Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 26 (30.6.1905)
- Date
- 1905-06-30
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Jüdische Abende. Beilage;u Nr 26 des „Jüdischen NolksblatL". Die Verbreitung der jüdischen Sprache. Unter dem Titel „Die Sprache der Zahlen" veröffentlicht das Lemberger „Indische Tagblatt" ein Feuilleton, das sich mit obiger Frage beschäftigt. Tie Daten, die hier angeführt werden, sind so in'tcressant, das; Nur sie unseren Lesern nicht vorenthalten wollen. In England gab es im Jahre 1807 eine Volkszählung. Es sind also seitdem fast neun Jahre verstrichen und erst heute beginnt man mit der Veröffentlichung der statistischere Daten auS dieser Volkszählung. So bewegt sich in Rußlantz alletz mit der Ochsenpost vorwärts, was irgend einen. Wert besitzt. Eine Ausnahme bilden allerdings die Judeninetzeleien, dies e werden rasch gemacht. ES ist jedoch nicht Eine Absicht, hierein Bild der russischen Bureankratic zu entlverfen, die ja ohnehin! jedermann zur Genüge bekannt ist, vielmehr null ich auS den nun endlich doch veröffentlichten Taten ein Kapitel hcrauSgreifen, das jeden Juden interessieren rnuß, der sich ein getreues Bild über daS Leben und Treiberr der Juden in Rußland machen will. Tie Sprache der Zahlen bleibt nur dem unverständlich, der in seiner Unwissenheit sie nicht zu lesen, vermag; auf einensolchen übenZahlen und Ziffern eher eine verwirrende, betäubende Wirkung aus. Der erfahrene, geschulte Leser hingegen! versteht es, diesen „toten" Ziffern eine lebendige Seele einzuhauchen, fo. daß die Zahlen zu sprechen beginnen und eine gar kluge, belehreitde Sprache führen. ' Da haben wir z. B. die Frage wegen der Verbreitung unserer Volkssprache, unseres Jargons! Fast täglich haben! wir Debatten zu führen, mit jüdischen. und nichtjüdischen ,,Philosophen", die rnrs einreden möchten, daS jüdische Volk eristiere gar nicht. Die Ghcttomauern, behaupten sie, fcknn längst gefallen, und wer sich ein Stückchen Herz und s^eele bewahrt, beeilt sich, sein eigenes Ich aus den. Trümmern dieser Mauern zu retten und in Sicherheit zu bringen. Es ist wohl wahr, daß die Juden in mainhen! Ländern und Städten noch immer in abgesonderten Winkeln wohrren, aber das ist mir ein äußerliches Ghetto, das innere, geistige Ghetto jedoch ist für immer gefallen, run nie mehr aufgerichtet zu tverden. Jüdische Kinder werden in allgemeinen! Schulen! in. der Landessprache, in der Kultur des durch! sie bewohnten Landes erzogen, und immer häufiger kommt es vor, daß in! der „jüdischen Gasse" die Unterhaltung in der Landessprache geführt wird anstatt in der Muttersprache, denn Jargon. Also, so konkludteren. diese Gelehrten, dürfen! wir an unserer jüdischen Sprache und unseren' jüdischen. Gebräuchen! nicht weiter festhalten, sondern müssen, ja eher desto besser, unsere Volkssprache aus unserem« Leben verdrängen und unsere Verschmelzung mit den uns umgebenden Völkernbeschleunigen!. Jnr allgemeinen, ist es heute fast jedem Juden! 'bekannt, daß die jüdische Volkssprache nicht im Abnehmen begriffen, ist und höchstens durch die hebräische Sprache, falls diese sich zur nationalen Sprache durchringen sollte, abgelöst Werden! könnte. Und dennoch werden tvir oft verblüfft, lvenui manuns ans die große Zahl jüdischer Häuser hinweist, in denen schon das Kind in der Wiege die ersten. Worte nicht in der wirklichen! Muttersprache, sondern in einer ihm fremden Landessprache zu lallen, beginnt. Erst wenn! wir die statistischen- Daten, zur Hand nehmen, sehen wir, wie grundlos unsere Befürchtung, wie oberflächlich unser Urteil war. Leider stehen uns vorläufig solche Ziffern itiu* betreffs Rußlands allein zur Verfügung, aber mau darf die Behauptung wagen, daß, wenn auch die diesbezüglichen! verläßlichen Daten über Galizien, Rumänien und Ungarn vorhanden! wären, sie ein. unumstößliches Zeugnis abgeben wurden für uistere Anschauung, daß Jargonauch hellte iloch die Volkssprache der Juden ist im vollsten, Sinne des Wortes. Alls denstatistischen Täten über Rußland geht hervor: Alle Juden im Rußland, die bei der Volkszählung, n i ch t die jüdische Sprache als Umgangssprache angaben, betragen: In Litauen etwas über. V-2%, in der Ukraine noch weniger, in Polen 4%, in Südrußland 5% der gesamten jüdischen Einwohnerschaft. Vier und fünf Prozent sind wahrhaftig zu minimale Bruchteile, um von eineul AuSsterben der jüdischen Sprache sprechen zu köimeu. Solche Prozentsätze finden sich auch bei anderen Völkern. Solä-e Abfälle rekrutieren sich gewöhnlich aus den reicheren GesellschaftSsch-ichtcu, die der. naiven Anschauung huldigen, daß sie durch Verleugnung ihrer Muttersprache an gesellschaftlichem Werte gewinnen, gewissermaßen a ristokratische r Inerden. Tatsächlich genügt es -aber, die Ziffern genau anzusehen, um zum Schlüsse zugelangen, daß in Polen und Südrußland das g a n z e B o l k seincv Sprache treu geblieben und Ausnahmen nur in den größeren Städten, und zwar in Warscha u- und- Lodz auf der einen Seite und in Odessa auf der anderen, zu ftnben sind. Die polnischen Juden gehören bekanntlich zu den niedrigsten Assimilatiouskncchren unter den Juden-. Dies hängt zum Teil auch mit dem Charakter des polnischen Volkes zusam'- men, das neben sich keine andere Nation dulden möchte. Besonders aber haben die Polen auf d i 'Ci I u d e n eingewirkt. Der polnische Jude, der, verspottet und verachtet vom« polnischen „Herrn", sein Leben in 'steter Angst verbringt, setzt sein, ganzes Sinnen daraus, dem polnischen Gutsherrn zu. gefallen, rind seine Gunst zu erringen. Früher bestand diese Erniedrigung darin, daß der Jude zur Belustigung des polnischen Aristokraten ein chassidisch.es Tänzchen aufführte, dazu ein chasitdisches Lied singend. Heute besteht diese.Ernic-drigung darin, daß der Jude unerschöpflich ist in Beweisenseines p o ln i s ch e n P a t r i o t i s m u s, nicht müde wird, zu erklären, daß er bereit sei, sich für das Polentnm zu opfern. Und so finden, wir denn in Warschau und Lodz, den Sitzen der reichen polnischen Juden, tatsächlich 15 Prozent solcher Juden, di-e ihre Muttersprache verleugneten und p o l n i s ch als ihre Muttersprache ausgegeben haben. Daher gestaltet sich der Prozentsatz im ganzen Lande etwas höher, nimnrt inan aber die einzelnen Gouvernements, so zeigt sich hier dasselbe günstige Verhältnis wie in den übrigen Teilen- Rußlands. Im S u w a l k e r Gouvernement z. B. erreicht die Zahl der Abtrünnigen kaum -ein Drittel Prozent! In Odessa stehen die Dinge wieder anders! Hier sind die Juden zumeist von ihrem! Stamme losgerissen. Odessa ist eine „zusammengewürfelte" Stadt und es ist daher kein Wunder, daß hier die Assimilation tiefer Wurzel faßte. So liefert denn. Odessa ebenfalls zehn Prozent Renegaten, die wieder die Verhältniszahl der ganzen- Umgegend ungünstig beeinflussen. Hingegen finden wir in dem statistischen Ausweise g a n, z e S e i t e nv o N! ch r i st l i - ch e n F a in i l i e n, lv e l ch e d i e j ü d i s ch e S p r a ch e als i h r e Nt u t t e r f p r a ch e a n g e g e b e n h a b e in Das sind zum größten Teile getaufte I u d e ul Solche winden irr L i t a u e n uud der U k r. a i n e je t a u s e n, d Seelen, in Südrußland kaum- 600, ini Polen hingegen über 2000 gezählt. Wir sehen also, >daß uns nicht fo> sehr die Böswilligkeit der Russen als vielmehr die süßen, verführerischen Reden der. polnische katholischen Jesuiten gefährlich siiw. Das Wegtaufen der Juden bildet überhaupt ein düsteres Kapitel in der Geschichte der Juden des Ostens. Dennes unterliegt kein ein Zweifel, daß die oborwähnteu christlichen Jargonsprecher zlimeist getaufte oder verführte jüdische Bordellmädchen, die die Taufe nahmen lind Analphabeten sind. Das Wegtaufen dev jüdischen Mädchen, in. Galizien! ist eine bekannte Tatsache und mit Recht hat unser Blatt es „ihren Ritu-almord" genannt. Interessant ist z. B. auch dir Tatsache, daß unter den Getauften sich auch Muselinanen « Tataren) finden. Diese Erscheinung ist besonders inder K r i m. häufig, wo jüdische Mädchen oft Tataren heiraten, und da in- Rußland nicht einmal die Tataren zmn Judentum übertreten, dürfen, Übertritt das Weib zum mohanuncbau-ifchen> Glau-beil. ES entsteht mm die Frage: Könnru alle diese Getauften tatsächlich keine andere Sprache als die jüdische oder wollten sie da ostentativ demonstrieren, daß sie sich nach zu den Juden rechnen? Es scheint fast, daß beides richtig ist. Ein. Teil beherrscht tatsächlich keine andere Sprache als die jüdiieb-e. — von diesen zirkuliert ja manche ergötzliche Anekdote — und der andere Teil beabsichtigte Damit wirklich eine Demonstration! Jetzt, wo den Inden der Rücktritt zum Judentum gestattet ist, sieht mau erst, wie viele. Juden in Rußland moralisch genotzüchtigt wurden. Zum- Schlüsse will ich noch die rnifmerksamkeit der Leser auf einen, Punkt lenken: Im ganzen habensich in Rußlan-d 100 000 (von ungefähr! sechs Millionen-) Juden gefunden, die nicht die jüdische Sprache als ihre Muttersprache angegeben haben. Diese dürfen natürlich nicht alle als Renegaten betrachtet werden, die ihrem- Volkstum abtrünnign aeworden. Erstens findet man in den größeren. Städten sogar „feurige Zionisten", die faktisch kein Wort jüdisch verstehen, außerdem datiert die Volkszählung aus dem. Jahre 1897, also vor demersten- Kongreß, undder Zionismus hat das Bild inzwischen ohne Zweifel zu unseren Gunsten geändert. Dies trifft jedoch nur für diejenigezu, die die russische oder polnische Sprache als ihre Muttersprache angaben, aber wir finden auchsolche Juden, die z. B. die litauische Sprache als ihre Muttersprache angaben, eine Sprache, die nur eine sehr geringe Verbreitung hat. Solche Dinge geschehen augenscheinlich aus purem- Assimilationstrieb. Gedichte. Zur Aussprach«und Transskription der folgenden jüdischen Texte ist zu bemerken: Die Vokale sind pr«istens offen zu sprechen, etma wie a in „arm", e in „Erker-, i in „Silber", o in „Orgel", u in „Null". Auch dann, wenn fie gedehnt werden. Die Dehnung wird dann durch Verdoppelung bezeichnet. — Wenn Vokal» gedehnt und geschlossen gesprochen werden sollen, wirb dies durch pachgesetztes h, bei i durch nachgesetztes j ausgrdrückt. Bei eh klingt meist ein ganz schwaches j, bei ij vor ch ein x nach. — Vokale, die kurz und geschloffen gesprochen werden, gibt es .im Jüdischen nicht. ej sprechen die litauischen Jude« bejnahe aj, die polnischen Juden ehj und a, in manchen Wörtern auch e. oj sprechen die litauischen! Juden wie ehj, die anderen Ostjuden oj, cm, beinahe wie au, u sprechen die polnischen Jude« immer wie i, eh wird sehr rauh, wie von den Schweizern und Sparern, ausgesprochen. s wie säuselndes s, wie im Morte „Sonne". Auch im Auslaute, zum Beispiel is, sprich if'. — DaS nichtgesäuselte s drücken wir durch ff auS, schreiben also zum Beispiel auch hoest, nicht host. sh, deutsches sch, . zh, wie j in „Journal". Shpehter!... Shpehter! shpehter«... Klingt ess wjjder, Shtille lijder, Trouerlijder. Ch’ hob kejn glik nit: Shpehter! shpehter l Ch’ hob kejn brojt nit, — Heer') ijch wijder: Shpehter! sphehter! Mijd*) fun lyhbon, Meer') kejn haken, Mijd f«n shtrehben: Besser schlofen... Trouerlijder Klingen wijder In die welder, Ouf di keiner: Shpehter... shpehter... Leon Kuppermann. l) Höre. inlds n")r