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Jüdisches Volksblatt · 1905-07-28 · 30 (28.7.1905) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
30 (28.7.1905)
Date
1905-07-28
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Jüdisches Volksblatt Nr. 30 Seite 2 auf einem Führer bestehen, dem von vornherein die Sympathien einer Anzahl Gutgesinnter versagt bleiben? Der Zionismus macht jetzt eine innere Krankheit durch, setzt, ihm nW noch einen ungesunden Kopf auf! Für den Kongreß selbst beseelen uns die besten Wünsche. An seinen Teilnehmern liegt es, ihn zu einem denktvürdigen und segensreichen zu machen! Die Frankfurter „Reue Freie Presse". Die „Frankfurter Zeitung" hat viele Aehnlichkeit mit der „Neuen Freien Presse". Me politische Gefolgschaft beider ist auf ein Fähnlein zusamnengeschmolzen, das zur Einflußlestgkeit im Parlamente verurteilt ist. Trotzdem genießen beide Blätter, und charakteristischrrweise beide außerhalb der Staaten, in denensie erscheinen, ein gewisses Ansehen, das sie teils aus den Zeiten herübergcrettet haben, als der Liberalismus am Steuerruder saß, teil» sich durch einen Kreis bekannter Namen als Mitarbeiter errungen haben. Sind ihre Feuilletons und ihre Informationen demnach nicht ohne Wert, so wirken ihre politischen, altlilxraten Ansichten oft lächerlich durch ihre Abgeschmacktheit und Deplaziertheit; sie klingen wie die berühmten eingefrorenen Töne aus Münchhausens Posthorn, die zur Unzeit auftauen. In ganz Deutschland tobt jetzt auf den Universitäten der Kampf der nationalen Studenten um die „akademische Freiheit". Naiütlich handelt es sich, wie immer, wenn Chauvinisten das Wort „Freiheit" in den Mund nehmen, um die Vergewaltigung der Meinung anderer. Mir teilen sicher nicht die Anschauung der katholischen Verbindungen, aber es soll doch jeder erstens „nach seiner Fasson selig werden", zweitens hat man noch keine Geistesbewegung mit Paragraphen und durch Boykotts niedergehalten. Tut nichts; die liberale Presse hört etwas von akademischer Freiheit läuten und sofort ertönen die alten, eingefrorenen Töne aus Münchhausens Posthorn. In dieses auf Achtundvierzig gestimmte Konzert brachte aber die Erklärung des Verbandes der ' „Vereine jüdischer Studenten" einen Mißton. Auszugsweise druckt die „Frankfurterin" diese Kundgebung ab, kann es sich aber nicht versagen, folgende Randglosse zu machen: „. . . . Und diese Bewegung hat zweifellos einen allgemeinen freiheitlichen Untergrund, sie ist der klare Ausdruck des erfreulicherweise stärker gewordenen allgemeinen Widerstandes gegen die konfessionellen Tvennungstendenzen, die schon von der Schule an alles nach Konfessionen absondern und so das menschliche Gemetnsanckeitsgefühl beseitigen möchten. Wenn nuo der Kartellverband jüdischer Vereine seine Existenzberechtigung aus dem studentischen Antisemitismus, d. h. aus der Zurückweisung jüdischer Studenten aus vielen Verbindungen herleitet, so mutz nun doch erst der Versuch in größerem Umfange gemacht werden, ob wirklich die Vereine, die gegen die konfessionellen Verbindungen zu Felde ziehen, fernerhin selber konfessionelle Abschlietzung treiben. Vovgekommen ist das freilich in einigen Füllen, wie wir das auch schon gerügt haben; aber in richtiger Weise vor die Notwendigkeit gestellt, die Konseqmnzen ihres Verhaltens zu ziehen, werden die Vereine sich doch wohl überlegen, ob sie sich den berechtigten Vorwurf der Unehrlichkeit und Heuchelei zuziehen wollen." O, ü b e r die g ö t t l i ch e $1 et i i> i * tat d e r I o u r n a l i st e n 3 u Frankfurt! Für dieses „bestinformierte" deutsche Blatt muß also erst der Versuch in größevem Maßstabe gemacht werden, ob die deutschen Verbindungen Juden aufnehmen oder nicht. Wir laden dieses Blatt, das die geheimsten Regungen Bülows zu kennen meint, ein, z. B. in dem Organe des „Zerllralvereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens", das patriotisch den Titel „Im Deutschen- Reich" führt, und sicher nicht in dem Verdachte flieht, jüdischnational zu sein, diesbezüglich sich zu unterrichten.- .Dort schrieb Dr. Rieger (Hamburg) einen salbungsvollen, historischen Artikel über Juden in deutschen Burschenschaften. Bei der Gegenwart brach er wohlweislich ab. Mer Dr. med. Sklavek setzte das Thema fort. Er erzählt, daß er in den.' achtziger Jahren, selbst Mitglied von A. D. C.-Burschenschaften aus drei Hochschulen war und bis heute Fühlung mit den Burschenschaften hat. Dr. Sklarek sagt wörtlich: „M i t g a nz v e rs chw i n - d e n d e n Ausnahme n b e st eht heute keine st u d e n t i s ch e Korporation auf deutschen Hochschule n, w e l ch e Juden auf* nimm t." Also, liebe Frankfurterin, es bedarf keiner weiteren Versuche in größerem Maßstabe; diese Versuche werden jahraus, jahrein im ganzen Deutschen Reich in allergrößtem Maßstabe gemacht und ihr Resultat ist, wie oben zu lesen. Allerdings hat sich in allerletzter Zeit eine Wendung vollzogen; diese besteht aber darin, daß auch die Finkenfchast keine Juden ausnehmen will; siehe München. Es erfaßt einen wahrlich ein Ekel über die Art und Welse, wie die liberalen Zeitungen die jüdischen Interessen verraten. Was alle Welt weiß, weiß die „Fvkf. Ztg." nicht, weil das Unrecht jüdischen Studenten zugefügt wird. Ebenso würdig ist es, wenn sie vorne sich aus den Leiden der russischen Juden billige Lovboern windet und hinten im Börsenteile für die bedrohten russischen Finanzen- und für Herrn von Mendelssohn (der natürlich schon als Protestant geboren wurde) eine wavme Lanze bricht, so wie in Wien die „N. F. P." nicht besser die Mauen Nothnagels zu ehren meint, als wenn sie für die Berufung des Prof. v. Jaksch als Nachfolger einiritt, der getreu seinen Prager Traditionen es als seine erste Aufgabe anfehen wird, die Klinik Nothnagels — j u den rein zu machen. Aber trotz alledem schwört die große jüdische Masse auf „N. F. Pr." und „F. Z.". O sancta simplicitas! S. Eine Debatte über das „Wesen des Indentnms". Die Freie wissenschaftliche V e r e i n i g u n g a n dev Universität Berlin hatte Herrn Dr. Jakob F -r 0 in e r, den früheren Bibliothekar der jüdischen! Gemeinde, zu einem Vortrag über das Wesen des Judentums ausgefovdert. Diej Ansichten Fromers sind unseren Lesern bekannt. Dr. Fromer hat seit dem ersten Erscheinen seines Aufsatzes in der „Zukunft" nichts gelernt und nichts vergessen. Die beiden Fragen, wie das jüdische Volk sich bis jetzt erhalten! konnte und woher der Judenhaß der Wirtsvölker stamme, sind der Ausgangspunkt seiner Betrachtunyen. Wiederum konstruierte er jene eigenartige Weltanschauung von Ethik, Aefthetik und Logik jedes Volkes. Das jüdische Volk wäre von jeher allzusehr von der Ethik beeinflußt worden, während Logik und Aefthetik nur eine untergeordnete Rolle bei ihm gespielt haben. Wenn inan Fromer seine Ansichten Vorträgen hört, bemerkt mit Recht Adolf Graupa tm „Generalanzeiger", jo weiß mian nicht recht, ob man ihn bemitleiden oder verurteilen soll. Ist er ein Fanatiker oder ein Märtyrer seiner Ueberzeugung? Diese Gedanken drängen sich einem unwillkürlich! auf. Man muß niun das Milieu beri'icksichtigen, aus dem Fromer stammt, um einigermaßen in die Ideenwelt dieses Mannes sich hineindenken und so eine Erklärung für seine. Anschauungen finden zu können. Er gehört zu den Leuten, die im Ghetto ausgewachsen sind und die, als sie später heraustraten und moderne Bildung sich aneigneten, geblendet vom Glanze der auf sie eindringenden Kultur, nur schwer in der neuen Umgebung sich zurecht finden können. Seit Reformen würden, durchführen lassen. Jedenfalls arbeitet man von beiden Seiten aufrichtig auf ein Verständnis hin. Daß sich die Juden dabei vor feindseligem Auftreten gegen die Rumänen hüten, scheint mir richtig empfunden und kamr auch der guten Sache nicht schaden. Allerlei Unterredungen und Zusammenkünfte füllten meine Zeit in Czernowitz dermaßen aus, daß ich den geplanten Ausflug nach Sadagora, kaum eine viertel Bähnstunde von betu Hauptstadt entfernt, immer wieder aufschob. Erst knapp vor meiner Abreise raffte ich mich dazu auf und hatte so wenig Zeit dafür übrig, daß ich nicht das Erwachen des schlafenden Robbe ablvarten konnte, sondern, ohne ihn Persönlich gesehen zu haben, abziehen mußte. Es war eine heiße Nachmittagsstunde, die ich in Sadagora verbrachte, und „der Hof" — so wird er dort ohne Nebensinn genannt — wie ausgestorben. Die Chassidim wissen viel von seiner Pracht zu erzählen. In die Gemächer drang ich nicht. Immerhin imponiert die Weitläufigkeit der Gehöfte und Wohnhaus, und Synagoge des Rebben stellen bch als ansehnliche, wenn auch recht stillose Gebäude dar. Komfort scheint es viel zu geben, wirklichen Geschmack gar keinen. Das tat mir weh. Die Stunft ist es ja, die einen zur.Not mit dem römischen Papsttum versöhnt. Ich dachte auch! an die Residenz des griechisch-orientalischen Erzbischofs, bereu überwältigende Großartigkeit ich niemals vergessen werde. In der kühlem, schattigen, aber leider nicht ordentlich in Stand gehaltenen Synagoge trafen wir, ich und meine Begleiter, außer zwei auf seitlichen Bänken schlafenden russischen Chassidim eine kleine wachende Gesellschaft: Einen kränklichen, etwa vierzigjährigen Mann in kurzer Kleidung, zwei Jünglinge aus Rußland, die am „Hofe" ihre Ausbildung genießen, und einen älteren Mann, der „lernte". Wir wurden mit der größten Liebenswübdigkeit empfangen. Nur die beiden jungen Leute konnten sich nicht enthalten, uns still zu belächeln. Der Mann im kurzen Nock, übrigens sonst von chassidischer Gesinnung, war bestrebt, sich in modernem Lichte zu zeigen. Er interessierte sich besonders auch für Professor Nothnagel, dessen Tod gerade von den Zeitungen gern eldet wurde. Der „Lerner" verriet den Ehrgeiz, uns als Manu von höchster Duldsamkeit 51t erscheinen. Und ich konnte nicht umhin, ihm eine gewisse vornehme Abgeklärtheit zuzugestehen. Es war ihm offenbar ernst mit feiner Ablehnung jeden Hasses gegen! Nichtjuden und, was noch bezeichnender ist, mit der Nolle, die er den nichtchassidischen und nichtfrommen Juden in seinem Systeme zugewiesen hat. Unbewußt vom Prinzipe dev Arbeitsteilung ausgehend, sieht er sie nämlich als die notwendigen Sachverwalter Israels vor Königen, Mächtigen und Behörden an . . . Im ganzen hatten die beiden Männer meine Hoffnungen nicht niedergedrückt. Ich fand: Die scharfen Lufö* züge der europäischen Zivilisation einerseits und des jüdischen Nationalgedankens andrerseits wehen auch schon in den Chassidismus hinein. . . . Nur Geduld! Mit diesem Appell an mich selbst verließ ich eine Stunde später die Bukowina. Zugleich stieg der innige Wunsch in mir auf, daß die bukowinische Judenheit bald ihre Verantwortlichkeit erkennen möge.Sie, die durch eine selbüständige gesunde Politik nicht nur selbst erstarken, sondern auch beispielgebend und anregend wirken kamr — auch nach Rumänien hin, besonders aber nach Galizien, wo der Jude im Schlachzizendienste körperlich, wirtschaftlich und politisch verkommt, und nach Rußland, wo dreißig Millionen Ruthenen einen willkommenen Rückhalt gegen die leider immer aufsaugcbereiten Polen abzugeben vermögen! Und drlvch meine eigenen Wünsche kühn gemacht, sah ich diese bukowinische Judenheit auch in der stolzen Kulturrolle einer Brücke zwischen den drei Haupttypen des ostjüdischen Volkes, den polnischen, russischen und rumänischen Juden. Mathias Acher. I. Zangwill: „Die Jüdin", (Bibliothek berühmter Autoren, Band 47; Wiener Verlag. 1905.) Ein neues Buch Zangwills ruft stets auch, in nichtjüdischen Kreisen Aufsehen hervor. Israel Zangwill gehört ja nicht nur dev englischen Volks-, nicht nur der jüdischen NaiionalliteAtur an, sondern! der ganzen Welt. Er ist nicht so hoch hinaufgerückt, daß man ihn schweigend kennt und seine Werke iw Bücherschränke verstauben läßt. So viele Bewunderer

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