Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 28 (14.7.1905)
- Date
- 1905-07-14
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Jüdisches Volksblatt Nr. 28 sich sofort Stimmen des ^rurenc'?, weil man fürchtete, es könnten! durch diese Bestimmung mehr Juden naturalisiert werden, (5* füllt? aber auch ein Bureau errichte: werden, welches Beschwerden über Unfug auf administranoem Gebieie emgegennchme» und gutmachen sollte. Man kennt in dieser Hinsicht die Verhältnisse im „Belchen dev Orients" und man weis; auch, was eilt solche-o Bureau teilten könnte. Ja, aber der am menten Geschädigte in der Jude; ihm würde sa aiui> das Bur rau affen wehen müssen, was jedoch den Panienen nicht recht fein kann, so das; der Junim.st Dr. Bodez ganz erregt erklären mache, man inüsse gegen diese Einrichtung stimmen, da sie doch keinen Zweck hätte, denn nur Ir Den würden Ablagen ein-- bringen, daß man ihnen keine Reisepässe ausfolgeu welle usw. ^Tas heich wirklich offen gesprochen! wie Bebaupuma des gewesenen Ministers für.M'ulhtc» und Unterricht S-pirn Oarcd in feiner Broschüre „Die Bauermrage", dar; die jüdischen «Zm spacht er die Btuern ausbemen, wird mit federn Tage widerlege. Do erhoben sich am 21. Mai im Dorfe Man-dre gegen -100 Bauern gegen den rumänischen Gntspüchter Petre Popescu wegen Ausbautun-g. ein Fall, der in bezug am die Juden in Rumänien noch nicht vorgekonrmcn ist. Korrespondenzen. . Geschäft »leibt Geschäft. Geehrter Herr Redakteur! Nach dem Heimgänge unseres unvergeßlichen Altmeisters des L-nnagoglenaesanges Snlzer, taan das Benustlseüi der Ilnersetzlirtcken auch -darin zurrr Ausdruck, daß die Frage der Nachfolgerschaft seinerzeit leine allzu reifliche Erwägung fand. Ter gleiche Anfangsbuchstabe, ein dem Milien der >seitenne!teu»c;assecntsprechender Geschäftssinn, rasche und monotone ./Eretutiau der Gebetstücke" — man wurde geriugscun- 2s ie sehr jetzt bei den oberen, Zehntau sende verdienenden Funktionären, an Ltelle des Idealen, der reine Ermerdssinn sich entwickelt hotte, davon mag nachstehendes verbürgtes Gcschichtchcn Zeugnis abgeben. Tie Familie des leider allzu früh verstorbenen Generaldirett-vrs B . . . . äußerte nach dessen Ableben den Wunsch, daß in den Wohnränmen des Verstorbenen das traditionelle Mmfan abgehalten werden möge. Tie sein Verlangen wurde selbstverständlich gerne entsprechen und eine Anzahl würdiger Männer zuut tblinchagebet delegiert. Bor Beginn desselben ram zur großen Uebcrraschunq aller Anwesenden mit ehernem schritt — Oberkantor Singer und — hinter Nun — sein Assistent. Tas Ltannen wuchs allmählich, als nach der rein ans Effekthascherei abgesehenon Tefillah, ganz nnd gar nicht der Liturgie entsprechende Rezitationen, wie Menuche Aecheune, Neato teden abroechselnd non beiden Kantoren trrit den zur Genüge bekannten Stimmitteln vorgetragen wurden. Der verständig.ere Teil der Andächtigen merkte zwar die A-bfichr, ließ aber in stiller Temut alles über sich ergehen. Ruch am selben Abend äußerte -Oberkantor 2. iw. Wege des üranzleworstandes F. den Wunsch, die Minjanleute mögen künftig drs Trauerhans im Zylinder besuchen, neil dies den feierlichen Eindruck erhöhen wurde. Ter Anregung wurde auch Folge geleistet und als am nächsten Tage di.' zehn Herren, solcherart adjustiert, ins Tranerhaus kamen, wurden sie von Herrn B . . . . j>:n. mit der überaus merkwürdigen Ansprache einmaligen, „daß Herr Obertantor S. die lueitevc Ab!:aUuna des Minjaw für überflüssig halte nnd anqedcutet habe, die Familie möge nur im Tempel das badisch gebet verrichten" — damit war die Sache zu Ende. Tieic gegen den Ritus verstoßend: ungebührliche Beeiuflussun-g hat den gerechten Unwillen der Minjanleute nicht bloß deshalh erregt, wei! ihnen ihr karger Verdienst in höchst egoistischer Art geschmälert werden sollte, sondern diese biederen, glanbenstrenem Männer waren über diese unter scheinbarer Autorität eigenmächtig angeordneie Störung einer pietätvollen Handlung geradezu empört. Als nun der um die Revenüen des Stabttempels besorgte Obertantor das Unbeil merck-". wellte er xnr Gutwackungdes Schadens dein Minjcm 50 Gulden amversen, was aber von den wackeren Leuten sofort resüsiert wurde. Tas Trintgeldrepertoire der höheren Gemenrdefnnktionckre erfährt durch diesen Vorgang neuerlich die richtige Beleuchiiriva. Hochachbend Ei« alles Gemeindemitglied. (Der Name des Einsenders ist der Redaktion bekannt.) Aus Czernowitz. Czernowiß, den 12. Juli. Wie Den Lesern dieses Blattes bereits bekannt, hat der. bekannte Schriftsteller Mathias Acher (Dr. Nathan Birnbaum) auf Einludung seiner zahlreichen hiesigen Verehrer letzten Sanrstag hier einem Vortrag gehalten. A ch c r, dem schon -ein guter Ruf Do rausging, lvustde überall, wo er erschien, mit Enthrnsiasmns ausgenommen und werden die Tage, die er in unseren Mtte verbrachte, un-s allen unvergeßlich bleiben, lvenn auch nicht verschwiegen werden soll, -daß iricht alle seine Ideen ungeteilte Zustimntung fanden. Wir werden uns noch mit diesen Vorträgen und den irr diesen aufgeworfenen Fragen des öfteren zu beschäftigen haben, heilte wollen wir nur -darüber referieren, wie die hiesige Presse Mathias Acher beurteilt. Maßgebend für die durch Du Birnbamu hier hervorgerufene Stimnning dürste jedenfalls die „Bukowinner Post" sein, die u. a. folgendes schreibt: „Samstag den 8. d. sprach im Rathaussaate der geistreiche Schriftsteller, der Führer der Zionisten vor Herzl, wieder vor einem. Ezernowitzer Publikmn. .Rach i:i Jahren! Im Mai! des Jahres l 892 war er noch als Redakteur | der von ihin redigierten „Sölibstemanzipation" in unserer Stadt erschienen, nur hier im Vereine mit Der akademischen Verbindung „Hasmonaea", die ihm Damals einen solennen Empsang bereitete, einen .stolonisationsverein zu gründen. Der Wiener.Lolonisationsvcrein „Adinath Iefchurun" batte ihn nach der Bukowina miti (Galizien zur hstckindung von Zweigvcreinen eines allgemeinen österreichischen Pälästina-Kölonisationsoereincs entsendet nnd so ging er ans Werk und hielt im Lokale des damaligen jüdischen- Lesevereines „Zukunft", dessen Präsident Direktor Jakob .stindler damals in der Versammlung lüm Vorsitz führte, einen begeisternden Vortrag, der als Ergebnis die Gründung eines Zweigvereincs brachte. Seit jener. Zeit hat Dr. Nathan Birnbaum (Mathias Acher ist sein Schriststellername» viele Wandlungen dkirchgenmcht, stets aber nur ein Ziel vor Augen babeNd, dem feine rastlose Arbeit in Wort und Schrift galt: das jüdische Volk! 1895 erschien i aus feiner Feder eine kurze Besprechung von Herzls „Judenstaat". In den wenigen Zeilen war als Verdienst des Verfassers des „Judenstaates" heworgehobcn, daß in dem Buche von einer nationalen Tagespolitik indirekt abgeraten wurde. Mathias Acher hat seine dlnschauniig gründlich geändert. Mit flammenden Worten predigt er jetzt Bildung politischer Gruppen in jenen Orten, )voKonzentration stark genug und lobendes Judentum, noch verbanden ist, die Gründung jüdischer Bürger- und Arbeiterparteien. „Möglichste Ausnützung auch eines Mindest-, geschweige eines größeren Ausmaßes an Menschen- und Bürgerrechten zu jüdischen Wohlfahrts- und Kulturaktionen im Lande usw. Israel geht vor Zion. Zion selbst ist ohne diese Erkenntnis nicht zu erreichen." So trat er am Samstag vor uns, um über die „Aufgaben! des Ostjndentulws" zu sprechen. Er beleuchtete den vriirzipielleu Unterschied zwischen Westun«d Ostjndentum. Das elftere erfreut sich einer ziemlich günstigen wirtschaftlichen und politischen Lage und die Rückschläge, die manchmal erfolgen, sind nicht so 'schwer, wenn sie auch manchmal empfindlich siNd. Diese Westjudcn, die int religiösen Leben eine Art nicht existierender Existenz sühnen, die in einem kulturellen Zwielicht leben, sind nicht berufen, Zivilisation nnd Kultur in den Osten 3-11 bringen; 'denn sie lxDütsen selbst des nation« len. Lebens- und Schöpferthpus. Das OsiijNdentum (Rußland, Rumänien, (%n lizien, Bukowina, teilweise Umgarnt, dessen Lage wohl schlechter ist, hat das hohe Verdienst, feine eigene Sprache zu halben, indonr cs aus fremden, bunten Stoffen eine Sprache des Lebens geschaffen, die ihre Literatur nnd ihre Dichter bereits hat. An dieser Volkssprache, die acht Millionen sprechen,an diesem wunderbaren jüdischen .straftereichtum achtlos vorübevzugehen, wäre Sünde. Die Bukowinaer Gruppen sind lücht ganz inaktiv für die Erhaltung jüdischen kulturellen Gebens, mustergcbend sei aber Rußland, wo für die Erhaltung jüdischer Kultur gesorgt ist. Es fällt schwer, all das knapp zusammenzufassen, was- Acher in seinem Vortrage andeuten wollte. Die kurze Zeit ermöglichte es ihm, bloß ein Exzerpt aus seiner Arbeit zu liefern und so blieb es bloß einem auserlesenen Kreise in Pnvatdiskussionen Vorbehalten, Achers Ziele genauer mit ihm zu besprechen. Seine Gegeuwarisarbeit läßt sich zusainmenfassen in den Leitsatz: „Wenn, es einen Weg nach Zion gibt, führt er nicht über eine Leere; ein fast- und haltloser, schemenhafter Leib kann kein Zion gebären." Dakmn empfiehlt er reale Arbeit, heißt den Weg des Lebens gehen. Starker, anhaltender Beifall lohnte die trefflichen Ausführungen. Sonntag abends war Aftsthias Acher bei der akckdemischon Verbindung „Hasmonaea" zu Gaste. In einem Saale von Ehirers Restaurrmst l Musikverein) saßen die A. H. und Aktiven mit dem Gast an ihrem allwöchentlich stattsimdenden Hausabend in gemütlicher Zusamnienkunst,^ die sich bald zu einer lebhaften Diskllssion gestaltete. Rach der warmgehaltenen Anrsprache des Sind. Jur. Werber, der Achers Richtung beleuchtete und als geborener Russe für die neue Millionensprache eine Lanze einlcgte, sprach Mathias Acher nnd konstatierte, daß er aus Den Worten det' jungen Sprechers eine Ueberein/tiimnung mit seinen Anjsichten mit der „Kasnronaea" auf vielen Gebieten' gefunden habe. Als A. H. Dr. Mäher Ebner das Wort nahm und Bedenken gcgen die neue Volkssprache vorbrachte, erwiderte Acher in mehr als einstündiger Ausführung, die auch Bukowinaer Verhältnisse berührte und sehr interessant sich gestaltete. Wir bebakten uns vor, auf diese Ausführungen gelegentlich zurückzukonnnen. Es war überaus anregend, diesen Wettstreit der Meinungen beiznwohnen. Als sicher die Anfrage richtete, ob die neue Volkssprache zahlreiche Anhänger in der Verbindung gefunden, erlviderte Abs. Jur. Ziaßner, daß die Meinungen geteilt seien und daß der Gedanke an die Pflege dieser Sprache den Verbältnissen des Landes entsprechen, Wurzel zu fassen, sehr geringe Aussicht habe. x. Vom Hilfsvereiu der Deutsche« Jude«. Ani Mitttvoch dem 11. Juni fand eine -Sitzung «des gcschäfts'füftrcnldey Ausschusses des Hilfsdereines der Deutschen Juden unter dem Vorsitze des Herrn James Simon, statt. Herr Dr. Nathan berichtete alisführlich über die Tätigkeit des Vereines in dem letzten Vierteljahre. Aus seinem Berichte ging hervor, daß die Zahl der Mitglieder des Hilfsvereines zwar beständig zim-ehme, daß aber die Einnahmen desselben bei tveiwin nicht im Verhältnisse stehcn zu den außergewöhnlichem Aufioemdungen, die er zu machen gezivnngen ist. Es müßte daher als eine Ehrenpflicht eines jeden! deutschen Inden betrachtet webden, Mitglied des Hilfs- Vereines zu werden. Die Haripttätigkeii galt in erster Reihe den russischen Juden-, es wurden vom. 1. Jänner bis 1. Juni 1905 allein zugunsten unserer russischeir Glaabensgenlosseir nicht weniger Äs 210 000 Mark verausgabt. Von den Anstalten, die vom Hilfsverem teils begründet, teils subventioniert werden, ist am l. Iniri idcv .Kindergarten in Saftet), am 10. der Bolkskindergarten in Stanislau eröffnet ivobden. Am!8. Mai ist Herr Oberlehrer Josef Earleibach in sein neues Amt am Lehrerseminur iw Jerusalem eingrführt worden. Alis den weiteren Verh-aMungen sei hier folgendes erwähnt: Es wuvde beschlossen, enre gemeinsame Aktion aller großen, jüdischen Organisationen zuv Versorgung 'der Familien der Getöteten und Schwewekwüttdeten von Schitomir in die Woge zu leiten, an der sich der .Hilfsverein der Dcuftchen Julden, die Großlloge für Deutschland U. O. B. B. nnd der Hilfsvereiu in Frankfurt a. M. beteiligen werden. Behufs Begründung von Auskunftsb'ureaus fiir Auswandcrer in Rußlaub nach dem Muster der deutschen SchiutzkonmAssion sind 2000 Rubel bewilligt worden. Den gepli'mldevten Glaubensgenossen in. Melitopel wuvden! 2000 Ma'rk, denjenigen von. Brest-Litowsik 1000 Mark und den Abgebmwuten in Turow (Gouv. Minsk) 500 Mark überwiesen. Dev geschäftsführenlde Ausschuß hat ferner beschlossen, in, Jerusalem eine neue Mädchenschule im Anschluß an die dov-