Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 28 (14.7.1905)
- Date
- 1905-07-14
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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*VV .."'II I.PI....,! .,„' M. I M rnwy^jL. "yi'm Seite S Jüdisches Volkeblatt Nr. L8 aÄbeccn Richtung eine feste Stütze in der öffent- , liehen Meinung finden wird. T^er proponierte Ausweg aus der gegenwärtigen schwierigen Lage wird auch noch die wichtige positive Folge haben, daß die Regierung kritischen Aussetzungen sowohl seitens der Juden als auch seitens der übrigen Bevölkerung entgehen wird. ^Angesichts dessen müßte im vorliegenden Falle die nach Ew. Majestät Willen bevorstehende Zu- * samnwnberusung von des Vertraue ns des Volkes gewürdigten, aus der Bevölkerung erwählten Männern, zur Teilnahme an der vorläufigen Ausarbeitung und Beratung der legislativen Projekte ausgenützt werden und man müßte sich an die Erwählten zwecks Lösung aller Zweifel in dieser Frage wenden. Bei Ergreifung dieser Maßregel würde das Gesetz, welches Ew. Majestät zu erlassen genehm sein wird, sich auf die Meinung vom Volk erwählter Männer stützen uNd könnte somit eNdlich eine dauerhafte und praktische Lösung der komplizierten jüdischen Frage enthalten. Auf Grund der obenerwähnten (und weiterer dickalliertcr) Erwägungen gibt das Komitee folgendes einstimmige Gutachten ab: Es in; eine 'besondere arißerressortliche Konferenz unter Vorsitz einer durch das Vertrauen Ew. Majestät ertvählten Persönlichkeit im Bestände von Mitgliedern durch allerhöchste Ernennung und Vertretern der Ressorts zu ernennen. wobei dem Vorsitzenden das Recht eingeräumt wird, zur Teilnahme an den Sitzungen Personen cinzuladen, die durch ihre Kenntnisse und Erfahrung der erfolgreichen Erledigung der Angelegenheit nützen können, und diese Konferenz damit zu beauftragen: 1. Die wichtigsten Bestandteile der Judcnfrage festzustellen, 'deren Lösung die Hauptgcsichtspunkte für die Durchsicht der ganzen Gesetzgebung über die Juden ergeben könnte, damit dieselben der Durchsicht der laut allerhöchstem Reskript vom 18. Februar zu berufenden Volksvertreter übergeben und dann weiter dem Gutachten dos ReichsMtes unterbreitet werden können; 2. eine genaue und allseitige Ausarbeitung aller in der Judenfrage vorhandenen Materialien vorzunehmcn und, nach allerhöchster Bestätigung der in sub Punkt 1 erwähnter Weise ansgearbeiietcn Hauptprinzipien, ihre endgültigen Vorschläge über die Revision der sich aus die jüdische Bevölkerung des Reiches beziehenden Gesetze in der festgesetzten Ordnung als (Ganzes oder in einzelnen Teilen der legislativen Gewalt vor.zustellen. Die Jüdensrage ist also keinen Schritt weiter gekommen. Tic Machthaber in Petersburg haben ihre Lösung von neuem auf die lange Bank geschoben. Nur unverbesserliche Optimisten können behaupten, die Juden frage gewissen Prozentsatz ausgenommen. Durch Religion, Sprache, Sitten und wirtschaftlichen Beruf unterscheiden sich Oie Juden scharf von ihrer christlichen Umgebung. Tie Zahl der Armenier beträgt in Transkaukasien gegen eine Million, gegenüber einer umgebenden Bevölkerung von über fünf Millionen Einwohnern, welche vornehmlich aus mohammedanischen Türken, Tataren, Kurden, Grusinern, Bergvölkern usw. besteht. Tic Armenier sind im Besitz aller bürgerlichen Rechte und befassen sich vornehmlich mit Handel und Industrie. Ebenso wie die Juden im Westen, sind die Armenier im Kaukasus ein kulturell und politisch höherstehendes Element als die umgebende Bevölkerung. Der mephistophelische Plan, der Regierung besteht darin, diese zwei Völkerschaften durch Massakers zu terrorisieren, die Unzufriedenheit der russischen Bevölkerung abzulcnken und so die Revolution zu einem Nationalitätenkriege zu degradieren. Ten Juden gegenüber wird diese Methode seit den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts angewendet, in bezug auf die Armenier brauchte die Autokratie nur die türkische Praxis Armenien gegenüber nach dem heiligen christlichen Zarenreiche zu übertragen. Ein universelles Kischenew ist der furchtbare Plan der Autokratie. Und dieser Plan geht von den höchsten Instanzen dev Bureaukratie aus. Dm Juden gegenüber wird das bösartige Verhalten der Regierung noch dadurch gesteigert, daß nach dem Verfassungsprojekte Bulygins die Juden ebenso wie die Verbrecher sei durch die veröffentlichte Resolution des Ministerkomitees in Gang .gebracht worden. Ich selbst 'bin solchem Optimismuszum Opfer gefallen, als ich den. Mitteilungen Glauben schenkte, wonach den Juden gewisse Rechte gegeben werden sollen. Aus der Resolution der Minister geht für den init den gegenwärtigen Regierungsverhältnissen Vertrauten nur das eine hervor, daß es den reaktionären Elementen gelungen ist, die Frage noch einmal in den Sack einer Kommission „hineinzuretten". Indem die Regierung, die seit 200 Jahren Gesetz an Gesetz verfügt hat, umdie Juden zu vertilgen, heute behauptet, die Judenfrage sei für sie nicht genug geklärt, stellt sie sich dasselbe Zeugnis der Leichtfertigkeit aus, das sich kürzlich _ der Finanzminister durch feilten Vertreter ausfertigen ließ, als er zugab, daß die Statistiken des Finanzministeriums nur init größter Vorsicht zu benützen seien. Aus diesem Grunde ganz allein ist die Resolution, die natürlich telegraphisch der staunenden Welt mitgeteilt worden ist, von Interesse. Was bis heute in der Judenfrage getan wurde, geschah unter dem Drucke der ausländischen! Kreditgeber. Immer ist es der Finanzminisier, der den Reaktionären in die Zügel zu fallen sucht, und immer unter Hinweis aus Rothschild und Genossen. Die letzte Veröffentlichung der Regierung ist lediglich als ein neuer Versuch aufzufassen, dem Auslände Sand in die Augen zu streuen. Schulschluß und Berufswahl. Die Lage der jüdischen Jntelligenzkreise in Oesterreich -- die Spatzen pseiscn's von den Dächern — wird von Jahr zu Jahr kritischer. Die einschlägige Statistik und Berufsgliederung muß es auch jenen klar machen, die der: .Notstand selbst nicht fühlen oder an ihn in ihrem der Sattheit entspringenden Optimismus nicht glauben. Im Wintersemester 1897/98 und im Sommcrsemester 1808 (laut Dr. Ruppins Angaben in „Tie Juden der Gegenwart" ) studierten in Oeülerrcich auf den Universitäten 2703 bezw. 2600 Inden und bildeten 10.0 be.zw. 17 Prozent aller Studenten. Jur Verhältnis zur. Bevölkerungszahl gab cs etwa viermal mehr jüdische als christliche Studenten. 1380 jener 2703 jüdischen Studenten oder 30.4 Prozent studierten Jus, 117)4 oder 41.3 Prozent Medizin, 250 oder 0.3 Prozent Philosophie. Es nt sicher, daß seither Oie Zahl der jüdischen Juristen und Philosophen absolut und relativ ganz bedeutend gestiegen ist. Tie technischen Hochschulen Oesterreichs zählten im Wintersemester 1807/08 und im Sonnncrscmestcr 1808 740 bezw. 702 jüdische Hörer, was 17.4 bezw. 17.3 Prozent aller Hörer bcvom Wahlrechte zur Volksvertretung ausgeschlossen bleiben. Wenn der Haß geegn alles Neue und Aufstrebende in Rußland am stärksten ist, steigert er sich zum Kreuzzug gegen Juden, Armenier und Polen. Nunist aber der Geist der Zeit nicht spurlos an den Parias des Zarenreiches vorübergcgangen. Nicht allein die Armenier, die seit jeher gewöhnt waren, zu kämpfen, sondern auch die Einwohner der Judengasse sind längst politisch erwacht unb voll Mutes. Seit Jahren vollzieht sich im Ghetto Rußlands ein tiefer Ncgcncrationsprozcß itud es ist ein neues Geschlecht herangewachscn, das stolz seinen Kops hochhält und zürn Kampfe gegen die Tyrannei bereit ist. Es spielte hierbei die Hauptrolle die jüdischsoziakdemokratische Arbeiterpartei, genannt der „Bund", welcher zchntausende Arbeiter in seiner Organisation zählt und s>4 starker Sympathien in. der Intelligenz erfreut. In der letzten Zeit entstand auch unter dem Proletariat und der Intelligenz eine revolutionäre und sozialistische Zionistenpartei, welche den .Kampf gegen den Zarismus sich zu einer ihrer Aufgaben gestellt hat. Unter dem Einflüsse dieser Freiheitsströmungen innerhalb der Judengasse organisierten' sich im ganzen. Ansiedlungsrayon Selbstschutzkomitees, welche sich mit Waffen versehen, um beim Ausbruch eines Massakers gegen die „Schwarzen Hunderte" zur Schlacht zu ziehen. Es wäre eine Leichtigkeit für die Juden, die Angreifer zurückzuwerfen, wenn die Polizei und das Mlitär sie nicht daran hinderte. Ein Kckmpf der Juden deutet. Auch dieser Prozentsatz weist heute ein beträchtliches Mus auf. Das sind Daten, welche vor 8 Jahren zutrafen. Die Verhältnisse ha ben sich seither zuungunsten lder jüdischen Intelligenz in allen Faktoren verschlimmert. Die nationalen, allgemein wirtschaftlichen, politischen, gesellschaftlichen Momente, die da mitspielen, sind gegen uns vertieft und entwickelt worden. Zwischen Angebot und Nachfrage herrscht ein überall fühlbares Mißverhältnis, denn die Zahl der offenen Aemterkategorien und zugänglichen Stellen hat sich verringert, während die Zahl der stellenheischenden jüdischen Petenten alljährlich größer wird. Wo hinaus? Wo gibt's ein regulierendes Mittel der Abwehr? Wie soll der wachsenden Ueberproduktion an Jntelligenzproletariern entgegeugcarbeitet, wie kann die annähernd richtige Proportion zwischen freien Stellen und jüdischen Bewerbern hergcsivllt werden? Eine Organisation zur Regelung der Berufswahl gibt's da nicht, sie würde auch wenig helfen. Und der bestgemeinte Rat, die gründlichste Aufklärung, alle authentische und offizielle Statistik mit der beredten Sprache ihrer toten Ziffern hält die jüdischen Eltern schließlich nicht ab, ihre Kinder weiter in die Mittelschulen und Hochschulen zu pferchen und zur Ueberfüllung der in Betracht kommenden Berufe sorglos beizutragcn. Die Logik, die sic dazu bräitgt, ist ja recht einfach und begreiflich: „Hunderte jüdischer Studenten versorgen sich, warum soll gerade für mein Kind kein Platz mehr sein?" Irgend ein Vetter X. oder ein Landsmann Aist jüngst ent Konzipient, Supplent, Zahnarzt, Sekundarius geworden, hat eventuell eine schöne Mitgift erheiratet, also los ins Studium! Nun, in ein paar Jahren wird es sich zeigen, wie es mit diesem Schlüsse hapert und wohin die krankhafte Sucht nach Diplomen und Doktortitcln führt. Ob reich oder arm, ob befähigt oder nicht, ob fleißig oder faul — es wird darauf losstudiert! Ohne Ziel und ohne Lust — „es wird sich schon was finden"! Schauen wir uns m!al die Fakultäten näher an! Jus -natürlich obenan. Es ist die ultima ratio des jüdischen Gymnasialabiturienten. „Wozu studieren Sic Jus?" Es erfolgt die stereotype Antwort: „Was soll man denn studieren?" Es nützt nichts, daß die Warnungstafel „Ueberfüllt" für jüdische Juristeil aus dem ganzen Gebiete des Jus ausgesteckt in. Der Zuzug in nicht fernzuhaltcn. Die Advokatur ist hier zum Schlüsse die rettende Insel. Wie der Spielmann Werner bei Scheffel dem Schwarzwälder Psarrherrn erzählt, so lockten Elteril' und Verwandte bisnun den jungen Juristen int den heruntergekommenen Advokat cnst and: gegen den von der Polizei angeführten Pöbel gestaltet sich aber bald zu einer blutigen Schlacht von Juden auf der einen Seite und dem Pöbel und dem Militär auf der anderen Seite. Trotz des heroischeil Kampfes unterliegen die Inden im ungleichen Kampfe. Irr Armenieniß! dieser Kampf wegen der besonderen Zusammensetzung der Bevölkerung ein noch furchtbarerer. Dort leistet die ganze armenische Bevölkerung den wildem Angreifern, welche die Behörden noch in der Gestalt der Kurden aus der Türkei zusainmengezogen hat, verzweifelten Widerstand. Regelrechte Schlachten finden dort zwischen den Armeniern, angeführt von den revolutionären, Parteien, und den Mohammedanern, welche von der Polizei bewaffnet worden sind, fortwährend statt. Der Generalgouverneur Woronzow-Daschkow, der Gouverneur Galitzin, der getötete Nakaschidze spielen und spielten in Arnlmieu dieselbe verbrecherische Nolle wie die Gouverneure im Ansiedlungsrayon. Gegenüber der Soldateska, der Polizei und dem Pöbel sind die Selbstverteidigungskomitees der Juden und Armenier ohmnächtig. Blut fließt in diesen Gebieten stromweise und der Bürgerkrieg jft entfacht mit allen seinen Schrecken. Die Greuel, die der Zarismus im ganzen Lande hervorruft, haben sich, in diesen ethnographisch bunten Gebieten des Reiches zum permanenten Schrecken potenziert. Alle göttlichen und menschlichen Gesetze sind aufgehoben und Mord und Mut sind die Parole. Die zivilisierte Menschheit kamv diesem! Schrecken