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Jüdisches Volksblatt · 1905-07-14 · 28 (14.7.1905) · page 12

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
28 (14.7.1905)
Date
1905-07-14
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Jüdisches Volksblatt Nr. 28 jüdische Nerven- und Geisteskranke" in Bad Ems aufmerksam und bittet, 'denselben zu unterstützen. Herr Prof. Philippson legt den Gemeinde- Vorständen die eifrige Unterstützung des Gesamtarchivs der deutschen Juden, dessen Zustandekommen finanziell gesichert sei, ans Herz. Damit ist die Tagesordnung erschöpft. Herr Amtsgerichtsrat Levy-Beuthen bringt auf Soft Vorsitzenden zum Zeichen des Dankes für seine energische und umsichtige Leitung der Geschäfte ein Hoch aus, in welches die Anwesenden lebhaft einstimmen. Herr Dr. Blau erwidert, daß die Erledigung der Geschäfte nur durch die sorgfältige Vorbereitung durch den Ausschuß und insbesondere dessen Vorsitzenden Herrn Prof. Dr. Philippson ermöglicht worden sei, und schließt mit einem Hoch auf Herrn Prof. Dr. Philippson. Herr Dr. Apfel-Kölrv dankt der israelitischen Gemeinde zu Frankfurt und der Frankfurt-Loge für die gewährte Gastfreundschaft. In einem zündenden Schlußworte spricht Herr Prof. Dr. Philippson den Wunsch aus, daß auch fernerhin für die Interessen des Judentums mit solcher Ausdauer und Begeisterung gearbeitet werden möge; wie auf dem 10. Deutsch-Israelitischen Gemeindetage. Schluß dev Verhandlungen 3% Uhr nachmittags. gez. Dr. Blau. gez. Tr. B a e r. Generalversammlung der Jswish Colonization Association (Jca). Zugegen waren: N. Leven, Präsident des Verwaliungsrates, Leonard L. Cohn, Paul Errera, Herben G. Lonfada und Lalomon Reinach, Verwaltungsräte, Franz Philippson, Vizepräsident des Verwaltungsrares unD Repräsentant der Brüsseler Synagoge, Tr. I. Blau, Lcrwalrungsrat und- Vertreter der israelitischen Gemeinde F rankurt a. M., Zädoc Kahn, Verwaltungsrat und Vertreter der Alliance iswelite universelle, Dr. E. Lachmann, Verwaltungsrat und Vertreter der jüdischen. Gemeinde Berlin, Claude G. Montefiore, Verwaltungsrat und Vertreter der Anglo Jewish .Association, Tr. ö. Sonnenfeld, E. Meyersohn, Direktoren, und Dr. E. Schwarzfeld, Sekretär. Ten Vorsitz führt Herr N. Leven, Präsident des Verwaltungsrates. Nach Gutheißung des Protokolls der Generalversammlung vom 3. Juli 1004 lcgr er den Jahresbericht über die Tätigkeit der Gesellschaft während des Jahres 1904 vor sowie die Bilanz und den Bericht des beeidigten Experten. Diesel Berichte werden von der Versammlung gutgeheißen. Ter Präsident hält hierauf folgende Ansprache: „Ich bedaure, nicht in die Details der Arbeiten des verflossenen Jahres Antreten zu können. Sie werden hierüber einen Auszug in unserem Jahresberichte finden, lvelcher zu umfangreich ist, als daß ich hiervon eine 'Analyse geben könnte. Tiefer Bericht wird Ihnen die Entwicklung und den Erfolg unserer Institutionen in den» verschiedenen Weltteilen zeigen. Unsere Kolonisation blüht besonders in Argentinien. Unsere .Kolonisten, arbeiten dort als wirkliche Ackerbauer und ziehen aus ihrer Arbeit einen Nutzen, lvelcher schon ihre Existenz sichert. Parallel zu dieser Kolonisierung entwickelt sich die 'Answmidererbewegung der osteuropäischen jüdischen Handwerker, welche besonders den freien Ländern zustrebt, den Vereinigten Staaten, Kanada und 'Argentinien. Tie Auswanderung hat letztes Jahr weit um sich gegriffen; ihr spontaner Charakter ist als besonders interessant irr dieser Entwicklung hervorzuheben. Tie Arbeiter finden überall Beschäftigung. Besonders in Argentinien werden sie von den Chefs gesucht, welche sie wegen ihrer 'Arbeit und guten Führung hochschätzeu. Heute jedoch. sind wir durch die Unruhe, welche uns die Lage in Rußland verursacht, in Anspruch genommen. Wir wohnen Ereignissen bei, welche zu den größten Befürchtungen Anlaß geben. Immerhin schöpfen, wir aus denselben Hoffnung für die Zukunft unserer Glaubensgenossen. Die Lage der russischen Juden kann nicht schlimmer werden, als sie schon ist. Trotz des zwanzigjährigeni Elends, in das Ghetto eingezwängt, im dem das Leben infolge ihrer Anzahl unmöglich ist, trotz der entsetzlichsten Leiden haben, sie das Bewußtsein. ihrer Würde behalten. Wir glauben, uns gestehen zu dürfen, daß die Hilfe, welche wir ihnen stets zuteil werden ließen, zu diesem Erfolge beisteuerte. Ta wir ihre geistige und moralische Kraft kennew und wissen, mit welcher Leichtigkeit unsere Glaubensbrüder sich in die Höhe arbeiten, sobald manihnen, die Möglichkeit hierzu gibt, so habenwir für sie gearbeitet.^ Wir haben zur Gründung vieler Schulen beigetragen und den Uickerricht nach jeder Richtung hin verbreitet. Wir haben ihnen zur Erlernung von allerhand Handwerken verholfen, ihren! Fleiß unterstützt und sie bessere Zeiten voraussehen lassen. Heute sind sie für eine neue Lage der Dinge vorbereitet. Sie beanspruchen, sämtliche Zivil- und politischen Rechte. Sie sind deren vollkommen würdig, und wir glauben sicher, daß, wenn die Stunde für die soziale Erneuerung ihres Landes geschlagen haben wird, sie den ihnen gehörigen Platz einnehmen werden. Sie werden dem russischen Staate nützliche Bürger sein." Herr Reinach konstatiert mit Befriedigung, daß die Kolonisierung in Argentinien in ihrer vollen, Blüte steht. Die letzte Ernte hat gute Erfolge aufgewiesen. Die Kdlonisten haben der Gesellschaft große Summen zurückzahlen könncnl und sind selbst in der Lage, Geld an ihre Verwandten in Rußland zu schicken. Nach einigen nebensächlichen Bemerkungen wurde dann die Sitzung geschlossen Ueber die Stellung der „Jüdischen Turnerschaft" zum Zionismus. Von Dr. Hermann JalowiczAst Es ist das unbestreitbare und auch unbestrittene Verdienst des Zionismus, insbesondere des zweiten Baseler Kongresses, eine planvolle jüdische Turnüewegung ins Leben gerufen zu haben. Zionisten waren fast üurchgehends die Gründer unserer Turnvereine und die sorgsamen Bewahrer ihrer jüdischnationalen Tendenz. Daher resultiert bei vielen unserer- Volksgenossen die Meinung, die „Jüdische Türnerschaft" sei zwar nicht nominell, aber tatsächlich zionistisch. Wäre diese Auffassung richtig, dann könnte nmn den jüdischen Turnern den Vorwurf abstruser Cigenürödelei oder gar den der Feigheit nicht ersparen. Denn es hätten sich die jüdischen Turner — ohne eine von der zionistischen abweichende Tendenz zu besitzen — dann nur den Luxus eines besonderen Namens geleistet oder sich vor dem. Wort „Zionismus" gefürchtet. Beide Vorwürfe sind unbegründet. Eine kritische Vergleichung der Tendenzen beider Bewegungen wird dies lehren und vor allem gleichzeitig Gelegenheit geben, über die Stellung der „Jüdischen Turnerschaft" zum. Zionismus Klarheit zu verbreiten. Das zionistische Programm erstrebt die Schaffung einer öffentlichrechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina für das jüdische Volk. Wesentlich ist dieser Bewegung das politische Moment. Sie alle wissen, daß ein starkes Nationalbewusstsein die Juden erfüllte, als sie noch ihren alten Heimatsitz innehatten und daß es feurig aufflammte mit dem Verlust des historischen Bodens. Es war ein begeisterndes Gefühl, das in seinen- Aenßerungen ergreifende und erhebende Formen annahm, dichterisch erklärt und veredelt wurde, aber im allgemeinen nickst zu politischen. Aktionen führte, sondernunsere Dichtung bereicherte. Ein Blumengarten von Liedern sproßte aus dem, mit -dem, Schmerz und der Sehnsucht des jüdischen Volkes getränkten Boden üppig hervor und hielt das Natioiialbewußtsein, wach, die wirkende Tat aber blühte spärlich und verblühte bald. Wir finden nur wenige Männer der Tat seit der Zerstörung Jerusalems, die da. fühlten, daß in dieser Welt der harten, Tatsachen insbesondere Taten wir- *) Aus öcv „Jüdischen Tnruzeitnug", Berlin, Nr. 5/0. ' kcn, und die danach handelten oder durch die Macht der Dinge gezwungen-, wurden, zur Tat zu greifen. Die letzte Tat aus der Fülle der Begebenheiten unserer Geschichte ist die Schöpfung und Organisierung des politischen Zionismus. Kühn hat Theodor Herzl mit einem Schlage die Judenfrage aus ihren alten Geleisen der schmerzlich-poetischen Resignation und des Volksbeglückertums mit Ausschluß der Juden gerissen, indem er das politische Moment in den Vordergrund rückte. Er war es, der ebenso entschlossen wie erfolgreich die Zusammenfassung der jüdischen Volksmassen zu zionistischen Gruppen und Verbänden in, Angriff nahm. Der politische Faktor und die streng darnach bcmiessene Tätigkeit Herzls charakterisiert den modernen Zionismus und unterscheidet ihn scharf von allen vorangegangenen jüdischen Kolonisations- Projekten und kolonisatorischen Versuchen. Als Politiker trat Herzl mit dem türkischen Sultan und anderen Souveränen, in Beziehungen und suchte sie für das zionistische Ziel zu gewinnen. Als Politiker sagte er sich, daß man bei der von den Juden bisher beliebten besonderen Methode in der Behandlung politischer Dinge abgehen und sich den, staatlich-diploinatischen Grundsätzen, und Formen, anpassen müsse. Er machte daher erst gar nickst den Versuch, auf der Basis weltbürgerlicher Theorien demjüdischen Volke zur Wiedererlangung seiner Urheimat zu verhelfen, sondern stellte nackt und bloß — wie es in Wahrheit ist — das kalte Do ut des-Prinzip auf. Herzl und seine Anhänger vertreten konsequent den Standpunkt, daß die Judenfrage politisch gefaßt und politisch behandelt werden müsse, daß eine Lösung aus nichtpolitischer Grundlage ausgeschlossen, sei. Die Politik stellt also einen wesentlichen Faktor des Zionismus dar. Er ist ferner ohne ein bestimmtes Gebiet begrifflich undenkbar. Ob das Land nun Palästina, ob es Uganda oder ein anderes Stück der Erdkugel ist, irgend ein eigenes Territorium muß notwendigerweise für eine zionistisch-politische Volksorganisation vorhanden sein. In diesen: Sinne gehört der energischste Palästimst wie der ausgesprochene Ugandist zweifellos zum Stamm der Territorialisten. Die jüdischnationale Turnerschaft unterscheidet sich vom Zionismus sehr wesentlich dadurch, daß das politische und territoriale Moment bei ihr völlig in. Wegfall kommem Unser Verband scheidet das Politische grundsätzlich aus. Sein Zweck ist bedingt und beschränkt auf das jüdischnationale Prinzip. Mittel zur Erreichung dieses Zieles ist das Turnen. Der Verband wendet sich an die Juden, gleichviel wo sie wohnen und wohnen, werden. Er würde selbst nach Erreichung des Baseler Programmes keineswegs überflüssig werden. Jüdische Turnvereinigungen wären dann — ebenso wie jetzt — bei den zurückbleibenden. Inden berechtigt und am> Platze. Das Substrat unserer Bewegung ist das jüdische Volk, d. h. alle diejenigen, die lebendiges jüdisches Volkstum in sich tragen und sich zur jüdischen, StammeSgehöriakeit bekennen. Nicht bedarf es dazu eines, eigenen Länderstreifens und ebensowenig eines politischen Zieles. Wir betrachten das jüdische Volk als eine Volksindividnalität mit eigentümlicher Kulturentwicklung und Knltnrgemeinfamkeit. In diesen, uralten im Laufe der Jahrtausende ausgestalteten und sehr entlvicklungsfähigeil Kulturkreis und seine Probleme emzudringen und die Schätze unserer Bolkskultur zu pflegen und in uns aufzunehmen ist nationale Pflicht. Das Streben noch Disziplin und körperlicher Vollwertigkeit bildet unsere turnerisch-nationale 3lufga.be. Ter Zionisinus lind die jüdische Turnbewcgung fußen auf derselben Basis, im ihren Zielen sind sie aber nicht kongruent. Die jüdischnationale Tendenz bildet die zweifellose Grundlage auch des Zionismus. Auf diesem gemeinsamen Boden können! Nur zusammen arbeiten und haben es införderlicher Weise getan. Die Divergenz beider Bewegungen in. politischer Beziehung war einein vereinten Wirken bisher nirgends hinderlich und es ist zu hoffen, daß das herzliche Frelindschaftsverhältnis zwischen Zionisten, und jüdischen- Turnern dauern wird für und für.

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