Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 30 (28.7.1905)
- Date
- 1905-07-28
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 30 Jüdisches Volksblatt Seite 's der Zeit der Veröffentlichung des ersten Aufsatzes über das Wesen des Judentums ist eine geraume Zeit vergangen. Eine Reihe von Ent gelungen ist inzwischenerschienen. Fromer hat jedoch seine Ansichten nicht im geringsten geändert, seine Urteile nicht im mindesten ein«- geschränkt. Wörtlich wiederholt er alles genau so, wie es in der „Zukunft" stand. Nur auf eins sei hin,gewiesen. Die Lehrer und Leiter des Judentums täuschen, so behauptet er, bewußt oder unbewußt das Volk. Für ihn gibt es keine Ausnahme. Seiner Ansicht nach sind alle Lügner. Etwas allerdings überging Herr Fromer bei seinem Vortrage ganz. Die in seinem Aufsatze gegen den Zionismus in überaus scharfer Weise gerichteten Angriffe unterließ er. Daß er jedoch« int dieser Beziehung seine Ansichten korrigiert hat, ist nicht anzunehmen. Zum Schlüsse seines Referates pries- Herr Fromer wieder als einzigen Ausweg die völlige Assimilation — das Wort Taufe vermied er — an, jeder andere Lösungsvcrsuch der Judenfrage ist nach Herrn Fromer Kurpfnscheret. Recht interessant gestaltete sich die an das Referat sich anschließende Diskussion. Als erster Redner wies Herr Dr. Max Eschelbacher darauf hin, daß zu allen, Zeiten: der Wunsch sich, erhoben habe, das Judentum möge verschwinden. Und immer noch, lebe es in unverminderter Kraft. Wenn der Referent behaupte, daß ein Volk ohne Land nicht leben könne, so sei durch die Existenz des Judentums das Gegenteil bereits nachgewiesen. Im Judentum, herrsche vor allem, eine religiöse Betrachtung der Dinge, die nicht nach Zwecken, fragt. Hätten die, Juden immer nach Zwecken, wie Referent behauptet, gefragt, so würden sie heute nicht mehr existieren. Daß bei den Juden die Aesthetik weniger beachtet wurde, lag an, den: Bedrück u-m gen von außen. Menschen, die auf Schritt und Tritt beschränkt wurden, konnte die Lust zur Aesthetik wohl vergehen. Die neuere Entwicklung hat in den letzten Jahren Künstler wie Israels, Moritz Gottlieb, Liebermann, Struck, Lilien hervorgebracht. Der Sinn zur Kunst ist bei den Juden wie bei jedem anderen Volk entwickelt. Der Haß gegen die Inden resultiere aus dem allgemeinen Hasse dev Nationalitäten untereinander. Gegen, die Juden, ist. er besonders stark, weil sie sich überall in der Minorität befinden. Cand. Phil. Salamonski meinte, daß der Referent ebenso einseitig im ungünstigen Sinne fitu die Juden, die Ethik, wie er andrerseits günstig die Aesthetik der niederen Völker schildert. Gerade' der Unterschied der Anschauungen des Fannlieulebens im Germaueutum, hindere die Juden, darin aufzugeheu. Das Judentum ist entsagnngsfähig. Es gibt eine Anzahl Pfarrer im er hat, so zahlreich sind jene, die ihn bekämpfen. Mit allen Mitteln bekämpfen: mit offenen und, heimlichen, mit erlaubten und — nichterlaubten . . . Und das ist wahrhaft erstrebenswert. Wer so mitten im.Kampfe steht, der steht auch mitten im- Leben. Im Leben, das wogend in wallendem! Wirbel Wellen, wirft, die an wahre Größe nicht heranreichen, ihr kaum den Fuß netzen können. Die Juden haben« sich die Literatur erobert. Friedlich, ohne Kampf, ohne daß mit gnädiger Miene und verächtlicher Gebärde ihre literarische Duldung. ausgesprochen! worden wäre. Ich meine nicht durch starke Dichter ihres Volkes, obwohl die Juden Namen wie Hermann Hejermans, Max Nordan, Theodor Herzl, I. I. Davidmit auszeichnendem Stolze die ihrigen trennen: dürfen; aber die Schilderung jüdischen Lebens und Treibens, die Ghettobilder sind vor einigen« Jahren plötzlich aufgetaucht rm,d haben, die Literaturen aller Völker sich erobert; und es entspräche durchalis nickst dem Charakter des jüdischen Volkes, das einmal Erworbene leicht wieder fahren zu lassen . . . Mau, sehe doch, die zahllose Reihe von jüdischen Motiven bei modernen christlich e n Autoren an: Maxim Gorki („Judenlmassaker"), Eugen Tfchirikow („Die Jüdin") — man könnte lange so fortfahven. Die glänzendsten Namen der Weltliteratur würden wir in dieser Lisch finden. Entweder sind die Träger dieser Namen selbst Jtlden. Berliner Westen, die den Juden, den Schritt zur Taufe außerordentlich bequem machen. Aber selbst der Jude, der religiös frei wäre, halte den Abfall vom Judenttrm für eine Ehrlosigkeit. Tier Referent übersehe gang, daß die jüdische Religion entwicklungsfähig ist. Gerade der jetzt im Judentum gärende Kampf der Meinungen in nationaler unb religiöser Beziehung sei eine Gewähr für das Fortbestehen, des Judentums. Dr. Goldmann bemerkte, daß Fromer wie so viele andere — er erinnerte an Rathenau — sich im Judentum! nicht wohl fühle. Diese Herren, hätten das Judentum nicht von Grund aus betrachtet. Wenn nichts anderes für die Fovtexistenz des Judentums Gewähr bieten würde, so wäre es das mehr und mehr unter den Juden sich ausbreitende Stammesbewußtsein. Dr. Leibholz erinnert daran, daß stets der Druck von außen das Judeneum zusammengeschweißt habe. Auch jetzt zeige es« sich wieder, daß. viele indifferente Juden durch, das Erstarken des Antisemitismus sich dem, Judentum zu,wenden-. Dr. Zlocifti ist der Ansicht, daß das Wesen des Judentums das Wesen der Juden sei. Die Juden werden existieren, wenn sie stark genug sind, den Einflüssen, die auf sie .einjdringen, enitgegenzuftehen«. Sämulewitz (F. W. V.) kann nicht einsehen, wozu, das jüdische Volk erhalten, bleiben soll. Seiner Ansicht nach hat dies gar keinen Sinn (!). Ein anderer Herr von. der F. W. V. hat, wie er mitteilt, bis zu seinem 13. (!) Lebensjahre Religionsunterricht genossen, und ist sich trotzdem (!) bis heute noch nicht über das Wesen des Judentums klar geworden«. An der Debatte beteiligten sich ferner Dr. Schreier, cand. ph«il. Jacobus und Grün. In seinem Schlußworte bemerkte! Dr. Fromer, daß das Judenhrmsich erhalten konnte, solange es imj Ghetto und getreu den Gesetzen des Talmuds« lebte. „Wollen Sic zurück ins. Ghetto oder wollen Sie nach Palästina, nun gut. Hier zu bleiben und nach den« Gesetzen des Talmuds zu. leben ist ein Ding der Unmöglichkeit." Jur übrigen erklärte Fromer, daß er es bei. der vorgerückten Zeit ablehnen müsse, auf alle Einwände zurückzukommen-, da die Meinungen zu sehr auseinandergehen. Der Vorsitzende dev F. W. V. dankte Herrn Fvo-mler für seinen, Vortrag und wies darauf bin, daß die Vereinigung mit ihm, wenn« auch die- Wege vcrschiedeir wären«, im Ziel einig sei, da ja auch sie eine vollständige Assimilation der Juden erstrebe. Daran hat allerdings niemand gezweifelt, um fo« weniger, als die F. W. V. durch das Vorhandensein eines ganzen undeines halben „Renommierchrlstien," — letzterer getaufter Jude — ihre Existenz als interkonfessioneller Studentenverein nachzuwcisen berechtigt ist. oder aber haben sie schon jüdische Vorwürfe in ihren Werken verwendet. Der Grund« ist leicht einzusehen. Selbst wenn die Autoren« nicht gerade Philoseiniten sind — ihr I n t eres s c wenigstens können sie diesem seltsamen Volke nicht versagen.. Die Jliden erscheinen eben dem modernen Nichtjudcn als ein so romantisches, als ein io geheimnisvolles Volk, wie es die Zigeuner für den Großvater warm. Ein Volk, einst groß und stark und nichtig, das hergezogen kam aus fernen«, fernen Märchenlanden, mm mit dem Ahasverfluche belastet, ruhelos über diese «Gotteserde wandert, wandert, wandert . . . Und mit all der fernen, fremden Sitte kamen die Juden herüber, stark im Glauben, klug im Handeln- und schwer und fremd klingen ihre Worte, stark und fremd unb flehend tönt ihr Gebet . . . Und ihre Kleidung ist fremd unb ihr Gehaben«. Unterdrückt und geknechtet waren sie jahrhundertelang überall, stöhnend, mit zuckenden Lippen trugen sie ihre drückenden Ketten. Geknebelt find sie vielfach heute noch, die Jliden, dieses seltsame, landfremde Volk.... Dieses Volk, das verstreut umb schwach und klein auf der Welt umherirrt . . . — Da aber hat ein großer, starker Geist ihrem Sehnen ein- Ziel gegeben, verlangt hat er, daß sie als Juden sich fühlten; daß sie sich selbst wiederfanden, wollte er. Der Netter in Not! Bericht über die Zudenfrage in Rußland bei der am 8./21. April stattgehabten Journalisten« versammlnttg vom Bretreter der jüdische« Presse. Unter allen nationalen« Fragen nimmt die Jndenfrage eine besondere Stellung ein. Ihre Besonderheit besteht darin, daß sie nicht nur eine nationale, sondern eine Frage der «Menschlichk. it ist, .und zwar in« der elementarsten. Bedeutung dieses Wortes. Die Menschlichkeit spielt in dieser Angelegenheit eine so bedeutende Rolle, daß sie die nationale Frage, die oft mit der allgemeinen Konfessionsfrage, ö. «h. die Frage bezttgl. der Gewissensfreiheit, verknüpft ist, vollständig in den Hintergrund schob. «eine der unterdrückten Nationalitäten ist so rechtlos und wird so verfolgt, wie die Juden. Unter den zahlreichen, selbst den am wenigsten zivilisierten Völkerschaften Rußlands gibt es keine einzige, der die den Inden entzogenen« Rechte nicht zuständen; die Freiheit der Uebersiedlung, Mi freie Wahl des Berufes und des Gewerbes und das Recht, Bildung zu erwerben; diese Rechte werden nur Verbrechern durch gerichtlichen Urteilsspvuch entzogen. Es ist schwer, sich von all den Einschränkungen und Hindernissen einen Begriff zu machen, die einem Juden in den Weg gelegt werden und ihn nicht materiell am Leben hindern, sondern auch seine Seele angreifen. Die alte bureaukratische Regievungsform Hatte es unter allen Völkern, mit denen sie Krieg führte, besondersans die Juden abgesehen. Während der ganzen Z«eit ihres Bestehens hatte sie hierfür verschiedenerart Veranlassung und Gründe. Ich will nicht von längstvergangenen «Zeiten sprechen; ich habe nur die letzter! 26 Jahre im Auge, irr denen« die Handlungsweise der alten Regiernugsform den Juden gegenüber mit besonderem Relief hervortrat. Hier haben sich, wie in einem Brennpunkte, alle Motive der polizeilich-nationalen Staatsordnung vereint. Während dieser 25 Jahre waren es nicht mehr Vereinzelte ungeschickte Handlnngen, von «Mangel an Verständnis «und unklar, dumpfer Feindseligkeit ehret* unwissenden Bureankratie erzeugt (wie dies z. B. während der Negierung Alexanders des Ersten, der davon träumte, alle Juden zum Christentum zu bekehren, oder Nikolaus des Ersten, der den Juden die Aufklärung kasernenmäßig znkommen ließ, der Fall war), n«ein, es war eine richtige Staatspolitik. Seit Ende der 70er Jahre, d. h. seit dem Augenblick, wo die alte Regievungsform! in die letzte Phase des Kampfes um ihr Dasein getreten war, hat die Jnöenfrage im «Programm der Tätigkeit der Regierung eine scharf gekennzeichnete Stellung eingenommen und ist diese Tätigkeit, von den verschiedenen Einschränkungen bis zu den Massakers, keinesfalls zufällig, sondern das Resultat eines wohlbedachten Systems gewesen. All die geringen Rechte, die den Juden zur Zeit des allgemeinen Aufschwunges in den 50er Jahren irr Rußland bewilligt worden sind, sind ihnen entzogen word.'N. Jch> halte es nicht für möglich. Ihre ganze Aufmerksamkeit mit all dem zu beschäftigen, was in bezug auf Inden« in« den letzren 26 Jahren getan worden ist; ich will nur daraus hinrveijeu, daß all dies sie in «einen bisher nie dagerrnsenen Pauperismus «und. eine schmachvolle Lage gebracht hat. Konnte es denn anders sein, wenn bei der fast vollständigen Passivität und Unwissenheit einer so großen Volksmasse der machtvollste, fast einzig tätige Motor des russischen Lebens mir dem unter- Itirb dieses Volk ist es wert, zum- Gegenstände der erhabensten aller Künste gemacht zu werden. Zangwills Erzähllmg ist nicht sehr reich an Handlung. Doch die „Moderne" will es nun einmal so. Detailmalerei, Milieufchilderung überwiegt «weitaus. Doch« die „Moderne" will es nun eininal so. Impressionismus könnte man es nenncu« — so bringt uns diese Erzählungsart in Stimmung. Doch die „Moderne" will.es nun einmal so. Wir leben in dieser Ghettoatmosphäre, wir atmen« die Luft des Londoner Judenviertels ein. — Doch« die „Moderne" will es nun einmal so . . . Genau und bis in die kleinsten Einzelheiten. deutlich sehen wir das Leben des Küvschnermeisters Ludwig Isaaks. In einem« einzigen kleinen Räume spielt es «sich ab, der Werkstatt, Wohn-, Speise- und Schlafzimmer zugleich ist. Und so dumpfig ist die Luft in diesem: Zimmer des kleinen« Hauses in der Montaguestreet, so rechte Londoner Ghettolust. Undefinierbare Gerüche und Pelzhärchen schweben in« dieser Luft; das bringt das Gewerbe mit sich. Alich die Schwindsuchtsnekgnn«g des Alten. Und lwnm) er in Erregung koinmi, baran quillt «es ihm warm in den Mund, purpurn und« salzig ... „ t Seine Frau, die er in humorvoller! Stunde „Flaüerkatschki" („Flattemitchen") nanute. ein Name, dev ihr dauernd blieb, ist — eine Londoner Judenfrau : schmetterlingsartig flatterhaft, putzsüchtig und leichtsinnig.