Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 27 (7.7.1905)
- Date
- 1905-07-07
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite L Nr. 27 •Jüdische« Volksblatt Was will man nur von den „Pragern"? Viele J'ühre hindurch hat man das jüdische Volk selbst, sowohl fein innerstes Leben, seine Kultur, als seine großen Wohlfahrtsinter-- essen vernachlässigt und sich dem Wahne hingcgeben, ihm mit einer mechanisch hinzupatzenden Staatsaktion helfen zu können. Jahrelang war man nicht nur im zionozen-trischen Irrtum befangen — das wäre verzeihlich. — sondern hatte auch noch die Einbildung, das halb abgesplitterte Stückchen Judentum im Westen mit seinem Mangel an jüdischem Leben und seinen paar jüdischen Kvähwinkelinteressen sei der Nabel des Gesamtjudentums. Jahrelang machte man die Palästinabestrebungcn, die in ihrem tiefsten Wesen eine andere als parteimäßige Organisation bedingen, zur Grundlage einer Partei. Und verwies wirklich politische, zur selbständigen Partcibildung herausfordernde Interessen in deren verstecktesten Winkel. Jahrelang hat man den Parteierfolg über den Sacherfolg gestellt, hat die Parteigenossen und Parteigruppen gezählt und nicht gewogen, hat ins Blaue hinein organisiert und sich dev schönen Partcistatistik gefreut, als steckten Zukunftskeimc in diesen öden Ziffern. Was will man nun von den „Pragern,,? Sie scheinen sich um die wirkliche jüdische Kultur uüd die wirkliche Wohlfahrt der jüdischen Allgemeinheit nicht viel zu kümmern... Ja, warum denn auch? Warum sollen sie sich mit Dingen befassen, die vom! lieben Gott itnb den Ostjudcn ohnehin besorgt werden? Warum sollen sic sich ihre jüdische Pflicht schwerer machen, als ihr westjüdisches Evangelium der Pauschalerlösung, auf die sich, so ruhig warten läßt, sie lehrt? Sie haben die ungeheure Majorität der Zionisten Oesterreichs, die nichtböhmischen, namentlich die ostjüdischen! geschickt majorisiert. . . Wahrlich, sie wären.Narren gewesen, hätten sie es nicht getan. Als die „westlichsten" Zionisten Oesterreichs müssen sie doch alles aufbieten, um ihren Standpunkt zur Geltung zu bringen. Hätten sie vielleicht nach Krakau gehen und sich dort von den polnischen Juden' nationale Aufführungsparagraphen vorschreiben laßen sollen? Sie interpretieren den österreichischen Zionismus als nichtpolitisch. . . Damit haben sie ja recht — sogar objektiv genommen, insofern die Zionsidee keine taugliche Grundlage für eine jüdischpolitische Partei ist. Aber auch subjektiv, insofern als ihnen in ihrem speziellen Falle eine jüdische Nationalpolitik nicht erwünscht ist iiii'b der Zionismus seinem Wesen nach nicht just jüdische Nationalpolitik haben muß, sondem jede jüdische Politik, die seinem Schlußziel, respektive seiner Organisation dienen kann, verträgt. die gesamte talmudtsche und jüdisch-orientalische Literatur. Er erscheint als Vertreter der jüdischen Theologie. 2. Herr Professor phil. et theol. Dr. August Wünsche behandelt: Die erste Nevision des Manuskriptes, die außerjüdisch-orientalische und insbesouders die patristische, arabische, syrische, assyriologische usw. Literatur. Er erscheint als Vertreter der protestantischen Theologie. 3. Herr phil. et theol. Dr. I. Lauz-Liebenfes, prüf, et presb. ord. eist., behandelt: Die zweite Revision sowie Belege, Verweisungen usw. zu: Septuaginta und Vulgata, zu Ulsilas, zur klassischen und germanischen Literatur. Er erscheint als Vertreter der katholischen Theologie. Insgesamt lvird jeder dieser Arbeitskreise das kulturgeschichtliche Gebiet nach der Richtung hin beachten, das; sämtliche ir; Betracht kommenden Stellen dieser Quellen in Beziehung gebracht werden zu den neuesten archäologischen, philologischen, anthropologischen und sonstigen Forschungen. Es sei zum Schlüsse noch einmal erwähnt, das; jedem der Herren Herausgeber fiir das von ihm behandelnde Arbeitsgebiet eine Reihe der Hervorragendsten Gelehrten des In- und Auslandes zur Verfügung stehen. Die Monnlnenta Indien werdet; in Lieferungen erscheinen und tiur in wenigen über die Sttbskriptiottsauzahl hirlausreichenden Exemplaren gedrrlckt. Jede Lieferltng bildet ein Heft, enthaltend fünf zweispaltige Druckbogen in Groß-Lexiko»:- Format. Zur Subskription werden vorerst aufgelegt: Biblivtheea Targumiea: 1. Teil: Aramaeiea. Die drei Bünde dieses Teiles samt Appendix werden ungefähr 20—25 Hefte umfassen. Sie verweisen auf die Erfolge, die sie trotz ihrer Taktik oder durch sie errungen haben. Wieder mit Recht. In der Tat haben sic Gruppe auf Gruppe gegründet, in Prag sogar ein zionistisches Vercinshaus gebaut^ wenn ich nicht irre. Konnten sie das oberste Parteigebot „Mehret euch!" getreuer befolgen? Was will man von ihnen? Wie hätten sie sich anders benehmen sollen, als sie sich benehmen? Sie haben es ja so gelernt. Sie sind unschuldig, ganz unschuldig. Das System ist der Schuldige! Man gehe doch hin und stelle das Leben im jüdischen Volkstum, in seiner Kultur, als oberstes jüdischnationales Prinzip auf. Man werfe den Ballast einer Staatsukopie von sich. Man anerkenne das Ostjudentum als Träger eines lebendigen jüdischen Volkstums und suche ihm wenigstens die besseren Kräfte des jüdischen Westens anzugliedern. Man schaffe das Palästinawerk in ein unpolitisches, aber von nationalen und kulturellen Motiven getriebenes Kolonisationsunternehmen um. Man fördere die Tendenz, das jüdische Volk zu einem normalen Boden für normale politische Parteibildungen zu machen, auf daß es in diesen Parteien und Gruppen an den großen Menschheitsdingen und den großen jüdischen Wohlfahrtswerken mit: arbeite. Man lehre, in allen Aktionen Wohl auf gute Ordnung und Einteilung, aber auch auf Sachlichkeit und Inhalt zu achten . . . Dann wird man keinen Grund haben, sich über die „Prager" zu entrüsten. Es wird dann Wohl weniger, viel weniger böhmische Namens- Nationaljuden — wer braucht sie auch alle? — gewiß aber eine Reihe echter Nationaljudm geben. Diese worden vielleicht aus lokalen Gründen keine Macht und daher keine Lust haben, innere nationale Politik zu treiben. Sie werden sich vielleicht auch gedrängt fühlen, der Kultur des deutschen! oder tschechischen Volkes Achtung oder Anhänglichkeit zu bezeugen — was sicherlich noch kein Laster ist. Aber das nationale Vollgewicht werden sie jedenfalls haben. Sie werden alles so einzurichten lvissen, daß sie sich niemandem aufdrängen und ihrer nationalen Würde nichts vergeben. Sie werden sich sicherlich jeder ein Feld jüdischnationalev Tätigkeit suchen — vielleicht nicht zum mindesten das Gebiet der Palästinasache. Und, was die Hauptsache ist, sie werden die jüdische Gesamtheit nicht stören, niemanden majorisieren, bloß auf ihren Plätzen und am rechten Platze wirken .. . Aber — die Zionisten haben anderes zu tun, als meine Ratschläge zu befolgen. Ich weiß es und gedulde tnich gerne. Die Mühlen der Entwicklung mahlen langsam, aber sicher. Die Prager Affäre ist nicht die erste ihrer Art. Schon früher gab's welche. Ich möchte z. B. an die Ugandageschichte erinnern, die den Anstoß zum Mvtlnmenta Talnmdica: 1. Serie: Babel und Bibel. Hiervon erscheinen jährlich vier Hefte, die entsprechend der inhaltlichen Eititeilnng zu eitlem Bande vereinigt werden. Jeder Band wird zmn Schluß noch ein alphabetisches Register enthalten, überdies soll tiach Abschluß des ganzen Werkes ein solches Gesamtregister beigegeben werden. Huntes Feuilleton. Eine Spottmüuze auf Juderrtänfliuge. Eine in meinem Besitze befindliche Mü;;ze, schreibt Herr Louis L a m m-Berlin im „Jsra.elit", gehört zu den merkwürdigsten Erzetlgitissen aus der Weltde des 17. Jahrhunderts. Die Kirche bemühte sich mit größten: Eifer, jüdische Seele;: aus dem „Fegfeuer des Judentums", wie es einmal heißt, zu retten. Unter den Getauften fandet: sich aber häufig solche, die wieder zum alten Glauben zurückkehren. Für jene war nun diese Medaille gemünzt. Die Aversseite zeigt einen christlichen Geistlichen, der in einer Hand das Taufwasser über einen vor ihm knienden Jude;: ausgießt. Der Taufakt wird am Stra;:de eines Gewässers vollzogen und der Henker ist zugegen, um den Jrlde;: — dem obendrein noch ein schwerer Mühlstein an den Hals gehängt ist;:ach vollzogeiter Taufe i;:s Wasser zu stürzen. ,80 BLEIBT ER AM BESTEN D1GSTEN“ steht darüber. Schudt, der in seinen „Jüdischen Merkwürdigkeiten" (Bd. II., Kap. 26, Tcrritorialismus gab. Das war auch so eine Art Prager Affäre, die einigen wenigen die Augen öffnete, den ineisten nur einen kleinen Schimmer des Lichtes gab. Aber es koimnen noch solche Geschichtet:. Jede bringt eine neue Klärtmg. Jede treibt ein paar Mitläufer fori, die sich auf Nimmerwiedersehen verlieren. Jede lockert den Ausharrenden die Binde vor den Augen. Bis sie zuletzt fällt, bis die Guten auch von ihren liebsten und hartnäckigsten Jrrtümern lassen ... Die Mühlen der Entwicklung mahlen langsam, aber sicher. Mathias Ach er. ' Deutsch-deutsche Schulpolitik i« der Bukowina. Am 14. April d. I. erschien in unserem Blatte ein Artikel unseres Czernowitzer Korrespondenten, der sich mit den Schulverhältnissen in der Bukowina und dem Verhältnisse der jüdischen Lehrkräfte zu den übrigen beschäftigte. Die „Bukowinaer Post" kommt nun in ihrer Nummer von 2. d. M. auf unseren Artikel zurück und knüpft an denselben folgende Bemerkungen: „Diesen Angaben wäre;:och hinzuzufügen, daß die jüdische Lehrkraft von Eisenau bereits auf der Mander ist und jetzt an der Schule in Jakobein) sich befindet und auch die zweite aus Tereblestie an einen anderen Dienstort gelangt ist. Außer diesen und einigen andere;: kleinen Verschiebungen aber hat sich daS Gesamtbild nicht geändert. Nach diesen Daten erweckt es den Eü:druck, daß inan die deutschen Schulen möglichst judenrein habe;: will. Sollte dieses Bestreben weiterhin bemerkbar werden und zur Kenntnis der jüdischen Bevölkerung gela;:gen, dann wird eine begreifliche Erbitterung entstehen und der Herr Landesschulinspektor Doktor Tumlirz hierfür verantwortlich gemacht werden müsse;:. Der Einwand, die Zahl der vorhandenen jüdischen Lehrkräfte überhaupt sei eine geringe, wird von informierter Seite als völlig unstichhältig bezeichnet. Es gibt wiederholt jüdische Bewerber um Stellen, trotzdem vorgearbeitet ist, indem an der Lehrer- und Lehrerinnenanstalt ein sehr geringer Prozentsatz jüdischer Aufnahmsbewerber Platz findet. Gerade von deutscher Seite sollte man bemüht sein, jüdische Lehrkräfte heranzuziehen. Durch eine entgegengesetzte Richtung würden die Juden bei den Autochthonen des Landes, da sie in den rumänischen und ruthenischen Schulen ihre Zufluchtsstätte suchen müssen, bald begeisterte Kämpfer gegen das Deutschtum finden, die sie in diesem Kampfe dann unterstützen inüßten. Der S. 85) schon im Jahre 1714 eine genaue Abbildung der Münze bringt, erinnert an das Beispiel des Moskowitischen Großfürsten Basilowitz, der alle Juden nach ihrer Taufe ins Wasser stürzen und ersäufen ließ. — Die Rückseite der Münze enthält auf 14 Zeilen folgende Inschrift: SELTEN| WIRD EIN IUD| EIN CHRIST| ER HAB DENN WAS| BEGANGEN,| AUCH THUT ERS MEIST| UMBS GELDT| DASS ER NICHT, HANGEN DARFF| DENN WANN ERS| AN DES STIEHL,| SO STRAFFT MANN| IHN ZU| SCHARFF| * * * Die Ausstattung des Stückes ist (nach Albert Wolf in der „Monatsschrift f. Gesch. u. Wissensch. d. Judentums", 1900 S. 641, dem ich im wesentlichen folge) im Geschmack des Wermut und die ebenzitierte Inschrift soll auf ein Scherzwort Luthers an Prediger Menius in Eisenach zurückzuführen sein. Eine dritte Inschrift (die bei Albert Wolf in der Monatsschrift anscheinend durch einen Irrtum nicht abgedruckt ist) befindet sich in erhabener Schrift auf der Kantseite der Münze. Sie lautet: WENN DIE MAUS DIE KATZE FRISST — WIRD EIN IUD EIN WAHRER CHRIST. Dies bezieht sich auf einen angesehenen Juden in Köln am Rhein, der in: 13. Jahrhundert zum Christentum übertrat, aber kurz vor seinen: Tode Reue empfand. Zu seiner letzten Stunde ließ er eine Maus und eine Katze, die von Geburt auf getrennt gefangen gehalten wurden,