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Jüdisches Volksblatt · 1905-06-30 · 26 (30.6.1905) · page 10

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
26 (30.6.1905)
Date
1905-06-30
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Jüdisches Volksblatt Nr. 26 Onhejb1) Frijling. A lijchtiger tog2). — Ijch hob ijm derkont*), Ijch hob mijch in4) troum, In alten dermont5). CJn eppes*) in kop Werd lijchtig un rejn, Un epess in harz7) Werd warern un ahejn8). Ess frehgt mijch a shtrahl: Gedenksst-u8); gedenksst? A zwejter shtrahl frehgt: Zu10) bejngsst-u11), du bejngsst? A driter shtrahl frehgt, Zu fijIsst noch ir glet?13) Un noch ejner frehgt: Zu is shojn") nit shpeht? . . . O, shtrahlen, lost ob'4) — Gewehn1* is ess lang! — O, shtrahlen, nit frehgt! Ess tut asoj") bang! . . . i) Anfang. *) Tag. 3) erkannt. 4) Hier: an. *) erinnert. *) etwas. 7) Her. *) schön. 9) denkst du ") Partikel, eine Frage einleitend. ") bangst du, sehnst du dich. '*) Streicheln. 13) schon. ") ab. 13) gewesen. 1B) so. * Wijgenüjd. 8s' lojfen, ss’ jogen schwarze wölken, 8s' wejnt un fejft der wind, Tun Ssibijrien shikt der täte1) Dir a gruss, mejn Kind. Nor der wind, er brengt die grussen Tun dem wejten land; Dorten shtejt*) er, — a lopote3) Halt er in der hand. Un er grobt alz4) tijfer, tijfer Shijbt die erd arouss — Sorg’ nicht, Kind mejn’ss! Far’n5) shejker6) Grobt er kworem7) ouss. Nit der ershter, nit der lezter Falt er oui’n Feld; Nit gesorgt, dein täte, Kind mejn’ss, is a held Un a held wesst-u8) ousswachssen9), Shlof derweil azind10); Samel kojches11) ouf milchome12) — Samel, ejnzig Kind . . . H. D. Nomberg. 9 Vater. -) steht. 3) Spaten. 4) hier: immer. *) für den. B) Lüg«. 7) Gräber. 8) wirst du. *) aus» wachsen. 1#) jetzt. n) Kräfte. 12) Krieg. Erd un himel. Sh’chejnem1) sejnem2) erd un himel, Wojnen3) lang shojn kejgeniber4), Sint5) ess hot sej glejch bashafen8) Got der guter, Got der über. Nor7) a rejcher is der himmel, Hot l’wone8), sunn un shteren, Un die erd is wijsst10) un orem11), Sie vermögt1*) kojm epess treren14). Un ess kukt der15; der rejcher himel, Oaf der erd mit shtolze blicken, Is er oufgelejgt18), dan lost er Drej fljr17) shtrahlen lijcht ijr shiken. Un di erd, si dankt un dankt ijm Ss’ shmejchelt18) sijss doss ponem19) ijre, Un di Kinder ijre oreme Singen dan dem himel schijre*0)... A. Reisen. ') Nachbarn. *) sind. *) Wohnen. 4) gegenüber. ') seit. °) erschaffen. ') nur, doch. 8) Mond. °) Sterne. 10) wüst. n) arm. '*) besitzt. ") etwas. ") Tränen. ") blickt. ")bei Laune. 17)vier. lächelt. ") Gesicht. *°) Loblied. * * He Mirele. (Folksmotif.) Der Kremerkesa1) Dwojreless*) techterl hejsst Sheijn8) Mirele, Mirele; Un4) Dwojrele sogt, as‘) ir ejnzige trejsst8) Is Mirele, Mirele. Di sunn sheint bej tog, di l’wone7) bej nacht Un Mirele shtejt bej dem fenster un lacht . . . . Lach, Mirele, Mirele l .... Doss Mirele is chehnewdig,8) zuckerdig, shejn. Sie hot wejsse hentlech9) wejssink®10) zejn,11)— Die junglech1*) weren") rar") bengshaft“) azh18) wejes, Nor Mireles herzl is kalter fun17) ejss .... Aj, Mirele, Mirele! . . . . Far Mireless fenssterlech drejen sijch arum18) — Di fejnsste bachurimlech") shwejgendig’8) shtum Di sun shejnt bej tog, di l’wone bej nacht Un Mirele shtejt bei dem fensster un trachi*1) .. Tracht, Mirele, Mirele! .... Ess flihen nor sifzen3*) zum himmel arouf . . . Ess nemt nit kejn essen, ess nemt nit k«-jn shlof .... Ess plazen di herzen far wejtog*3) un shmerz, Nor gor nit ken riren ss’ farfrojrene’4) harz Fun Mirele, Mirele. Di joren”) wie wasseren shwimen awek — Ess hot shojn*8) ir shejnkejt*7) genumen ejn ek Shojn finsster ir ponem,*8) gebojgen ir kop, Un rojtliche*“) ojgen un grou shojn der kop . . Grou! .... Mirele, Mirele! .... Ess lejchten di shteren,”) die l’wone bej nacht Si shtejt bej dem fensster farumet,“) fartracht,32) Ess shwimen di wölken ahin un aher, Fun Mireless ojgelech kapet”) a trer .... Wejn, Mirele, Mirele .... M. Wirth. 9 Krämerin. *) Diminutivum von Dwojre, Debora. *) schön. 4) und. 8) daß. 8) Trost. 7) Mond. 8) lieblich. 9) Händchen. 19) Diminutivum von wejß. ") Zähne. ") jungen Männer. ") werden. ") vor. ") Sehnsucht.18) geradezu.17) von, hier, als.18) herum. '9) Diminutivum von Bachurim: Jünglinge, junge Männer. *°) schweigend. 21) sinnt. **) Seufzer. *') Kummer. ") das erfrorene. 2S) Jahre. 28) schon *7) Schönheit. *8) Gesicht. *9) rötliche. 80) Sterne. 31) vergrämt. 33) versonnen. 83) rinnt, * * * A gesind1) saibe-acht.2) A gesind salbe-acht Un betten nor zwej, — Un kumt on3) di nacht, Wu4) schlofen dan sej?5) Drej mit’n taten,8) Un drfj mit der mamen,7) Hentlech8) un fijsslech9) Geflochten zusamen. Un kumt on die Nacht, Men darf10) sijch oussbetten, Dan hejbt on di runter Dem tojt11) ouf sijch beten. Sie mejnt mit an emess,12) — Ess is nisht kejn wunder, Ojch13) eng is in kejwer,14) Doch Jigt men besonder15) A. Reisen. ') Familie. *) selbacht. 3) an. 4) wo. 5) sie. °) Vater. 7) Mutter. 8) Händchen. 9) Füßchen.10) soll. u) Tod. 12) Wahrheit, wahrhaftig. ") auch. ") Grab. ") besonders, gesondert. Elijakum Zunser. Mitte Ltpril fand in New Uork das fünfzigjähvige Schriststeüerjubiläuln des jüdischen Schriftstellers Elijakum Z u n s e r statt. Das New Yorker East End veranstaltete ans diesem Anlaß eine Anzahl straffer Festlichkeiten. Eine bei dieser Gelegenheit gemachte Sammlung, sowie das Neinerträgnis der Festveranstaltungen ergaben eine Summe, welche hiureichen wird, dem in New chark lebenden alten Jubilar ein sorgenloses Alter zu sichern. lieber eine der größeren Zunserfestlichkeiten sei hier berichtet: Dr. D. B l a u st e i n, Superintendent des Erziehungskomitees im Ostend, präsidierte. Bald nach Eröffnung des Abends erschien der Gefeierte, Z u n s e r, mit seiner Frau am Arme. Beim Eintritte des Jubelpaares erdröhnte der kolossale Saal von Applaus. Nun hielt der Vorsitzende Dr. D. B l a u st e i n die Eröffnungsrede, in welcher er ungefähr folgendes ausführte: „Wir sind hier erschienen, um einen Mann zu ehren, dessen Name während der letzten fünfzig Jahre im Munde von mehr als s e ch s M i l l i o n e n M e n s ch e n gelebt hat, einen Mann, dessen Lieder das Entzücken von Hunderttausenden von Familien bilden: Elijakum Z u n s e r. Zunser wird mit Recht der Dichter des Volkes genannt. Es gibt vielleicht kaum eine jüdische Mutter in Rußland, die ihr Kind nicht mit einem Z u n s e r s ch e n Wiegenlied in den Schlaf singen würde. Wir singen seine Lieder, wenn uns die Freude zuni Singen anregt. Wir haben heute jüdische (Jyddish-1 Dichter, jüdische (Jyddish--) Dramatiker und Lustspielschreiber und jüdische Journalisten. Alle diese rühmen sich dessen, Schüler von Zunser zu sein. Als er vor fünfzehn Jahren nach Amerika kam, da erweckte sein Gedicht „The Peddler" ein lebhaftes Echo in den Herzen seiner Landsleute. Zehn Jahre lang schwieg dann seine Muse: sie wurde durch den Materialismus, dem sie hier begegnete, niedergedrückt." Der nächste Redner war Dr. S. Schul m a n n: „Zunser besang die Freuden und die Leiden des jüdischen Herzens in der Sprache, in welcher unsere Mütter zu uns gesprochen. Er sprach zu uns mit der Einfachheit der Wahrheit, mit der Kraft der Ehrlichkeit, mit der Wärme und Erfahrenheit des Dichters. Seinen Liedern entströmte Liebe zur Kunst und Wertschätzung der Arbeit; er ist ein demokratischer Dichter in des Wortes bestem Sinne." Hierauf rezitierte Abraham Goldfaden einige jüdische Sti'lckc. A. Minkowski) sang, begleitet von seiner Tochter, jüdische Lieder von Z u n s e r, deren Musik ebenfalls von Zunser verfaßt wurde. An Stelle einer Dankesrede las Z u n s e r einige seiner weniger bekannten Gedichte und Erzählungen vor, Inas vom überaus zahlreich erschienenen Publikum mit nicht endenwollendem Applaus belohnt wurde. Einige kurze Daten aus der Biographie des Jubilars: Elijakum Zunser wurde im Jahre 1841 in Wilna (Rußland) geboren. Seine ersten Gedichte schrieb er mit dreizehn Jabren. In diesem Alter pflegte er auch bei größeren Hochzeitsfesten zu singe n, und es kam oft vor, daß er Tcrt und Musik extemporierte. Im Jahre 1889 wanderte er nach New Pork aus; seine letzte nennenswerte Arbeit verfaßte er im Jahre 1896. Gegenwärtig fristet er ein fast kümmerliches Dasein als Maler in einem kleinen Laden im East Broadway New Bork. Eines seiner bekanntesten und populärsten Gedichte ist „Der Pflug", das auf die Juden im Ostend einen dermaßen gewaltigen Eindruck übte, daß viele tausende Juden sich dem Farmerleben widmeten. Die „Jüdische Nrmdschan" in Berlin brachte unlängst einen bemerkenswerte» Artikel über „Zü di sch de nt sch und Hebräisch" ans der Feder des Dr. Heinrich? v e m e. Der Aufsast reserviert dem Hebräischen die Nolle, die Nun unstreitig gebührt und die Unn manche „Fargvnisten" unnötigernnd aussichtslvserweise absprechen mellen, nimmt aber auch mit aller Entschiedenheit für das Jüdische die materielle und moralische Bedeutung einer Aatioualsprache in Anspruch. Sv sagt der Verfasser n. n.: „Zu Nustmud und Palen kann sich das Hebräische alS eine Uultursprache neben dem Jüdischdeutschen eine achtuugswerte Stellung ervbern, wird aber immer Schriftsprache bleiben und niemals zu einer Volkssprache emporsteigen köuuen, soweit man überhaupt über eine Zukunft sich ein Urteil bilden kann und darf. Die jüdischdeutsche Sprache ist dagegen der feste nationale Hort, den die Nation sich wahren wüst, wenn sie nicht in der Böllerwelle, die im Osten Europas heranschivillt, ertrinken und verschwinden null." . . . „Das Wort Jargon soll ja nichts weiter besauen, als dast es sich um ein verballhorntes Deutsch handle, während hier eine organische Sprache vorliegt, die mindestens die gleiche Existenzberechtigung hat wie die englische.". „Selbst wenn das Jüdisch deutsche keine Sprache iväre, müstte mau es dazu erheben, eine solche zil werden." . . . „Das .Hebräische und das Indischdeutsche schliesteu sich nicht aus, sonder» bedingen sich gegenseitig." . . . „Wir müssen die falsche Scham abtegen, die wir dem Jüdischdeutschen gegenüber .empfinden, müssen vor allem das seine Seele mordende Schilupfwvrt „Jargon" verbannen und einseheu, dast »vir ebenso wie in Palästina mit dem Hebräischen in anderen Ländern auf Grund des jüdischen Bvlksdialektes die nationale Zukunft inld die stammestümliche Kultur aufbanen müssen." Diese Worte verdienen umsomehr Beachtung, als sie voll einem deutschen Jaden herrühren, der seit zwei Jahrzehnten an seinen konservativ-zionistischen Gesinnuugeu strenge festhält nnd durch seine starken national-romantischen Neigungen bekannt, im. übriger ein tüchtiger Philologe ist. in. a. Beilage zur nächsten Kummer: Auswanderung und Kolonisation".

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