Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 31 (4.8.1905)
- Date
- 1905-08-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Doch der Dank an die Inden kommt noch, lind zwar in einer' Weist) daß man sagen muß, echt — deutsch freisinnig. „Verschiedene antideutsche Störungen gaben dem Ausschuß Anlaß, bei dem akademischen Senat lind dem Professorenkollegkmn der technisch!en Hochschule vorstellig zn werden. Als sich eine neue färbentragende Verbindung „Barissia" mit j n d i s ch n a t i v n a l e n T e ,l d e n z e n trotz der seinerzeit eingeleiteten isie) Schritte auftat, wandte sich unser Verein gemeinkam mit den übrigen freisinnigen studentischen Verbindungen mit eitler Eingabe au die obgenauuteu Behörden mit der Bitte, diese Verbindung, die, obzwar »Acht deutsch, sich doch anmaßte, die Farben der deutschen (?) Studenten zu tragen, ans akademischem Boden zn verbieten. Der akademische Senat erließ auch sofort dieses Verbot. Das Pvofessvrenkollegium der technischen Hochschule antwortete, daß sich bis jetzt Mitglieder der „Barissia" nicht in Feuilleton. Zwei Reisebriefe aus dem jüdische« Oste« Oesterreichs. II. Da mir nur wenig Zeit zur Verfügung stand, konnte ich ans der Rückreise von Czernowitz nur in vier galizischen Städten Halt niachen. Meine euste Sation war Kolonien. Wielvohl nur eine halbe Gilzngsstunde von der bukowiinischeii Grenze entfernt, liegt es doch wie in einer anderen Welt, Und dies, trotzdem das nationale Milien hüben uivü' drüben nicht besonders verschieden ist. Sowohl in Ostgalizien als in der bcordbnkowina sind für den Charakter des Landes zwei Volkselementc, in den Städten die Juden, in den Dörfern die Rnthenen bezlv. ihr gegenseitiger Verkehr maßgebend. Rumänen, die ja in dvr Südbukowina die territoriale Nation sind, gibt es im nördlichen Teile des Landes wenig. Auch die deutsche Bevölkernng ist — mit Ausnahme von Czernowitz, wo sie einen ansehnlicheren Teil der Cinwohnerschaft bildet — nicht nennenswevt. Andrerseits sind in Ostgalizien die Polen nichts lveniger als zahlreich, auf dem Lande selten, in Städten wie 'Kolonie« eine dünne, meist aus Beamten- und Professorenfainilien bestehende Schichte. Abe« eben die Polen — diese Polen, die nicht da sind, machen den Unterschied. Schwer den Räumen der Technik gezeigt hätten lind daher < vorderhand ein Grund zum Verbot nicht vorliege.! Bon beiden Hochschulen wurde die Bitte, diesem! Verein auch das Recht zu versagen, die üblichell > An schlau kästen in der Aula anznbringen, dahin- . gehend beantwortet, daß bisher keine Eingabe um! Erlaubnis der Anbringung eingelangt, eine Erj ledigung daher nicht am Platze sei. Weitere i Schritt e st ehen bevor. i Soll heißen: weitere Denunziationen.) s Der Ausschuß überreichte ferner eine Ein-! gäbe mit der Bitte, die Anshüngeküsten des Ver-! eines jüdischer Hvchschüler „Bar Kochba" eutfernen zu lassen, da dieser Verein stets feindlich > gegen den in der „Halle" inkorporierten und den mit ihr gleichgesinnten Teil der deutschen Studentenschaft auftrete und durch feine A u s h ä n g ek a st e u den d e ll t s ch e n Charakter, d e r Hochschulen gefährde. (!) Ta diese Kasten zn Ruhestörungen noch nicht Anlaß gegeben hat-! ten, sähe n die Rektorate von der Ent-! f e r n n n g a b, versicherten aber, daß sie den .deutschen Charakter, der Hochschnlelr stets wahren! würden." Man sieht also, da der Halle eine andere Legitimation ihres Deutschtums fehlt, so ersetzt sie diese durch eifriges T e n u n z i e r e n und L ü g e n. Tenn es ist einfach ein« Lüge, daß die „Barissia" sich aumaßte, die Farben der deutschen' Studenten« zu tragen. Die „Barissia" trägt e i g e n e Farben, nicht deutschnationalen Charakters, uud überdies aut der .Kappe ein Mögen David, so daß eine Verwechslung ausgeschlossen ist. Die Anmaßung, die Farben deutscher Studenten zu tragen, ohne Deutsche zu sein, fällt ganz auf die „deutschen Hallenser mosaischer Konfession" zurück, die mit niücp liehst hoch erhobeuerNase die 'Farben „ Schwa rzrot-gold" spazieren führen. Charakteristisch ist liegt die Furcht vor ihnen auf der Bevölkerung. Cs muß unbedingt ein gut Stück Energie in ihnen liegen, daß ihnen die Knechtung so gut gelingt. Noch immer tun die galizischen Rnthenen nicht viel mehr als die Faust in der Tasche ballen. Aber wie dankbar wäre ich dem Schicksal, wenn' die Inden schon wenigstens so weit wären. Ich will das nicht als Vorwurf gesagt haben. Cs sind wirtschaftliche llrsachen, die sie -zurückhatteu — ein Grund mehr für die Industrialisierung des Landes. Im übrigen kann iim.ii1 nicht leugnen, daß sich die Juden Ostgalizieus — eben dank der ruthenischen Umgebung — im allgemeinen denn doch um ein Geringes unabhängiger von den Polen erhalten haben als die westgalizischen. Speziell ist hier die ntationaljüdische Jugend von polenfrenndlichen Sentimentalitäten oder Aengsten freier, diesbezüglich, lvie es scheint, doch schon aus richtiger Fährte. In Kvlomea habe ich überhaupt ein sehr wackeres Nationa l j n den tu m> a ngetro s se n, namentlich auch unter den Jugend. Ich fand sehr viel treues Festhalten an der Partei, der ich nicht angehöre, aber sehr wenig« waschechte Parteibeschränktheit, wie ich sie ans dem Westen gewohnt bin und auch ans meiner Rückreise häufiger antraf. Den zionistische Politizismns' — man verzeihe mir die Wortbildung — ist gemildert, für politische Gegenwartsarbeit ist etwas, für kulturelle sehr viel Sinn vorhanden. Die Idee der jüdischen Volkssprache fand nur geringen Widerspruch, bei vielen begeisterten Anklang. es auch, daß selbst den deutschnationalen Professoren im Falle der „Bar Kochba" die Denunziation zu weit ging und der deutsche Charakter der Prager Hochschule^— die ohne die jüdischen Hörer wegen Hörerschwund übrigens ihre Tore schließen könnte, wie ans dem letzten antisemitischen Hochschultage dir Prager Antisemiten selbst zngeben mußten — weiter durch den Allshängekasten der „Bar Kochba" gestört wird. Risnm. teneatis, amiei. Dieses eifrige Liebesirerben bei den Deutschen lvird natürlich von> den llniverfälschtenmit einem unverfälschten Fußtritt an die Adresse der Halle belohnt. So wie mit ihren Denunziationen brüstet sich die Halle' auch mit den empfangenen Fußtritten,-: dtls im Laufe des verflvsfeueu Semesters die pvbeOafteu Ausschreituligen gegen deutsche Stüde nie u zunahmen, war es die Halle, die zur Bildung eines freisiuuigen Studenketlausschusses den Anstoß gab und eine führende Stellung einnahm. G e m e i n s a m mit dem Äl u s s ch u tz de r antisemitisch e u Studentenschaft wurde Sr. Magnifizenz Hofrat Pros. Dr. Karl Rabl eine prachtvoll ansgcführte Dankadresse überreicht, um ihn, dessen Eingreifen die Erhaltung unserer studentischen Rechte ziv verdankenl ist, der Liebe und Verehrung der gesamten Stndentenschlaft zu. versichern. Leider aber währte diese Einigkeit nicht lange. (!) Ein Aufruf der antisemitischen Stndentenschaft, der nicht nur die schwersten Anschnlöiglttigen gegen die freisinnige Studentenschaft beinhaltete, s o n d e r n dieser sogar i h r Deut s ch t n m z n einer Z e i t a ü s p r a ch, wo noch der gemeinsame Sechseransschuß tagte, machte ein weiteres gemeinfames Vorgehen unmöglich und zwang uns, die Beziehungen abznbrechen. Wahrlich, traurige Helden. Säe denunzie- Natürlich ist die Ncehrhoit der jüdischen Bevölkerung K'olomeas — das wohl in dieser Hinsicht Beispiel sein dürste — nicht in der Lage, sich viel mit' politischen nnd nationalen Fragen 31t befassen. Tier Daseinskampf dieser Aermsten wurde jo schon oft geschildert. Man braricht gon nicht die Menschen selbst a.nznseheu, gar nicht in ihre Behausungen einzndringen. Schoir wie diese von außen, wie die Gassen der Armut anssehen, gibt eine Ahnung des grenzenlosen Elends. Will manes mit einer Beimischung von versöhnender Wehmut — manverzeihe — „genießen", dann trete man iir die „Talmud Thvjre" ein. Eine große, düstere Stube. An drei hufeiseniförmig um deir Lehrer gestellten langen Tischen zirka dreißig Knaben im Alter von acht bis zehn Jahren, fast alle armselig g^leidet, viele schleicht anssehend. „Was ist dein Vater?" fragte mein Beglesitev einen vou> ihnen. „Kutscher." „Deiner?" einen« zweiten!. „Ich habe keinen." „Deine Mutter?" „Sitzt' ans dem Markt." „Dein Baten?" einen dritten. „Bäekev." Im übrigen waren die Knaben, die die Bibel im llrtert lasen und ins Jüdische übersetzten, guter Dinge null sehr artig, der Lehrer feftot entgegenkommend, mit jenem bescheidenen Lächeln, das diese Leute für Gäste ans dem Westen imimer zn hoben scheinen. Die Industrie ist noch schwach entwickelt und die Löhne sind nnglanbiich niedvig. Die jildische Hanptindustrie Kolomeas bilden die Talleswebereien, deren es eine ganze. Menge, größere nnd kleiner^, gibt. Die Lohnverhält-