Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 27 (7.7.1905)
- Date
- 1905-07-07
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Jüdisches Volksblatt Nr. 27 Streitruf ist schon lange angestimmt worden, man fordert die Teilung der Lehrerbildungsanstalt, in der germanisatorische Bestrebungen, wie von rumänischer und ruthenischer Seite versichert wird, sich geltend machen sollen. Tatsächlich beherrschen die jüdischen Lehrkräfte die deutsche Sprache besser als die Landessprachen und sind ihrer Ausbildung mich auf die deutschen Schulen ^angewiesen. Wenn sie von diesen zurückgedrängt werden sollten, so wird die hinter ihnen stehende jüdische Bevölkerung gerne die Gelegenheit wahrnehmen — es wäre auch ohnehin ein Gebot der Klugheit — die Forderung der Rumänen und Ruthenen, die auch eigene Landesschulinspektoren erstreben, tatkräftigst zu unterstützen. Wenn die Deutschen, die als Minorität auf die Juden des Landes angewiesen sind, auf dem Schulgebiete eine judenfeindliche Tendenz propagieren wollen, so werden sie auch die entsprechende Antwort sich gefallen lassen müssen. Die Juden sind schon lange nicht mehr willens, die deutschen Hegemoniegelüste im Lande zu fördern, und werden auch auf dem Schillgebiete einen Ausweg sinden. Den Schaden werden die Deutschen davontragen. Dies dem deutschen Landesschulinspektor Herrn Dr. Tnmlirz zur gefälligen Kenntnisnahme. Vielleicht sind ihm die angeführten Daten unbekannt oder unrichtig. Es wird uns freuen, das Gegenteil der uns gemachten Angaben zu erfahren. Das erschien, wie bemerkt, noch am 14. April ruld wurde bisher nicht widerlegt." Politische Wochenschau. Die Interpellation des Reichsratsabgeordneten Breiter, betreffend die Z u r ü ck s e tz ll n g der jüdischen L e h ra m t § k a n d i d a t e ll in Galizien, hatte,, wie das „Jüd. Tagbl." berichtet, folgenden Wortlaut: „Die Gesetze über die Gleichstellullg der Staatsbürger in Oesterreich lverdeu falsch durchgeführt. Der Geist des Mittelalters macht sich überall fühlbar und die sogenannten freiheitlich-liberal aufgeklärten Staatsinstitutionen sowie die verschiedenen autonomen Landesvertwaltungen ahmen diesen Geist in ihrem eigenen Wirkungskreise nach. Die Juden können maliches Lied darüber singen, bemt sie werden noch immer nur nach Ueberwindung großer Schwierigkeitell in den Staatsdienst ausgenommen und haben nur sehr geringe Aussicht auf Beförderung. Während jedoch die staatlichen Verwaltungen sich noch der Ausrede bedieneir können, daß sich stets eilte große Allzahl von Bewerberll ins Zimmer brillgeil. Als sich die Katze auf die Maus stürzte, sagte er zll seinen Freimderl: »So ivie diese beiben Tiere stets verschiedenartig fein werden, so wenig t'önue ein Jude wirklich Ehrist werden." (Arisch Jlldeil, Kölll, Bd. 1, S. 77). Die Medaille, die ich erst kürzlich erworben habe, ist aus Silber; sie zählt zll ben Seltenheiten. Es existiert alrch ein moderner Abschlag davon aus Weißmetall. Diese Jmitcitionen sind aber leicht kellllttieh, lveil die Ralldschrift nicht erhaben, wie bei meinenl Original, sondern vertieft angebracht ist. Ausgrabungen in Assltr. Die Deutsche Orientgesellschaft, die soeben ihren 7. Jahresbericht und ein neues Heft ihrer SDiitteifitufjeu versendet, hat sich zll ihren bisherigen Ausgaben, den Ausgrabnligeu in Babylon,Assnr nudAbniir, noch eine neue gestellt, die Erforschung und Aufnahme der Syllagogeurniuen Galiläas. Berichtet wird vorläufig nur über die Ansgraburigen an de>l Stätten des alten Babylon und Assnr, voll irctcOeu die ersleren zwar verschiedene topographische Details und Streitfragen aufgeklärt haben, aber wesentliche Funde von historischer oder archäologischer Bedeutung nicht gebracht Habelk. So ist denn der weitaus gröstte Teil des umfangreichen Heftes den Berichteil über die Funde in Assnr gewidmet. Dort ist die Kaimauer, welche die Nvrdseite der Stadt vor dem Anprall der Wogen des Tigris beschützen sollte, freigelegt worden. Nach öeit gefundenen Urkunden haben an ihr besonders Adadnb rarr der Erste (um 1825 v. Ehr.), bann Sanherib (705—081) und sein Nachfolger Asarhaddvn umfangreiche Bianarbeiten vvrgenvmlnen. Eitler gellaueren Untersuchnlig wurde ferner der steil abfallende Nordrand des Stadtgebietes mit derr ihll stüpetlden gewattigell Befestiguttgswerkeu unterzogen. Rechts ulld lillks vorn hohen Tempeltnr'M springen hier zwei andere Lehmziegelmassive vor, für den Staatsdienst melden, kann diese Ausrede in gewissen Zweigen des öffeiltlichen Dienstes nicht gut angewendet werderi, so zum Beispiel bei Besetzung der Lehrposten in den galizischen Volksschulen. Die geringe Entlohnung der galizischen Volksschullehrer ist schon geradezu sprichwörtlich geworden; ihre Aussichten auf Avancement finb sehr geringe und ihre Lebensstellung irn allgemeinen eilte ällßerst traurige. Tie Folge davon ist, daß die Absolventen der Lehrerseminarien nach Möglichkeit trachten, einen anderen Dienstzweig zu betreten und der galizische Landesschulrat sieht sich auch veranlaßt, durch das Unterrichtsministerium 31t erwirken, daß die Hörer der Lehrerseminarien zu keinen anderen Aemtern zugelassen werden, und dadurch gezmuugelt werden, beim Lehrfach zu bleiben. Die Ursache davon ist, daß eine große Anzahl galizischer Volksschulen wegen Lehrermangels geschlossen ist, trotzdem werden jüdische Abiturienterr der galizischen Lehrerseminarien nirgends angestellt. Von derr Bezirksschulräten erhalten sie gewöhitlich die Antivort: „Für euch haben wir keinen Posten!" während die anderen Behördeil ihnen rundweg antworten: „Ihr müßt beim Lehrfach bleiben." Die Interpellanten stellen daher arr den Unterrichtsminister die Altfragc, ob ihm diese Verhältnisse bekannt seien, und wenn ja, ob er geneigt ist, eine Aenderung dieses ungerechten Standpunktes, welcher auch dem öffentlichen Unterrichtswesen schädlich ist, herbeizuführen und zu erwirken, daß das Prinzip, Juden nicht auzustellen. endlich aufgegebeu werde." Die Interpellation wurde vorr folgenden 14 Abgeordneten unterzeichnet: O f n e r, Dr. S t r a n ch e r, S ch u h m e i e r, R i e g e r, P e r n e r st 0 r f e r, H a n n i ch, E l l e rr b 0 g e rr, C i rr g r, R e s e l, E ldersch, Lupu, Hybesch, Rosen zweig ulld Seitz. Also kein einziger galizischer Jude ulld auch rricht der von den Krakauer Juden gewählte D a s z y n s k i hat die Jnterpellatioil unterfertigt. * * * Die nationale Gruppierung der Sozialdemokraten wird nMUnehr ailch in Ungarn vollzogen. Die slowakischen Sozialisten haben beschlossen, sich als befonbere Gruppe zu organisieren. Ihre erste Landeskollferenz hat während der Pfingstfeiertage in Preßburg stattgefunden. Die Konferenz nahm mehrere, nationate Forderungen formulierende Resolutionen an. Trotzdem die Slowaken sicherlich, wenigstens der größere Teil des Proletariats, nicht auf jener Kulturstufe stehen, um ihre Angelegenheiten selbst führen zu können ulid dennoch ihre nationale Sonderstellung durch ge setzt haben, begeit wir wohl ein östliches und ein westliches. Auf dem ausgedehnten Plateau westlich vom Tempelturm wurden Teile des Palastes des Salmanassar des Ersten (um 1800) sowie des altberühmien Assur-Heuigtltlns ausgegraben. Die oberen Schuttschichten kleben fast überall Gebäudereste aus jüngeren Perioden erkennen, von denen namentlich eilt Tempel alls parthischer Zeit he rvvrzn heben ist. Zahlreich sind die Inschriften auf Steinblöcken und Stoinskulpturen llnd Tolltafeln, Tonprismen und Tvnkllüusell,' sie lehren uns eine ganze Reihe von Namen bisher nicht bekanllter assyrischer Herrscher kennen. Unter den Kleinfnndeu finb hervorzuheben Perlen mit und ohne Inschrift, Tvuscherben mit vrnamerltaler Bemalung, Bruchstücke von Skulpturen aus Basaltlava und Alabaster. Besonders wertvoll sind die sarbigell Emailziegel, die meist mit onlamentalell, mallchlnal aber auch mit figürlichen Tarsteliullgeu geziert sind. Die Deutsche Orieiltgesellschaft hat unter Vorsitz ihres ersten Präsidenten, des Prinzen Heinrich zu Schöllaich-Earvlath am 12. Mai ihre satzlulgsgemäste Hallptversalumlnug abgebalien, in welcher über einen crfrcitHcOcu Allfschwullg der Gesellschaft und über die sehr beachleuswerten Ergebnisse ihrer Unterucbmitutien im Laufe des Borjahres berichtet werden founle. Dem vor kurzem ansgegebenerl Heft der Mitteilungen der D. O.-G., auf welches wir unsere Leser hiugewiesen haben, läßt der Borstand jetzt nach kamtl vierzehntägiger Frist eitw neue nicht minder interessante Nummer folgelt, die 27. der ganzen tlleihe. Zu ihrem bisherigen Aufgaben, dem Ausgrabllngen in Babylon, Assnr und Abnsir, hat sich die Deutsche Orient-Gesellschaft noch eine neue gestellt, die Erforschung nnb Allfuahme der Sylragogellruillell Galileos. Bvll der zu diesern Zweck kürzlich entfanbten Expedition, die aus den Herren Negierultgsbauführer Kohl, Privatdozent ulld Direktvrialassistent Dr. Watzinger nnb dipl. Ing. Hitler besteht, wird der erste, ans Tell Hum, dem alter Kapernallm am See Geriezareth dadie geriilgste Hoffnung, daß die zumeist aus Juden bestehende Leitung der österreichischen sozialdemokratischen Parte endlich einmal ihre Angst vor den Klerikalen und Antisemiten in ihrer Partei überwinden und auch den Juden diejenigen Rechte einräumen wird, welche den anderen Nationalitäten innerhalb der Partei ohne weiteres zugestanden wurden. * q- * Zur Bodenreformbewegung Die in allen Kulturländern siegreich fortschreitende Bodenreformbewegung dringt auch in Oesterreich in immer weitere Kreise ein. Ein Hauptanteil an diesem Verdienste gebührt dem unermüdlichelr Führer der reichsdentschen Bodenreformer Adolf D a in a s ch k e. Von ihm liegt eine neue äußerst belehrende und agitatorisch wirkende Arbeit: Ein Jahrbuch der Bodenreform, I.Heft, vor. Dasselbe elithält: 1. Untersuchungen und Vorschläge, 2. Dokumente der Bodeliresorm, 3. Literatur, 4. Notizen. — Besonders der erste Artikel von Heirlrich F r e e s e: Ueber Wohnullg und Einkommen ist besonders lesensivert. Er zeigt besonders drastisch den engen Zusammenhang zwischeli den Bodenreformbestrebungen ulid den auf Besseriuig der Wohnungsinisöre gerichteten Zielen. Der Preis beträgt jährlich 5 Mk. Einzelheft 2 Mk. (Jena, Gustav Fischer.) Korrespondenten. Die Zirkumzisoren der Wiener Kultusgemeinde. Geehrter Herr Redakteur! Vor geraumer Zeit hat Ihre vielgelesene Zeitschrift unter allgemeilier Zustimmung darüber Klage geführt, daß sowohl dem „Israelitischen Franenverein" wie auch dem „Zentralverein für Wöchnerinnen" burd) eine höchst zweifelhafte Konkurrenz größere Summen entzogen werden. Namentlich ist es ein lediglich durch seine chirurgische Fertigkeit bekannter Arzt, der bei Zirkumzifionen es nicht für gelingend erachtet, seine durchaus normalen Leistungen sich in einer recht unbescheidenen Weise bezahlen zu lassen, sondern diesen religiösen Akt noch dazu benützt, um angeblich für arme Wöchnerinnen zu sammeln. Die Art und Weise, wie hier ohne Mandat und ohne Kontrolle Gelder erschuorrt werden, hat schon lange öffentliches Aergernis erregt und diese Professionsbettelei verdient um so schärferen Tadel, als bedauerlicherweise die niaßgebenden Kreise noch imnrer nicht sovi Heile Bericht veröffentlicht, der zu schönen Erwartungen berechtigt. — Ten Hauptinhalt des Heftes bildet ein zuMMnenfassender Rückblick ans die Ergebnisse der AnSgrabilUgen in Assnr ivährend der ersten anderthalb Jahre, ans der Feder ihres Leiters, des Herrn W. l'inbrae. In austerordentlich übersichtlicher Weise ist darin unter fortwährender Beriveisung ans die schon früher betailnten und die überaus zahlreichen neu gefmldenen Inschriften über all das berichtet, lvas für die 'Kenntnis der Topographie der Stadt Assnr, der Ehronologie und Geschichte des alten assyrischen Reiches und der stanlieuswerten Balltätigkeit feiner Herrscher während zweier Jahrtansende, nicht minbev aber auch für die Erweiterung unseres Wissells alls tnltur- und knnstgeschichttichelll Gebiet geleistet worden ist. Deutlich leuchtet aus diesenl Ueberblict hervor, rvelch glücklichell Griff die Deutsche Orieut-Gesellschaft mit der Wahl gerade bteifeü AusgrabnngsObjektes getall hat: ist doch tatsächlich Assnr die älteste Residenz Assiriells gewesen lind bis in neuassyrische Zeit, ja bis in die persisch-parthischeil Perioden hinein ehrivürdige Tenlpelstadt gebtiebell. Dadlirch ist zngleich die Gewähr dafür gegeben, daß auch die Fortführung der dortigen eine imrner reichere Allsbeute für die verschiedenstell Zweige der Altertlullswissellschaft bringen wird. Dgtz beispielsweise anch die Allihrvpvivgie lllld Ethnologie dabei riicht zu kurz kvilllnt, geht aus denl derr Schlllst des Heftes btlbcnbcn Aufsatz von W. Andrae hervor,' an der Hand vortrefflicher ZeichllUllgell unb Photograph'en gibt er darirl eine höchst au schauliche Schilderllng von einem assyrischen Gruftgelvölbe! mit seinem Inhalt an Skeletten lllld Beigaben, ivelches — ein seltener Fall — völlig nnb-erührt aefitnbeu ivurde in öem Zustande, tote es nach der Bestattnllg vor vielleicht 8000 Jahren voll dem Tranergefolge verlassetl worden war.