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Jüdisches Volksblatt · 1905-07-28 · 30 (28.7.1905) · p. Seite 5

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
30 (28.7.1905)
Date
1905-07-28
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 30 Jüdisches Volksblatt Seite b fern tritt die Kategorie der Nation nur viel später auf. Deshalb konnte auch bet den Juden des Westens, die verhältnismäßig nicht zahlreich vertreten waren, das nationale Selbstbewußtsein nicht scharf hervortreten, umsomehr, als während vieler Jahrhunderte die Jubeuverfolgüngen sub speeio der Religion stattfanden. Während der ganzen Zeit ihrer Existenz hatten die Inden jedoch keinen Augenblick aufgehört, sich ihrer selbst als Nation he mutzt zu sein; besonders intensiv gibt sich dieses nationale Selbstbcwntztseitt in dem in kompakten Bolksmassen lebenden russischen Judentmn kund. Jederlei Maßregeln, die seiner kulturnationalen Entwicklung entgegenivirken, oder dieselbe nur hemmen, -- und solche wurden von der russischen Regierung nicht selten in Anwendung gebracht — wurden vom russischen Judentume stets als Gewalttat empfunden, die in einem freien, einem RechtSstcrate nicht stattfinden dürfte. Heinrich Sienkiewiez suchte vor kurzem deutlich und überzeugend zu beweisen, daß eine Nation, wie die polnische, die eine so alte Kultur hinter sich hat, berechtigt sei, eine selbständige Schule nrnd vollständige kulturelle Selbstbehauptung zu beanspruchen. Ich glaube, daß dasselbe Recht nicht minder dem ältesten Volke, dem jüdischen znstehen müsse. Ich will die Aufmerksamkeit der geehrten Versammlung nicht länger in Anspruch nehmen und fasse alles Gesagte in folgender Entscheidung zusammen, die ich die Versammlung auzunehmet», auffordere: „Angesichts dessen, daß die bnreankratische Regierung die bisher ttt der ungebildeten Volksmasse wurzelnden Vorurteile bezüglich der Inden nicht nur unterstützte, sondern während der letzten 25 Jahre die Verfolgung der Juden in das Programm ihrer Politik direkt ausgenommen und die Inden durch die unzähligen Einschränkungen in den elementarsten Menschenrechten, wie das Recht der Uebersiedlnng, der freien Wahl des Berufes usiv. in die elendeste Lage gebracht und außerdem in der Bevölkerung die Ansicht sich festgewurzelt hat, daß der Jude ein schädliches, den Wohlstand der sogenannten Urbevölkerung bedrohendes, außerhalb des Gesetzes stehendes Wesen sei. Angesichts dessen, daß eine Reihe in den verschiedenen Schichten der Gesellschaft verbreiteter Blätter in derselben Richtung tätig war, und ihrerseits eine öffentliche Meinung geschaffen hat, die die Verwirklichung der a>u fJuden Bezug habenden allgemeinen Formel von der Gleichberechtigung aller Bürger vor dem Gesetz ohne Unterschied der Konfessiotl und der Nationalität hindern können tvird, hält es die Versammlung für notwendig: 1. Der Forderung der bürgerlichen und politischen Gleichberechtigung der Inden und Anerkennung ihres Rechtes auf nationale Selbstbehanptung klar und deutlich Ausdruck zu geben i späterhin ist laut Vorschlag der Vertreter der Redaktionen „Hazofe", „Fremd", „Indische Schule", „Jüdisches Leben", „Wvschod" zu diesem Punkte hinzugefügt worden: wie z. B. Freiheit der Schule, Gemeinde, Selbstverwaltung und der Sprache); 2. den Wunsch zu äußern, daß die Presse möglichst der konkreten Beleuchtung der Judenfrage ihre Aufmerksamkeit widme, um hierdurch die reale Verwirklichung. freiin Punkt 1 angegebenen Foröertrug zu fördern. „Kaiser Franz Josefs-Ferienheim". (Ein Jubiläum.) Mäcktiq hat sich in denletzteil Jahren die Erkenntnis durchgerungen, daß durch! die Fürsorge für das kranke und schwächliche Kind dein Staat und der Gesellschaft großer Nutzen, erwächst. Jene Krankheiten, welche das Vorhandensein der größten! Zahl erwerbsunfähiger Krüppel verursachen, können im Kindesalter mit Erfolg bekämpft und beseitigt werden. Diese Tatsache hat seit Jahren dein „Kviser Franz Josefs-Ferienheiln," Veranlassung geboten, seine Wirksamkeit weit über die bei der Veveinsgründuny ins Astge gefaßten Ziele hinaus zll erstrecken. Archer seinen Ferienkolonien für erholungsbedürftige Kinider hat der genannte Verein Kolonien für skrofulöse, Herzkranke, rekonvaleszente und solche Schulkinder geschaffen, die für Tuberkulose dispaniert sind. In der abgelaustnen Woche ist nun die e r n h n n fr e r t st e vom Vereine seit feinem Bestand entsendete Koloniengvuppe — 135 meist rekonvaleszente Mädchen — ans dem eigenen Heim in VorlklosteoTischnowitz mit vorzüglichen Erholrurgserfolgen und Gewichtszunahnren zurückgekchrt. Es fand gleichzeitig dev Serienwechsel in den anderen, vorn Verein erhaltenen Kolonien Bad Hall, Petvau und Austerlitz statt, durch welchen neuerdings 210 arme, kranke Kinder der Gesundung und Erholung zugeführt werden. Insgesamt hat bisher der Verein „Ferienheim" 6366 Kinder an Leib und Seele günstig beeinflußt! und zirka 460 000 Kronen in Erfülluim seiner edlen Mission auf den Altar der Nächstenliebe geopfert, wobei alljährlich mehr als die Hälfte der Petenten trotz Dürftigkeit und Würdigkeit mangels ausreichender Mittel abgewiesen werden müssen. Dem jährlichen Ausgabenetat des „Ferienheim" von zirka K. 46 000 stehen bloß zirka K. 10 000 fixe Einnahmen ans Jahresbeiträgen und Stiftungszinsen gegenüber, während der Rest von K. 36 000 durch Spenden edler Menschenfreunde aufgebracht werden muß. Möge das stille Jubiläum der Eilsendung der einhundertsten Kolonie den Besitzenden, die sich jetzt vor den Qualen der Großstadt in Bäder und Sommerfrischen flüchten, Veranlassung geben, der armen, kranken Schützlinge res „Ferienheim" zu gedenken und diesen so segensreich wirkenden Verein, dessen nächste Aufgabe die Errichtung eines eigenen Heims für skrofulöse Kinder, ist, in seinen Bestrebungen nach besten Kräften zu fördern! Der Sitz des Vereines befindet sich in Wien, 9. Bcz., Türkenstraße 17. Ein zionistenfeiMicher Kultnsvorstand. Mau, schreibt uns aus B r o d y: Das Exekutivkomitee der hiesigen zionistischen Vereine hat beschlossen, am Sterbetag unseres verewigten großen Führers einen Trauergottesdienst in der großen Synagoge abzuhalten und wählte eine Delegation, die sich zum Kulmsvorftande begab, um die Erlaubnis zur Abhaltung desselben zu erhalten. Und mm geschah etwas Beschämendes! Derselbe Kultusvorstand, der in dieser Synagoge Mickiewiez-, Kosciuszko-, Grunelvald- und ähnliche andersnationalc Feiern, die mit dein Judentum nichts Gemeinsames hatten, abhielt, lehnte jetzt die Bitte der Zionisten „aus prinzipiellen Gründen" ab, wo es sich um die Ehrung-des größten! Juden unserer Zeit handelte. Als unsere Delegation bemerkte, daß wir gegen den! Besehluß des Kiultusvorstandes au den Kultusrat Beschwerde erheben werden, wurde ihr geantworttztz daß man es Wohl zur Kenntnis nehme, aber vor dem 23. Juli (20. Thamuz) mehr keine Plenarsitzung zustande kommen kann. Wahrlich, eine Antwort, würdig eines russischen Polizeimeisters!! Da das Exekutivkomitee deshalb von einer Andacht abfehen! mlußte, gab es durch Trauerplakate bekannt, daß, während überall, wo Juden mit jüdischem Empfinden leben, am 20. Thnmuz unseres großen Führers Theodor Herzl in ehrwürdiger Weife gedacht wird, unsere Stadt infolge des despotischen llkas des' Kultus- Vorstandes eine traurige Ausnahme bilden, muß und daß wir dieses Vorgehen der öffentlichen Beurteilung überlassen. Wenn wir heute einen Jesaias hätten-, würde er wieder ausrufen: „Deine Zerstörer und deine Verwüster gehen ans deiner Mitte hervor!" h. t. Vermischte Nachrichten. Die erste Jahrzeit. Donnerstag den 27. d. M. versammelten sich ungefähr hundert Zionisten im Döblinger Friedhof am Grabe Dr. Herzls, um anläßlich des Sterbetages des verstorbenen Führers der zionistischen Bewegung eine Trauerfeier zu veranstalten. Dr. Schnirer wiederholte das Gelübde, im Geiste Herzls tveiterzuarbeiten und erwähnte, daß die Trauerversammlung an den in Basel tagenden Kongreß ein Begrüßungs-- telegramm absenden werde. Den gesanglichen Teil besorgte Oberkantor M. S ch o r r in meisterhafter, zu Herzen gehender Weise. Nach einer Viertelstunde war die Trauerfeier zu Ende. Deutsch - österreichischer Bürgerschullehrerbund. Vertagsabteilung, Wien, 2. Bezirk, PillerSdorfgasse 10, 2. Stock, Tür 9. In genanntem Berlage erscheint eine für Schule und Haus außerordentlich lehrreiche Broschüre — die beste Schrift dieser Art, welche uns in Oesterreich überhaupt bekannt ist — über Berufswahl: „Was sott ich werden?" Praktischer Führer durch verschiedene mäunliche und weibliche Bernfsgebiete. — Inhalt: Allgemeines über Berufswahl. Land- und Forstwirtschaft. Berg- und Httttenban. Der Weg zum Offizier. Maritimes Bevufswesen. Der Lehrberuf. Weibliche Berufsgebiete. Handel, Verwaltung, Verkehr. Knnftgewerbe. -Die graphischen Berufe. Elektrotechnik. Nhren-Jndustrie. Stellenvermittlungen. — Das Buch enthält eine Fülle praktischer, nützlicher Belehrungen! Es erscheint in fünfter um fangreicher Auflage, Großvktav, Ladenpreis X 1,20, mit Postznseubung K 1,40, Nachnahme K 1,85. In jeder Buchhandlung vorrätig oder zu hestellen. Nur aus Orten ohne oder mit entlegener Vuchhattdlnng Bestellung unmittelbar vom obgenannten Verlage zulässig. tBnchhändlcr ausschließlich Leipzig.) Bau jüdischer Wohnhäuser in Jerusalem. Zufolge einer Anregung des- Oberrabbiners von W a i tz e n ( Ungarn) hat sich in Budapest ein Verein gegründet, dessen Zweck es ist, für die Armen des ungarischen Kolels in, Jerusalem Wohnhäuser zu unentgeltlicher Benützung zu bauen. Mit der Gründung von Zweigvereinen in den Provinßstädten Ungarns wurde der bekannte Gelehrte aus- Jerusalem Moses M. G a n s e l betraut, dessen Agitntionsreiscn, wie uns mitgeteilt wird, von großem Erfolge begleitet sind. Rabbinerverband in Böhmen. Am 12. Juni l. I. fand in Prag im Sitzungssaale des jüdischen Ralhanses, den das löbliche PrÄsidimn der Kultusgem-eiude frenndlichst zur Verfügung stellte/ die diesjährige Generalversammlung des Rabbmerverbandes irr Böhmen statt. Der derzeitige Präsident Dr. A. Kurrein (Teplitz) eröffnete die Sitzung luit einer Ansprache, die in ein Hoch ans Seine Majestät den Kaiser ansklang, in welches die Anwesenden begeistert eiustinmiteu. Vor dem Berichte über die Tätigkeit des Ausschusses begrüßte der Präsident das nenanfgenommene Mitglied Dr. Arje, Rabbiner in Dobkiä, und den als Gast anrvesenden Dr. Oppenheim, Rabbiner arrs Olmütz. In inhaltsreichen Worten gedachte er des verstorbenen Gelehrten I. H. Weiß in Wien und des Bubweiser Rabbiners A. Wunder. Hierauf berichtete der Präsident über die eingeleitete Aktion behufs Hebung der moralischen und ökonomischen Stellung der israelitischen Religionslehrer an Mittelschulen, die teilweise den Erfolg hatte, daß einige dieser Lehrer den „Professor"-Ditel erhielten. Jur Namen des Ausschusses referiert sodann Professor Dr. Kisch-Prag über die zu iuaugurierende „Prüfungskommission für israelitische Religivnslehrer in Prag", mit deren Einsetzung ein Elaborat der Prager Kultusgemeinde-Repräsentanz sich beschäftigt und zu welchem sich zu äußern auch der Rabbinerverband ausgefordert wurde. In einer pom Prüsesstellvertreter 'Dr. L. Bendiener, Mitglied des böhmischen Landesschulrates, einberufenen Versammlung präzisierte Professor Kisch den Standpunkt des Nabbinerverbandes dahin, daß nicht mehr Laien als Nabbiuer Mitglieder der Prüsttugskommission sein sollen (3 und 3), daß diese Rabbiner selbstverständlich nur theologischrabbiriisch und wissenschaftlich gualisizierte Rabbiner sein müssen, die der Rabbinerverband vorzuschtagcn hätte, ferner daß das Präsidium vom Plenum der Kamtnisfionsmitgliedier zu wählen, respektive der Behörde vorzuschtagen sei. Diese und noch andere wichtige Standesfragen wurden Hieralts des Näheren besprochen und mit ihrer Durchführung der neue Ausschuß betraut. Gewählt wurden für das Jahr 1905—4906: Präses Professor Dr. Kurrein-Teplitz: Vizepräsidenten Professor Dr. Kisch-Prag, Professor Dr. Stern- Saaz: Borstandsmrtglieder: Professor Dr. Brach in Brüx, Professor Dr. Hofmann in Neichenberg, Dr. K. Thieberger in Komotau, Dr. I. Hirsch, Schristführer, Prag-Karolinenthal. Uuterkraloiwitz in Böhurctl. Am 16. ds. wurde hiev in, dev Familie Jakob Waldst e i n -ein Doppelfest gefeiert. Außer Herrn Waldstein, welcher die q o l d e n e Hochzeit, feierte, feierte sein ältester' Sohn Herr W i l - h e l m Waldstein die s i l b e v n e Hochzeit. Aus diesem Anlasse wurde ein Gottesdienst veranstaltet. Beide Jubelpaare wurden vom Rabbiner Herrn Leopold H e i m und dem Kultusvoustcher Herrn Friedrich Kraus iu den festlich geschmückten Tempel geleitet, wo der .Rabbiner eine herzliche Ansprache hielt und insbesondere der treuen Anhänglichkeit des Sohnes Erwähnung tat, der ails Dallas (Texas) in Amerika mit seiner Familie gekomirnen war, um! bei seinen Eltern! das Familienfest zn begehen. Angeführt mutz werden, daß. das greise Jubelpaar bei voller Rüstigkeit den Tanz leiuöffnete und sich bis zum Schluffe daran beteiligte. Mähr.-Ostrau. Der „Ostravsky Dennik", das „fortschrittliche" Organ der hiesigen Tschechen, nimmt nach den Gemeindewahlen wieder an-tiseinitische Müven an. Dies beweist eine kleine, aber ungemein charakteristische Notiz, lvorin dev R-eda'ktenr entrüstet tut,' daßdie Feuerwehr im Gasthause des „Juden Ruffeisen" Rast hielt, obwohl der „Cesky dum" in der Nähe ist. Der Redakteur scheint nicht zn wissen, daß es stets der Jude ist, der viel kreditiert und riskiert, und das werden die tschechischen Feuerwehrleute wohlweislich beachte haben. Im übrigen ist diese Art von „Propaganda" bei einem mit der Masarykhartei stets kokettierenden Blatte sehr abgeschmackt.

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