Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 27 (7.7.1905)
- Date
- 1905-07-07
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Nr. 27 Aus den mit den Kliniken in enger Verbindung stehenden Instituten für die Lehrfächer „Pathologische Anatomie" und „Gerichtliche Medizin" sind die Juden unter dem Einflüsse des deutschnationalen Chefs Hofrat Prof. Chiari nnd Prof Dittrich verdrängt worden. Als nach langer Zeit Prof. Chiari infolge Aerztcmangels sich gezwungen sah, einem jüdischen Aerzt eine Assistentenstelle zu übertragen, wurde letzterer kurze Zeit darauf, als sich ein arischer Arzt farrd, derart znrückgesetzt, daß er seine Stelle niederlegte, da er im Gegensätze zu anderen Kollegen Ehrgefühl im Leibe hatte. Professor Dittrich wählt sogar lieber einen arischen Studenten als einen jüdischen graduierten Arzt zum Assistenten. U n d s e l b st die w e n i g e n j tt d i s ch c tt Vorstände beugen sich -vor dem allmächtigen d e u t s ch n a t i o n a l e n Einfluß und setzen d i e In d e n allenthalben zurück. Hofrat Prof. Pick suchte für die Stelle eines zweiten Assistenten einen arischen Arzt in Prag, Wien und Innsbruck, obzwar an seiner Klinik genügend geeignete Aerzte waren, die nur den einen «Fehler hatten, Juden zu sein. Daß die AssistentenlaufbaHn auch den tüchtigsten jüdischen Aerzten an den nichtoperativen Kliniken verschlossen bleibt, wäre, so deprimierend es für die Betroffenen ist, schließlich noch zu verschmerzen, da in diesen! Fächern auch in der untergeordneten Stellung eines Externarztes eine genügende Ausbildung erworben werden kann. Ausgeschlossen ist aber eine spezialistische Ausbildung in jedem operativem Fache, da zn den größeren Operationen, wie selbstverständlich, nur die Assistenten zugelassen werden. Unter solchen Umständen ist die spezialistische Ausbildung sowohl der jüdischen Aerzte als auch des künftigen Nachwuchses für immer unterbunden, falls nicht die Judenzur S e l b st h i l f e greife n. Wenn nun in Prag, wo das Gros der Mediziner und Spezialärzte an der deutschen Hochschule aus Juden besteht, diese in ihrer Ausbildung verhindert sind, um wieviel mehr gilt dies für die anderen Hochschulen Oesterreichs, an denen die Juden naturgemäß nur einen geringen Prozentsatz ausmachen. Aus diesen Gründen wenden sich die Unterzeichneten jüdischen Aerzte an die löbliche Kultusgemeinde, als die für alle jüdischen Angelegenheiten kompetente Behörde, mit der Bitte: „Die jüdische Kultusgemeindo möge den Neubau eines jüdischen -Spitals sobald als möglich in Angriff nehmen und dasselbe nach dem Muster des Wiener Rothschilüspitals zn einer modernen Krankenheilanstalt mit besonderer Berücksichtigung der operativen Fächer ausgestalten." Damit wäre nicht nur den Interessen der jüdischen Aerzte gedient, sondern auch einem dringenden Bedürfnisse des hiesigen jüdischen Publikums abgeholfen, welches vielfach ans die Hilfe auswärtiger Operateure und der teuren Sanatorien angewiesen ist. Es ist aber notwendig, daß bei Realisierung dieses Projektes die Leitung der Anstalt und die Besetzung der Stellen, die nur von hervorragenden Fachmännern bekleidet werden dürfen, ganz in die Kompetenz der Kultusgemeinde falle. Je länger die Ausführung dieses Projektes hinausgeschoben wird, desto länger ist der jüdische Aerztestand im Konkurrenzkämpfe gegenüber den arischen Assrzten benachteiligt. Die Unterzeichneten Aerzte sprechen die Hoffnung aus, daß bei Lösung der Spitalsfrage die erwähnten Momente Berücksichtigung finden mögen. Endziel des staatlichen, Daseins zu erblicken. Joseph- Chamderlains frischer Imperialismus hat mit der politischen Qucikerei in den letzten zwanzig Jahren aufgeräumt. Monumenta Judaica. Demnächst beginnt zn erscheinen: M o n um e n t a I u d a i c a. Unter Mitwirknng namhafter Gelehrter des Innnd Auslandes herallsgegeben von: August Wünsche, Jörg Lanz-Liebenfels, Moriz Altschüler. 1. Biblivtheea Targumica. Sämtliche Targnmim zum alten Testamente, ill erstmaliger Uebersetznng. 2. Mvnumenta Talmndiea. Die wesentlichen historischen Quellen und Stellen des Talmud, in erstmaliger Uebersetznng. Nach dem vom Akademischen Verlag in Gemeinschaft mit den Herrell Herausgebern ausgearbeiteten Plane werden die Monumenta Judaica entsprechend ihrem Titel jene in Beziehung zur jüdischen Kultur stehenden Quellen enthalten, die bislang irenig oder überhaupt nicht übersetzt« geschweige deltn wissenschaftlich behandelt wvrden sind. Es kommen für dieses Programm zwei Hauptrichtllllgell in Betracht: Vorerst: Die ältesten Ueberfetznngen der Bibel, die geradezu als Primär-Quellen angesehen werden lnüssen, deren Kenntnis aber bislang aus philologischen und anderen Gründen besonders der historischen Forschung verschlossen war. Sodann kommt hier jenes große Werk ill Betracht, das trotz der ziemlich bedeutenden Literatur, die über dasselbe vorhanden ist, eigentlich noch heute als ein Buch >nit sieben Siegeln erscheillt, nämlich: der Talinnü. Die Monumenta Jndaiea werden demnach entsprechend diesell beiden Haiiptrichtnngen auch in zwei große Unternehmungen zerfallen: Jüdischeg Volksblatt Dieses Schriftstück bedarf eigentlich keines Kommentars mehr. Es spricht in klarster und eindringlichster Weise. Ohne Leidenschaft, ohne tendenziöse Färbung deckt es die furchtbarsten Wahrheiten auf. Es könnte ein geschätztes Dokument für die Kultur des erleuchteten 20. Jahrhunderts abgeben. Was einerseits die kühnsten Antisemiten, andrerseits die verbohrtesten Assimilanten sich nie hätten träumen lassen, was am Wiener Hochschultage zaghaft als Wunsch ausgesprochen wurde, da niemand ahnte, es könnte jemals in Opferreich verwirklicht werden, das sehen wir berei'ts ungehindert praktiziert, den Juden wird der Zugang zum Studium verwehrt. Dazu noch in Prag, dev Hochburg des Liberalismus! An der Prager Universität, an der ein großer Teil der Studenten jüdisch ist. Was haben die Prager Juden schon für das Deutschtum geleistet, welche Opfer an Geld, an Arbeit haben sie gebracht und welchen Dank haben sie dafür geerntet? Wieviele Beleidigungen und Zurücksetzungen mußten, sie sich gefallen lassen, jetzt werden sie sogar aus der deutschen Klinik hevausgeworfen. So weit miußte es also kommen, bis die Juden ihrer selbst bewußt wurden. Erst wenn ihre Ehre in gröbster Weise angetastet wrirde, erst wenn sie an ihrem Erwerbe geschmälert werden, besinnen sie sich, daß etwas „im Interesse des gesamten jüdischen A e r z t e st a n d e s wie nicht minderimJnteresse d e s j üd i sch e n Publikum s" zu geschehen hat. „Die I u den müsse n> z u r Selb sthilfe greife n." Dies mögen sich die Herren täglich und stündlich vor Augen, halten. Sie, die ehemals stramme deutsche Couleurstudenten waren, deutschnationalen Vereinen anigehörten und auch noch angohüren, mögen niemals vergessen, daß sie selbst in der Stunde ihrer Not diesen Nus ergehen ließen. Jetzt erinnern sie sich des Judentums, das für sie ein überwundener Standpunkt war, für welches sie nur ein mitleidiges, geringschätzendcs Lächeln, übrig hatten. Sie dürfen aber nicht davor zurückschrecken, aus ihrer leider auf so traurige Weise gewonnenen UeberzeuWng alle Konsequenzen zu ziehen. Dessen Inneres sich nicht ob dieser dem Judentum angetanen Schmach mit ganzer Wucht aufbäumt, dev es noch über sich bringt, unter Verleugnung seiner selbst dem Deutschtum knechtische Dienste zu leisten, verdient keine bessere Behandlung. Die Kultusgemeinde-Nepräsentanz kann nicht das große Werk der Selbsthilfe vollbringen, wenn sie nicht in der jüdischen Bevölkerung tatkräftige Stütze und Interesse statt krasser Indolenz findet. Doch der richtige Weg ist betreten, der erste Schritt ist getan. Das erste Unternehmen führt den Titel: Blbliotheea Targumica, d. s. sämtliche Primärübersetzungen des alten Testamentes. Das zweite Unternehmen führt den Titel: Monumenta Talmndiea, d. s. jene historischen Stellen und Quellen des Talmud, die zn dein Weltbilde des Altertums, sowie zur Geschichte desselben in irgend welcher Beziehung stehen. Das erste Unternehmen: Bibliotheka Targnmiea wird als hervorragendsten Teil jene wichtigste, erste und älteste Uebersetznng umfassen, die bislang überhaupt noch nicht zugänglich gemacht wurde, nämlich die Aramaeica,' dieselbe soll in drei Bünden erscheinet«, u. zivar soll sie enthalten: 1. Teil: Aramaeica. 1. Band: Die Targnmim zum Pelltatench, 1. Abt.: Onkelvs, 2. Abt.: Jonathan und Jernschalml l und 2. 2. Band: Die Targnmim zu den Propheten. 3. Band: Die Targnlnin« zn den Hagiagraphen. Der zn diesen« Teil gehörige Appendix sott die abschließenden Untersuchungen über sämtliche drei Bände enthalte». Ferner sind für die Biblivtheea Targumica i» Aussicht genommen: Die Uebersetznng und Behandlung nachfolgender Quellen, deren jede «vieder in einen Band znsamm-engefaßt «verden soll. 2. Teil: Sam-aritaniea, 3. Teil: Spriaea, 4. Teil: Gothiea, 5. Teil: Arabien. Das zweite Unternehmen enthält: Die Monnmenta Talmndiea. Dieselben bringen alle jene Worte, Begriffe nfw., die sich in irgend welcher Beziehung zu einer ui der wissenschaftlichen Forschung eben zur Dis- Die Mühlen der Entwicklung. Zum Mager Parteitag. Es wird wohl recht viele Schekelzahler in der österreichischen, ZiomstenorMnisation geben, aber Zionisten, die gerne mehr tun wollten als bloß Schekel zahlen und gerne mehr getan, sehen möchten, als von Partei wegen geschieht, gewiß nur verhältnismäßig wenige. So ist es nur natürlich, daß diesen wenigen nichts anderes übrig bleibt, als sich über den Sommer- und Winterschlaf der Partei jahraus jabrein zn entrüsten!. Für diese Entrüstung aber, die bei der Beschaffenheit ihres Objektes selbst einzuschlafen droht, ist cs gut, wenn sich besagtes Objekt hie und da noch etwas mehr als einfaches Nichtstun zu schulden kommen läßt. Diesmal war es der vielbesprochene Beschluß des ebenverflossenen Prager Parteitages, der die Rolle des „Aufmischens" übernahm. Und gründlich übernahm! Me Aufregung ist groß. Sie hat Zionisten der verschiedensten Färbung zu einem einzigen Protestschrei geeimgi. Selbst ausgesprochene Disziplinmänner tun mit. Und es sind harte Worte, die sie den Schuldigen entgcgenschleudern. Fast möchte ich sagen: Zu harte Worte! Denn — aufrichtig gestanden — die armen Sieger von Prag tun mir leid, wirklich leid. Sie kommen mir fast wie Märtyrer vor nnd werden sich selber als solche empfinden. Ich kanip ihnen die Bitterkeit nachempfinden, mit der sie sich sagen werden : Ist das der Lohn dafür, daß wir ihren Weg bis ans Ende gingen? So danken sie uns, d a ß w i r ihnen den Sinn ihrer Prinzipien ins Lebendige übersetzen?! Weil w i r wissen, wohin s i e müssen, dafür lassen sie uns leiden? d Ja, so ist es. Das ist doch eine alte Geschichte, daß die Welt keinen Dank kennt. Und die guten Prager, Teplitzer nsw. werden sich, vorläufig wenigstens, mit meiner Dankbarkeit begnügen müssen. Ich fühle mich ihnen wirklich verpflichtet. Da mühe ich mich seit Jahr und Tag ab, meinen lieben zionistischen Freunden begreiflich zu machen, was und wohin sie eigentlich treiben, wie sie beim besten Willen und trotz ihrer reichen Niräfte aus einem organischen Fehler heraus nichtsOrdcntliches zusaminenbringen können, weder für „Zion" noch sonst für ihr Volk. Suche ihnen, so gut ich kann, den organischen Fehler, an dein sie kranken, nachzuweisen und zn beschreiben. Und habe doch keine andere Befriedigung als daß ich meine Pflicht tue und von Zeit zn Zeit Tatsachen und Tatsächlein erlebe, die, wirksamer als meine im Grunde überflüssigen Worte, jene allmählich belehren und bekehren. Und so ein« famoses Aust klärnngstatsächlein ist die Prager Affäre. lnssivu stehenden Frage besinnen, mit allen dazugehörigen Belege», Verweisen uslv. So wird die erste Serie das derzeit so wichtige Gebiet des babnlonischen Weltbildes behandeln und direkt den Titel führen: Badet und Bidet. Es werden behandelt ««'erden in Heft 1 nnd 2: ratia, Schvwajim, te-lwn«, tet'ufa, adam Kadntoii; ferner: Planeten, Aivn ate, Engelnamen nnd Gerichtstage, Diesseits und Jenseits nsiv. lieber die Arbeit selbst gestatten wir unS Folgendes zn bewerte»: Um bei den schwerwiegenden sozialen und politischen Momenten, die außer den wissenschaftlichen noch bei den: Monumenta Jndaiea in Betracht kommen, der Oeffentlichkeit die Bvranssetznngölvsigkeit der Arbeit nach jeder Richtung hin zu verbürgen, schien es am zweckmäßigsten, von den drei großen, hier vor allem beteiligten Konfessionen je einen hervorragenden wissenschastlichen Vertreter atS Herausgeber zn finden. Dieser Anfvrdernng glauben «vir in den Personen der vorher genannten Herren Heransgeber vollauf entsprochen zn haben. Die Arbeitsteilung ist derart dnrchgeführt. daß jeder der Herren Heransgeber mit einem für sein Gebiet in Betracht kommenden Kreis von Mitarbeitern vollständig selbständig arbeitet und daß die von einander abweichenden Meinungen — seien dieselben philologischer, historischer nsiv. Natur — als selbständige Noten zn den« Text geführt «verden, derart, daß für die abweichende Meinung jeder der Herren Herausgeber und Mitarbeiter selbständig signjert und allein die Verantwortung übernimmt. Andrerseits ist aber bei den Stellen, bei denen diese drei getrennten Kreide übereinstimm en, geradezu die Gewähr sowohl für di».' Richtigkeit der 'Uebersetznng als für die Anslegnngen n««d Beziehungen gegeben. Das Arbeitsgebiet verteilt sich «vie folgt: l. Herr Dr. M. Altschüler, Heransgeber der Vierteliahrsschrist für BibeAunde n>w, behandelt: Grnndtext, Tex>lritit, erste llebersetzung, ferner