Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 28 (14.7.1905)
- Date
- 1905-07-14
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 28 Jüdisches Volkablatt Seite 6 „Ihr müßt ein Jurist« werden. Das bringt Ehr und Amt und Würden, Bringt auch güldene Dukaten ..." Die Aussichten sind mager. Die Aktion des Wiener Konzipientenvereines, von der vor kurzer Zeit in den Blättern zu lesen war und durch die nach den Ergebnissen einer Enquete die Ueberfüllung des Standes im Wiener Gerichtssprengel und die ungünstigen Aussichten dargetan werden sollen, ist berechtigt und ftllt jüdische Eltern und Studenten vor über>'lte. Berufswahl zurückhalten. Man mich, um die ganze Misere eines jüdischen Konzipienten in Wien ermessen zu können, .inen solchen Advokaturskandidaten ohne Verbindungen und Mittel auf der verzweifelten Suche nach einem Konzipientenposten — 40—50 fl. Anfangsgehalt normalerweise — gesehen haben. Diese Art von Ctellensucherci, Stellenjägerei, Stellenbettelei ist! in Wien geradezu entwürdigend und so mancher klassenbewußte Arbeiter, wird so um einen Taglo-Hn nicht sein Rückgrat' krümmen wollen, wie es Juris Doctorcs einem Konzipientenpostm zuliebe allzuoft tun' müssen. Und ist der versorgt und aufgehoben, dem es — meist auf den Schleichwegen der Protektion und Intrige — glückt, so einen Posten zu erwischend Wenn er nicht wirklich seinen Mann stellt, bringt er es unter den heutigen Verhältnissen in der Advokatur zu nichts, bleibt ohne die Nachhilfe der Eltern seiner mitgistreichen Frau ein Hungerleider. Bei der großen Anzahl von mittelmäßig begabten, durch Temperament und Intelligenz für den! Anwaltftand oft ganz unfähiger Elementen, die in Ermanglung anderer Berufe indie Advokatur flüchten, kann weder den: materiellen Fortkommen der jüdischen Advokaten noch bem moralischen und geistigen ZukunftsniAeau des Standes ein günstiges Prognostikon gestellt werden. In der Provinz sind die Zustände günstiger, aber auch hier wird in wenigen Jahren die steberprodnktion der Juden sich für diese sehr fühlbar machen— abgesehen von den nationalen mrCv politischen Verhältnissen, welche den Wirknngs- und Gefchäftskreis jüdischer Advokaten wesentlich einengcn. Was tut aber der jüdische Student, der sein Schifflein nicht in den Hafen der Advokatur steuern will? Wohin kann er sich wenden? MilitärjuKiz, politischer Aettvaltungsdicnst, Landes¬ und Gcmeindestellen in 'den Alpenländern sind ihm a priori versperrt. Bei Gericht wird er in manchen Sprengeln gar nicht, in anderen in sehr geringem Prozentsätze ernannt. Im mähr.- schles. Oberlanüesgerichtch'prengel kann nur jeder 13. ernannte Auskultant ein Jude sein! Aehnlich geht es bei der Finanz, bei der Post usw. Ist der betreffende Personalreferent gegen jüdische Beamte, dann adieu Staatsbeamtenohne Ende nicht gleichgültig znschen, das öffentliche Gewissen rnuß sich crnpörcn und ein Schrei der Entrüstung muß in der ganzen Kulturwelt gegen diese Verbrechen einer Regierung erschallen, die ein Unglück der Menschen und eine Schande der Zeit geworden ist. Dr. N. S y r k i n in der „Brest. Ztg." Huntes Feuilleton. Bon den Inden in Bombay. lieber die Inden in Bombay IciU eine Korrespondenz der Londoner ,„zewish Ehroniclc" nachstehende noch sehr wenig bekannte Einzelheiten mit. Darnach gibt es in Bombay drei Arten von Inden, welche! durch Ursprung, Aussehen, Sitten und Gewohnheiten sich streng voneinander unterscheiden, Am interessantesten sind die schwarzen Beni Israel, die zur Zeit in einer Anzahl von einigen hunderten Familien in Eochin wohnen und von denen 25 gegenwärtig als Köche in Bombay beschäftigt sind. Die zweite Kategorie von Juden bilden die weihen Beni Jsriel, die fast sämtlich in Bombay wohnen, wo sie eigene Synagogen besitzen. Ihre Vorfahren waren schiffbrüchige Juden, welche nach ihrer Landung sich einheimische Frauen nahmen. Ursprünglich widineten sie sich in so großer Anzahl dem 'Militärdienst, daß sie ehemals bei der Ostindischen Kompanie eigene Regimenter bildeten und in den früheren Kriegen mit den Eingeborenen eine hervorragende Rolle spielten. Nach erfolgter Berstaatlichung der Gesellschaft und der hiermit Verbundenen Neuorganisation der Militär- und Zivilverwaltungen im Indien wurden diese Regimenter aufgelöst und die einzelnen jüdischen Soldaten über die ganze Armee verteilt. Dieses hat im Verein mit der Tatsache, daß die Offiziersstellen in Indien fast ausschließlich an 'Engländer vergeben -werden karriere! Ohne einflußreiche Protektion ist an Anstellung überhaupt nicht zu denken. _ < Bleibt der Eisenbahndienst. Wiederum beängstigender Andrang von Petenten auf allen Bahnen und in die Hunderte gehende Vormerkungen, Protektionswirtschaft par excellence. Hat man überall vergebens angeklopft, auch in einer Bank, deren bessere Stellen Prolektionskindern fast obligatorisch Vorbehalten bleiben, den heißersehnten Unterschlupf nicht gefunden, dann mutz die Advokatur herhalten. Die überschüssigen Kräfte können nach dem Stande der Dinge unmöglich in juristischen Berufen entsprechende Verwendung finden. Das wird sich immer deutlicher zeigen. Mit ihrer österreichischen Paragraphenweisheit sind sie sozusagen glebae adscripti, an. die Scholle gebunden, während Techniker, Mediziner, Exportäkademiker sich über die schwarzgelben Grenzpfähle hinauswagen dürfen. Seit einigen Jahren ist das Studium der Philosophie in Mode gekommen, aber auch im Lehramt für Mittelschulen wird wie früher einmal der Rückschlag sehr bald kommen und die jüdischen Petenten in erster Linie treffen. Das läßt sich zisfermäßig Nachweisen und wird in drei bis vier Jahren mit mathematischer Gewißheit eintreten, wenn, die noch freien Lehrstellen mit den inzwischen sertiglverdenden Lehramtskandidaten definitiv besetz: fein werden. Diese nur andeutungsweise skizzierten Verhältnisse sind in jüdischen istLeisen nicht unbekannt. Die meisten Studenten sind sich der kritischen Lage bmmtzt. Aber inan läßt den Dingen noch freien Lauf — studiert, studiert. Ist die auch hier gezogene Grenze überschritten, der Sättigungspunkt erreicht, dann mündet der Weg des jüdischen Unioersitälshörers in eine Sackgasse. Er mag dann trotz Studium und Diplom in berufsfremder Stellung von vorne beginnen. Was aber doch? fragen Eltern, so fragen Studierende tlnd Akadennschgraduierte. Die Frage wird immer akuter, berechtigter, häufiger. Wir werden in einem zweiten Artikel versuchen, eine Lösung vorzuschlagen. Raten nur läßt sich da, helfen nicht. Solche Ratgeber sind freilich oft unerwünscht. Aber es handelt sich um eine Frage, die wie keine zweite jüdische Berufsfrage in Oesterreich jüdischsoziale und jüdischnationale Gegenwartspolitik berührt und bisher viel zu wenig beachtet wurde. R e c t u s. (Fortsetzung folgt.) Politische Wochenschau. Die liberale Politik der Inden hat dem Judentum mehr geschadet als die reaktionärste Politik der Klerikalen und Antisemiten. Diese unsere Ansicht wird täglich durch neue Erscheinungen bestätigt. Ist diese falsche Politik schon tmmmmmmmmmmmaatammmmmmmmmmmmmmmmmmmmm und die Juden sehr geringe Ehaneen zur Beförderung lieben, bewirkt, daß die Dem Israel nach und nach die Militärlarriere gänzlich aufgegeben haben und zum Handwerk und Handel übergegangen sind. Obwohl sie sich im Lause der Jahrhunderte den Sitten und Gewohnheiten der Eingeborenen völlig an gepaßt haben, halten sie sich von diesen streng abgesondert. Der Grund für diese Erscheinung ist nebst ihrer Religion auch die Tatsache, daß sie stark die Schulen sreguentiereu und der überwiegenden einheimischen Bevöltermig geistig sehr überlegen sind. Außer diesen alteingesessenen Juden, welche mehr oder weniger heiduisches Blut in ihren Adern haben, leben noch in Bombay 500 Fwmilicu rein jüdischen Ursprungs. Dieselben treiben meist Handel und zählen viele reiche Familien, in ihrer Mitte. Sie sind fast alle sephardischen Ursprungs und meist über Bagdad in Indien eingewandcrt. Der .Korrespondent weiß auch einiges über die Afghanen mitzuteilen, die von vielen süv jüdische Abkömmlinge angesehen werden. Sie selber wollen Nachkommen der IN Stämme sein und nennen sich mit Stolz J-ehudim. Bekanntlich behauptet die afghanische Aristokratie, von einem Enkel des Königs Saul, namens Afghau, abzustammen. Vielleicht haben sich diese Aristokraten nur den jüdischen Ursprung angemaßt, um sich über die Mafien erheben zu können. Wohl zeigen die Afghaner den spezifisch jüdischen Typus. Da aber auch die Perser starke semitische Beimengungen haben, so werden sie wohl dk^ persischen als jüdischen Ursprungs sein. Es muß jedoch hervorgehoben werden, daß englische Offiziere, darunter auch Männer wie Sir G. H. Rose und Sir Alexander Burnes, welche' jahrelang in Afghanistan gelebt haben, an dem jüdischen Ursprung der Afghaner festhalten. Der Korrespondent teilt endlich mit, daß der von den Shanghaier Juden gelnachte Versuch zur Rettung der Ueberreste der chinesischen Juden völlig gescheitert ist. Die drei vonKaisungse nach Shanglmi gebrachten jüdischen Familien haben sich trotz allen Bemühungen in * Shanghai nicht akklimatisieren können-und mutzten, im Westen des Reiches nicht zu entschuldigen, so ist sie im Osten geradezu ein Verbrechen an seinem Volkstum. Die „liberalen" Arier lassen es auch nicht an beißendem Hohn fehlen, um ihren jüdischen Gesinnungsgenossen! ihre Verachtung zu bekunden. Einen interessanten und besonders lehrreichen Beitrag zu diesem traurigen Kapitel lieferte jüngst« eine Rede des fast ausschließlich von Juden gewählten galizischen Landtagsaibgeoiidneten Tr. L a s a r s k i. In feiner Rede über die Verlängerung der P r o p i n a t i o n s r e ch t e sagte er unter anderem ungefähr folgendes: „Auch der jüdische Präsident der Leml-erger Handelskammer Samuel H o r o w i tz vertritt die Idee der Verlängerung der Propinationsrechtc aus — politischen und Landes rucksichten. Der Patriotismus klingt im Munde dieses Herrn, d e s s e n W i e g e a m I o c d a n st a n d, fast wie Hohn. Ter Patriotismus dieser Leute ist ganz und gar nicht glaubwürdig, weil er nicht ernst fein* kann." Wird Herr Samuel Horowitz diesen Fußtritt entsprechend würdigen? Zeit wär's schon! * * * Christliche Konsumgenossenschaften, die angeblich zur „Rettung des Bauernstandes aus jüdischen Wuchererhänden", in der Tat aber nur zu. dent Zwecke gegründet werden, um jüdische Existenzen 311 vernichten, haben stets dasselbe Schicksast wo immer sie ins Leben treten. Die Defraudationen mit darausfolgendem Krach in den ungarisäpchrist!lichen Konsumgenossenschaften blieben seit ihrer Gründung permanent auf der Tagesordnung. Nicht besser bestellt ist es m,it den galizisch-christlichen Genossenschaften. Diese noch ganz jungen Schöpfungen der polnischen Schlachte, werden in echt galiziseher Weise manipulier: und dienen nur zur Fütterung herabgekommener, arbeitsscheuer Schlachzizen, die als Leiter solcher Genossenschaften ans der einen Seite ganze jüdische Familien ruinieren und ans der anderen den düpierten Bauern den lctztcn Heller aus dem Sacke stehlen'. Ein solch patriotischer Gauner ist der Filialleiter von Nen-Sandec, der dieser Tage wegen Defraudation von 6308 Kronen vor Gericht stand. Diese Fälle werden die Führer dieser „patriotischen" Bewegung nicht zur Vernunft bringen, bddanerltch ist es nur, daß sie ihr antisemitisches Handwerk unter moralischer und materieller Mithilfe der „Polen mosaischer Konfession-" betreiben können. * -1- * Mt der Frage der Judennaturalisationcn beschäftigte sich jüngst die Sitzung der rumänischen Kammer vom 19. Mai. Der Vizepräsident teilte mit, daß von nun an über je drei, welche um Naturalisation eingereicht haben, zu gleicher Zeit abgestinnnt werde. Es erhoben nachdem auf ihre Erziehung viel Geduld und große Summen verschwendet wurden, in ihre Heimat zurückgeschickt werden. Grabfunde in Jerusalem. Ans dem Gebiete des syrischen Waisenhauses in Jerusalem wurde eine mit einem großen Stein verschlossene Grabhöhle gefunden, welche eine durch einen Stern verschlossene Kammer mit Steinbänken und fünf Schiebgräbern enthält, die ebenfalls durch Steinplatten verschlösse), waren. Drei der Schiebgräber waren leer, zwei enthielten drei mit Stein deckeln versehene Stein särge, während zwei weitere Stcinsärge in der Kammer selbst standen. Die hübsch verzierten Särge enthielte), menschliche Gebeine und aus dreien fanden sich griechische und hebräische Inschriften: Papias tai Salome Skythopoleitai, Ammia Skytlivpoleitissa, Anin Skythopvleitcs, dann Papias habbesani, Ammia habbcsani, (5darin habbesani, Joseph bar (Sohn) Eharin. 'Es handelt sich also um drei Personen aus B'esan, das Bcth Schcon der Bibel, das in der Makkabäerzeit bereits griechisch Skythopolis hieß. Man muß nach den Namen und de», aramäischen Schriftzeichen jedenfalls ans ein jüdisches Grab schließen: dasselbe scheint vor dem Jahre 70 nach Ehr. absichtlich verdeckt, worden zu sein, um es vor Entweihung durch die Hera »ziehenden römischen Heere zn schützen. Doch ist für das Grab der wohl alls Besau nach Jerusalem iibergesiedelten Familie ein Spielraum von 150—200 Jahren rückwärts von 70 n. Ehr. zu rechnen. Der Prozeß der Beisetzung ist so zu denken, daß die Leiche in Tücher gewickelt, in ein zn vermauerndes Schiebgrab gelegt und bis zur vollständigen Verwesung gelassen wurde. Nach ungefähr zwei Jahren wurden dann die Gebeine gesammelt und in Steinsärgc gelegt, die oft die Gebeine mehrerer Verstorbenen enthielten.