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Jüdisches Volksblatt · 1905-06-21 · 29 (21.6.1905) · p. Seite 3

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
29 (21.6.1905)
Date
1905-06-21
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Jüdisches Volksblatt Seite 3 Nr. 29 (eine Art Volksversammlung, Die in Den freien Städten- Nowgorod nnd Pskow existierte), an Die Gein-eindeversainlnlnngen in den Dörfern." Die auch hier immer wieder vorgekommenen Fahrlässigkeiten schreibt Gorki nicht der Schuld der Bauern, sondern! Dell 'Dcrfcfjic-Cvcttcir Beamten der Administration zu, die immer wieder einen Druck auf das Gewissen der Bauern allsüben. „Das russische Volk wird, bei gerantierter Integrität der Persönlichkeit und Freiheit, in der Person seiner Vertreter sein richtiges, entscheidendes Wort sprechen, das allein dein Wohle Rußlands entsprechen! kann." „Wie wird es aber mit den Fremdvölkern sein?" fragte der Interviewer. „Auch sie müssen unbedingt unter Dell Volksvertretern sein. Was für eine sonderbare Stellung hat mein in Rußland zu ihnen! Leute, die nicht ein einziges Mal einen Vertreter eines Fremdvolkes gesehen hatten, entschieden theoretisch, auf dem Papier, über ihre Schicksale. Ich bin auf Fabriken gewesen- und habe gesehen, daß der Russe, der Finne, der Tatar, der Jude, der Pole vorzüglich miteinander anskonunen. Es ist nur nötig, daß sie nicht durch gewisse Begriffe der Vorherrschaft einer Konfession nnd Nationalität getrennt werden. Und hauptsächlich darf es keine heuchlerischen Reden von Leuten, geben, die ihr Wohlergehen aus der Isolierung des Volkes von -der Intelligenz aüfbcuyen. Ich entsinne mich des guten, brüderlichen gegenseitigen Verhältnisses, das auf jenen Betrieben und Fabriken herrschte, wo die Vertreter der verschiedenen Nationalitäten in Kontakt gerieten. Es singt z. B. da ein Jude, man stimmt gerne mit ein. Auch nicht der Schatten von- Spott. Man spürt die Friedfertigkeit der Arbeit." „Aber es gibt doch zweifelsohne einen eingefleischten Haß zwischen dem russischen Volk nnd den Juden?" meinte der Interviewer. „Durchaus nicht, durchaus nicht," erwiderte Gorki. „Der Teufel mag wissen, wer sich das ausgedacht hat. Das echte russische Volk steht allen Nationalitäten sehr gutmütig gegenüber. Die solltensich schämen, die den Russen gegen. die Fremdoölker und Juden aufhetzen. . Wenn die Juden geprügelt werden, so prügelt sie nicht das Volk, sondern die „Oberhausknechte" (die bekanntlich in Rußland ein Mittelding zwischen Schutzleuten und Spitzeln, sind). Der Antisemitismus ist dem russischen Volke nicht eigen. Und selbst das Gefühl nationaler Selbstgefälligkeit ist ihm fremd." Ganz im Gegensätze zu allen! Vermutungen will Gorki von einem baldigen. Frieden nichts wissen. , „Ich bin unbedingt für die Fortsetzung des Krieges," erklärte er kategorisch. „Er hat diejenigen, die ihn hervorgernfen haben, vieles gelehrt. Der beste Beiweis dafür sind die Aende- Achad-Haam hebräisch schreibt, begreifen wir durch die Erwägung, daß es in Rußland Millionen Jnden> gibt. Beachten wir weiters, daß es jetzt überhaupt 11 Millionen Inden gibt, so gewinnt die Sache nur so mehr an Bedeutung. Achad-Haam ist ein überzeugter Gegner des Liberalismus und darum ein Gegner des westlichen Judentums. Ihm imponiert keineswegs diese Freiheit der westlichen! Juden, ihre liberale Mischling von Chauvinismus und Kosmopolitismns. „Kann! ich diese meine Brüder um ihre Rechte beneiden? Nein, lind wieder nein! Ich habe zwar gar keine Rechte, aber ichmnnß auch für diese keineswegs meine ^eele geben. . ." Achad-Haam ist! ein- Jude, schlankweg Jude. Die Frage, warum er Jude blieb, versteht er überhaupt nicht. Achad-Haam betrachtet von diesem Standpunkte die ganze Philosophie der Dinge. Das Emporblühen der.Nationen richtet sich nach dem Gesetze der Anpassung, auch die Juden' passen sich inden verschiedensten Zeiten, lind unter mannigfachsten Einflüssen' den« Wirts'völkern an, aber diese Anpassung darf nicht das Bestrebenzur völligen Assimilation, sein. Achad- Haam . predigt keineswegs die Abkehr vcn der europäischen! Kultur, im Gegenteil: er wünscht, daß sich die Jllden diese Kultur vollständig aneignen. Allein! er will nicht, daß sie sich ihrer nationalen. Rasse entledigen. Als in der letzten Zeit unter dem Einflüsse Nietzsches nnd seines Schlagwortes von dev Umwertung der Werte einige neuhebräische Schriftsteller rnngen, welche eben bei uns vor sich gehen." Als der Interviewer ans Die vielenunschuldigen Opfer hinwies, fragte Gorki: „Ja, ist ihr Leben denn hier süß? Ist denn das Land vor dem Kriege nicht ruiniert worden? Und wenn es keinen. Krieg gegeben hätte, würde diese Bevölkerung nicht durch gewisse Umstände auch künftig ruiniert werden? Der jetzige Krieg hilft uns, vom Druck anderer Feinde freiznwerden, und um den: schweren Preis, des Krieges werden wir jene Garantien erobern, die unserem Volke die Möglichkeit geben werden, sich frei zu entwickeln und das russische Volk zu neliem Leben emporblühen zu lassen ... Ich bin für den Krieg!" Interessant ist Gorkis Meinung über die Stellungnahme Tolstois zur gegenwärtigen freiheitlichen. Bewegung seiner Heimat. Bekanntlich hat sich Tolstoi kategorisch und geringschätzig gegen die konftitntionalisiische Strömung ausgesprochen. „Werdet selber besser, dann wird auch das Lebenbesser werden. Die Regiernngsform ist Nebensache." Das war so ziemlich die Onintessenz von Tolstois Meinung. „Dieser Mensch," sagt nun Gorki, „in der Sklave seiner Idee geworden. Er hat sich schon längstvor dem, russischen Leben verschlossen nnd hat nicht mit der nötigen Aufinerksam'keit der Stimme dieses Lebens gelauscht. Ich war zugegen, als eine Gruppe von Bauern zu Tolstoi kam, um sich über einige Fragen ihres Lebens zu beraten. Anstatt die 23auem anzuhören, ihnen eine praktische Antwort zu geben, begann Tolstoi, ihnen seine Meinungen auszusprechen, jene Ideen zu entwickeln, zu denen nicht nur der Bauer, sondern selbst der. russische Gebildete noch nicht herangereift ist. Man. darf seinen Worten über das heutige Rußland keinen besonderen. Wert beimessen. Er steht ihm heute sehr ferne." Ileber seinen' Prozeß sprach sich Gorki dahin aus, daß alle in-die Oeffentlichkeit gedrungenen Nachrichten, denen, zufolge er niedergeschlagen werden könnte, nicht richtig seien. EinigoZengen sind bereits vernommen worden. In nächster Zeit werden wahrscheinlich auch die übrigen verhört werden. T,er Prozeß, wird zu Anfang des Herbstes zur Verhandlung gelangen. Es braucht wohl kaum hinzugefügt zu werden, daß die russische freiheitlich bewegte Gesellschaft, die vom Kriege überhaupt nichts wissen will, sich mit der Argumentation Gorkis nicht einverstanden erklären wird, selbst wenn sie ihre relative Richtigkeit anerkennt. Was die Gutmütigkeit des russischen. Volkes fremden .Nationalitäten! gegenüber anbetrifft, so gibt sich Gorki ganz denselben Tänschnngen hin, wie es die gesamte Intelligenz tut. , Nicht Gutmütigkeit eignet dem Russen anderen Völkerschaften gegenalles Jndentmn als wertlos Verkündeten, stellte sich Achad-Haam gegen! sie. Er predigt die Renaissance der hebräischen- Sprache nnd der nenhebräisehen Literatur, indem er selbst durch moderne Begriffe die hebräische Sprache bereicherte. Achad-Haam kämpft gegen Nietzsche und den Individualismus, indem er zeigt, daß das alte Testament im großen: nnd-ganzen sozial zu nehmen ist, nnd die Unterordnung an die Gemeinschaft. Achad-Haam' fordert für die Inden die „Wiedergeburt durch das- Herz", die innere Wiedergeburt. Deshalb beurteilt er den. Antisemitismus gänzlich anders als die Mehrheit der Juden . . . Achad-Haam ist auch kein Zivilist, solange der Zionismus eine Reaktion gegen- Den Antisemitismus ist. Er selbstwar schone 1891 nnd 1893 in Palästina nnd deckte mit unerbittlicher Kritik die Erfolglosigkeit der zionistischen Kolonisationans. Achad-Haanisucht mt einem Wort eine Besserung des Judentums in dev geistigen Wiedergeburt. Er kritisiert nicht gegen den Antisemitismus." Na— Eine jüdische Deputation vor dem König von Spanien. Vor einigen Wochen kaut Alfons dev Dreizehnte nach London.. Es ist dies seit Philipp dein Zweiten der erste Fall, daß ein spanischer Regent englischen- Boden betreten' hat. Und über, sondern Gleichgültigkeit, die jedoch ein spöttisches'Verhalten, sagen wir beispielsweise gegenüber dem „verfluchten Deutschen, der alles besser macht", keineswegs ausschließen. Alle großen russischen. Schriftsteller, auch Turgenjew und Tolstoi, haben diese mitleidig-spöttische Nüance, wenn sie auf den Deutschen zu sprechen konllnen. Selbst die Intelligenz löst diese Frage im Grunde genommen doch nur theoretisch für die anderen Nationen günstig. Das alles hält sich jedoch in Grenzen, die den Chauvinismus gänzlich ausschließen. Fanatische Ausbrüche des Hasses gegenein. Fremdvolk sind immer auf Agitation und Hetzerei dunkler Elemente zurückzuführen, dennder Russe muß immererst aus seiner Gleichgültigkeit aufgerüttelt werden; seine passive Aversionden. Fremd'völkern gegenüber geht nicht leicht in Aktivität über. Wie der Deutsche über sein Bier schimpft, es aber dennnoch trinkt, so macht es auch der Russe, mag er noch so viel höhnend und lachend schimpfen, ohne Inden, ohne Deutsche kann er nun einmal nicht leben. Politische Wochenschau. Das Lembergcr Tagblatt „Dzieu" („Der Tag") ist nach anderthalbjährigem Vegetieren eingegangen. Das Auftauchen dieses Blattes, die elownhaften politischen Sprünge, die es während seiner kurzen Lebensdauer dem teilnahmslosen- Publikum vorgegaukelt hat, sind traurige Symptome unserer verlotterten politischen- Zustände. Ein. Trost liegt nur darin, daß die galizischen Inden, auf deren politische Unerfahrenheit und Furchtsamkeit die Herausgeber des „Dzieu" spekuliert haben, genug Widerstandskraft bekundeten, um dem Blatte bald den Garaus zu machen. Treffend charakterisiert . das Lemberger „Jüdische Volksblatt" den abenteuerlichen Lebenslauf dieses nunmehr in seinem! Herrn -entschlafenen Blattes, indem eS schreibt: „Anfangs hieß es, der „Dzieu" sei ein Blatt für jüdische Interessen, nnd es beschäftigte sich fast ausschließlich mit Lemberger Kahalsangelegenheiten. Andere jüdische Fragen interessierten das Blatt nicht. Später trat es offenkundig für die Assimilation und gegen den Zionismus ein. Verschiedene unreife junge Leute mengten' sich in die Angelegenheitein-. Endlich begann das Blatt klerikal zu werden und konzentrierte sein ganzes Interesse für katholisch-kirchliche Einrichtungen'. .Nichts hat geholfen, weder die politische Farblosigkeit noch die Assimilationsbestrebnngen und auch nicht die klerikale Richtung." * * * Jüdischer Turnverein „Aar". Wohin es führt, wenn Jtiden sich in fremdnationale Verdiesen historischen Moment benützten einige Repräsentanten des sephardischeni Judentums in London, um dem König von Spanien eine Huldigungsadresse, welche ihre unendliche Liebe für Spanien imd feine Dynastie zum Ausdrucke bringt, in aller Ergebenheit zu unterbreiten. Air dieser Deputation nahmen die vornehmsten. Sephardim, als Nachkommen, ehemaliger Untertanen der spanischen- Regierung, teil. Die Hnldignngsad-resse enthält unter anderem folgendes : „Wir Endesgefertigten, die Bevollmächtigten der portugiesischen und spanischen Jndengemeindon, Söhne derjenigen Inden, welche einst Untertanen' der „glorreichen Ahnen" Eurer Majestät waren, erlauben uns bei dem Besuch Eurer Majestät in England Veranlassung zu nehmen, um Eurer. Majestät diese Hnldignngsadresse untertänigst zii überreichen. Mit Gefühlen unendlichen! Dankes erinnern lvir uns jener glanzvollen Periode der jüdischen (beschichte, welche unsere Vorfahren» in Spanien geschaffen, denken wir. an die literarischen und religiösen! Schätze, welche uns mit unauftösliehen' Banden an unser einstiges Vaterland verknüpfen. Wir sind Eurer Majestät von tiefstem Herzen dankbar sowohl für die religiöse Toleranz, welche die königliche Regierung Eurer Majestät in Spanien emgesührt, als für die liberalen Gesetze, welche zum Schutz unserer Glanbensgenossen daselbst geschaffen wurden. Wir sind vonder Ueberzengung durchdrungen, daß unsere Glaubensbrüder, wie sie es früher waren, einst wieder nutzbringende Elemente

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