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Jüdisches Volksblatt · 1905-07-14 · 28 (14.7.1905) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
28 (14.7.1905)
Date
1905-07-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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r - 1 — ...1 Redaktion: IX/1» Srrvitengasse 4. Telephon, Nr. 14738. Sprechstunden r Kn Wochentagen von 4 bis 6 Uhr nachm. Postadresse: Jüdisches «olkSblatt. Wien. IXfl. Erscheint jeden Freitag. Slgrntiimr mtii jereuszeber: )»dsd Ina«;. f 11 -j 1 ..1 Administration: IX/1, Srroitengastr 4. Telephon Nr. 14738. Abonnements - PretSr B<lClHV<r4<N wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir uns dringend. — Manurdrlpt« werae« «icdt xurgckfiMttiit. Postsparkassen-Konto 847037. In das Abonnement kann man täglich eintreten. fc--g Inserate Übernehmen di« firmen: IN. Dukes Nachf., Haasenstein k Vogler, Rudolf Masse, M. pozsonyi, K. Schale! in Wien, ferner alle Annoncen. Expeditionen im Ausland«. Einzel - Nummer in Wien Sv Heller. Für Wien u. Oesterreich- Ungar« s. Frankozustellung: Ganzjährig. . . . L 13.- Halbjährig . . . . K Vierteljährig . . . K 8 — fc ■■■■■- Für baS gesamte Ausland sanit Frankozustellung: Ganzjährig . . . K 13.66 Halbjährig . . . 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Die Besonderheiten dieser Frage unid die ununterbrochenen, zwei Jahrhunderte dauernden Sorgen der Regierung um die Lösung derselben, die bis jetzt nicht mit dem gewünschten Erfolge gekrönt worden find, verlangen es nach Ansicht des Komitees, daß inan sich zu ihr aufmerksam verhalte. Aus einer dem Komitee vorliegenden, historischen Darlegung der Gesetzgebung über die Juden geht hervor, daß in der Stellung zur Judenfrage die Negierung sich kein so festes und konsequentes leitendes Prinzip angeeignet hat, das, einmal akzeptiert, nachher ganz folgerichtig durchgeführt werden! und' den. Charakter der inneren Politik gegenüber den Juden klar for- M!ulieren konnte. Seit der Zeit der Kaiserin Katharina der Zweiten bis zur letzten Periode Feuilleton. Die Juden uud Armenier in Rußland. Aus dem» Westen des europäischen Rußland und dem fernen Kaukasus dringt ein furchtbarer Schmerzensschrei in die zivilisierte Welt, der Schrei zweier Völker, welche die zarische Regierung außerhalb des Gesetzes gestellt und der Wut der Polizei, der Soldateska und des Pöbels preisgegeben hat. Im Westen sind es die Juden, welchen der Zarismus den Vernichtungskrieg erklärt hat, im Kaukasus sind es die Armenier, welche im ungleichem Karnpfe verbluten. Rach den Inden Massakers in Schitomir haben ähnliche Massakers in Brest-Litowsk, Minsk und anderen kleineren Orten stattgefmiden. Bei diesen Massakers sind unter Aufmunterung lind Beihilfe der Polizei Hunderte getötet, verwundet und zugrunde gerichtet worden, während die ärmere jiidische Bevölkerung um ihre Habseligkeitrn! gekommen ist. Jetzt kommt die alarmierende Nachricht, daß der Gouverneur von Kowno, Werewkiu, ein allgemeines Judenmassaker in Kowno uud den übrigen Städten durch direkte Zirkulare an die Behörden vorbereitet. Aber geradezu furchtbare Ereignisse spielten! sich in Armenien ab. Nach der furchtbaren Barthvlomäusnacht in Baku Wunde unter den Armeniern in Nachitschwan und Eriwan ein Blutbad angerichltet. Jetzt wechselt in der Sphäre unserer Legislative eine Strömung mit der entgegengesetzten ab und die die Juden privilegierenden Gesetze wetzden gegen sie beschränkende Miaßregeln vertauscht. Trotz der Menge der zu verschiedenen Zeiten gesammelten Materialien! zur Judenfrage, trotz ihrer vielfältigen und allseitigen Behandlung durch Regierungsorgane und zahlreiche zu diesem Zwecke gebikdete . besondere Kommissionen und! Konferenzen! ist diese Frage noch zur Zeit nicht endgültig verarbeitet und harrt noch ihrer Lösung. Die 'Besonderheiten der. Judenfrage geben ihr, nach inmitten! des Komitees geäußerter An- : sicht, einen Aus na h mccha rakter, durch die sie! sich deutlich von allen anderen Fragen von staat-! licher Bedeutung abhebt. Diese Frage wird! vor allem dadurch! charakterisiert, daß in ihr außer denr staatlichen noch ein soziales Rassenelement zu berücksichtigen ist, das sie in bei-deutendem Maße kompliziert, ihr einen befondereu! Charakter verleiht und eine gewisse Lei- - deuschaftlichkcit in ihre Behandlung hinein- . bringt. Wenn mau! sich ausschließlich auf den! staatlichen Standpunkt stellt, so ist es kaum! zweifelhaft, daß in einem Staate, der in seinem : Bestände Bürger vieler verschiedener Nationalij täten hat, keine wesentliche Beschränkung der j Rechte der Personen einer .Nationalität zuge-! lassen werden! darf; daher würde vom ange-! gebeuen Standpunkt aus die richtige Lösung der j Judenfrage in dev Gleichstellung der Juden mit! der übrigen Bevölkerung bestehen. Zieht mau! aber die soziale Seite der Frage in Betracht, ■ so sind Zweifel an den Methoden der Verwirk- ... WIIIIIII«.!!■■■■ IHM 1 I II. ,!.,!,, ziehen Kurden und Tataren, bewaffnet und angeführt von der zarischen Polizei, durch die armenischen Dörfer, morden die Männer, vergewaltigen die Frauen, bekehren mit Gewalt zum Islam, verbrennen die Kirchen, rauben uud plündern die unglückliche Bevölkerung aus. Die zarische Regierung will sich an den zwei um glücklichen Völkerschaften des Reiches rächen und die letzten Tage ihres finsteren! Daseinszu einer blutigen Orgie gegen alle schwachen uud unbeschützteu Elemente des Landes ausarten lassen. Es war dies von jeher ein Manöver der Regierung, um' die Opposition als unberechtigt zu brandmarken, daß sie sie als unrussisch, von fremden .Nationen ausgehend, zn kompromittieren versuchte. Die Freiheitsideen stammen vom „faulen Westen", war die ständige Version der Slawophilen der früheren Jahre, während die jetzigen Reaktionäre die inneren fremden Nationen, die Polen, Finnländer, Juden, Armicnier, als die Ursache aller neuen politischen Tendenzen erklären. Dies ist in gewissem Grade wahr, indem die unterdrückten fremden Nationen, welche auf einer höheren! Kulturstufe stehen und auch andere nationale Traditionen haben, seit jeher dem Zarismus und dbm Moskowitentum feindlich gegenüberstanden und gegenüberstehen mußten. Während aber die Polen und Finnländer, weil sie in kompakter Misse auf einheitlichem Boden! leben, den Kämpf gegen die. Regierung leichter führen können, spitzt sich bei den Juden und Armeniern der revolutionäre Kampf gegen die Autokratie lichung der obenerwähnten Lösung! der Frage am Platze. Man kann kaum mit Sicherheit behaupten, daß eine solch« Maßregel nichts die Interessen der B'evölkevungsgruvven schädigen würde, deren wirtschaftliches Leben die Regierung durch die einschränkenden Gesetzesbestimmungen vor >den JuDrn ,m;;itcitim Auge hatte; man kann 'annehmen, daß eine rechtliche Gleichstellung der Juden mit der. übrigen Bevölkerung unter dieser Unzufriedenheit erwecken würde, die in sowohl vom allgemeinstaatlichen Gesichtspunkte traurigen, als in Hinsicht auf den regelrechten Verlauf der Regierungstätigkeit nicht wünschenswerten! Erscheinungen! zutage treten könnte. Fraglich ist es auch, ob unter 'den gegenwärtigen Bedingungen die Juden fähig wären, aus der Abgeschlossenheit herauszutreten, die ihnen gewöhnlich zum Vorwurf gemacht wird, und die sie nach sehr verbreiteter Ansicht zu einer isolierten und doch zusammengekeilten Masse, die als ein Staat im Staat erscheint, vereinigt. Eine Lösung der angeführten- Zweifel in der einen oder anderen Richtung erscheint unbedingt notwendig, um jetzt, nach langen Schwankungen, die Grundprinzipien für eine weitere innere Judenpolitik fest zu formulieren, wobei gleichzeitig in liebereinstimmung mit diesen Prinzipien unsere umfangreiche Gesetzgebung über die Juden in Einklang gebracht 'werden muß. Der Regierung wird nur dann die Möglichkeit, die Judenfrage befriedigend zu lösen, garantiert sein, wenn sie bei ihrer Arbeit die Ansichten der russischen Bevölkerung in dieser Frage in Betracht ziehen und somit für ihre Beschlüsse in der einen oder zu einer furchtbaren Tragödie zu. Weil Inden und Armenier Nur einen! Bruchteil der übrigen Bevölkerung bilden, so schürt die Regierung den nationalen und konfessionellen! Haß, erweckt die traditionellen Vorurteile gegen diese andersgearteten Völkerschaften! und erhebt die christliche Bevölkerung gegen die jüdische, die mohammedanische gegen die armenische, damit Haß, Zwietracht, Erbitterung, Furcht, Mord und Raub jmi Lande aufkommen und der Abrechnungstag der Verbrecher am Negierungstische hinausgeschoben werde. Wirft man einen! Blick auf die numerische Größe der jüdischen' und armenischen! Bevölkerungen gegenüber ihrer Umgebung, so begreift man, welcher Katastrophe diese an Zahl schwachen! Völker entgegenlaufen. Man' zählt in Rußland gegen 6.2 Millionen Juden, von welchen 94 Prozent im Westen, Südwesten uud in Polenwohnest, wo sie von 9 bis 14 Prozent der übrigen! Bevölkerung ansmachen. Außerhalb des sogenannten Unsiedlungsrayons dürfen nur Handwerker, Großkaufleute und Leute mit akademischer Bildung wohnen», während innerhalb. des Ansiedlungsrayons der Aufenthalt nur in» den Städten gewährt wird, wo die Juden 26 bis 68 Prozent dev christlichen Bevölkerung ausmachen. Von diesen» 5.2 Millionen Seelen sind über eine Million Han'dwerker, Ackerbauer, Fabriksarbeiter, Lastträger, Tagelöhner ufw., die übrigen befassen sich vornehmlich mit Handel und Gewerbe. Die Juden besitzen keine bürgerlichen Rechte; sie werden sogar in, die öffentlichen! Schulen nur in> einem

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