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Jüdisches Volksblatt · 1905-06-30 · 26 (30.6.1905) · page 11

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
26 (30.6.1905)
Date
1905-06-30
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 2G Jüdisches Volksblatt (Fortsetzung aus dem Hauptblatte.) F:" Der böhmische Zionist. Von Dr. Bergmann in Pardubitz. Der Prager Zionistcntag und sein Verlauf erfüllte mich mit Freude, während er andere Genossen so sehr aufregte, daß sie uns am der Partei heransjageir tmd herauspeitschen wollen, nachdem bereits viele herausgeekelt lvurden. Mich freute es, daß der ununterbrochene Propagator des NationalitäteirfriebenS im „Donaureiche", Herr Tr. badisch, nicht mehr als Berichterstatter, sondern als Delegierter am Parteitag erschien. Die Volkspartei gehört ja zu uns und sie wird sich große Verdienste mit die Judenheit erwerben, wenn sie dazu beiträgt, die Inden politisch zu erziehen. Die Staatsgrundgesetze sind halt auf Holzpapier gedruckt und deshalb uns gegenüber bloße Makulatur. Wir haben als Juden dieselben zu beleben und dazu beizutragen, daß diese Gesetze in die Praxis übertragen werden. Daß ein Ansang geschehen ist, freute mich atlßerordeinlich. Nicht minder angenehm berührte es mich, daß der Stamm, auf dein wir sitzen, angebohrt wurde. Ter Sturm, den dieses Beginnen zur Folge bat, wird es mit sieb bringen, daß von nun an besser gearbeitet werden wird als bisher, lleberblicken wir nur einmal, was für Beschlüsse die Zionisteutage gefaßt haben. Jtt Olmütz dekretierte man, daß eine täglich erscheinende Zeitung geschaffen werden muß auf Grund von Aktien 511 2 Kr., in Bielitz wurde eineinhalb Tage anseinanüergcsetzt, daß die Galizianer keine Parteisteuer zahlen können, sodann in -einein politischen Programm die Bnei Brith sowie die Union abgeschlachtet und in späder Abendstunde das Belkindsche Kiriath Seser „subventioniert", ohne die Vorfrage auch nnr zti berühren, ob es sich um eine Genossenschaft oder eine Aktiengesellschaft handelt. In Prag setzt die Parteileitung auseinaw der, daß sie an Ueberfluß an Geldmangel leidet mtd schlägt sofort die Gründung eines „Katastrophenfonds" vor. So uuvorbereitet wie bei uns die ein Vermögen verbrauchenden Versammlungen stattfinden, erscheint im letzten Dorfe nicht einmal die Feuerwehrvcrsammlling. Das wird hoffentlich anders lverden. Es muß ein Kontakt ztvischen den Vereinen und der Leitting stattfinden. Worüber am Parteitage beraten werden soll, das müssen monatelang zuvor die Vereine wissen, hierüber haben die Vereine zu beraten und ihr Gutachten einzusendeu. Der Referent lvird aus diesen Gutachten die Ansichten der Vereinsmitglieder kennen, dem Parteitage lvird jeder Zivilist mit Interesse entgegensehen. Ich habe die Parteileitung schon vor Blonden aus dieses Erfordernis aufmerksam gemacht, leider vergebens. Ebenso schlampig ist die Bestimmung gearbeitet, lvelehe in Prag abgelehnt wurde lind Mur zu Protesten Anlaß gegeben hat. Diese Bestimmung lautet: Hellte schon ein offizielles Parteiprogramm aufzustellen, ist unangebracht. Aufrecht bleibt das Mindestprogramm, luouad) die Zugehörigkeit zur zionistischeil Partei unvereinbar ist mit der Mitgliedschaft an freiildnatioilalen Vereinen. Diese Fassung ist unklar und im lvirklichen Leben undurchführbar. Ich möchte das exemplifiziereil: Vor einigen Wochen ersuchte nrich ein Konzu pient, ich niöchte ihnr l Kr. geben. Sofort erhielt er den Betrag nnd quittierte ihn mit einer Bestätigling, daß ich Mitglied einer Beseda in seinem Heimatsdorfe in Bläh reu bin. .Natürlich habe ich diese Bestätigung sofort zerrissen. Alljährlich kassiert bei mir ein Gerichtssekretär 4 At'r. für die Joiiaksche Stiftling zur Uilterstützlmg tschechischer Juristen ein. So werde ich zahlendes Mitglied frenldnationaler Vereine. Ebenso geht es jenen Zionisten, die an den mährischen Gymnasien als Professoren angestellt sind. Auch die müssen» zu „fremdnationalen" Vereinen Beiträge leisten und ebenso jene Männer der Wissenschaft, die an der Prager deutschen Universität oder an der in Czernowitz dozieren. Wir, die wir in exponierten Lebensstellungen sind, zahlen! nnr dann, Ivennwir im wahren Sinne des Wortes gezwungen und angeschnorrt werden, paar Kronen dein einen oder anderen Vereine, ohne uns sonst um frenldnationale Angelegenheiten zu kümmern. Etwas anderes ist! es aber, aktives Mitglied nichtjüdischer Vereine zu sein und sogar im Ausschüsse zu sitzen. Ein solches Tun ist mit dem Zionismus unvereinbar und die Teplitzer müssen die Konsequenzen ziehen. Weil wir Wahrheitsmenschen sind, so praponiere ich die Fassung so vor: Zioitisten dürfennicht tätige Mitglieder fremdnationaler, politischer oder politische Tendenzen anstrebender Vereine sein. Diese Fassung dürfte unserem nationalen Ideal als auch dem' wirklichen Leben entsprecheil. Hätten wir ein zionistisches ABE, zu dem ich in Kurreiils „Jüdischer Ehronik" Bausteine zusaminengetragen habe, so würden sich Teplitzer Ereignisse nicht wiederholen. Dasselbe wird wohl erst-daun angelegt tverden, bis die Wiener Herren die Tageszeitung, Den Katastrophenfonds usw. usw. gegründet haben werden. Nicht wenig mußte ich lacheit, als ich die Zwischenrufe „böhmischer Zionist" gelesen habe. Es soll das soviel heißen, als ininderwertiger Jtide. Ja, wenn wir, die wir in sprachlicher Beziehung unvollkommen „gelernte Deutsche" sind, koirjugieren würden, könnte uns das niemand übel auslegen, weil ja das Deutsche nicht unsere Umgangssprache ist, wenn aber Olmützer und Brünner Genossen, deren Muttersprache das Deutsche ist, auch konjugieren und jüdisch, jüdischer, am jüdischesten, sowie zionistisch, zionistischer, am zionibtschesten unterscheiden, so muß mau ja dazu lacheit und empfehlen, daß solche tlebungen einfür allemal aufhören. Ist es aber auch richtig, daß der böhmische Zionismus eirr minderwertiger ist? Die Prager Zionisten haben eine Borschußkasse gegründet, die den Einlegern absolute Sicherheit gewährt und nur den Vorwurf verdient, daß sie ihren Schuldnern einen etwas höheren Zinsfuß berechnet, als jener ist, den unsere Bank von den Natianalfoitdssammluitgen berechnet. Unser Lebenhart hat „Jungjuda" gegrüirdet und sein Vermögen in diese Gründuitg hineingesteckt, Nesek hat mindestens sechs Monate seines Lebens der Bewegung geopfert. Unsere Prager Genossen haben es verstanden, weitere vermögendere Kreise für die Erhaltung der Toynbeehalle zu gewinnen, turd dieselben zu veranlassen, daß eine jüdische Lesehalle von ihnen erhalten wird. Das sind Taten, welche beweisen, daß lvir arbeiten und das mit Erfolg. Wie es in Mähren aussehaut tind Ivie in Wien, das luiffen wir ja alle. Auch lvir verurteilen es, daß und wenn Zionisten tätige Mitglieder unjüdischer Vereine sind, lvir werden aber selbst diese Zionisten erziehen und belehren, lveiter unsere Pflichten erfüllen, hoffend, daß von nun an die Vereine rechtzeitig ztir Beratliilg über alle schwebenden Fragen herangezogen werden, daß den Parteitagen reife Früchte vorgelegt werden lind daß eine bessere Zeit für uns mit dem Prager Parteitage beginnt. Sollte das aber ilicht geschehen, so werden lvir trotzdem weiter arbeiten, lins auf eigene Füße stellen, Denn lvir sind — böhmische Zionisten. Jüdischer Selbstschutz in Rußland. lieber dieses jetzt gewiß aktuelle Thema plaudert „Eines" in einer der jüngsten Numlneril des Petersburger jüdischen Tagblattes „Der Fraind": „Wovon' soll man jetzt sprechen, ivenn nicht von den, „letzten Tagen", ivenn nicht davon, daß Inden nunmehr beginnen, sich den „Pogromschtschiks" (Mob, der die Judenmetzeleien inspiriert. Anm. d. Uebers.) entgegenzustellen' oder, ivie lnan es heilte ztl nennen pflegt, voin! „jüdischen Selbstschutz"? Mit diesenl! Thema beschäftigeil sich jetzt alle Zeitungen, es bildet überall das Tagesgespräch. Es erscheint jebemi so mnt, daß Juden Widerstand leisten, tveirn sie geschlagen lverden, daß man allgemein, die Ho ineler jüdische Jugeild, die sich anläßlich der dortigen Exzesse gegen die Juden! zum Selbstschutz organisierten, als die ersten, Organisatoren jüdischen Selbstschntzes in, Rußland hinstellt. „Welche Frechheit voll ben ewig erschrockenen Juden, sich plötzlich zu widersctzen?!" ruft alles verwundert und ergrilmllt aus. Ueberall, in Hoincl, Bl oh i lew, Schitomir und anderen jüdischen Städten, wo iir^ den letzteil paar Jahren Pogroms gegen. Juden stattfanden, tat ntetit erzürnt über diese neue „jüdische Frechheit" und für viele ivar dies Grund genug zu neuen Ausschreitullgen, zu neuen Plünderungen uud lreuen Mordelt. Tatsächlich ist diese neue „jüdische Frechheit" des jüdischen, Selbstschutzes gar nicht neu und die Homeler jüdische Jugend war gar nicht die erste, die einen jüdischen Selbschutz für den Fall von Ausschreitungen gegen Juden organisierte. Schon anläßlich der sich häufenden Pogroms in Den Achtzigerjahren haben die' Juden in einigen Städten einen Selbstschutz organisiert. Ich selbst hatte Gelegenheit, solche Selbstschutzorgallisationen in einigeit jüdischen Städten Podoliens kennen zu lernen. Der damalige jüdische Selbstschlltz war aber ganz anders geartet als der heutige. Zunächst gehörten zu Den: damaligen jüdischen ^Abstich ülzeru im atlgenleinen nur sehr ivenige Söhne aus „besseren Familien". Tie jüdischen Bürgersöhne waren damals zum größten Teile „KlauSnikes", die den ganzen Tag in der Klaus mit „Lernen" verbrachten, und galten im allgemeinen als zu schwach, zri ungelenk, die bei solchen Anlassen echer schaden als nützen könnten'. Der jüdische selbschutz rekrutierte sich zllm größten Teil aus Handelsgehilfen, jungen Sackträgeru, Fleischhaucrgesellcn und einigeil Handwerkern. Mit Nevolverir oder Messern, lvaren, die davlaligen' Selbstschützer nicht versehent ihre Waffe bestand aus groben Knütteln, deren, unteres Ende ganz dünn war und nach oben, inimer dicker wurde und in einem großen, breiten Knopf aus liefen. Der Knüttel wurde int Gebrauche gegen die Plünderer und Mörder beim- Diimteit Ende gefaßt, während die Hiebe mit dem eigentlichen Knüttelende geführt wurden. Sobald es ruchbar wurde, daß Ausschreitungen gegen« Juden' geplant lverden, wurden einige Mitglieder des Selbstschutzes in die ^tadt und außerhalb der Stadt zur Auskundschaftlntg ausgeschickl, in» zu beobachten, ob nicht auffallend viele Ballern in das Städtchen gefahren kämen. Außerdemhielt eine aus zehn bis zwanzig jlingeir Leuten bestehende „Bereitschaft" in einem! bestinuuten Hause Tag lmd Nacht Permanenzdienst, lim! sofort zlir Hilfe zu sein, sobald ein Nuskundschafter die Nachricht sandte, daß „irgend etwas los ist". Besonders an Markttageil wurde die Bereitschaft verstärkt, (st)aum, entstand ein Wortwechsel zwischen einem. Juden- und einem Ehristen, erschienen, lvie aus der Erde einporgeschossen, Mitglieder des Selbstschlitzes lmd schlichteteil dlirch eiwrgisches Eingreifen den Streit. Das elltschiedene Auftreten der Juden zwang and) die Nichtsuden zlir Bllihe. Verslichteil Betrunkene auf dem Bcarkte Skandale 31t provozieren, so lvurden: sie von- Mitgliedern' des Selbstschlitzes erfaßt unb der Polizei übergeb eil. Mail kailll ruhig behaupten, daß es in Städten, wo solche Selbstsehlltzorgaliisatioileil bestanden, nie oder nur in Den selteiM'n Fälleil, zu ernsteren Allsschreitlmgen' gegen- Jlideir gekolilllieil ist, lveil die Mitglieder des jüdischen Selbstschutzes jeden. Tlinnilt dlirch eiwrgisches, flirchtloses Einschreiten im Keiln. erstickten. In jener Zeit!var die Polizei der Organisierlulg jüdischen. Selbstschlitzes zur Verhütling von Pogroms ilicht nur lischt Hinderlich, sonderil: half selbst mit, solche Organisationen zu schaffeil. Ich selbst eriniwre nnch noch, tvie in einem Städtcheir neben Winitza Exzesse gegen Jlideir allSbrachelr unb die Stadtpolizei die aus Winitza zlun' Schutz ihrer bedrohten Brüder herbeigeeilteir Jlideir — Mitglieder des jüdischen Selbstschutzes — mit Freude und Tailkes- Ivorten empfing imd nrit den jüdischen Selbstschützern gemeinsam die Plünderer festirahnr und in den Arrest abführte. Und wer erinnert sich nicht an jenen Fall in Warschau, Ivo die Pogroinschtschiks in großen Massenüber die Beljairskigasse strönrten und schon in den „Naljewki" genanntelr jüdischen Stadtteil eiirbogen, nnr die Jrrdenstadt zri zerstören, als plötzlich eine Anzahl Schutzleute beim Krasinskigarten Aufstellung nahnr und

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