Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 30 (28.7.1905)
- Date
- 1905-07-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Mische« Doiyittt! r"— -. ..H Redaktion: IX/1» Srrvikrngastr 4. Telephon Nr. 14VS8. Cprechftunden: An Wochentagen von 4 bis 6 Uhr nachm. Postadresse: Jüdische« «ollSblatt. Wien. IX,'. Erscheint jeden Freitag. SigenILmer und Herausgeber: Jakob Kraus;. w-1 Administration: IX/1, Seroitsngsste 4. Telephon Nr. 14788. AbonnementS»Prei«r BttckwerdtN wegen vrrfpäteier oder gar nicht erfolgter Hu. stellung erbitten wir uns dringend. — IttatMtkriptt Wer««« Nickt xNrflckaMtdit. Postsparlassen-Konto 847037. In das Abonnement kann man täglich eintreten. k ä Inserate übernehmen di« firmen: M. vukes Ilachf., kjaasenstein Sc Vogler, Ruöolf Masse, M. Pazsonpi, A. Schalet in Wien, ferner alle Annoncen» Expeditionen im Auslände. Einzel - Nummer in Wien 30 Heller. | Für Wien u. Oesterreich- Ungarn s. Frankozustellung: Ganzjährig .... X 18 — Halbjährig ... .'X Vierteljährig ... X 8.— k Für daS gesamte Sln-lanb samt Franlozustellung: Ganzjährig ... 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Es wäre banal, viel Worte über die Wichtigkeit undjüdischhffto-rische Bedeutung dieser Beratung zu verlieren. Die große Bedeutung, welche den Beschlüssen dieses außerordenilich stark besuchten Kongresses zukommt, ist heute nicht nur dem Parteizionisteu, sondern auch dem außerhalb der Partei stehenden Nationaljuden, ja, auch dem der ganzen Bewegung fernestehenden Assimilasionsjuden! klar. Der Zionismus ist in alle Schichten des Judentums eingedrungen. und die Kümpfe, die er in den zehn Jahren seines Bestandes auszufechten hatte, .zwangen auch die Feinde, sich! mit ihm zu beschäftigen. Nun steht der Zionismus an dem Scheidewege und an dem Kampfe, der jetzt in Basel um das Erbe Herzls von den verschiedenen Gruppen geführt wird, ist das Gesa lntjudentum mitinteressiert. Mitilüieressiert schon deshalb, weil dieser Kongreß seit sieben Jahren: der' erste ist, an welchem wirklich allge- Feuilleton. Zwei Reisebriese aus dem Oste« Oesterreichs. T. Sechseinhalb Jahre war ich nicht in Galizien gewesen, dreizehn, nicht in der Bukowina. Was ich zuerst sah, als ich auf galizischen Boden kam, war gerade nicht geeignet, mich heiter zu stimmen: Auf einer Reihe von Stationen eine Menge, oft hunderte von Juden, die herbeigeströmt waren, um die Leiche eines in einem deutschen' Kurorte gestorbenen! „Rebben" zu begrüßen. Eines 'kleineren' Rebben, des „Bobowevs" (aus Bobowa). Und als Gegenstück einen polnischen Arbeiter, der, wie mir übersetzt wurde, sehr roh vom, Tode des Rebben sprach — mit der Begründung, daß man auf Juden, die ja doch keine Seele hätten:, doch nicht das Wort „Sterben" anwen'den könne. Wobei er ganz freundlich grinste. Ebenso freundlich, wie eine halbe Stunde vor- . her, als er mich auf meinend R'nfe nach Wasser mit deu> jüdischen' Worten „nischt'u" (nicht da!) auf weiteres Dürsten verwiesen hatte. Im übrigen hielt ich mich vorerst in Galizien nirgends auf, soudern steuerte vor allem der östlichsten Station meiner Reise, Czeruowitz, zu. Ich kam an einem, schönen, lauen Sommcrabend an. Bergan ging es in> die Stadt, an einem interessanten Menfchenmein-prinzipielle und nicht mw inter-faktische Fragen zur Austragung gelangen sollen. Hie Territorialismus! Hie Palästinismus! Das sind die Schlachtrufe, die jetzt in Basel ertönen, schon in' den, Vorkonferenzen, der emzeknen Landsmann schaßen zur Geltung zu gelangen trachten und in der Plenarversammlung aufeinanderplatzen lverden. Und diese Schlachtrufe ersticken die besonderen Wünsche des Misrachi in religiöser Beziehung und die Forderungen der Poale Zion in sozialpolitischer und überhaupt gegenwartspolitischer Beziehung, geschweige denn die mahnenden Rufe der'! Vertreter der Kleinkolonisation in Palästina und feinen Nebenländern. Die weitere Entwicklung des Zionismus wird nun davon, abhängen, wer von den beiden Hauptgruppon die Majorität aus dem Kongreß an sich reißen wird. Unser Standpunkt in dieser Frage ist. in diesem Blatts wiederholt auseinandergesetzt worden. Der- Zionismus kann! nur ein palästinensischer oder gar keiner sein. Die Besiedlung anderer, freier Territorien ist nicht Sache des' Zioniswlus, sondern gehört in das Gebiet derjenigen Gesellschaften, denen die Regelung der Auswanderung der Juden aus denr unfreien Osten,. obliegt. Wenn wir aber von ein:em palästinensischen Zionismus sprechen, so haben wir dabei sicherlich nicht jenen einseitigen diplomatisch-politischen Zionismus im Auge, der die Politik Herzls keunzeichnche, kurzweg Herzliainsmus genannt wird, und unseres Erachtens auch, in, die Niederungen des Ugandiswus führte, sondern eine gesunde, systematische, stufenweise aufstrebende gewimmel vorbei, in welchem, die ruthenischen' Bauern und die Juden, die häufigsten und die chirrakteristifchesten Gestalten waren. Unser Rosselenker ein Jude, wie fast alle seines Berufes hier. Ueberhaupt fühlte ich mich schon in der ersten Viertelstunde jener Erscheinung gegenüber, die mir an den neueren, russischen Juden, so sehr imponiert: einein Judentum, das seine Art frei auslebt und sich vor niemandem duckt. ' Allerdings fehlt, den, bukowinaer Juden die Kulturtiefr der russischen, die deutsche „Afsimilationsschule" ist doch nicht ganz spurlos an ihnen vorübergegaugen. Auch haben, die freien Juden der Bukowina nicht die Heldenart des jungen russischen! Kämpfergeschlechtes. Es sind recht friedliche, in keine U l igewöh nl i chkeiten ve rwi cke lte Mens chen. Aber dafür ist ihre Freiheit auch schon mehr Tatsache als Wunsch. Sie sind Glückskinder, die es gut getroffen! haben! und nicht erst sonderlich, zu kämpfen brauchen. Allerdings bedrückt mich, daß der Kampf nun Nachkommen wird. Die Bukowiuaer Juden lverden lernen müssen, das Erworbene festzuhalten und auszubauen. Bor allen, werden sie trachten müssen, ihrem politischen Judentum mehr national-kulturelle Seele einzuhauchen. Ich glaube, daß sie es fertig bringen werden. Meine diesbezüglichen Vorschläge, namentlich was die jüdische Sprache betrifft, fanden in lveiteir Kreisen freundliche Aufnahme. Es ge-- lang mir, heftige Gegner umzustimmen oder lvenigstens zu dem Zugeständnis zu bringen, daß die Sache diskutabel sei. Eine Organi- Kolonisation des heiligen Landes, seine wirtschaftliche Erforschung und Hebung und seine innere soziale Vorbereitung und Urbarmachung für eine größere Kolonisation,. Es gibt noch Zionisten, die diese Richtung bekämpfen, da sie nicht erkennen, daß dev Tevvitorialismus nur deshalb entstehen und solche Dimensionen annehmen konnte, weilman sichin dem, großzügigen, staatengründenden polnischen Zionismus enttäuscht fühlte und sich nach etwas sehnte, das einem den unerreichbaren Staat in Zion ersetzensoll. Diesen, gegnerischen Standpunkt nimmt auch Herv Dr. Krenberg e r in seinem Artikel üben den! Kongreß in der „Zeit" vom 27. ds. ein. Der Artikel verwirft die Kleinkolonisation, bekämpft den Territorialismus, kann aber auch nicht für den Herzlianismus direkt einitveten, und empfiehlt zum Schluß, als Rettungsmittel aus diesem Chaos — Dr. N orda u zum Führer zu wählen, denselben Dr. Nordau, den die Territorialisten für sich reklamieren, denselben -Nordau, dev mtf der anderen Seite als der einzige Vertreter des Herzlianismus gilt. Wir müssen, aber gegen, die Klambination Nordau im, Interesse der zionistischen Bewegung auch aus einem! anderen, allgem>einjüdischen Grunde Stellung nehmen. N o r d a u hat trotz eindringlichen Bitllens, trotz manchen ungeschickten Schachzuges von gewisser Seite auf die ihm Zugedachte Führersielle verzichtet. Man hätte es dabei bewenden lassen sollen,. Nordau wußte und weiß es, daß gewisse, vom nationalen Standpunkte zu mißbilligende Umstände ihn zum Führer unfähig machen. Wozu, also sation ist in Gründung, begriffen, die den Widerstand dev Trägheit überwinden soll. Auch ein Besuch! im jüdischen, Theater — noch heißt es hier: Deutsch-jüdisches Theater —. führte mieinem Optimismus reiche Nahrung zu. Man gab „Dwojrale mijechehsseß" von Gordiu. Es ist dies kein Drama, mit dem sich stolzieren, ließe, tvie etwa mit dem. Stücke „Got, meuf chun. tejlve!" desselben Verfassers oder mit Pinskis „Di familje Zwi", die. übrigens auch in Czeruowitz arifgeführt wurde; aber auch kein jüdisches Stück von. der alten Sorte und leicht schlechter als manches im Deutschen Volks- oder Raimundtheater aufgeführte zweiten oder dritten, Ranges. Beschämend ist, daß der Direktor lvenigstens durch zwei eingelegte Couplets dem! Geschmacke des Publikums glaubte eutgegeukoinmen! zu. müssen. Indessen der Krieg gegen diesen Geschmack hat schon begonnen. Die Schauspieler, bis auf zwei, spielten trefflich, spielten jüdisch, nicht jüdelnd. Auffallend waren mir die vielen! nichtjüdischen, Besucher. Ein namhafter. Führer der bukowinischen Rutheuen! gestand mir später, daß er dos Theater oft und gerne besuche, schon weil es ihn an die Kämpfe und Kinderkrankheiten des ruthenischen Theaters erinnere. Und Ineil schon von Ruthenen die Rede ist, — ich fand in Czeruowitz ein herzliches Verhältnis zwischen ihnen und den Juden. Es soll auf dem Laude weniger gut, doch in entschiedener Besserung begriffen! sein. Ich, habe den Eindruck,als ob sich große Erfolge nach dieser Richtung erst nach gewissen wirtschaftlichen 2298