Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 30 (28.7.1905)
- Date
- 1905-07-28
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Jüdisches Volksblatt Nr. SO -rückten und bereits durch die vorherigen Verjol gungen erschöpften Judentum n den Kampf getreten war? Hierbei wollen wir noch folgenden sehr wichtigen Umstand erwähnen: Leit Beginn der Tätigkeit der Bnreankratie haben ihr die 51t jener Zeit einflußreichsten und sowohl in den intelligenteren, als in den weniger gebildeten Lchichten der russischen Bevölkerung verbreiteten Zeitungsblätter ihren Beistand geleistet. Im Einklänge mit der Bnreantratie, die die Inden ans jegliche Weise verfolgte, wiederholten diese Blätter tagtäglich in den verschiedensten Varianten und bei verschiedenen (Gelegenheiten, daß die Inden den Verderb und die Pest des Landes seiet!. Und diese Worte fielen in ^-^'«fte, trüge ,von der Bnreantratie eingcschiichterte Seelen, und die große Masse der russischen Gesellschaft begann allmählich daran zu glauben, daß der Jude w der Tat etwas Schädliches, Unmoralisches, den allgemeinen Wohlstand Bedrohendes sei. Jur die Inden war eine öffentliche Atmosphäre geschaff.n worden, in der sie buchstäblich erstickten. Es b-.- durfte der .Nische ne wer Lchrecknisse, um die russische Gesellschaft ausznrütteln und ihre Teilnahme für die unerträgliche Lage der Giden zu erwecken. Diese Teilnahme war zwar intensiv genug, aber nur von kurzer Dauer. Sie hatte der russischen Gesellschaft nicht mal als Veranlassung gedient, die richtige Sachlage kennen zu lernen. Ich bin so frei, zu behaupten, daß, mit nur sehr geringer! Ausnahmen, die russische Gesellschaft keinen klaren Begriff von der Lage hat, -in der sich das sechs Millionen zählende jüdische Volk befindet. Wie seltsam es auch erscheinen mag, diese Gleichgültigleit gibt sich besonders jetzt, wo die Wellen der öffentlichen Bewegung so hoch schlagen, kund. Bon allen Fragen, die gegenwärtig die Aufmerksamkeit der Gesellschaft in Anspruch nehmen, ist der kleinste, man kann sagen, ein fast unbedeutender Raum der Iudenfrage eingeräumc: dieser Angelegenheit wird nur beiläufig und auch öanrr nur in allgemeiner, nebelhafter Form Ausdruck gegeben. Dabei unterscheidet sich aber Die Iudenfrage von anderen nationalen Fragen nur dadurch, daß die Rechtlosigkeit der Inden dreieinig ist, und zwar eine konfessionelle, nationale und elementar-menschliche Rechtlosigkeit. Gerade dieser Frage Hütte, der von mir oben angeführten Gründe halber, besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden sollen, wenn die Formel von der Gleichberechtigung aller vor dein Gesetz, ohne Unterschied der Konfession und der Nationalität, voll und ganz in die Tat umgesetzt werden soll. Welcher Art sind die Ursachen eines solchen Verhältnisses zwischen der Judenfrage und der russischen Gesellschaft? Ich werde mir gestatten, Ihre Aufmerksamkeit auf zweierlei Ursachen .zu lenken. In allen anderen nationalen Fragen ^-'faßten sich mit deren konkreter Auseinandersetzung einerseits der Träger der russischen öffentlichen Meinung, die Presse, andrerseits die Vertreter der in Frage kommenden Nationalität. In der Indenfrage reagierte sowohl der eine als d-w andere Faktor n.nr sehr schwach. Die Ha-nplur suche schreibe ich dem Umstande zu, daß es sich hier nicht mir um nationale, sondern auch um elementar-menschliche Rechte handelt. Ein Jude tritt nur ungern, seine Scham und seinen Abscheu bekämpfend, als Verteidiger seiner eigenen Angelegenheit ans. ES fällt ihm schwer, seine inneren Wunden zu entblößen, wofür er ja durch keinerlei Teilnahme entschädigt werden kann. Ferner findet er auch deshalb nicht immer genügend Mut in sich, um dies zu tun, rveil er sich —81III IHM I ■IHWHIIIUUI—illllH.IHIBI — Ra Hel, der. beiden Tochter, ist ein leidenschaftliches, echt orientalisches 5tind. Wir können! ihren Entwicklungsgang verfolgen: von ihrer Geburt angcfangen; ihre Kindheit, in der sie mit „Nebbezin", der Hauskatze, spielte und der Mutter gehorsam die hebräischen Gebete nachsagte — „Meviani. . ." begann sie ihr Kinberabendgebet, das ihr eben so fremd klingt wie die richtige Fassung. „Mndeh am . . . .", die sie erst später in der Schule erlernte. Eie wächst heran, wird putzsüchtig und unzufrieden mit der ärmlichen Häuslichkeit, leidenschaftlich und widerspenstig bleibt sie >vie sie immer gewesen. Nun ist sie neunzehn Jahre alt. Da wird von ihrem Vater ein Gehilfe ausgenommen, Emanuel Lefkowitsch, ein schöner Jungen den die sonst so mürrische Nahet bald liebgewinnt. Da wird Emanuel eines Tages in der Werkstatt ausgesucht von. seiner Frau. — Ja, er ist verheiratet, mit einemhäßlichen, schäbigen Weibe, auch zwei Kinder finib dieser unglücklichen Ehe entsprossen. Der junge Mann hat sein Weib, ihrer überdrüssig, verlassen; sie war ihm überallhin gefolgt, unermüdlich feine Liebe, seine Rückkehr erflehend; denn er ist ja an sie gebunden, gebunden durch die .Kesubah. Allerdings — n u r durch die Kesubah. . . . Und es gelingt ihr und ihren .Kindern Josua und Miriam, ihn auch wirklich so weit zu bringen, daß er seine Rückkehr mit einem Schwur zusagt. — Die Situation im Hause Isaak wird immer gespannter; einem1 Pulverfaß ist dies sonst durch seine Rechtlosigkeit einigermaßen entehrt fühlt: wenn die Rechtlosigkeit so weit geht, wirft sie ans ihren Träger einen Schatten: so ist die Psychologie des Menschen. Andrerseits kommt auch die russische Presse den Bestrebungen der Inden nicht sehr bereitwillig entgegen. Selbst die besten Blätter wagen es nicht, diese Frage direkt zu besprechen, teils weil sie es befürchten, 'ich als „Indenblütter" zu diskreditieren <wofür die beschützende Presse schon allenfalls gesorgt hat), teils weil in der Tiefe der Seele dieses oder jenes Vertreters der Presse der Gedanke verborgen ist: vielleicht ist all dieses Gerede von der Schädlichkeit der Inden doch nicht ganz unbegründet, und noch viele andere Gedanken. Ja, cs muß anerkannt werden, daß der Antisemitismus der Regierung und der ihr zu Gebote stellenden Presse auch an dem besten Teile der russischen Gesellschaft und den besten Vertretern der Presse nicht spurlos vorübergegangen ist. Können diese Zustände auch weiter fortbestehcn? Mehr als 25 Jahre lang fjat die politisierende Bureankratie die Iudenfrage zu einem Punkt ihres Programmes gemacht und die Jaden systematisch verfolgt: dasselbe tat die ihr zu Gebote stehende Presse. Was haben denn die intelligente Klasse der russischen Gesellschaft und oic liberale russische Presse diesem Punkte des Negicrungsprvgrammcs, dieser Tätigkeit der Reptilienblätter entgegengestellt? Bor Kischenew absolut nichts, nach Kischenem nur äußerst wenig. Es ist nicht schwer zu begreifen, daß es, in Anbetracht der öffentlichen Atmosphäre, die durch die Handlungsart der Regierung und der Reptilienpresse geschaffen ist, unvernünftig, ungenügend unire, in bezug ans Inden sich nur mit der allgemeinen Fcrmel von der Gleichberechtigung aller vor dem Gesetz ohne Unterschied der Konfession und der Nationalität zu begnügen. Diese Formel muß klar auseinandergesetzt werden, hier darf nichts verholt werden. Und gleichzeitig ist es die Pflicht der Presse, die verschiedenen Seiten dieser Frage konkret zu beleuchten, um die im öffentlichen Bewußtsein angchünste Lüge ausznrotten uns der Gesellschaft die richtige Sachlage vor Augen zu bringen. Wenn selbst alle, meist vermeintlichen Sünden and Fehler der Juden, die von gewissen Blättern beschrieben werden, der Wirklichkeit entsprächen, so würden sie vor der Schilderung des wirklichen Lebens der jüdischen Bolksmasse in der Ausiedlnngszone erblassen und zu Staub werden. Tie richtige Schilderung dieses Lebens würde, ich bin dessen gewiß, die russische Gesellschaft in Entsetzen bringen. Die russische Gesellschaft kennt stc Inden nicht und die russische Presse, selbst der beste Teil derselben, verhilft ihr nicht dazu, diese Kenntnisse zu erwerben. Ist denn unter diesen Umständen die reale Durchführung oben erwähnten Formel denkbar? Wird denn nicht die russische Gesellschaft, dank der während der letzten 25 Jahre genossenen Erziehung, eine große Anzahl von Personen anfweisen, die in vielen, wenn nicht gar in allen Beziehungen makellos, in der uns Inden interessierenden Frage aber nicht ohne Mängel sind? Und in der Tal blicken die Inden mit Beunrnhignng in die Zukunft. Sie befürchten bei der zukünftigen russischen Freiheit, ans deren Altar sie bekanntlich nicht wenig Opfer gebracht haben, übergangen zu werden. Und es sind nicht nur die traurigen Ereignisse der Vergangenheit, die in ihnen diese Beunruhigung wachrufen, sie blicken mit kummervollem Bedenken ans die gegenwärtige Gleichgültigkeit der russischen Gesellschaft und der Presse in bezug auf die Iudenfrage. Als so ruhige! Heimvergleichbar. ilniD der zündende Funke fällt, als eines Abends, nach einein heftigen! Auftritt, in dessen! Verlauf Flatterentchenihrer Tochter vor Fremden ins Gesicht schlägt, Rahel das Elternhaus verläßt, tun nicht wieder zurückzukehren. Einige Stunden früher hat Emanuel unter einein Vorwände die Werkstatt verlassen und wird nicht mehr gesehen ... Vergebens sucht ihn sein verzweifeltes Weib, vergebens forscht der Alte nach seiner Tochter ... Flatterentchen amüsierte sich indessen auf einein Ball. Nach Jahren treffen wir Flatterentchen als Bettlerin wieder, die an einer Straßenecke des Ghetto den Vorübergehenden „ein gutes Siegeln" wünscht .... Sie bettelt, nachdem viel Unglück sie getroffen hat; sie vegetiert. Nur die Hoffnung, di>e ungewisse, dumpfe, unbest inrnite Hoffnung, ihr K'ind wiederzufinden, hält sie aufrecht. Und ihr Glaube hat sie nicht betrogen. Ani! Vorabelch des .Neujahrsfestes findet sie ihre Tochter wieder, die glücklich vecheim-tet ist und Flattereiitchen zu einein Enkelkinde verholfen hat. Sie kann den Rest ihres Lebens in Ruhe bei der Tochter verbringen. Diese Freudenachvichten verwirren sie. Sie stürzt zur Wiege, küßt das .Kleine wie rasend utch wiederholt: „Ludwig, wein Herz! Ludwig, mein Herz!" bis das Kind schreit und Rahel die Stammelnde fortreißen muß. „Ihr könnt Hütte inan die Existenz des sechs Millionen zählenden jüdischen Volkes, dem die elementarsten Menschenrechte entzogen sind, das in den elendesten, schmachvollsten Verhältnissen lebt, vergessen. Wenn sich die Gesellschaft gegenwärtig so verhält, rvas ist dann von der Zukunft zu erivarten? Ulld wenn ich sage, daß das jüdische Volk mit kurnmcrvollen Bedenken diese Gleichgültigkeit der russischen Gesellschaft und der Presse betrachtet, so > sage ich dies nicht nur als Vertreter des ältesten russisch-jüdischen Organs, das mit seinen Lesern stets in Fühlung ist und deren Stimmung kennt, sondern ich stütze mich gleichzeitig auch auf die deutliche Erklärung der vor vierzehn Tagen in Wilna stattgehahten Versammlung der sich mit öffentlichen Angelegenheiten beschäftigenden Inden, in der große Städte vertreten waren. Diese Versammlung hatte die Vertreter der jüdischen Presse direkt beauftragt, in der Schriftsteller-Versammlung zu erklären, daß das jüdische Volk auf die Berücksichtigung der Presse als Knndgeber der öffentlichen Meinung rechne und dies zu tun berechtigt sei. Die Wilnaer Versammlung, der-die Stimmung der russischen Bevöltcrung in den Städten, als deren Vertreter sie a»strat, der die tiefen Wurzeln, die der Autisemitismns der Bnreantratie und den kriechenden ZeilnngSblättern geschlagen hat, der ferner die ungenügende Kenntnis des jüdischen Volkes und der Iudenfrage selbst in den Klassen der russischen Gesellschaft, die Seite an Seite mit Inden, geschweige denn derjenigen, die außerhalb der Ansiedlungszone leben, wohl -bekannt war, wies energisch darauf hin, daß die ansehnlichsten russischen Schriftsteller und Organe sich mit der Velenchtung der Indensrage befassen müßten ned daß der Schriftsteller-Kongreß klar und unumwunden die bürgerliche und politische Gleichbercchtigiing der Juden und die Bewilligung des Rechtes auf kulturelle und nationale Entwicklung derselben verlangen müsse. Hinsichtlich dieses letzten Punktes halte ich es für notwendig, einige Erläuterungen hinznzufügcn. Angesichts dessen, daß den Inden, selbst die elementarsten Menschenrechte entzogen waren, war es seltsam und sogar unmöglich gewesen, über ihre nationalen Rechte zu sprechen. Infolgedessen war die nationale Seite der Indenfrage in den Hintergrund geschoben. Gegenwärtig halte ich es für passend, auch diese Stelle der Iudenfrage klarzu legen. Diese Frage wird Hauptsächlich dadurch verdunkelt, daß die Juden in Westeuropa überall vor -und nach der Emanzipation als konfessionelle Gruppe betrachtet worden sind. Ich will kurz die Ursachen andeuten: Tie Inden Hatten nach -ihrer Zerstreuung, sich jedoch stets als besondere Nation fühlend, teils durch Selbsterhaltungstrieb, teils mit vollem Bewußtsein, ihre Religion und deren ganzen Ritus unter außerordentlich schweren Verhältnissen zum Werkzeug der Erhaltung ihrer nationalen Individualität gemacht, infolgedessen halte dies Werkzeug allmählich das beschützte Objekt in den Hintergrund geschoben. Ferner hatte die römische Kirche, die bis zur französischen Revolution eine der Hauptstützen und zuweilen die vollständige Gebieterin der alten Zustände gewesen war, daS nationale Selbstbewntztsein der westeuropäischen Völker äußerst geschwächt: sie halte diese Seite der Individualität nivelliert und alles vom Standpunkte der Konfession beobachtet. Demzufolge gab sich das nationale Element bis Ende des 18. Jahrhunderts nur latent in verschiedener Weise kund: offen und mit vollem Bewußtste fast jeden Tag auf dem, Marktplatz des Ghetto sehen — ein mageres, altes Weid mit einem, falschen' Chignon. Sie trägt ein reiches Seidenkleid, ihre goldenen. Ohrringe sind mit farbigen. Steinen besetzt und ihr Hut ist nach der letzten Mode. Sie wohnt in der Nähe von Epping Forest und gehl fast immer zur Tecstunde nach Hause. Manchmal bleibt sie an der Stelle, wo zwei MarWraßeni sich treffen, stehen! und streckt ängstlich! die Hand ins Leere; aber meistens wandert sie mit ängstlicher Miene in beit Nebenstraßen herum, starrt jeder Frau, die sie trifft, ins Gesicht, und geht jedem jungem- Paare nach. „Wenn ich sie nur finden könnte!" denkt sie sehnsüchtig. Niemand lveiß, wen sie sucht; aber alle wissen, daß es nur „Flattevontcheni" ist." Vorzüglich! ist besonders das dritte Kapitel, das eine originelle Darstellung jüdischen Aberglaubens enthält und dessen letzter Absatz jüdische Eigenschaft treffend kennzeichnet. Alt „Die Jüdin" reiht sich eine zweite Novelle. „Das Ewig-Weibliche", eiir feines Seelengemälde, das Aangwill als Psychologen von dev besten Seite zeigt. Dev „Wiener Verlag" hat das schmlucke Bändchen nl>it 'bewährtem Geschmack ansgestattet und Pascin eine moderne Umschlagzeichnrmg dazu geschaffen. Die UebersetzuNg von Ellen Godwyn ist nicht überall nrnsterhaft, doch werden besonders die Jargon nnancen sehr sein wiedevgegeben und die Eigenart Jangwitls bleibt stets gewahrt. O. P!.