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Jüdisches Volksblatt · 1905-06-30 · 26 (30.6.1905) · p. Seite 5

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
26 (30.6.1905)
Date
1905-06-30
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 26 Jüdisches Volksblatt Seite b Studentenschaft mit sehr gerluaen Ausnahmen auf dem alten radikalen Parteistandpnnkte beharre und in dieser Frage jedes Kompromiß mit einer ängstlichen Parteileitung ablehne. Es ist recht bezeichnend, das; vvn Herren, die eitler deutlichen und entschiedenen Ltelluttguahine in der ganzeli Angelegenheit answeichen ivullten, bis zum tteberdrutz der ari ge blich illegale Charakter der „Protestversamtulnug "betont nnd danrit Stimmung gentacht lvurde. Ter Protest galt dein Geiste, ans dem heraus der Prager Parteitag zu dem Beschlüsse kam. Au seilrer „Autorität" — jeder Parteitag genießt die Autorität, die er verdient — wollte niemand rjitteln. Den Vorsitz fiihrte Herr Rudolf H a r t - manu. Das erste Referat erstattete Dr. Egon M. Z iv e i g, roelcher die Entstehungsgeschichte des Beschlusses darlegte und die Berhandlungerl des Parteitages über die politische Betätigung charakterisierte. Er beantragte folgende Resolution: „Die am 24. Juni 1005 bei Guth versamlnelten Wiener Zionisten verurteilen aufS schärfste die auS denr ganzen Berlaufe des Prager Parteitages klar ersichtliche Tendenz böhmischer Zionisten, im Interesse einer beguemeren lokalen Agitation den altbeivährteli Grundsatz deS Bielitzer OrganisationSstatutes ansznschalten, wonach der organisierte Bionist nicht zugleich fremdllationalen Vereinen iParteienj augehören darf. Die Versammlung verpönt die vom Verein „Zivn"-Teplitz propagierte Auffassung, malt sei schon durch das bloße Einverständnis mit dem Baseler Programm und durch die Schekelzahlung Zionist, als sorrilalistisch und denr Wesen unserer den Inden in all feinen LebensbezieHungen erfassenden ilationalkulturellen Bewegullg widersprechend. Im Hinblick auf die am Prager Parteitag angenommene Resolution, wonach die innerpolitische Betätigung frei ist, soweit sich dies mit dem Baseler Programm und denr jüdischen 'Rationalgefühl vereinbaren läßt, gibt die Versammlung ihrer Ueberzengnng dahin AllSdruck, daß schon durch diese Einschränkung die Angehörigkeit eines Zionisten zll fremdnationalen Vereinen iParteienj ansgefchlofsell ist. Markgels eines ausdrücklichen Beschlusses des Parteitages ans Streichung des Grundsatzes der Unvereinbarlichkeit bezrv. mangels der zu Aerrderungen des Organisativlrsstatlltes nach Paragraph 20 desselben erforderlichen Zwoidrittelrneiirheit fordert die Versammlung das L.-K. auf, dell nltgeschmälerten Aufrechtbestarld jenes Grundsatzes aus Paragraph 2 Org.-Stat. durch öfsieutliche Erklärung festzuhalten und insbesondere dell durch Parteitagbeschluß zur Neberwachung der politischen Haltung der Zionisten ermächtigten D.-Ks. eirrzuschärfen. Die Versammlung richtet schließlich an die tur Herbste d. I. nach Wien einzubernfende Laildeskonferenz deic dringenden Appell, in das lleu auszuarbeitende Organisatronsstatut den eminellt organisatorischen Grnlldsatz der Unvereinbarlichkeit aus 8 2 des alten Organisationsstatutes zil irbernehlnen." Der zweite Referent Rudolf Nassau erörterte die Konsequenzen, welche die Durchbrechung der bisherigen Parteitaktik für die innere Parteientwicklltng uachsichzieheu müßte. Die natiolralen und politischen Verhältllisse tn Oesterreich erfordern eine strenge jndischnativnale Auffassung lind unnachgiebige, voll opportunistischen R!ücksichten freie Bekälllpsllng der Assimilanten. Man mlisfe den Teplitzer Zionismus, der in Prag die Partei zll verflachen begonnen habe, um jedell Preis lokalisieren. Die Aufrechthaltullg und Durchführung deS Prager Beschlusses bedeute unbedingt die Sprengung der Organisation. Ilr der stellemveise sehr lebhaften Debatte sprach zunächst Herr Dr. Margnlies lWieuj, welcher den Beschluß zll verteidigen suchte. Pro sprachen die Herren Löhner, Dr. PiekarSki, Obernif, Dr. S. Lalldesberger, Schmarak. Herr med. Sl o h u lUuitaSj begllügte sich dalnit, im Namen feiner Verbindung kltrz und bündig zll erklärest: „Wir schließest uliS irn Sinne der stvellgstell Parteidisziplin deill Proteste nicht all und mißbilligen jeden illegalell Schritt." Sprach'S lind verließ die Tribüne. Sein Bb. Stet n gab dann in merito den Komlllentar, illdem er meinte, die Durchführung der ältest Bestimmung fei nur in Studenten vereinen möglich, sonst aber ein Hindernis für die Ausbreitung der Partei. U p r i ln n u, Ätedakteur der „Welt", verwies auf die wirtschaftliche Abhällgigkeit der Inden in Böhmen, welche diesen eine strengziollistische Haltung llirht ermögliche. Matt möge sich mit dein halben Zionismus der böhmischen Jllden begnügetl und m-it dell materiellen Opfern, die sie diesem bringen. Die Herren G e w i t s ch nlld G r o st. die Mitglieder des neugewüAten Landeskomitees, sprachen sich über die Sache selbst nicht aus. Disziplin! Antvritüt! Legalität! Nuferer ParteiführerweiSheit letzter Schluß. In vorgerückter Stilnde lvltrde die Refvllttio»l mit erdrückender Mehrheit — ein Dutzend Hände rvnrdell bei der Gegenprobe erhoben — und lmter stürmischem Beifall angenommeu. Begrübultgstelegramme lvarelt eingelanfen vvn Nesek-Prag (,/Eltre heutigen Beschlüsse mögetl zur Ehrenrettung des österreichischen Zionismus mit Erfolg gekrönt lverdell"), F r a t e rn i ta s - Prag, Bar K o chb a-Prag, Berbilkdung B e r i t a s - Brünn, Verein „Zion"Evems („Allch wir schließen uns dem Proteste der Wiener Zionistetl gegenüber dem Prager Beschluß alt und verlangen seine Allllllttierlmg"). Die Wiener Ziouistell haben protestiert. Wir lverden sehen, ob sie ihrem Proteste durch rücksichtsloses und energisches Halldelll den nötigen Nachdruck lverdeik gebeik können. Es wird an eifrigen offiziellen und inoffiziellen Bremsern gewiß nicht fehlelk. N. Ausruf zur Sammluug für die Selbstvewuffuung der Juden Rußlands. 'Roch nie hat eine Regierung mit solch verbrecherischell Mitteln ihr Dasein zu verteidigen gesucht wie die jetzige in Rußland. Hunderte und tausende von Arbeitern werden niedergemetzelt, die studierellde Jugend, Aerzte, Rechtsanwälte, Schriftsteller, Leute wie Gorki, deren Namen einen Weltruhm gettießeu, lnüsseu in der Kerkern schmachten. Aber da dies alles nichts half, die gelvaltige Bewegung gegen die jetzige Mißwirtschaft in Rußland zu ersticken, hat die zarische Negierung zürn letzten, in einem Kultllrstaatc ganz unglaüblichell Mittel gegriffen, den Bürgerkrieg im Laude zu entfachen. In ganz Rußland werder, jetzt offen hunderttausende von Aufrufen verbreitet, überall schltüffeln Negierungsagenten herum, die die Bauern gegen die liberalen Semstwo- Leute, das städtische Gesindel gegen die Studenten nlld Intellektuellen, die Russell gegen die Juden lind Polen, die Mohammedaner gegen die Armenier Hetzert und cirkfach zunr Raub und Mord rlifen. Knrsk, Talnboff, Kischenew, Homel, Btelitopol, Schitomir, Bakli, Nachitschewan — alle diese ölameu sprechen rnehr als dicke Bände von der jetzigen Lage in Rlißland. Und besollderS stark lvird diese Hetzarbeit der Negierung gegen die Juden gerichtet. Nicht das erste Mal sllcht schon die verbrecherische Regierulig die Bolkswut der irn wissenden Massen auf die Inden' abzulenken. Wer weiß nicht vvn den grcuelhaftell Judenkralvalleu, die in den achtziger Jahren stattgefllndell haben. Aber wie grundverschieden sind die Kraivalle der achtziger Jahre voll den jetzigen! Während damals große Mafseil der nnwissenden Bevölkerullg daran teilgenommen haben, sehen wir heute irr den Reihen der Krawalleute fast ausschließlich voll der Polizei bestochenes Gesindel und speziell zugereiste 'Negierungsagenten, lvährend damals sich die Inden widerstandslos berauben und abschlachtell ließen, sehen mir heute, wie sie mit dein Gewehr in der Hand Leben und Ehre verteidigen. In jeder Stadt, in jedem Stüdtchelr lvird von denr „Jüdischen ArbeiterblNld" ein Selbstschutz gebildet, in dell auch Leute aus anderen Bevölkern ugsschichten eintreken und der im Falle der Gefahr auf deill Kampfplätze erscheint. Und nlir dieselir Selbstschutze verdanken viele Städte, daß dort keine Krawalle cntstallden silld oder daß sie keine stärkere Berbveitlmg genoullnen habell. Und je mehr sich die Regieruilg iiberzeugt, daß die von ihr mobilisierten dunklen Mächte nicht Furcht, sondern allgemeillen Widerstand ulld allgelneine Empörllng hervorruferc werden, je mehr das gekaufte Gesindel erfährt, daß seine Arbeit nicht gefahrlos ist, desto eher werdell diese schrecklichen Jirdellhetzen ein Elide nehmen. Der überall gegründete Selbstschlitz, die allgemeine Bolksbewasfllnng verlallgt aber große Summen von Geld und wir wendell uns daher an alle frelheitslicbelldeil Bürger, uns in diesem heiligeri Kampfe gegen die voll der zarischen Regierung mobilisierten tollterrevolutivnären Kräfte zu nnterstiitzen. Das Komitee für Selbstverteidigung der Juden. Adresse für Geldseitdungen: Jmprimerie Jsraelite, 81 Nue de Carouge, Gerteve. Korrespondenzen. Mährischer Brief. (GründlmJsfeier des Vereines „Delitsches Hans" in Mähr.-Ostrau. — Jargontheater. — Tschechischsudische Lyrik. — Wohltätigkeitsakt. — Emunah.) Mähr.-Ostrou, 26. Jimi 1005. Aut 22. d. M. fand die zehnjährige Gründnngsfeier des hiesigen „Deutschen Hauses" statt. Ans diesenr Anlässe lvurde eine Godenktcifel enthüllt, auf der alle.Namen jener Männer verzeichnet sind, die „um die Gründung dieses Hauses sich he war ragende Verdienste ertvorbeu haben". Die Tafel trägt die Inschrift: „Dem deutsch e n Volke erbaut vom Vereine „Deutsches Haus". Hieralif folgen die Namen, deren Zahl 14 ist, darunter die Inden und sl\\U tusgenreindelnitglieder Dr. Aloiis Hilf, Nathan Lichtenstern, Markus Straßmann und Dr. Josef Wechsberg. Seheit Sie, Herr Dr. Margnlies, so sehen ihre Resolutionen, in die Praxis übertragen, aus. Die Festrede beim Konuners hielt der radikale Alldeutsche und Antisernit Dr. Karl Kraus. Ein Passus in seiner Rede ist charakteristisch, „Wie oft ist unser SchmerzenAkind (gemeint ist das „Deutsche Haus") in schtveren Krise darniedergelegen und sind die Hüter desselben ächzend und stöhnend halbe Nächte beratend im Konzilium gesessen und haben mit Angstschweiß Zifferu und Zahlen heralisgerech>- net, um deln leidenden Patienten, der schon fast gedroht Hatte, deir letzten Atemzug zu tun, wieder auf die Beine zu helfen, denn es hieß ja die eigene und mit ihr die nationale Ehre herausrechnen und zu verhindern, daß das „Deutsche Haus" eine Bellte der tschechischen Raubgier werde." Herauf erhob sich Herr Dr. Karl Richter, ein Liberaler vorn alten Schlag, und rezitierte den „Segenssprnch, den vor 10 Jahren der derzeitige Kultusgeincindevorstcher Dr. Hilf bei der Schlüsseli'lbergabe für das Deutsche Haus sprach. Und damit dieses seltsaine Dokument nicht verloren geht, Möge das Kuriosum, wie sehr Judeil, die seinerzeit auf das Wohl der „Jvria" ihr Glas leerten, deutsch fühlen können, hier wiedergegeben. Es lautet: „Sei ein Heim du deutscher Sitte Sei ein Schirnr der deutschen Ehre Sei die rege Pflegestätte Deutscher Kunst und deutscher Lehre. Sei ein Hort der deutschen Treue Sei ein Wall der detttschen Tugend Sei die Quelle deutschen Sinnes Uns'rer wackeren deutschen Jugend. Bleibe eine Burg den Deinen Fern' bleib' Zwietracht deinen Mauern Wirst dann stark und ungebrochen Alle Feinde überdauern!" Was heißt dos alles. Man hat eben ilr diesen unseligen Nächten! wieder und lvieder zu dem allbekannteir Umversalmittelchen gegriffen unb beschlossen, an das Deutschtum der „Mitbürger mosaischen Glaubens" zu appellieren, denn das Deutschtum der Arier brachte sehr wenig auf. Und was taten unsere guten Juden; sie gaben wieder. Nur damit der „süße Friede" nicht gestört lverde, intD fühlten sich in dieser jvarmen Sumpfruhe wohl. Und der Dank? Wohl erlaubt man den jt'ldischen Korporationen noch iinilner, für teures Geld den Saal für den Abend zu mieten, ihre Kronen für die — ohne 'die Juden leeren! — Theatervorstellungen zu zahlen, aber moralisch wurden sie durch die Alldeutschen, die dovt de facto das Iteginrent führen, hinausgeekelt. Das ist der klare Sachverhalt und mag für heute genügen'. Seit einigen Tagen gastiert im hiesigen Sommersaale zur „Linde" ein deutsch-jüdisches Theaterensemb'le, das sich mit Goldfadens „Zehntem Gebot" glücklich einführte und sich des regsten Zuspruches von Sette der hiesigen Judenschaft erfreut. Schöne jüdische Sttinmungsbilder finden sich in dein soeben erschienenen Poesielverke von Jaromir B o r e c k y, des bestbekannteil tschechischen Lyrikers. „Basnikuv Kanzional" nennt er sein Werk. Weit' ist bei diesem reineil Artisteil und Träumer die in der tschechischen Poesie überraschende Etscheinung, daß sich die Eindrücke, die er von seiner Umgebuilg empfäilgt, in seiner Potsie wiederspiegelil lassen. So gibt er Überalls glücklich Alt-Prager Sttlnlllnngell unb die Eindrücke, die er auf dem alten Prager Jndenfriedhose, «deml „Garten' des Lebens", empfangen, allsgezeichnet wieder. . In pietätvoller Erfüllung des von dein plötzlich verstorbenen Herrn ReichStagsabgeordlleten und Kvnlmerrates Friedrich Singer geäußerteil Wunsches ruld eirtsprecheild seineil JntentiMen hat die Eklttin desselben, Frau Mathilde Sillger-Brünil, deren Wohltätigkeitssinn und humanitäres Wirken bekailnt ist, hierortigeil Wohlfahrtsailstalteu namhafte Speilideil zllkolnlnen lassen. Es wurdell bedacht die christlichen Ortsarmen, die jüdischen Ortsarmen, der israelitische Frauenverein mit je 1000 Kr., der Verein „Bikur Cholim" und der jüdische Waisenfonds mit je 300 Kr. Bei der am 17. d. M. abgehültenen (Zleneralversanmlltlng des zionistischeil Handelsangestelltenvereiiles „Emunah" in Brünn wurdell folgenide Herren in den Ausschuß gewählt: Oblnann Max Hickl, Obnmunstellvertreter Huber, Schriftführer Bock, 2. Schriftführer Zeifel, Bibliothekar Huber.

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