Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 31 (4.8.1905)
- Date
- 1905-08-04
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 31 Jüc&BC&es VöifeäMäft Seite Ü eitle große Gruppe von DelegiEW zunk TöbM zu brittgen; dasselbe geschah auf Lev änderet Seite, Wenn Dr. S y 111 ffi übet Aa >ttgwi l l bas- Work ergreifen, wollten. Ntlb so kam cs, daß mättgels einst einzigen, alle Gruppen vereinigenden! Autorität die sich vergewaltigt fühlende Minorität gezwungen sah, zu den äußersten Mitteln zu greifen, und, da die Majorität sogar so weit ging, der Minorität Polizeigewalt entgegenzirstellen', den offiziellen Kiongreß für ungültig zu erklären und eineneigenen Kongreß abzuhalten. Es wäre aber verfehlt, wollte man aus dem Verhalten der Minorität d i e Schlüsse ziehen, die Dr. Nordau gezogen hat, daß „Du Herzt kein großes, reifes jüdisches! Volk gehabt habe". Es ist auch unrichtig, zu behaupten, daß unter dem! Präsidium Dr. Herzls diese Szenen' unmöglich gewesen wären. Die Ausbrüche der Unzufriedenheit mit der Leitung der Partei hätten sicherlich! auch, vor der Persönlichkeit des Führers nicht Halt gemacht, wenn er sie nicht durchprinzipielle Zugeständnisse rechtzeitig gebannt hätte. Nun ist der Kongreß! säst ge? sprengt worden, und« die! Beschlüsse, die der offizielle N'umpfkongreß gefaßt hat, besitzen nicht mehr die Kraft, die den Beschlüssen! früherer! Kongresse innewohnte. Es, wäre voreilig, heute schon weitgehende Schlüsse aus den Vorgängen im Baseler Stadtkasino zu ziehen., aber immerhin! kann behauptet werden, daß die Ereignisse der letzten Woche eine 'Verschiebung in der politischen! Gruppierung dev Juden zur Folge haben werden,. Die wichtigsten! Beschlüsse sind aus den Tagesblättorn bekannt, man wird! sich mit ihnen noch> des öfteren beschäftigen müssen. Wien—'Basel. Zu dem unter obiger Aufschrift in voriger Nummer unseres Blattes erschienenen Mtikn erhalten wir folgende Zuschrift: Sehr geehrter Herr Redakteur! Ich erwarte von Ihrer Loyalität ohne Berufung aus das RIvsbgosotz L»i« f-* gender Richtigstellung, an der mir wegendes momentanen Zustandes der zionistischen Bewegung viel gelegen ist. Im Leitartikel Ihres geschätzten Blattes vom 28. Juli 1906 wird nämlich zu meinemArti'kÄ imTagesblatto „Dre Zeit" vom 27. Juli in einer Weise Stellung genommen, die durchaus meinen Ansichten nicht entspricht. Wahr ist:' „Ich kämpfe stets gegen den Kolonisationszionismus und wünsche dessen NiederringuNg, weil ich ein unbedingter Anhänger des politischen Zionismus bin, zu dessen Fahne ich mich verpflichtet habe. Weil ich ihn als Bildner wo ohnehin fast nichts Mehr zu verlieren ist. Dabei lernte ich die polonomanen. Juden, deren es in Westgalizien eine Menge gibt, hier gar nicht kennen. Nur eine Art fernou Echos von ihn!en> bekam ich> in sozialistischen Familien zu hörenwo die männlichen! Mitglieder „Separatisten", die weiblichen „polnische" Sozialdemokratinnen sind. In diesen letzteren fand ich den nur von früheren Gelegenheiten wohlbekannten und so unsympathischen! Typus der von feindseligen Modeinstinkten! gegen ihren- Stamm, dessen Leben un>d Sprache erfüllten, mit ihren Polnisch posierenden polnischen Jüdinnen wieder. In Krakau konnte ich mich nur kurze Zeit aufhalten. Sie genügte mir, um mich einigermaßen zu befriedigen. Ich bekam hier von der unbewußten polnischen „Assimilation" viel weniger zu spüren, als ich erwartet hatte. Eine sehr lebhafte und hitzige Diskussion zwischen den „Separatisten" und Zionisten wurde durchaus in jüdischer Sprache geführt. Unter anderem stritt man sich um die Ehre, früher ans die nationale Bedeutung dieser Sprache hingewiesen zu haben. Zionistische Gegner derselben, die ich in bei* anderen Städten doch oft genug abzuwehren hatte, gab es hier gar nicht. Nur eines fürchte ich: daß die nationale Gesinnung, die in den bewußten Parteigängern beiher Richtungen lebt, in Krakau viel weniger tief in die Massen dringt und andrerseits eine viel stärkere bewußte Gegnerschaft assimilationsfähiger Juden! hat, als etwa in Tarnow oder gar im eitles Juöenstäates ansehe und in der Erwerbung eines Territoriums auch außer Palästina stets ein wirtschaftliches Mittel gegen den Pauperismus üüd die Stärkung des jüdischen NätioMvcMögens erblicke, was uns die Erwerbung Palästinas, die in erster Litrie eine Geldfrage ist, leichter machen kann, bin ich ein Anhänger Zangwills und habe den Mut, dies zu bekennen. Ich habe aber der Anschauung Ausdruck gegeben, daß die Frage des Territorialismus nicht durch den siebenten Zionistenkongreß zu lösen' ist, sondern daß diese Frage der Entscheidung der jüdischen Massen überlassen werden soll. Das Problem! ist heute noch zu sehr Gegenstand der Anfeindung und wird noch zuviel mit dem Herzen erörtert, so. daß' es fruchtbares Objekt der Agitation und Erörterung für die Zukunft bleiben muß. Gegenüber diesem! Problem! steht, wie ich ausführte, die Frage der Leitung in z w e i t e r Linie. Darin aber sehe ich in Dr. Max Nordau den berufensten Vertreter Herzls. Stets habe ich diese Meinung vertreten und nie auf Schatten im Bilde dieses bedeutenden! Mannes geachtet, weil das mir kleinlich dünkt. Nordau scheint Wohl geeignet, die Differenzen im zionistisäM Lager zu begleichen, aber für ihn einzutreten bestimmten mich vor allem auch politische Erwägungen, denen ich schon oft Ausdruck gab-. Sjo stellt sich mein Eintreten für die AusrechLerhaltung von. Herzls' Erbe in Wirklichkeit dar, and'ers als Sie es zu verkünden beliebten." Mit ergebener Hochachtung Direktor Dr. Sal. K r <e n b erge r. (Herr Dr. Krenbe'rger bestätigt also nur dasjenige, was wir über feinen AÄikel in der „Zeit" schrieben. Red.) * * * lieber die Krisis im Zionismus schreiben! die „Baseler Nachrichten", die dem Zionirsmus, sofern er eine weitausschauende, philanthropische Hilfsaktion sein wollte, Sympathien entgegienbracht, aber, als die nationalen' jüdischen haben: „Die Entwicklung der Dinge ist selbst für Zionisten nichts weniger! als ermlutigend, und der ideal denkende und tieffühleude« Begründer dieser neuesten Getstesbewegung unter den in der Zerstreuung lebenden Volks- und Glaubensgenossen. Israels, Theodor Herzl, ist um seines frühen Todes willen, nicht zu! beklagen. Doch es hat so kommen müssen. Die, Führer, Herzl vor allem, sie haben gleich! dem Zauberlehrling Goethes die Geister gerufen, nm sie nicht mehr. loszuworden, Die ganze Rückständigkeit und Unreife der unter dem Drucke von. Jahrhunderten leidenden Judenheit Osten Galiziens. Ich schliche das aus manchen Beobachtungen. In Krakau traf ich einen alten, zionistischen Bekannten ans Rußland, der mach Basel fuhr, einen lieben, ehrlichen, begeisterten Menschen. Wir fuhren die Strecke nach Wien zusammen und hatten uns viel zu erzählen, viel zu sprechen. Es frerite nach, daß wir trotz unserer großen Meinungsverschiedenheit so freundschaftlich miteinander verkehrten. Wir fühlten eben beide, daß ja doch unabhängig! von unserem Dispute geschieht, was geschehen muß. Wir -empfanden auch, daß es ein: großes Letztes und Erstes gibt, was uns vereinigt. Und in einem stimmten wir bewußt überein, in der bei mir durch die Reise tn Galizien und der Bukowina noch bestärkten sleberzeugung, daß das Ostjudentum Hauptträgev der jüdischen! Bewegung sei und. in den Vordergrundtreten! müsse. Mathias A ch e r.' Chauvinismus und Assimilation. Ch-auvm'ismns und Assimilation sind eng verschwistert; eines bedingt das andere. Nnd -gar unsere Stammesgeuossen, ob sie nun die Nolle der Deutschen, Tschechen oder Polen spielen, bleiben sich indem einen Punkte gleich, daß sie die «innere Unmöglichkeit ihrer Nolle durch lächerliche Uebertreibnngen zu maskieren suchen. Ein glänzendes Exempel bietet uns — die „Franks. Ztg.". das Assimilqtionsoraan par exeellenee. In ihr des europäischen Ostens, die die Hauptmasse des Volkes und der Zionisten stellt, hat sich offenbatt: die extremen Palästinenser, die mit stlnas die philanthropische wie die politische Aktion des Zionismus erschöpfen, bildeten die Majorität gegenüber der Minderheit, die düs Anerbieten Englands annehmen wollte. Damit hat der Zionismus das Andenken« Herzls verleugnet, das Aktionskomitee hat in seiner übergroßen Mehrzahl Kotau gemacht, Herr Nordau an der Spitze. Der politische Zionismus' isti vorderhand tot. Die wüsten- Austritte, deren Schauspiel das Stadtkasino zeitweilig am Tage und mitten in der Nacht gewesen! ist, waren eine bedauerliche Begleiterscheinung des siebenten und, wie wir annehmen, letzten« Zionistenkongresses. Für den weiteren Ausbau des revidierten Zionismus bedarf es ja. eines so großen- Apparates, eines „jüdischen- Parlamentes", eigentlich nicht mehr." Schulschluß und Berufswahl. (Fortsetzung.*) Die Frage dev Berufswahl wurde in diesen Wochen in der deutschen Tagespresse und in den tschechischen' Provinzz-eitungen: sehr lebhaft erörtert. Es ist auffallend, daß heuer die Diskussion mehr Raum beansprucht und vielweitere Berufskreiso erfaßt als in ftüheren Jahren. Das ist kein Zufall und keine Mache. Der politische Warrwarr, dev Oesterreich beherrscht und jeden wirtschaftlichen gesunden ' Aufschwung lähmt, äußert immer deutlicher seine unheilvollen Wirkungen! unddie Saateiner durch den nationalen! Streit bedingten Schulpolitik kommt jetzt zur Reife. Wir stehen erst am Anfang einer Krise, in deren Strudel die jüdische Intelligenz dank einiger ihre Situation beeinflussender Imponderabilien! mit erhöhter Kraft hereingezerrt werden! wird. Es wird ärger werden!. Die Warnungen, die, von berufenen und« unberufenen Vertretern, der verschiedenartigsten Berufskategorien ausgehend, die Zustände, Und. Aussichten ^in diesen sehr zuhalten streben, sind ein'trauriges Symptom der-wirtschaftlichen Entwicklung in Oesterreich auch dann«, wenn sie bisweilen übertreiben' und zu düster malm. So«lche Warnungen haben Heuer! z. V. veröffentlicht der Wiener Konzipienten,verein, Medizinervereine, Gewerbeschultechniker, Handelsangesiellte, Lchrervereine usw.; eine hochangeseh-ene Prager wissenschaftliche Gesellschaft hat in dm letzten Tagen die böhmischen Miturienten vor dem, Geschichts- und Geographiestudimn gewarnt; -ein Wiener *) Siehe ,^Jüd. Volksbl." vom 14. Juli d. I. erzählt ein Deutscher seine Erlebnisse zur Zeit vor Ausbruch des deutsch-französischen Krieges. Doch lassen wir 'ihm selbst das Wort: „Die Lage der Deutschen irr Paris war unterdessen eine wenig beneidenswerte geworden. Die liebenswürdigen Vorschläge der Tagesblätter, man solle die Deutschen in ein südliches Departement verweisen oder sie in die Fremdenlegion nach Algier schicken, wenn, man Nicht vorzöge, sie sofort ausznw-eisen oder mit einem Stein um den Hals in die Seine zu werfen, fochten uns w«euig an, denn sie standen nur -auf dem Papier und waren nicht ernstzunehmen. Was uns weit mehr belästigte, war die tägliche Berührung mit Franzosen, die um keinen- Preisetwasanderes als Politik.mit uns reden wollten. IN -unserer offenen Wechselstube waren wir leider jedem preisgegeben, der Lust -hatte, einzutreten. Ich besonders litt durch die beständigen- Anzapf n n ge n eines solchen Besuches, der Daeosta hieß und Rabbiner d er po rt u aie fische n Ind eng e me inö e zu Paris war. Au seine bitterbösen chauvinistischen 'Quälereien habe ich oft zurückgedacht nnd zuletzt noch einmal gelegentlichder Affäre Drey f u s, bei der sich gezeigt hat, wie wenig es den französischen Juden gedankt wurde, datz sie ihren Patriotismus so aussttllig zur Schau trugen. Diesem Daeosta ging ich nur einmal auf den Leim, indem ich versuchte, logisch mit ihm zu debattieren. -Als er hierbei fuchsteufelswild wurde, schwieg ich still und folgte dein Rate meines Kollegen, der mir sagte: „Wenn Sie den Franzosen nicht beisttmmen können, müssen Sie eben schweigen!" Das nützte aber bei