Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 32 (11.8.1905)
- Date
- 1905-08-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Redaktion: IX/1, Wafagaffe 31. Telephon Nr. 14723. Sprechstunden r An Wochentagen von 4 bis 6 Uhr nachm. Postadresse: Jüdisches «ottsblatt, Wien. IX|l. Beschwerden wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir uns dringend. — Itlanuskritfte werden niebt zurfickgcstciit. Postsparkafsen-Konto 847037. In das Abonnement kann man täglich eintreten. Erscheint jeden Freitag. Eigenlümr und Aerausgeder: Jalrod Krausz. Inserate übernehmen die firmen: M. vukes Nachf., ksaasenstein L Vogler, Rudolf Masse, M. pozsonyi, R. Schale! in Wien, ferner alle klnnoncen» Expeditionen im Kuslande. Einzel - Nummer in Wien SO Heller. Administration: IX/1, Wasagaste 31. Telephon Nr. 1472». Abonnements - PreiSr Für das gesamte Ausland samt Frankozustellung: Für Wien u. Oesterreich- Ungarn s. Frankozustellung: Ganzjährig. . . . K 12.— Halbjährig . . . . K O.— Vierteljährig . . . K 8.— Ganzjährig . Halbjährig . Vierteljährig. 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Wie falsch es sei — das soll zunächst gesagt werden — bei uns Juden die Religion als etwas Nebensächliches zu. behandeln, ist schon daraus ersichtlich, daß mit dem, Wechsel derselben der Austritt nicht nur aus der jüdischen Religionsgemeinschaft tatsächlich durchgesührt wird, sondern auch daß der Täufling die Zugehörigkeit zum Judentum von> sich gestreift hat. Es ist also nicht allein ein Religionswechsel, der mit der Taufe eines Juden vor sich geht, sondern auch ein Abfall vornjüdischen Volke. Dies allein mag ein. Beweis dafür sein., daß unsere Religion mit ganz anderem Maßstab genressen werden muH als Religionen schlechtweg; und aus diesem Grunde dürfen die Zionisten, sofern sie die Regeneration des Judentums vorwärts bringen wollen, die Religion nicht links liegen lassen sollten, im Gegenteile sich ihrer zur Förderung der Idee aufs kräftigste bedienen; das -wäre meiner Ansicht nach zweckentsprechender. Es ist bestimmt richtig, was nirgendwo anders der Fall ist, daß bei uns sich die Religion von der Nation nicht trennen läßt; wer das eine will, muß das andere wollen, daher kommt es auch, daß die modernen Rabbiner, die bloß eine jüdische Religion ohne eine solche Nation kennen und, sagen wir auch, lehren, die schmählichsten Erfolge aufzuweisen haben, und mm glaube ich bei dem Punkt augelangt zu sein, wo ich über die Gründe der Massenflucht aus ücin Judentum! einiges anführen kann. Man mag noch so viel die Ursachen und Beiveggründe zur Annahme der Taufe anführen, nur jene muß man weglassen, die aus den Schwierigkeiten im Fortkommen in der Karriere oder in der Gesellschaft, kurz, alle, die aus dem derzeitigen Verhältnisse des Juden zu seiner nichtjüdischen Umgebung abgeleitet werden, denn diese Hindernisse fand der Jude zu allen Zeiten, rmd gar oft sogar in viel stärkerem Maße als jetzt, ohne daß ähnliche Resultate wie heute aus dieser Tatsache geflossen wären. Die Gründe des Massenabfalles sind vielmehr ganz wo anders zu suchen als in dem. Verhalten der nichtjüdischen Welt zu uns, sie liegen meiner Ansicht nach einzig und allein in dom Mangel der Ken nt ins des Judentums und seiner Religion. Der Jude von heute ist in seiner überwiegenden Majorität, sagen wir es uns offen, ein Mensch ohne positive Religion. Seine Kenntnis derselben beschränkt sich auf einige für ihn eigens zubereitete, aus dem Zusammenhänge herausgerissene Pentateuchkapitel, die die landläufige Sittenlehre enthalten. — das spezifisch Jüdische wird äugst- Feuilleton. Hoftat Politzer. Professor Politzer feiert in den nächsten Tagen seinen siebzigsten Geburtstag. Er sieht auf ein an Arbeit, aber auch an Ehren und Erfolgen reiches Leben zurück. Ist er doch eine der letzten Säulen der großen, klassischen Periode der Wiener medizinischen Schule, einer Periode, die allerdings uuverlveigeriich vorbei ist. Selten ward ein Erbe so leichtsinnig und so leichtfertig vertan. Verschiedene Umstände spielen da mit, aber vor altem der Tiefstand des Nachwllchses, der an den Bierreden eines Wolf oder an den Kognakphantasien eines S ch ö n e r e r mehr Interesse fand als an den Fortschritten der medizinischen Wissenschaft. Aus diesen Kreisen erwuchsen viele jetzige Assistenten, Dozenten und — Professoren. Und einmal zu Amt und Würden berufen, hüteten sie mit feurigem Schwerte die akademischen Lehr- und Hörsäle. Jeder, der dann in der akademischen Hierarchie Vordringen wollte, wurde vor allein — nicht nach seinem Können, sondern sorgfältig nach Art, Sitte, Herkunft und Ueberzengnng gefragt. Machen da die alldeutschen Maulhelden dem Lueger bittere Vorwürfe, daß er liicht ihre Gesinnungsgenossen anstelle. Wo s i e aber zu entscheiden haben, befolgen sie genau dasselbe Prinzip. Alldeutscher Jesnitismns! Aber auch die Juden an der Universität sind nicht von der Verantivortung freiznsprechen. Sie kamen durch massenhafte Fahnenflucht der Strömung entgegen. Und den größten Trumpf glaubten diese Helden auszuspielen, wenn sie n a ch ihrer Ernennung sich taufen ließen; das heißt ans gut deutsch: Wir sin d. G e s i n n u n g s l it ui p e n, o b w o h l w i v e s g a r n i ch t n ö t i g h a b e n. In guter Erinnerung ist noch das groteske Schauspiel, wie ein g e t a u f t e r jüdischer Professor durch eine st', ' I s " . sich allseitige Verurteilung zuzog und dann in erheuchelter Entrüstung den — Antisemitismns anklagte. Von all diesen Entartungen ist Professor Politzer frei, so frei, daß man ihn eigentlich nur Entschuldigung bitten müßte, daß man anläßlich seines Jubelfestes über diese Schmutzfinken spricht. Wir Inden können ans ihn, den Begründer der modernen Ohrenheilkunde, stolz sein, und Professor P o l' tz c r i st a u f se i n V o l k st o l z. In den Anfängen der jüdischnationalen Stndentenbetregimg stand er ihr mit freundlichem Zuspruch nr Seite, wenn ihm auch seine Lehrtätigkeit keine Zeit ließ, sich öffentlich zu betätigen. Wie hebt sich sein Bild wohltuend von dem aur erer jüdischer Professoren ab, die wohl ihr „Deutschtum" aufdringlich betonen, ihr Judentum aber ängstlich und das ihrer Kinder gründlich verbergen! Von dieser Sorte haben wir viele, Politzers aber wenige, s e h r w e n i g e. Eine perfide Hetze wurde vom „Deutschen Volksblatt" vor einigen Jahren wegen seiner wissenschaftlichen Arlich gemieden — es ist genug daran, wenn dev Jude weiß, daß seine Religion einer anderen nickst nachsteht, denn, das Sittengeseh, die Moral, welche die anderen haben, besitzt sie eben auch. Es ist ferner jetzt nachgerade eine Seltenheit, wennder moderne Jude das Hebräische geläufig zu lesen versteht, den Inhalt entnimmt er der Uebersetzung. Er hängt solcherart gleich einem verdorrten Blatt am Judentum iusolange, als sich nickst eine günstige Gelegenheit bietet, die ihn einem Windhauche gleich in den Schoß einer beliebigen seligmachenden Kirche herabweht. Der Widerstand, kn, er den verschiedenartigsten' Verlockungen aus seiner religiösen Ueberzeugung heraus entgegenznstellen vermag, ist so gering, daß er ihnen bei der ersten besten Gelegenheit unterliegen, muß. Diese beklagenswerten. Zustände herbeigeführt zu haben, kann' sich ebenso, die Synagoge wie die Schuko und nicht zumindest das Haus rühmen. Die moderne Synagoge — eigentlich Tempel — ist dem Judentum etwas Fremdes', Aufgepfropftes, wo sich der Besucher 'fvcmjd unter Fremden fühlt, und wo Gewicht daivauf gelegt wird, das Gehör, nicht aber das Gemüt zu befriedigen, und wo cs sogar verpönt ist, mit seinem, Gotte hörbar zu verkehren; das laute Beten ist verboten und die Folge davon ist: „es wird nicht gebetet", und wenni man sich mit dem Nachbar'Nicht unterhält, langweilt man sich. „Es war eben besser," hörte ich einst einen alten Juden sagen,, „als die Machsorim, groß und die Schulen! klein, waren, wie jetzt, wo die Machsorim klein., dagegen die Schulen groß sind." Und die interkonfessionelle Schule — beiten gegen Professor Politzer eingcleitet, die er einfach damit beantwortete, daß er die Stelle eines städtischen Armenarztes für Ohrenkranke, die er durch Jahrzehnte u n e n t g e l t l i ch versah, niederlegte. Aus seiner Schule sind Ohrenärzte in der g a n z e n W e l t hervorgegangen. Aber stets sah er darauf, daß er auch jüdische Assistenten an seiner Klinik heranzog, wieder ungleich seinen jüdischen Kollegen, die ihre Klinik wenigstens mit arischen Assistenten anwutzen Deshalb darf bei seinem Jubelfeste das jüdische Volk nicht fehlen. Wir haben nur einen Wunsch: er möge sich in don Jahren der Muße, die ihm nun winken, auch öffentlich im Judentum betätigen. Wir haben nicht viele Männer gleich ihm. Die jüdische Arbeiterbewegung in Rußland. Mio bekannt ist, sind int: Anfänge der achtziger Jahve Exzesse gegen die kiikn iu vielen Städten Rußlands vorgekommen. Damals haben an den Exzessen verhältnismäßig große Massen der Bevölkerung, besonders der Bauern, teilgenoimnen. Es genügte eine sehr oberflächliche Agitation seitens einiger ans Petersburg gesandter Polizeiagenten, um die unwissenden und ausgebeuteten Bolksmassen gegen die Inden ansznhetzen. Daher war es auch der Regierung möglich, diese Exzesse als eine „Volksbewegung" gegen die jüdischen Wucherer und Allsbenter darznstetten. Unter ganz