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Jüdisches Volksblatt · 1905-06-21 · 29 (21.6.1905) · p. Seite 4

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
29 (21.6.1905)
Date
1905-06-21
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Jüdisches Volksblatt Nr. 29 eine drängen, mögen sie auch Geselligkeit^, Gesangs^ oder Turnvereine sein, soll eine Stimme ausdom dmkschnationalen Lager Westböhmens wieder einmal beweisen. Die „Westböhmische Rundschau" in Tachau schreibt unter obiger Spitzmarke: „Das hiesige Rabbinevblatt macht unausgesetzt für das 40jährige Gründungsfest des Tornveveines „Aar", das heute stattfindet, Stimmung und möchte besonders den Deutschen der Umgebung Pilsens dieses Fest als ein gut deutsches hinstellen. Demgegenüber weisen wir nochmals darauf hin, daß dieser Tomvevein nur aus Juden und einigen Paradechristen besteht und von dem einige Mitglieder sogar am Sommerfeste des tschechischen Schulvereines teilgenommen haben. Er ist deshalb nicht wert, von nationalgesinnter Seite irgendwie unterstützt zu werden. Mögen sich unsere Volksgenossen auch nicht durch die in Schwarzrot-gelb ausgeführten Plakate täuschen lassen!" * * * Der Bürgermeister von Wien als Berliner Acitungsgründer. Aus der außerordentlichen' Hauptversammlung der sächsischen Reformpartei machte, so wird aus DiveNen berichtet, der Delegierte Herrlein von der „Deutschen Wacht" die auffallende Mitteilung, daß der Wiener christlichsoziale Oberbürgermeister Dr. Lueger nebst seinen politischen Freunden vor drei' oder vier Monaten die Absicht gehabt habe, die Berliner „Staatsbürger- Zeitung" anzukaufen und sie allmählich in das Fahrwasser der österreichischen Parteigenossen uberzuleiten. Der Reichstagsabgeordnete Zimmermann bestätigte nach einem Referat der „Sächsischen Arbeiterzeitung", daß Lueger zu diesem Zweck in Berlin gewesen sei. Die Sache habe sich aber zerschlagen und Lueger habe gedroht, nun ein eigenes Organ in Berlin zu gründen, das feine Richtung vertrete. Die „Staatsbürger-Zeitung" ist diesen Herren noch nicht antisemitisch genug, beklagte sich doch Hervlein darüber, daß in einem Propagandaartikel des Blattes nicht, ein einziges Mal das Wort „Jude" und „Judentum" vorkomme. Korrespondenten. Brief aus Kolomea. Sonntag am 2. Juli bot der hiesige Verein „Z'ire Zion" dem jüdischen, Publikum einen genußreichen Abend. Die berühmte . Jargonkomödie „Di Familje Zwi" von David Pinski gelangte nämlich durch eine von Vereinsmitglied ern gebildete Dilettantentruppe im hiesigen Sparkassensaale zur Ausführung. Dev Verein verdient schon deshalb viel Lob, daß er es verdes spanischen Staates werden und geben Eurer Majestät die Versicherung, daß es für Eure Majestät nirgends hingebungsvollere und treuere Untertanen gibt als die Bekenner der mosaischen Religion." Diese Denkschrift schließt selbstredend mit dem üblichen Gebet für das Heil des spanischen Königs. Wenn man bedenkt, daß im Jabre 1492 am Tischah b'Ab 300 000 Inden aus Spanien ausgetrieben worden sind und daß heute wohl etwa 3000 Juden in Spanien, wohnen, aber keinen öffentlichen Gottesdienst a'bhalten dürfen — hat sich ja der König in dem bekannten Briefe so eigentümlich gegen den Bau einer protestantischen Kirche ausgesprochen — so muß man sagen, der „unendliche Dank" der englischspanischen' Juden für die „religiöse Toleranz" in Spanien kommt jedem denkenden Menschen „etwas spanisch" vor. Stolz will ich nicht nur den Spanier, sondern auch den Juden. Huntes Feuilleton. Die feurigen Schlangen in der Wüste der Auffassung verschiedener Schriftsteller sind die feurigen Schlangen, die nach der mosaischen Geschichte um das Jahr 2552 nach Erschaffung der Welt das Murren der Israeliten tn der Wüste so furchtbar bestraften und von Moses durch die Errichtung einer ehernen Schlange bekämpft wurden, liberhaupt nicht Geschöpfe, die au den Schlangen au rechnen wären. Sie werden nämlich gedeutet auf den entsetzlichen Wurm, der hellte unter den Namen des Medina-Wurms (Filaria medistanden hatte, eine so berühmte scharspielerische Kraft, wie es Herr Samuylow aus Czernowitz ist, für die Leitung des Stückes und Mitwirkung zrt engagieren. Den Stadtrnaggid Reb Mojsche Zwi, die Hauptrolle in diesem Stücke, gab Herr Samuylow selbst. Und er gab ihn, wie kaunr ein zweiter, charakteristisch und treu. Mit großer Spannung und Aufmerksamkeit folgte man dem greisen Maggid, dieser „alten Schönheit", dem „letzten Juden von gestern", der „die Thora als die höchste Schöpfung Gottes" betrachtet und dem die „Beschützung dev Reinigkeiten" zur fixen Idee geworden ist. Man folgte ihm ins Haus Gottes, in die Privatwohnung des Bankiers Herschmann, in den Wald, wohin er sich begibt, um die Juden Gottes, die die Reinigkeiten beschützen sollten, aufzusuchen, ulld schließlich nochmals in Vas Haus Gottes, wo er auch durch ein Bombar..ement von Steinen seitens des wilden Mob den Tod erfährt und mit dem „Schma" seine Seele aushaucht. Ausgezeichnet lebte sich auch Herr Blitz in die Rolle des Jekef, des alten Maggid Sohn, ein, der den Typus eines jüdischenKrämers darstellt, welcher, bar jedes höheren Ideals, stets nur seine „Groscheninteressen" vor Augen hält. Ebenso gelungen und trefflich zugepaßt waren die Rollen der drei Söhne Jekefs, von denen der eine (Herr Rosenkranz) Zionist, der zweite (Herr Bauer) Bundist und der dritte (Herr Jwanier) Afsiimlant ist. Besonders bot letzterer in der Darstellung des Leon sehv schöne Momente und dies vielleicht dämm, weil Leon die rührendste Gestalt in diesem« Stück ist. Dieser Verfechter dev Assimilationsidee, der, stets sich seinen Vater vor Augen haltend und ihn als Repräsentanten des Judentums vetrachtend, alles Jüdische verabscheute und cs von sich auszumerzen suchte, dieser erlebt da die Enttäuschung: er sieht die sittliche Größe feines Großvaters und die aufopfernde Kraft seiner starken Brüder und sagt sich von seinen Ussimilationsideen los; er erkennt seinen Irrtum und beginnt jüdisch zu empfinden'. Mit Verständnis spielte auch Herr Haber, der die Rollen des „dicken Batlen" und des „Rabbiners" glänzend, wiederzugeben... verstand Seine natürlichen Bewegungen und Gestikulationen als „dicker Batlen" boten ein großartiges und unterhaltendes Bild. Auch die übrigen Herren in den Rollen des Bankiers Herschmann (Herr Bauer), des jungen Herschmann (Herr Jwanier), des Dajen (Herr Fischel), des dünnen Batlen (Herr Premingcr) spielten sehr gut. Unübertroffen gaben auch die Damen ihre Rollen als Minie (Frau Samuylow) und Jda (Frl. Rauch). Hervorzuheben ist auch das sichere Auftreten sämtlicher Herren, die, obwohl Dilettanten, unbefangen nensis) bekannt ist. Immerhin bleibt diese Auslegung lediglich eine Vermutung und erst bei dem griechischen Schriftsteller dlgatharchides aus Kuidos, der mm 150 v. Ehr. lebte, findet sich eine genauere und besser erkennbare 'Erwähnung dieses gefährlichen Schmarotzers. Der berühmte Galen os, der niemals Gelegenheit hatte, den Wurm zu sehen, hegte Zweifel an seiner tierischen Natur und hielt die von ihm erzeugte Krankheit für Adergeschwülste. Soranus sah in dem Uebel eine Nervenerkrankung, während die späteren arabischen Aerzte, die doch wohl mit der .Krankheit in nähere Berührung gekommen sein müssen, überhaupt keine bestimmte Ansicht über deren Natur äußerten. Sie nannten sie Are oder Are Almedtni und daraus haben die mittelalterlichen Ausleger der arabischen Schriften die Bena oder den Nervus rnMnensis gemacht. Auch späterhin gaben sich, wie Aeloque im Pariser „Cosinus" betont, selbst die berühmtesten Aerzte ihrer Zeit völligen Täuschungen über die merkwürdige Krankheit hin, die z. B. vo-n Aldrovandi im 16. Jahrhundert für eine eitrige Mntausscheidung erklärt wurde. Immerhin drang jetzt allmählich die Erkenritnis durch, daß der Erreger der Krankheit ein Wurm sein mlisse, dessen Zugehörigkeit zur Gattung Filaria aber auch der große Llnne noch nicht ganz erkannte. Uebrigens ist die Lebens- und Entwicklungsgeschichte dieses- Wurmes, dessen Attentate mif den Menschen zn dem Gräßlichsten gehören, rvas irgendwelche Schmarotzer sich leisten, noch innner Glicht ganz befriedigend aufgeklärt. Im erwachsenen Zustand lebt der Wurm in der Haut des Menschen und veranlaßt an der Stelle, wo er sich sestsetzt, eine Geschwulst, die sich nach außen öffnet und so dem Wuvm und seiner Nachkommenschaft einen Austritt verschafft. Wie aber kommt naut dies Lebewesen, von dessen Vorhandensein der damit Behaftete bis zur Bildung der erwähnten Geschwulst gar nichts merkt, in den menschlichen Körper hinein? —- In Persien, Indien und au der Westküste von Afrika herrscht der Glaube, daß die jungen WürMer mit ihre Rollen bis zum Ende ausspielten. Diesen Abend beschloß ein lebendes Bild, den Tempeldiener von Kischenew mit dev Thora in Händen und einen Schutzengel über seinem Haupte (Zeichnung von Lilien) darstellend, bei dem Herr Samuylow und Frl. Preminger m twivkten. Meier H e n i s 'ch. Aus Serajcwo. Wir haben einem Manne, der sich um die sephardischen Gemeiirdeinteresien und besonders um das Talmud-studium hochverdient gemacht hat, am 6. ds. das letzte Geleite gegeben. Herr Daniel Moise Salom, der langjährige Chef der im In- und Auslands rühmlichst bekannten alten Gwßhandlungsfirma, ist vorige Woche im 66. Lebensjahre zu seinen Vätern versainimelt worden. Er hat sich bei klarem Bewußtsein von seinen um ihn versaue melten Kindern, diese zu allem Guten und Frommen ermahnend, verabschiedet, und indem er sein Haus bestellt, das „Schema" klar und deutlich gesagt haste, trat dev Tod an ihn heran, und seine reirrc und edle Seele ging hinauf zu dem Schöpfer, der sie gegeben. Vor einigen Jahrenist seine treue und fromme Gastin, die Mutter und Wohltäterin dev Armen und Bedürftigen, in die Ewigkeit eingegangen, und jetzt ist dieses echt jüdische Haus ganz verwaist. Dieses Haus, in welchem ein Both 'Hamidrasch für Gelehrte mit dazugehöriger Bibliothek vom Verblichenen eingerichtet wurde, hat Mn seinen edlen Besitzer verloren. Aber Daniel Moise Salom starb nicht, er wird leben in seinen Kindern, die er stets zmn Guten und zur Wohltätigkeit und besonders zur Liebe ihrer Nebenmenschen erzogen, sie werden ihn auch in ihren Nachkommen fortleben lassen. Es mögen auch die hier verzeichneten Legato des edlen Verblichenen Zeugnis für die Gcsinmlnlg seines Herzens ablegen. Fünf Gelehrte, die in dem vom Erblasser vor Jahren gegründeten Beth Hamidrasch denn Studium der heiligen Lehre, obliegen, K. 3600; Talmud-Thora K. 400;' sechs Jahrzeiten, und zwar für den Hingeschiedenen, Vater, Mutter, Gastin, Sohn und Schwester K 2400; Abhaltungder Jahrzeit fiir den verstorbenen Gelehrten Moses Donau in Stollac K. 600; Verein „Benevolenclo" K. 200; sephardische Gemeinde Vysokai K. 100; zusammen jährlich K. 7300. Die geistreiche Trauerrede seines Schwagers und Freundes Josua Salom machte einen ersichtlich tiefen Eindruck auf die trauernden Angehörigen und nicht minder auf alle zahlreich erschienenen Mitglieder der sephardischen als auch der österreichischungarischen Gemeinde sowie auch auf die höheren und höchsten Beamten der hohen Landesregierung, die ihm die letzte Ehre erdem Trinkwasser ausgenommen werden, aber neue Beobachtungen haben gezeigt, daß sie int Magen nur wenige Stunden lebendig bleiben. Dennoch trinken aus -Furcht vor dem Wurm die Araber niemals Wasser ans Pfützen, sondern sorgen für eine gewisse Filtrierung. Auch über die ansteckende Kraft der Krankheit ist -man sich noch nicht klar geworden. Auf der eitlen Sette wird behauptet, daß sich in Aegypten der Wurm von den Eingeborenen ans die mit ihnen in Berührung kommenden Araber überträgt, während mvf. der anderen Seite daraus hingewiesen wird, daß die europäischen Soldaten selbst bet fortgesetztem Zusammenleben mit Eingeborenen nur sehr selten Volk dem Wurrrr ergriffen werden. Seine Heimat sind die feuchten Gegenden der tvopischelk und subtropischen Zonen, jedoch Mit Allsschlnß von Amerika. Die bisher bestell Aufklärungen über die Entwicklung und die Wanderungen des Wurmes hat der treffliche russische Naturforscher Fadschenke gegeben, der wenigstens so viel sestgestellt hat, daß die Larven des Wurmes in sehr kleinen krebsähnlichen Wassertierenihren Sitz anfschla-- gen. Danach kallll es füglich nicht mehr bezweifelt werden, daß die Ansteckung des Mellschöll tatsächlich durch das Wasser erfolgt, zumal jene winzigen Krebstierchen so durchsichtig sind, daß sie im Wasser -gar nicht wahrüenvmmen werden können. Wie sich die Larvell weiter entwickeln, weiß man jedoch auch heute noch nicht. Die Behandlung der Krankheit ist feit alten Zeiten die gleiche geblieben ulld besteht darin, daß der Wurm, wenn er in der Geschwulst zum Vorschein kommt, llm ein Stückchen gewickelt und ganz langsam heraltsgezogell wird. Irl Eltropa kommt dies Tier glücklicherweise gar nicht vor,' dermoch ist es weise, diesen Schnmrotzer mit Emsigkeit za verfolgen und möglichst ausznrottell, da eine Eillschleppung nicht als gatlz atksgeschlvssen betrachtet werden kamt, zllmal sich Berrvandte der erwähntell Kvebstierchell auch in nnserell Gervässern sillden.

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