren, Spitzeln uftv. getrieben wird. Man sucht in den Flugblättern 'die Juden Der Jahresbericht der „Ietvish Colomzation Association" pro 1904. 1. Argentinien. Ausdehnung desWerkcs. Nach einer mehrjährigen Pause, welche von der Gesellschaft dazu benützt wurde, um die bei den ersten Kolonisationsversuchen begangenen schweren Fehler in planvoller, harter Arbeit nach Möglichkeit wieder gulzumacheu, war die Leitung der „Jewish Eolouisation Association" bereits 1902 imstande, aus dem W«cge zum Ziel einige Schritte weiter zu machen. Schon im Jahre 1901 wurden 90 000 Hektar neues Land gekauft und im darauffolgenden Jahre 120 neue Kolonisten an gesiedelt. Im Berichtsjahre wurde diese Arbeit vorsichtig wcitergefühA. indem 100 86b Hektar neuen Landes zugekauft wurden. Gleichzeitig wurden 201 Kolonistai neu angefiedelt, von denen 96 frisch aus Rußland kamen; weitere 30 Familien arbeiteten schon seit Jahren in den Kolonien als Tagelöhner und der Rest von 75 Kolonisten wurde dem jungen Nachwuchs entnommen. Es ist bezeichnend für die Vorsicht, nrit welcher die Verwaltung in Argentinien vorgeht, daß sie nicht mehr in den Fehler des Baron Hirsch verfällt, welcher 02,64 Prozent der gesamten, für die jüdische Kolonisation bestimmten Ländereien in dem unglückseligen, einsttveilen für die Ansiedluug von Europäern absolut ungeeigneten Entre Rios erworben hatte. Die 1901 angekauften Ländereien befinden sich größtenteils in der Provinz Santa Fe und das im Berichtsjahr erworbene enorme Terrain ist in dev Provinz Buenos Aires, 500 Kilometer von der Stadt Buenos Aires und 350 Kilometer von Bahia Blanca entfernt gelegen rind wird vor» der argentinischen Südbahn sowie der Pacifiquebahn durchschnitten werden. Tie neuen Ländereien sind bestimmt, 6—600 Kolonisten aufzu nehmen, welche nebst den Reisekosten noch den Ankauf dos gesamten, mobilen Inventars aus eigenen Mitteln zu bestreiten haben werden, so daß die Gesellschaft mit Ausnahme oon etwaigen kleinen Vorschüssen ihnen mir das Land und die Gebäude geben wird. Wir wollen hoffen, daß sich genug jüdische Familien finden werden, welche riebst der tüchtigen Arbeitskraft und landwirtschaftlichen Erfahrung noch über ein Varkapital von 2000 Rubel verfügen und den guten Willen besitzen, diese für Rußland bedeutende Summe statt in den Kleinhandel in dieLandwirtschast zu stecken. Einstweilen haben sich 44 solcher Familien bereits gefunden, welche bis jetzt im Gouvernement Cherson als Kolonisten gewohnt als „Blutsauger" des russischen Volkes darzustellen, als Feinde des Zaren, des Vaterlandes und der orthodoxen Kirche, als Leute, die die Japaner mit ihrem Gelbe gekaiuift haben, die die Konstitution nur erstreben, um mit Hilfe des Parlaments alles in ihre Hände zu bekommen, das Volk noch stärker aussaugen zu können. Es verdient aber ermähnt zu werden, daß in den meisten dieser Flugblätter die Juden nicht allein figurieren, sondern sich in der Nachbarschast von Polen und Armeniern befinden, von liberalen Semftwoleuten, Studenten, Gymnasiasten, Aerzten, Schriftstellern, Lehrern, Intellektuellen überhaupt. Gegen alle diese Leute wird das Volk aufgehetzt, sie alle werden als die schlimmsten Feinde des Vaterlandes bezeichnet. Und Mr sehen auch, daß wir jetzt nicht nur Judenexzefse habe»!, sondern auch schreckliche Niedermetzelungen der Armenier auf dem.Kaukasus, empörende Ueberfülle auf Gymnasiasten in Kursk und Pskow, einzelne Ueberfälle auf Studenten, besonders in den Universitätsstädten. Manche Aerzte und Lehrer mutzten ihre Stellen verlassen infolge der feindlichen Stimmung der Bauern, wie z. B. im Gouv. Saratow. Die mündliche und schriftliche Agitation der Regierung gegen die Juden Hat sich also kolosial entfaltet. Und doch rr»ytz konstatiert werden, daß di« Wirkung dieser kolossalen Agitation nicht allzu stark ist, denn die Judenexresse standen' 1» keinem Verhältnis dazu, und in sehr vielen Städtenwo die Agitation gegen die Juden von den Pottzeiagenten sehr arg getrieben wurde, ist sie dank der starken jüdischen Arbeiterorganifatton völlig mlitzlungen. und sich nunmehr entschlossen haben, nach Argentinien auszuwandern. (Emigration. Daß diese nicht außer Möglichkeit liegt, beweist die wachsende Emigration noch Argentinien. Ueber den Umfang derselben liegen zur Zeit keine offiziellen Zahlen vor. Dennoch scheint sie von Monat zu Monat, einen erheblichen Umfang anzun-ehmen. Allein die Verwaltung der Jca in Buenos Aires hat 450 jüdische Emigranten beherbergt. Für das erste Viertel des Jahres 1905 soll ihre Zahl 12—1500 betragen haben. Von den im Berichtsjabr emgewanderteir Juden haben sich 502 direkt in die jüdischen Kolonien begeben und die Kolonisten bieten alles auf, um ihren hilflosen eimvandcrnden Glaubensgenossen Arbeit zu verschaffen. Im ganzen leben in den jüdischen Kolonien Argentiniens gegenwärtig 836 fremde Juden, die sich als Tagelöhner, Handwerker und Fuhrleute daselbst zu ernähren suchen. 87 von ihnen wohnen in Mosesville, 115 in Clara, 144 in Lucienville und 490 in Mauricio. Argentinien beginnt ein Zentrum' zu werden, das ans die jüdische Emigration eine von Jahr zu Jahr mächtiger wirkende Anziehungskraft ausübt. Fähigkeit d c r K o l o n i st e n zur Landwirtschaft. Wenn also das jüdische Kolonisationswerk in Argentinien im allgemeinen feine .Kinderkrankheit auch bereits überwundenhat, so ist cs trotz aller Schönfärberei noch wci t davon entfernt, ein Ideal dauzustellen oder gar den Beweis zu liefern, daß Argentinien das einzige jüdische Einigrationsland ist. Freilich werden selbst die Kolonisten von Entre Rios, geschweige denn die von Mosesville oder gar Mauricio von der Verwaltung nicht mehr direkt subventioniert. Dies haben sie aber nicht ihrer eigenen Tüchtigkeit, sondern dev großen Munifizenz der Gesellschaft zu verdanken, welche sie so freigebig mit Land und Vieh ausgestattet hat, daß sie selbst bei sehn ungünstiger Ernte noch ihre Existenz fristen können'. Von den 364 014 Hektar Land im Besitze der Gesellschaft befanden sich im Jahne 1903 in Entre Rios 202 898, in Santa Fe 117 386 und in Buenos Aires 43 736 Hektar. Davon standen in Entre Rios 109 334, in Santa Fe 60 035 und in Buenos Aires 33 043 Hektar den .Kolonisten zur Verfügung. Selbstredend sind diese nicht in der. Lage, solche enorme Länderstrecken zu bestellen. Es wurde daher im Jahre 1904 Land bestallt in Entre Rios 27 808, in Santa Fe 15 534 und in Buenos Aires 18 590 Hektar. Gleichmäßig unter alle Kolonisten verteilt, würden auf jeden von ihnen in Entre Rios 42,51. in Santa Fe 49,78 und in Buenos Aires gar 101,68 Hektar kommen. Dazu tritt noch der czawaltige Viehstand, bestehend aus 62 492 Stück Hornvieh, 19 819 Gehen wir zu der Frage über, wie sich bei den jetzigen Exzessen die jüdische Bevölkerung verhält, insbesondere die Arbeiterschaft. In den achtziger Jahren war von den Juden außer in Warschau und noch einigen Städten überhaupt gar kein Widerstand geleistet worden. Die Juden versteckter, sich in den Kellern, vor ihren Augen wurde ihr Hab und Gut zerstört, ihre Nächsten getötet oder verwundet, ihre Frauen, und Töchter vergewaltigt. Das Schreckliche dabei waren nicht nur alle diese Greuel, sondern nicht minder, daß dagegen kein Widerstand geleistet wurde, daß die Leute sich wie Kälber hinschlachten ließen. Einen besonderen Vorwurf kann man selbstverständlich den Leuten nicht daraus machen,' dennman konnte damals von den dreimal geknechteten jüdischen Bürgern Rußlands nicht verlangen, daß sie dasselbe Maß von Menschenwürde besäßen wie diejenigen, die in der Atmosphäre der poetischen Freiheit und bürgerlichen Gleichberechtigung ausgewachsen sind. Um so mehr müssen wir aber den Umschwung bewundern, der in den letzten Jahren eingeireten ist. Wie bekannt, existiert schon sett mehr als 15 Jahren -io Arbeiterbewegung innerhalb der Inden in Rußland. Seit dom Jahre 1897 hat sich der „Allgemeine jüdische Arbeite obund" gebildet, der mit jedem Jahre an Stärke und Bedeutung zunimmt und der zurZeit uustreitbar zu den mächtigsten Faktoren des russischen Gesellschastslebengehört. Der Mund" hat sein« Tätigkett in den größten wie in den mittleren Städten bis in die kleinsten jüdischen Flecken» entfaltet. Diese Bewegung mußte selbstverständlich das geistige

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