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Jüdisches Volksblatt · 1905-08-04 · 31 (4.8.1905) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
31 (4.8.1905)
Date
1905-08-04
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Jüdisches Volksblatt Nr. 31 ren andere, daß sie das Deutschtum gdsährden, und ihnen selbst’ wird von Deutschen das Deutschtum abgesprochen. Unsere aufrichtige Kondolenz. Also, Juden wollen sie nicht sein, Deutsche sind sie auch nicht, ja was sind denn eigentlich diese Ritter der Halle? . . Geflickte Halbnaturen! Zu zwei Dritteln sind die Mitglieder der Halle Juden; das Verzeichnis beginnt mit A b e l e s und endet mit Zentner. Allerdings bessert sich dieses Verhältnis von Semester zu Semester durch eifrige p rötest a n t i s ch e M i s s i o n s t ä t i g k e i Wie es bei einer freisinnigen Halle natürlich ist, liegen keine religiösen Zeitschriften bei ihr auf mit Ausnahme von protestantischen Missionszeitschriften. Folgende liegen auf: „Der" evangelische H e i d e n b o t e", „Echo aus Afrika", .„Evangelisches M i s s i o n s m a g a z i n", „I a h r e s bericht d e r e v a n g e l i s ch e n Missionsgesellschaft Basel", „Kleine Afrika-Bibliothek", „I a h r b u ch der Gesellschaft für die G e - s ch i cht e des P:ro t estantis mu s i n O e st e r r e i ch". Assimilationsjude, was willst du noch mehr? S. ins Kloster.*) ins Kloster.*) Im Maihefte teilten wir mit, daß die 14jährige Jente Weitmann aus Husiatyn in ein Krakauer Kloster entführt wurde. Seither ist Jente Weitmann zum Christentum übergetreten. Der von uns mit der Vertretung der Rechte des Vaters betraute Krakauer Advokat Dr. Rafael Landau teilt uns nun mit, daß das Bezirksgericht Husiatyn, trotzdem sich dev uneheliche (rituell getraute) Vater bereit erklärte, die Vormundschaft zu übernehmen und seine Vaterpflichten! zu erfüllen, es abgelehnt hat, ihn zum Vormunde zu bestellen. Das Gericht bestellte vielmehr einen in Krakau wohnenden christlichen Advokaten und verweigerte auch die Abnahme des Kindes und Zurückstellung desselben ins elterliche Haus. Diese Entscheidung ist ungesetzlich, da das Hofdekret vom 11. August 1798, I. G. S. Nr. 429, ausdrücklich bestimmt, daß es zweckmäßig ist, dm unehelichen Vater zum Vormunde seines Kindes zu bestellen, wenn er freiwillig die Vaterpflichten übernommen hat, was eben hier der Fall ist. Jedenfalls sollte das Kind der unehelichen Mutter zur Erziehung un6 Verpflegung übergeben werden, nachdem sie es erziehen! will und *) Wir entnehmen diese Mitteilungen der jüngsten Monatsschrift der Oesterr.-isr. Union. nisso sind sehr traurige und sie haben in einer Fabrik zum Streik geführt, der nun schon sechs Monate andauevt. In Begleitung eines Streikenden und eines jüdisch-sozialdemokratisch („separatistisch") gesinnten Studenten besuchte ich eine der Webereien. Da sollten einmal unsere westlichen Tiünkelmännev hingehen und sich arbeitende Ostjuden anschauen: die Männer an den Webstühlen und das blonde junge Mädel, die Spulerin; prächtige, typische Gestalten, typisch als Juden und typisch als Arbeiterproletarier. .Noch kein Hauch westelnder Assimilation und schon keiner von Bürgerlichkeit mehr an ihnen. Sonst übrigens infolge ihres eigenartige Metiers meist von naiver Gläubigkeit, allerdings nicht rtium Gott, sondern, auch den Führern der polnischen Sozialdemokratie gegenüber. Es ist bisher nicht gelungen, die Leute zum Austritt aus der polniMsozialdomokratischen und zum Eintritt in die neue jüdisch-sozialdemokratische Partei zu bewegen. Aber, mir sind sie deshalb picht weniger sympathisch. Sie freuen mich wegen ihres ausgesprochenen nationalen und sozialen Typus und ich bin sichev, daß sie nicht verloren gehen. Da gab es einen Mann unter ihnen, auf dessen Webstuhl zweierlei Drucksorten in hebräischer Schrift aufgeklebt waren: irgend welche Verlautbarungen', die sich auf seine Organisationsmitgliedschaft bezogen, andere, deren Bedeutung ich! mir nicht gleich erklären kennte. Ich sah mul die Namen dev Bibelabschnitte (Szedreß) und Ziffern. Der Mann erklärte mir, daß es Quittungen für Beitrüge kann. (Paragraph 168 a. b. G. B.) Selbstverständlich steht dem die Religionsverschiedcnheit der Eltern und des Kindes, nicht entgegen. Tr. Landau hat gegen« diese Entscheidung an das Kreisgericht Tarnopol rekurriert. . * * ' * Der in Cetula (Bezirk Jawoww in Galizien) wohnhafte Moses Scheer eröffnete in seiner Realität zu Olszanico einen Gemischtwarenverschleiß, den er durch' seine Frau und seine beiden Töchter, von denen die jüngere, Rachel, 17 Jahre zählt, betreiben ließ. Am 21. Mai, gegen Mitternacht, überfiek eine Rotte von Bauern aus Cetula und Olszanice die schlafenden Frauen und versuchten Rachel Scheer gewaltsam fortzuführen. An der Spitze des Haufens'stand der Cotulaer Einwohner Iwan Kozlowski. Stuf die flehentlichen Bitten der Mutter standen die Bauern von ihrem Vorhaben ab. In der folgenden Nacht begab sich Rachel Scheer aus Furcht vor einem neuerlichen Ueberfall in das Haus ihres Oheims, des Wirtshausbesitzers Jakob Scheer. Um 12 Uhr nachts erschienen die Bauern abermals, rissen das notdürftig bekleidete Mädchen aus dem Bette und führten es mit Gewalt hinweg. Ueberdies raubten sie 600 Kronen bar und einige Einrichtungsstücke. Das Mädchen wurde in das Krychower Kloster bei Zolkiew gebracht. Nach dem uns vorliegenden Berichte hat den Anschlag der Gemeindevorsteher von Cetula angezettelt. Wir haben in einer Eingabe an das Justizministerium die energische Verfolgung und Bestrafung der Räuber und die Rückstellung des Mädchens in das Elternhaus verlangt. * * * Ein kaum siebzehnjähriges Mädchen ans Halicz hat am 8. Juli d. I. das Elternhaus heimlich verlassen und ist auf Zureden eines dort stationierten Feldwebels mit diesem nach Krakau gefahren, wo es im Kloster der Felicianerinnen Aufnahme fand. Der trostlosen Mutter — eine Witwe -— wurde nur ein einziger Besuch bei der Tochter gestattet und sie konnte mit derselben nur in Gegenwart der Oberin des Klosters sprechen. Eine zweite Besprechung mit dev Tochter wurde verweigert, obwohl sie sehr weit von Krakau wohnt und ihr Kind nicht so bald wird Wiedersehen können. Herr Dr. Rafael Landau in Krakau hat namens der Mutter und des Mitvormundes ein Gesuch an das Bezirksgericht Halicz wegen Zurückstellung des Kindes ins Elternhaus gerichtet und eine Strafanzeige wegen' Entführung einer Minderjährigen an die Staatsanwaltschaft in Stamslau erstattet. * * * Dem Henzel Keiser, Gastwirt in Busowice bei Alt-Sambor, ist seine Verlobte, 19 Jahre an einen gemeinsam mit vielen anderen Kollegen bezahlten „Maggid" seien. Dabei sprach er mit warmer Anerkennung von, der Lebensführung und der Befähigung dieses, Privatpredigers. Und blickte mich so treuherzig an. Und das ein „Pole"?! Und die um Daszynski bilden sich wirklich ein, LMte wie diesen Arbeitsjuden auf die Dauer einzufangen?! Sie werden noch ihre blauen Wüw der an diesem Material erleben — und gerade erst dann, wenn die religiöse Energie nachgelassen haben! wird. Da können sie noch zehn Zeitungen in jüdischer Sprache gründen und alle können in so gutem Jüdisch geschrieben sein wie die eine, die sie tatsächlich herausgeben, und für die sie einen Redakteur aus Rußland bezogen haben. Es wird de!m und ihnen allen nichts nützen. Unbewußt arbeiten sie nur für die notwendige Entwicklung. In Leinberg, das ich von früher kannte, blieb ich nur einen Tag. Außer an einigen mutigen und intelligenten „Separatisten" fand ich, dort wenig Freude. Einige ganz junge zionistische Kräfte scheinen zwar ein Versprechen für die Zukunft in sich zu borgen. Ich hatte aber wenig Gelegenheit, ihnen nähevzuireten. Jedenfalls kamen sie mliv viel doktrinärer als diejenigen vor, die ich in Kolomea kennen gelernt hatte. Vielleicht weil, sie als Großstädter selbstbewußter sind. Die. „Alton" geftelen mir, aufrichtig gestanden, nicht so« wie ehemals', Ich denke dabei gar nicht an die Gesinnung, die sie ja, was man so nennt, beibehalten, haben. Ich spreche von ihrer meLkwiftdigen Gedrücktheit alte Tochter Sprinze am 16. Februar d. I., drei Tage vor der angeschten Hochzeit, mit dem christlichen Nachbarn Kaufmann Karl Morgenthal durchgebuannt, ohne daß er durch fünf Monate, trotz größter Anstrengung und Aufopferung, erfahren konnte, wo sie sich eigentlich aufhält. Durch Zufall erfuhr er vorige Woche, daß sie sich in Biala aufhalte, bereits im April d. I. zum katholischen Glauben übergetroten sei und in bert nächsten Tagen den Entführer heiraten solle. Er kam nun nach Biala, aber alles Suchen war vergebens, sie war auch nicht zu finden und auch polizeilich nicht gemeldet. Unter Jntevvention des Bialacri Kaufmannes Herrn P. und durch besonders tüchtiges Eingreifen beu dortigen Polizei ist es endlich gelungen, ihrer habhaft zu werden, und sie zur Polizei zu überstellen. Der Amtsvorstand des Magistrates hat sich dev Sache besonders^ angenommen, weil der Vater eine gerichtliche Erledigung vorwies, welche sämtliche Behörden anweist, ihm bei Aufsuchen und Zurückbringen seiner Tochter behilflich zu sein. Die Entflohene wurde ihrem Vater zurückgegeben, welcher mit dev Tochter versöhnt in die Heimat abgereist ist. Der siebente Zionistenkongreß. (Von unserem Spezialbepichterstatter.) Der soeben in Basel tagende siebente Zionistenkongreß unterscheidet sich von den bisherigen zunächst darin, daß die auf demselben gefaßten Beschlüsse welliger Bedeutung haben als ihre Begleiterscheinungen. Wer optimistisch genug war, zu glauben, daß der erste Kongreß nach dem Tode H e r z l s „ruhig und würdig" verlaufen wende, wurde arg enttäuscht. Dev Kongreß verlief stürmischer und turbulenter als das dekadenteste Parlament, es gab Szenen., die auch dem österreichischen Reichsrate nicht zur Unehre gereichen würden. Und weil wir geva.de bei diesem Beispiele sind, so sei auch die traurige Wahrheit ausgesprochen, daß dev ganze Ausbruch dev Entrüstung nicht immer gegen die' andere Uebevzeugung, nicht immer gegen Prinzipien laut wurde, sondern genau so wie im politischen Leben Oesterreichs sich gegen Person e n wendete, die durch die eine oder die andere Clique verhaßt gemacht wurden. Ein trauriges Beispiel hiefür liefert der Bericht des Architekten Oskar M a r m o r e k, der, gekränkt durch die Haltung des österreichischen Landeskomitscs anläßlich der W r e n e r K u l t u s w a h l e n, sich gedrängt sah, das Wiener Landeskomitee öffentlich anzuklagen. Es genügte zum Beispiel, daß Ussischkm die Tribüne betrat, um oder Gleichgültigkeit gegen ihre eigenen! Ideale. Viele von ihnen scheinen schwer enttäuscht zri sein und in der Enttäuschung ihre Schwingen verloren zu haben. Andere scheint.einfach das Leben ernüchtert zu haben. Manche hat vielleicht auch die Atmosphäre Lembergs, die sich in dm lstzten Jahren durch das Tag- und Nachtkaffoehauslebm sehr zu. ihrem Nachteil änderte, verdorben. Die Alleroffiziellsten bekam ich übrigens nicht zu Gesicht. Bessere Erfahrungen machte ich in Tarnow. Da gibt es zwei in heftigenr. Streite miteinander! befindliche tätige Gruppen, die von zwei Seite!»' Leben, m die Judenschaft, der Stadt bringen: die „Separatisten" und die „Zionisten". Die letzteren sind sehr stramm organisiert und haben eine ga!nze Menge trefflicher Männer, Frauen und Mädchen in ihren Reihen. Es herrscht ein! Arbeitseifer, wie ich ihn selten gesehen habe, und ein wenn auch nicht genügend gewecktes Verständnis für das Innerliche dos Judentums. Jedenfalls scheint die Gruppe für die. jüdischen Gemeinden in dem ganz Polnischen Westgalizien von erziehendem Worte werden zu wollen^ Sie hat allerdings auch selbst noch viel unbewußtes Polentnm äbzulegen!. Es. war kein leerer Zufall, daß in der Tarnowev nur von Zionisten! besorgten Diskussion die meisten nicht jüdisch sprechen konnten, dagegen polnisch mit jener beflissenen Eleganz, deren nur diese Sprache fähig zu sein scheint, sprachen. Bei Ostjuden, deren Massen eben noch nichtassimiliert sind, hat ein solcher Umstand mehr zu bedeuten, als bei Westjuden,

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