Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 26 (30.6.1905)
- Date
- 1905-06-30
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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.Jüdisches Volksblatt den erschreckten Iuoen zurief: „Juden, verteidigt euch gegen, die Plünderer!" lind die Juden hatten, sich zur Wehr gesetzt und säuberten nach einigem! Mcmipfc Das ganze JuDenviertel von Denraubsnchtigcn Gesindel. Andere Zeiten, andere Lieder! Leider gab es danrals narr tvenige Städte, in denen sich Juden, gefunden hätten, die den Mut ausbrachten, sich der Räuberbande entgegenzustellen, geschweige einen regelrechten Selbstschutz zn organisieren. Ihr einziger Selbstschutz bestand darin, in die Synagoge zu flüchten oder in den .Vellern und Dachböden sich zu verbergen. Heute inan,gelt. es den Juden iticht mehr au Helden, pic bereit sind, ihr Leben für ihre Brüder aufs Spiel zu setzen, wenn ein Pogrom ausbricht, aber schrecklich ist die Lage solcher Helden, wenn sie es mit behördlichen Organen zu tun bcfommcn, wie z.B. der Schitomirer Polizeimcister Kujarow eines ist, der ein, Spießgeselle der Mörder und Räuber war, dessen Taschen vollgepfropft waren mit Proklamationen gegen die Juden. Und trotz dieses unglückseligen Umstandes stimmen alle Augenzeugen der Schitomirer Schreckenstage darin überein, daß die heldenmütige Selbstopferung der jüdischen '^elbstschützer von Schitonür viel dazu beitrug, daß die Zahl der jüdischen Opfer nech nicht größer ward, als sie ohnehin schon war. Ebenso begeht heute kein Zweifel darüber, daß auch irr T r o j a n o w die Iudeunretzeleien nicht so viele jüdische Opfer hätte zu verzeichnen gehabt, wenn die herbeigceilten Mitglieder der T s ch u d n o w e r Selbichützerorganisation den Bitten der bedrohten Judenvon Trojanow nicht nachgegeben un>d die Forderung der Bauern, die Waffen auszuliefern, nicht erfüllt hätten. Tie Mörderbandc hätte die Juden nicht in aller Ruhe einzeln wie die Schafe hinfchlachten können, jüdisches Blut wäre wenigstens nicht widerstandslos geflossen und die Bauern hätten es sicherlich nicht gewagt, sich wie wilde Tiere auf bewaffnete Juden zu stürzen, wie ne es auf w ehrlos e taten. In diesen unglückseligen Tagetwird überall und hauptsächlich unter uns Inden viel darüber herumdebattiert, ob bei Ausbrüchen von Exzessen eS besser sei, wenn Selbstschutzorganisationen bestehen oder nicht. Wir glauben, die Schitomirer Exzesse sowohl wie die früher stattgefundenen geben die beste Antwort auf diese Frage, obgleich die jüdischen Selbstschützer in allen diesen Fällen nicht nur gegen die Ausschreitenden selbst, sondern auch gegen die Polizeibehörde zu kämpfen hatten. Aber eine traurige und geradezu klassische Antwort liegt in dem Ausgange der grauenhaften Gemetzel in T v o j a n o w. Ein, großer Teil der T s ch u d n o w e r Selbstschützer hat sein! Leben nur deshalb in Trojanow gelassen, weil er sich von den Trojanower Juden einreden ließ, daß der Selbstschutz nur noch schlechtere Folgen nach sich Ziehen könnte in einem Momente, wo auch das Gesetz die Notwehr gestattet. Die Trojanower Juden hätten an den Spruch unserer Väter denken sollen : „Wenn ich mir nicht helfe, wer denn soll mir helfen!" urtD es sollte überhaupt unseren Juden nachdrücklichst eingeschärft werden, daß das Gesetz die weitestgehende Gegenwehr gestattet, wenn das eigene Leben gefährdet erscheint. „Der Jude tum Konstanz". Von Max Racher. „Alles ist lckckmpf." (W. v. Sckplz.) Die Tragödie des Juden von Konstanz*) führt itns in das steilgebaute Quartier der Konlstanzer Judengemeinde des 14. Jahrhunderts. Im Mittelpunkte der Handlung steht Nasson, der Arzt, ein zweiter Uriel Akosta, der den Glauben seiner Väter jedoch nicht infolge tiefsinniger Grübelei abgeschworen, sondern aus Gefühl hat er sich losgesagt. Der Grund seiner Abtrünnigkeit vom altem Stamm ist der Mangel und die brennende Sehnsucht nach einer Heimat, Ruhe, einem festen Boden, wo er sich an¬ *) Wilhelm v. Scholz, „Der Jude von Konstanz", Tragödie in vier Akten und einem Nachspiel. München, Georg Mittlers Verlag, 1905. sässig machen und zum Wohle aller wirken, heilen und trösten kann, nutz so ruft er dem ihm zürnenden jüdischen Fanatiker Asarjah zn: „Tu zürnst, Asarjah — Sieh', eine Heintat bot mein Volk mir nie, Ich habe zur Gemeinde nie gehört, und nüch als meines Volkes nie gefühlt. Des Inden Handel ist mir fremd, sein Wandern verhaßt; sein blutiger Glaube ohne Hoffnung hat meiner Seele Tiefen nie berührt. — Ich war der eure nie. — Was zürnt ihr nun? Heimat bedeutet mir ein- Wcib, ein Haus, ein-Kreis, jn dem« ich wirken kann, und schließlich die Stadt, die nüch mit Ordnung rings umgibt. Das bietet sich-dem Ehristen nur." Doch- Asarjah entgegnet ihm: „Hast du's? Und welche Stadt gewährt dem. Juden eignen Grund zu kaufen? W i r h a b e n c i u c H e imat n u r, d a s G rat> (Schweigen) . . . um so tiefer fühlen wir unsere Heimat nur in Gott. — Genug, wenn wir ein paar treue Gefährten finden, die mit uns wandern unfern Weg. Auch sie sind Heimat.-" Asarjah will Nassau zur Synagoge ziehen und mit ihm dort Buße für Nassaus Taufe tun, damit er wieder zu feinem Volke zurückkehre. Toch der Arzt will nichts davon wissen. Heimatssehusucht und Heimatswehmut zieht durch seine Seele. Es schmerzt ihn, daß die Juden nichts landansäßig sind und mit ahasoeeischein Fluche belanet ruhelos wandern müssen, uttD so hat er mit Den Konstanzer Ghettojuden keine geistige -Gemeinschaft. Asarjah flucht ihm deswegen : „Tn mägell heimatlos und friedlos sein für alle Zeit! Fluch sei auf deinem Wege, Daß er dir endlos werde!" _ Nassau, der Arzt, wird zum totkranken Bischof gerufen und läßt seine geliebte Braut Bellet, eine Jüdin, iin Hause zurück. Doch während seiner Abwesenheit lernt sie einenjüdischen Jüngling namens Samlai kennen, der bei den Judenmetzeleien. in Schaffhausen entkommen. Als sie um seine Lenden ein Schwert gegürtet sieht — etwas ebenso Ungewöhnliches wie Sträfliches bei einem Koustanzer Juden, da ruft sie aus: „Ein Schwert! Einer der Unfern, Mirjam, trüägt ein Schwert! O daß mein Bruder diesen Tag erlebte!" Hierauf segnet sie das Schwert des Jünglings, das ihr später zum Verhängnis dienen sollte, denn Samlai ersticht einen jungen Patri» ziersohn, der näckstlicherweilc die „Jüdin Bellet" schünden wollte, und muß itt< daS Ghetto fliehen, wo «er sich im Hause von Bellets Eltern versteckt hält. Die Freunde des Ermordeten nützen die stets wache, mir zeitweilig durch deit Bischof und Nassaus Einfluß unterdrückte feindliche Stimmung des Pöbels gegen die Juden aus und Plauen, zu Beginn des nächsten. Morgens Rache für den Patrizier zu nehmen uitd das Ghetto zu plündern-. Nasson kehrt, nachdem er beit Bischof glücklich .dem Tode entrissen, in sein Haus zurück und hört von dieser Absicht. Die alte Liebe zn seinem Stamme lodert wieder auf, er zieht seine ehemalige Judentracht wieder an, und begibt sich um Mitternacht, verkleidet, in daS Ghetto, um die Juden zu warnen und sie schleunigst zur Abreise über den See zu bewegen. Anfangs mißtrauetdie Juden dem fremden, stets int dunkelsten Schatten der Häuser stehenden! Manu. Sie verlangen von ihm — den sie nicht kennen — -Daß er zum. Zeichen, daß er Wahrheit rede, den jüdischen Schwur leiste. Zögernd tut dies Naffoit, doch als sie sofort darnach darauf bestehen, daß er ben Christen fluchen solle, verschwindet der Arzt. DaS kamer nicht, denn er ist selbst g e t a u f t e r Jude. -— Dann eilt er nach Hanse und überredet seine Braut, Christin! zu werden und sich — um vor der Revolte sicher zu sein — noch itt dieser Nacht taufen zu lassen. Sie willigt ein. Unterdessen rüsten in, aller Stille, bei Mondschein, die Juden zur Flucht; sie lassen durch zwei Knechte, die sie gemietet, alleuhre Habe auf die .wähne schaffen, und glauben sich schongeborgen; doch die Knechte verraten sie im, letzten Augenblicke, die Stadt gerät in Aufruhr, mit Fackeln und Schwertern versehen, dringt der Mob in die Jndei-gasse, alles n ledermetzelnd, was sich ihm in den Weg stellt. So gelangt die Masse bis zum Hause voit Bellets Elten-, wo das blüheitde MäDcheu gerade zum Abschiede weilte. Doch hier stößt die Bande auf tapferen Widerstand. Hartnäckig verteidigen, Samlai und seine Genossen, Die er durch .La11-prüfe zum! Ausharren auftnuntert, seilte Geliebte Bellet. Mancher mußte Den Streichen seines von Bellet gesegneten Schwertes weichen und erliegen. Da erscheint mitten im Schlachtgetümmel, als Samlai beinahe kampfunfähig, aus vielen Wunden blutend, erlahmt, .Nasson mrd reklamiert Bellet, da sie noch in dieser Nacht Christin werden solle, als feine Braut für sich, sterbend fragt sie Samlai, ob dies auf Wahrheit beruhe. Sie bejaht und noch einmal sich mit letzter Kraft aufraffeud, stößt er ihr sein, von ihr gesegnetes Schwert in die Brust, ausrufend: „Ich aber rette dich, bn stirbst als I ü d i n — Bellet!" Nassau steht eiltet- Augenblick wie vot- Sinnen da; dann aber stürzt er hervor und begehrt det- Leichnam. Er wird ihm von den Juden hohnlachend verweigert. Ja twch inphr, Asarjah ruft den Knechten der Folter zu, daß Nasson nur S ch e i tt christ sei, heute nachts die Juden gewarnt, einetjüdischen Schwur geleistet und die Christen nur betrogen hätte. Die Menge, seit früher schon mißtrauisch gegen den Arzt, fordert seit- Glaubensbekenntnis zu höret-. Der Benediktiner fragt ihn: „Bist du ein Christ, Nasson? Sprich ein Wort! Und niemand rührt dich an." Doch Nasson antwortet, nachdem sein Blick alles überflogen hat, leise: „Ich bin es nicht." Die Ehristen treten sofort von ihm zurück, er ist verlöret-. Der Henkersknecht schiebt ihn infolgedessen zu den Jodet-; doch diese weichen schett zurück. So steht er allein und bricht neben Bellets Leiche zusammen. So bleibt Nasson, der Friedensapostel, als das eigentliche Opfer auf dem Felde lieg eit. Er hat die Heimiat, t-ach der er sich gesehnt, nicht gesunden, ja gerade dieses Heimverlangen wird für ihn zum Verderben und Tod. Er war attsgezogett, Frieden. zu stiften und hat Vernichtung geerntet. Er war im Herzen niemals Ehrist und will den Nt-tergang mit seinem Volke teilen, doch diese ehemaligen Stammesgenossen stoßen ihn von sich. Er stirbt allein, in der Erkenntnis, die ihn mehr als alles zti Boden wirft, daß es nämlich diese Heimat nie gibt . . Der Heimgtsuchet-de hat auSgerungeu. Wilhelm von S ch o l z stellt uns in dem Arzte Nasson einetleidenden Helden von großem, menschlichem Gepräge «dar. Ich stehe nicht an, das Werk für eines der geistvollsten und erhabenstet- Tragödien der Jetztzeit zn empfehlen. Die Charaktere sind überaus scharf und geradezu Plastisch gezeichnet, der Dialog Präzise unb die dramatische Steigerung sehr gelungen. Votder Schönheit und Kraft der Berssprache wird sich der Leser durch die vorangegai-genen Beispiele zur Gettüge überzeugt haben. Alles itt allein: ein Meisterwerk, dem sich sehr bald die Bühne eröffnen wird. Soeben erschien im Umfange tunt 04 Saiten die „Tnrntagsnummer" der „Jüdischen Tirrrizeitnng". In dem Hefte ist zmn ersten Male der offizielle Berhandlntigsbericht über den itt der gesamten jüdischen nttd t-ichtjit dt scheu Presse eingehend erörterten 2. Jüdischen Tnrndag wiedergegeben. Erst hier zeigt sich so recht die Jiille ttnd Mannigfaltigkeit deö tum dem- Tarn tag bewältigten Stoffes, ein Beweis für das frische Lebet!, das itt der jüdischen Tttrnb-ewe-gnng pulsiert, ein Beweis aber auch dafür, daß die maßlosen Angriffe, die insbeson-dere die „kölnische Zeitung" gegen die jüdischen Turner unternommen hat, auf einer völligen M-ißde-ntnng der Tatsache» beruhen. Der schneidig geschriebene Leitartikel „Die jiidische Tnrnerschast uuö ihre Gegner" beleuchtet dies in glänzender Weise unb fertigt die tmgerechten ttnd bösartigen dlngrei-er mit ihren eigenen Argnmenten geschickt ttnd geistvoll ab. Die auch im übrigen recht interessante Nummer ist von der Geschäftsstelle der „Jüdischen Turttzeitni-g", Charlvttettbt-rg, Herderstrabe 8, gegen vorherige Einsendung von 40 Pfennigen portofrei zn beziehen.