Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 28 (14.7.1905)
- Date
- 1905-07-14
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 28 Jüdisches Volksblatt Auf Antrag der vom 9. Gemeindetage gewählten Kassenrevisoren Herren S. I. Leszynski, Julius Notholz und Siegmund Berge!, wird ibenn Ausschuß für seine Jtechuungs- und 5kassenführung pro 1902/04 Decharge erteilt. Herr Geheimrat Prof. Dr. Rosin-FrAburg berichtete sodann über seine Arbeit, betreffend die Organisation und Rechtsstellung der jüdischen Gemeinden in Preußen. Die Arbeit sei noch nicht abgeschlossen. Er könne daher heute nur eine Darstellung . der Probleme und eine Skizze der Möglichkeit ihrer Lösung geben und bitte, von einer DisAission vorerst Abstand zu nehmen. Nach- Fertigstellung seiner Arbeit werde dieselbe der Kritik im weitesten Ilmfange zugänglich gemacht werdeir. Als die Hauptprobleme bezeichnet der Vortragende: 1. Tie Organisationsform; 2. Bestimmung des Einflusses des geistlichen und des Laienelementes; 3. Feststellung des Einflusses der Staatsgewalt; 4. Schutz der Rechte der Minorität. Ter Vortragende spricht unter allgemeinem Beifall dem Vortragendenden Dank des Gemeindetages für seine lichtvollen Darlegungen aus. Es wird beschlossen, von einer Diskussion abzuschen. Herr Hirsch-Halberstadt spricht noch den Wunsch aus, daß bei den Arbeiten für die Gesamtheit niemand schmollend beiseite stehe, und gibt die Erklärung ab, daß er während seiner Tätigkeit im Deutsch-Israelitischen Gemeindebunde stets die Rechte der Orthodoxie gewahrt gefunden habe. P unkt 2. P r o p a g a n d a. Herr Syndikus Dr. Apt-Berlin berichtet, daß seit dem letzten Gemeindetage zwar die Beiträge der Gemeinden nicht unerheblich erhöht worden seien, aber immerin noch nicht dem- Bedürfnisse genügten. Herr Dr. Apfel-Köln beantragt, zur Erhöhung der Mitgliederzahl den Beitrag der persönlichen Mitglieder herabzusetzen. Herr Prof. Dr. Philippson bekämpft diesen Antrag. Der Vorsitzende weist darauf hin, daß der Antrag des Herrn Dr. Apfel eine Statutenänderung bedeuten würde, über die heute satzungsgemäß nicht abgestimmt werden könne. Er betrachte daher das Vorbringen des Herrn Dr. Apfel nur als eine Anregung, welche der Ausschuß in Erwägung ziehen solle. Mit Zustimmung des Herrn Prof. Dr. Philippson, welcher mit seinem Referate, betreffend das Gesamtarchiv, znrücktritt, wird sodann Zunächst P unkt 4, Religion s u n t erricht u n d d i c d a m i t' z u s a m m e n h ä n g e nd e n F r a g e n, behandelt. Herr Prof. Dr. Blaschke-,Berlin berichtet über die verschiedenen Petitionen, welche der Ausschuß an den Uisterrichtsminister gerichtet hat, und deren — bisher geringen — Erfolg. Man müsse die Bemühungen auf diesem! Gebiete fortsetzen. An das beifällig aufgenommene Referat knüpft sich eine sehr ausgedehnte Debatte, an welcher sich insbesondere die Herren Geh. Rat Cohen, Stadtrat Belgard-Graudenz, Silberberg-Posen, Ransenberg-,Neuwied, Dr. Vogelstein-Stettin, Dr. Seligmanu-Fraicksturt, Ginn kielviez-Posen, Peritz-Kön-igsberg, Löb-Trier, Justizrat Rothfels-Kassel, Dr. Apfel-Köln, Dr. Ralvitsch-Offenburg, Oberlehrer Dr. Türk- Berlin, Elias-Darmstadt, Dr. Vogelstein-KLuigsberg, Direktor Dr. Adler-Frankfurt, Kirchenrat Dr. Kroner-Stuttgart, Rothschild- Worms beteiligen. Herr Kirchenrat Dr. Kroner beantragt folgende Resolution: „Der 10. Gemeindetag erklärt, es ist für die paritätische und zweckmäßige Behandlung der israelitischen Schuljugend erforderlich, 1. daß an allen Schulanstalten des Staates wie der Städte, an denendie Mindestzahl von zehn Schülern- -vorhanden ist, ein geordneter israelitischer Religionsunterricht erteilt wird, 2. daß im Aufträge der Regierung durch geeignete israelitische Fachmänner dieser Religionsunterricht beaufsichtigt werde, 3. daß der an den Anstalten eingeführte . israelitische Religionsunterricht in allen Stücken ganz so wie der an denselben bestehende christliche Religionsunterricht behandelt werde." Herr Rabbiner Dr. Seligmann und Herr Geh. Rat Prof. Cohen beantragen: „Der 10. Deutsch-Israelitische Gemeindeag erklärt es für wünschenswert, daß der AuSchuß des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes sein Augenmerk auf die Heranbildung akademisch und theologisch gebildeter Männer richte, welche — mit der Befähigung zum Rabbinat — votimeftcni) $um Religionsunterricht herangezogen werden." Auf Antrag des Herrn Prof. Dr. Philippon wird beschlossen, die Diskussion und Abstimmung über diese .Resolutionen zusammen mit der Erledigung von Punkt 6, „Bezirksrabbinate", erfolgenzu lassen. Hierauf wird zunächst Punkt 6, W a n d e r b e t t c l e i u n d A r b e i t s st ä t t e n, verhandelt. Es berichten, hierüber die Herren Sanitätsrat Dr. Stern-Berlin sowie Lebrecht-Nürnberg und Fcilchenfeld-Köln als Korreferenten. Herr Lcbrecht legt eine von ihm aufgestellte „schwarze Liste" vor, welche an die Anwesenden verteilt wird. Herr Feilchenfeld berichtet insbesondere über die Arbeitsstätte in Köln, die sich sehr bewährt habe. In der Diskussion sprechen die Herren Hirschler-Frankfurt, Heimerdinger-Wicsbaden, Liebenfeld-Bochum, Dr. Bst Horowitz-Frankfnrt, Silberberg-Posen, Dr. Kopfstein-Beuthm, Magnus-Leipzig. Nach dem Schlußworte des Berichterstatters wird auf Antrag der Herren H e i m e r d i n g e r- W i csb aden und H i r sch l e r-F r a n kfurt nachstehende Resolution mit großer Mehrheit angenommen: „Der Deutsch-Israelitische Gemeindebund möge einen Delegiertentag aller gegen den Wanderbettel interessierten jüdischen Vereine Deutschlands zu einer Tagung mit der Bekämpfung des Wanderbettels als alleinigem Gegenstände der Tagesordnung einberufen." Am 4y2 Ahr würde die Verhandlung geschlossen. Zweiter Verhaudlmlgstag, Dienstag den 13. Juni 1906. Der Vorsitzende Rechtsanwalt Dr. Blau eröffnet die Sitzung um 9 Hb Ahr. Es erhält zunächst das Wort Herr Prof. Dr. Blaschke-Berlin zu seinem Referate zu P u n k t 5: Bezirksrabbi n a t e. Sowohl der Referent nainens des Ausschusses des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes als der Korreferent Herr Dr. Vogelstein-Stettin namens des Deutschen Rabbiner- Verbandes sprechen sich für die Errichtung von Bezirksrabbinuten aus. An der ausgedehnten Debatte beteiligen sich zunächst die Herren Peritz-Königsberg, Dr. K'opsstein-Beuthen, Prof. Dr. Philippson, Dr. Coblenz-Biele feld, H i rsch-H albers ladt, Heß- Wiesbaden, Dr. Munk-Marburg. Ein Antrag auf Schluß der Debatte lvird abgelehnt, ein Antrag auf Schluß der Rednerliste wird angenommen. Es sprechen dann ferner Zlir Sache die Herren Kanfmann-Andernach, Dr. Dortor-Bruchsal, Scheuer-St. Johann, Dr. M. Horovitz-Frankfurt, Geh. Rat Prof. CoheinMarburg, Kommerzieirrat Gallinger-Nürnberg, Dr. Samuel-Essen, Senator Fischer-Hannover, Dr. Apfel-Köln, Ransenkerg-Neulvied, Silberberg-Posen, Kirchenrat Dr. Kroner-S tuttga rt. Nach dein Schlußwort des Referenten lind einer persönlichen- Bemerkung des Herrn Dr. Weingarten-Ems lvird zur Abstimmung über die gestellten Anträge geschritten. Der Antrag BurgheiimMindcn: „Der Gemeindetag beschließt, die Einrichtung von- Bezirksrabbinaten ist nicht zu empfehlen", wird abgelehnt, desgleichen der Antrag Scheuer-St. Johann: „Ter 10. Deutsch-Israelitische Geineindetag beschließt, daß die Bildung von Bezirksrabbinaten durch den Deutsch- Jsraelitischen! Gemeindebund bis zur gesetzlichen Neuregelung der staatsrechtlichen Verhältnisse der Judenin Preußen vertagt werden soll. Damit ist die freiwillige Fortbildung von Bezirksrabbinaten nicht zu verhindern." Hingegen werden der Antrag Blaschke: „Der 10. Gemeindetag zu Frankfurt a. M. beauftragt den Allsschuß des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes, die Versuche zur Bildung von Bezirksrabbinaten durch die Provinzialbezw. Bezirksverbände fortzusetzen" und die Resolution Kroner-Stuttgart: „Der 10. Gemeindetag erklärt, die Einrichtung von Bezirksrabbinaten, so daß je die israelitische Gemeinde in zweckmäßiger Weise einem Rabbinat angeschlossen ist, ist nicht nur wünschenswert, sondern unerläßlich", nahezu einstimmig angenommen. Im Anschluß hieran tvird eine Airregung des Herrn Hirsch-Halberstadt betreffend Ausst'chrung vorstehender Beschlüsse mit großer Mehrheit gutgeheißen. Abgelehnt wird der Antrag Apfel: „Der Deutsch-Israelitische Gemeindetag be- 'chließt, den Ausschuß aufzufordern, für deir rheinischen Pro-vinzialverband einen Wanderrabbiner anZustellen". Hierauf folgt die gestern vertagte Abstimmung über die oben nritgeteilte Resolution Kroner zu Punkt 4 der Tagesordnung. Angenommen werden einstimmig Absatz 1 imö 2, abgelehnt Absatz 3. Angenommen wird ferner die zu Punkt 4 eingebrachte Resolution Seligmann-Cohen (s. o.). Herr Hirsch-Halberstadt erklärt sich bereit, einen schriftlichen Austausch der Erfahrungen der Provinzialverbände bezüglich der Bczirksrabbinate zu vermitteln. Nach einer Pause folgt das Referat des Herrn Amtsgerichtsrates Levy-Beuthen zu Punkt 10: Religiöse F ü r s o r g e f ü r j ü d i s ch e S t r a f g e f a n> g c n c. In der Diskussion sprechen die Herren Prof. Dr. Philippson, Dr. Doctor-Bruchsal, Hirsch- Halberstadt, Dr. Vogelstein-Stettin, Dr. Rawitsch-Ofsenburg, Dr. Seligmann-Franksnrt, Dr. Kroner-Stuttgart, Prof. Schäfer-Berlin. Nach einem Schlußworte des Referenten werden folgende Anträge desselben einstimmig angenonnnen: 1. Es ist die Pflicht einer jüdischen Synagogengemeinde, in deren Bezirk eine Strafanstalt, ein Zentralgefängnis, ein Arbeitshaus, eine Erziehungs- oder Besserungsanstalt sich befindet, die religiöse Fürsorge für die in diesen Anstalten befindlichen jüdischen Häftlinge zu übernehmen. 2. Im Verwaltungswege ist anzustreben, daß die Leiter und Vorsteher der erwähnten Strafanstalten dem Vorstände der Synagogengemeinde Mitteilung machen von der Internierung eines Juden zum Zwecke der Ausübung der religiösen Fürsorge. 3. Im Bundesrat und im Reichstage bei der bevorstehenden Beratung des Strafvollzugsgcsetzes ist durch Petitionen und Denkschriften dahin zu wirken, daß die religiöse Fürsorge der jüdischen Strafgefangenen unter Berücksichtigung der Religionsgesetze der Juden in gleicher Weise allsgeübt wird wie bei den Gefangenen der evangelischen und katholischen Konfessionen. Ferner lvird angenommen ein Zusatzantrag Prof. Philippsons: 4. Derjenige jüdische Strafanstalts-Seelsorger, der von dem Staate gar nicht oder unzureichend eiltlohnt wird, soll dafür von der Gemeinde seines Amtssitzes oder, falls derselbe hierzll nicht imstände ist, von dem betreffenden Gemeindeverband oder dem Deutsch-Israelitischen Gemeindebund entschädigt werden. Es folgt Punkt 8: Sa tz u n g s ände - r u n g e n. Referent ist Herr Dr. Neumann- Berlin. Die beantragte Abänderung des Paragraph 19, Abs. 2, wonach hinter dein Worte „Vorsitzenden" eingeschaltet wird: „oder dessen Stellvertreter", wird einstinnuig angenommen. Zu Pu nkt 12: Wahlen, werden die bisherigen Ausschußmitglieder und die Revisorendurch Zuruf wiedergewählt. Es lvird sodann beschlossen, Punkt 3, 9 und 11 von der Tagesordnung abzusetzen-. Hierauf erstattet Herr Dr. Neumann- Berlin ein Referat über P u n>kt 7: F ü rsorgef ü r g e i st ess ch w a ch e K i n d e r, in welchem er unter Vorlage statistischer Aufstellungen das dringende Bedürfnis der Errichtung jüdischer Anstalten für solche Kinder nachweist. Herr Dr. Landau-Koblenz macht auf das Bestehen des „Hilfsvercines für unbemittelte