Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 26 (30.6.1905)
- Date
- 1905-06-30
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Jüdisches Volksblatt Nr. 20 „Was der Zionist dane cu in politicis ist, darf uns nichts angehen. Es hat mit dem Ziv!- nismuS nichts zu tun. Und wollen wir uns munaßen, die Einflußsphäre der zionistischen. Organisation mit zlvinigenden Normen über den eigentlichen zionistischen Kreis auszudehnen, das politische Verhalten des einzelnen zu kontrollieren, dann werden wir unserer Bewegung zwar niemanden gewinnen, aber vielen guten Juden, die sich ihre politische Betätigung nicht verkümmern lassen, für iimner den Weg zu uns versperren." (flitv der gedruckten Begründung eines Antrages des Jüdischen Volksvereines „Zion", Teplitz-Schönau, an den österreichischen Parteitag.) Das genügt wohl zur Charakterisierung des vom Parteitage gefassten Beschlusses und seiner wahren Motive. Und auf ein solches Niveau dieses famosen Teplitzer Zionismus will man den österreichischen Zionismus überhaupt Herabdrücken? Nst. * * * Die Koalition der oppositionellen Parteien in Ungarn zeitigt bereits die Früchte, die wir schon zur Zeit, als die Idee einer Koalition auftauchte, kommen sahen. Tie Antisemiten nützen den freundschaftlichen Verkehr mit den liberalen .Koalierten mit großem Erfolg aus, um ihre judenfeiirdlichen Ideen in die Reihen der Verbündeten zu tragen. Symptomatisch für diese Tatsache ist folgende Geschichte: Mir das vakant gewordene Abgeordnetennrandat von R a c z k e v e, einer mNveit von Budapest gelegenen, durchaus d e u t s ch e n Gemeinde, hat die Kossuth-Partei den gewesenen Abge- Ordneten Tr. Franz B a r t a kandidiert. Ein dortiger Wähler richtete an ben Landesparteipräsidenten Franz Kossuth die Anfrage, ob Franz Barta I u d e s e i, worauf Kossuth eine den Franz Barta wärmstens empfehlende telegraphische Antwort erteilte, welche wie folgt beginnt: „Tr Franz Barta ist w e d e r s e l b st Jude, noch auch w«ren seine A h n e n Juden, und auch kein e i n z i g e r s e i n e r Unverwandt e n i st I u d e!" So spricht heute der Ultraliberale K o s s u t h, dessen Hauptistütze die Jriden waren und noch sind. Aus der Mißt scheu Kewegung. Die Wiener Kongreß delegierten. Am 23. Juni fand eine Vertrauensmännerversammlung statt, welche über die angemeldeten Kandidaturen für die Wiener Kongreßmandate zu entscheiden hatte. Nachdem sämtliche Kandidaten gegen Territorialismus gerichtete Erklärungen abgegeben hatten, wurden fast einstimmig in Vorschlag gebracht Dr. Ludwig M a r g u l i e s, Dr. S ch n i r e r, S. K a p - Nach einem Jahre dieses wüsten Treibens kam der Kulminationspunkt seines Leidens. Seine Frau trug auf Scheidung an wegen unüberwindlicher Abneigung. Das gab ihm den Garaus. Die maßlose, tolle Lebensweise, das Uebermaß des Trinkens, die Nachtschwärmerei, verbunden mit den Kränkungen seines unglücklichen Ehelebens, hatten seine Gesundheit, die zu keiner Zeit eine feste (Grundlage hatte, untergraben. Physisch und moralisch heruntergekommen, verfiel er in eine hitzige Krankheit, aus welcher eine schleichende Allszehrung entstand. Da liegt er nun auf seinem Siechenbette, trostleer, hoffnungslos, denkt an seine früheren Tage, umstrahlt von den: Sonnenstrahlen des Glückes. „Ich blöder Tor, der ich mir die Ruhe, die Freude, den Frieden meines Daseins rnutwillig zerstört." Er erinnerte sich dessen, was ihm einstens seine Schreckensphantasie vorgemalt hatte. Nun war es zur Wirklichkeit getvorden, und stöhnend ruft er aus: „Die feindlichen Schicksalsmächte haben mich denn doch ins Verderben: gestiirzt. Aber," fuhr er bitter klagend fort, „an all den: ist Schiller schuld. Er hat dm Schluß seiner Ballade nicht vollendet und nicht deren Entwicklung. Hätte er berichtet zur Warnung für künftige Geschlechter, daß Polykrates als alternder Mann ein junges, verführerisches, treuloses Weib gefreit hat und daß dieses das ihm zugedachte Verderben war, so würde auch ich mich gehütet haben davor, hätte mich nicht in solch namenloses Elend gestürzt." l a n s k i (Poale Zion), ferner Dr. Max P i - k a r s k i, Dr. Max R o s e n t h a l. Als sechster Kandidat drang Dr. Leopold Kahn, das Mitglied des A.-K., mit 7 von 18 Stimmen durch. Die Laudcskonfercnz der österreichischen Poalei Zion fand am 18. Juni iit K r a k a u statt. Aus der Tagesordnung standen sieben Punkte, unter anderem auch die Schaffung eines Arbeitslosenfonds un-d Arbcitsvernrittlung. « ch m i d - Wien beantragte ein Zusanunengeben init anderen Korporationen wegen, einheitlicher Regelung des E m i - g r a ii; t e n w e s e n s und forderte die Poalei Zion auf, die Angelegenheit selbst in die Hand zu. nehmen. Dr. M a r g u l i e s referierte über O r g a n i s a t i o n s frag c n, während sich das Referat des Herrn, H e r z mit der A g i t a t i o n beschäftigte, Nach einem! Referat des Herrn Nathan G roß- Wien über die Stellung der Poalei Zion zum Zionismus und anderen Parteien wurden nach längerer Debatte folgende Beschlüsse gefaßt: 1. Die Poalei Zion stehen auf dem Standpunkte, daß die Judeufrage nur im eigenen Staat in P al ä st i n a gelöst! werden könne. Im sozialen Kampfe stehensie auf Seite des lokalen, Proletariates. 2. Die Poalei Zion find Mitglieder der zionistischen Organisation auf Grund des Baseler Programmes. Resolutionen wurden gefaßt gegen die r it ff i f ch c n G r c u c l, gegeit das B e r h alte n d e s z i o n i st i - s d) e ii A ktiousko m i t c c s, welches Den Poalei Zion keine Schekel verkaufen will, ferner gegen die „Geulah" - Gründung U s s i s d) i i u s. Endlich wurde beschlossen, beim nächsten .Kongresse die Anerkennung der Poalei Zion, als Fraktion zu fordern. Einen religiösen Zionismus verlangt der Sekretär der orthodoxen Gemeinde in Waag- Neustadtl Herr Elias F r i e d m a n n in einer Broschüre, die den Titel: „D er Z i o n i s - m in s i m, G e i st c des I n d e n t n m s" führt. Jin Sinne seiner Ausführungen' fordert Herr Friedurann, daß das Baseler Progrannn folgende Aenderung erfahre: „Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öfsentlichrechRich gesicherten Heimstätte in Palästina a u f B a f i s d e r j ü d i s ch e n R e l i g i o n." Erklärung. Aus Gründen, die auch auf dem Vierten österreichischen Zionistentagersichtlich waren, habe ich bereits vor zirka drei Monaten Eine Stelle als Obmann' des böhmischen D.-K. niedergelegt unld lehne selbstverständlich jede Verantwortung für die seit der Zeit entfaltete Tätigkeit und gefaßten Beschlüsse des böhmischen D.-K. ab. Prag-Weinberge, 26. Juni 1906. Karl Resek. Air unserem Helden bewährte sich das so häufig nicht verständliche Dichterwort: „Nichts ist schwerer zuertragen Als eine Reihe von schönen Tagen." An das Unglück gewöhnt sich häufig der Mensch und erträgt es mit Resignation, aber daS Uebermaß von Glück macht ihn übermütig, und dabei begleitet ihn immer die Furcht vor Schwinden des Glückes, vor irgend einem ihm drohenden Schicksalsschlage, daher er selten in ruhigem Genüsse des Glückes seine Tage verlebt. Huntes Feuilleton. Verwandte des Hauses RothschUd in Oesterreich leben in Fogvros (Siebenbürgen), und zwar tn guten Verhältnissen. Der Vater des jetzigen Chefs des Hauses N. half ihnen vor etwa 40 Jahren ihre Existenz begründen. Ferner leben Verwandte in D.-Äreuz (Ungarn). Der dortige pensionierte Kantor namens Elkan Fremder steht im Alter von nahezu SO Jahren und hat 16 Kinder am Leben, einige hier und in Amerika, ein Sohn lebt in Paris. D'essen Vater Maier Chason war leiblicher Cousin des Begründers des 'hiesigen Bankhauses Mayer Anselm Rothschild. Seine Verhältnisse waren wohl nicht die glänzendsten, dennoch trug er Bedenken, seine Verwandten um Hilfe anzugehen, vielmehr auf Gottes Hilfe bauend und vertrauend. Er starb hochbetagt und hinterließ seinen Kindern Vermögen. Dieser hatte vier Söhne: Nathan Freuder, Rabbiner im Csorna, Abraham Freuder, Rendek, Elias Freuder, Temesvar, Elkan Freuder, Kantor, D.-Kreuz (Ungarn). Der letztgenannte suchte den Baron Prag. Der A.-C. der jüdisch akademisch-technischen Verbindung „Barissia" zu Prag anerkennt die fiir die böhmische Organisation bestehende Notwendigkeit, den 8 2 des Bielitzer Statuts in der Form der Resolution Margnlies abzuündern. Der A.-C. ist aber der Einsicht, daß fiir die Verbindung selbst die Anfrechterhaltung des 8 2 in feinem ursprünglichen Wortlaute unbedingt nötig ist und untersagt für alle Zukunft allen Angehörigen der Verbittdttttg (Aktiven, Inaktiven und Alten Herren), einem fremdnativnalen Vereine mit Ausnahme von Fachvereinen ohne politische Tendenz a,nz»gehören. I. A. d. fl. C. Arnold Herzog, Ing. eand. Jakob Frankel, dz. dz. Der Verein jüdischer Hochschüler „Bar Kochba" Prag versendet in seiner Eigenschaft als Präsidialkvrpvrakion des Verbandes der zionistischen Studententorporationen Oesterreichs folgende :)iefvlntion: Die hier Unterzeichneten Korporationen nehmen zu der am 4. österreichischen Parteitage zu in Beschluß erhobenen Abänderung des 8 2 des Bielitzer Statutes in folgender Resolution Stellung: „Die Unterzeichneten Korporationen sehen in der Weglassung des Passus: „Zionisten können nicht zugleich Vereinen angehören, die fremdnationale oder dem Zionismus feindliche Tendenzen verfolgen" eine schwere Verletzung des obersten Prinzipes Des Zionismus, des Bekenntnisses der Zugehörigkeit zum jüdischen Volte, und bedauern den Beschluß des Parteitages aufs tiefste. Die Unterzeichneten Korporationen verpflichten sich hiermit, den ans dem Originalstatnt gestrichenen Passus in ihre Statuten aufzunehmen, und empfehlen das gleiche allen gesinnungsgenössischen Organisationen." Der Verein jüdischer Hochschüler „Bar Kochba" gibt der Hoffnung Ausdruck, daß sich alle österreichischen Studentenkvrpvrativnerr dieser Nesvlntion anschließen werden. * * * Löbliche Redaktion! Als Mitglied des L.-K. lege ich besonderen Wert darauf, festzustellen, daß der in Ihrer letzten Nummer abgedruckte „Aufruf" zu einer Prvtestoersammlung ohne mein Mittun verfaßt ivurde und daß sein Tenor, Parteitagsbeschliissen den Gehorsam zu weigern, meinen Intentionen geradezu widerspricht. Diese sind vielmehr in der von mir verfaßten, in der samstägigen Versammlung angenvmiaenen Resvlntivn aiisgedrückt. Hvchachtend Dr. E. M. Zweig. Die WieuerZioniste« gegen de« Prager Parteitagsbeschlnß. Die zivnistische Versammlung, die am 24. Juni in Gnths Restaurant einbernfen wurde, um gegen den Beschluß des Prager Parteitages, daß Zionisten fremdnationalen Vereinen angehvren dürfen, Stellttng zu nehmen, war sehr gut besucht und hat ihren Zweck ersüllt. Sie hat gezeigt, daß die überwiegetlde Ällohrheit der Wiener Zionisten der in Prag verstichten Verwässerung des Parteiprogrammes entschieden seindlich gegenüberstehen und die Wiederaufnahme des aus dem Organisationsstatttte gestrichenen Passus mit aller Energie erzwingen wolle. Mit Befriedigung mutz konstatiert werden, daß die Wiener zivnistische Albert v. Rothschild vor 20 Jahren auf und stellte sich als Verwandter vor, doch wierde ein :llachweis für den Grad der Verwandtschaft gefordert, der schwer zu erbringen war, es wäre eine Fahrt nach Frankfurt a. 3)1., hierzu erforderlich gewesen, die für den 70jährigen Mann zu beschwerlich war. und so zerschlug sich die geplante Hilfsaktion. Auch eine Offerte der Londoner isr. 'Gemeinde, die dortige Karitorslelle zu übernehmen, lehnte er aus ähnlichen Begnemlichkeilsgründeu ab. Lesefrucht. In der« nettesten Buche der geistvollen deutschen Schriftstellerin Isolde Kurz ,^Frn Zeichen des Steiubocks" finden wir unter den Aphorismeti folgendes: „Die Inden hatten von altersher in ihreru täglichen Gebete den Spruch: „Herr Gott, ich danke dir, daß du mich als Mann geboren werden ließest." Seit aber der moderne Geist in den Mvsaismus -eingedrungen ist, glaubte mar: dem weiblichen Geschlechte einen Ausgleich schuldig zu sein und die rechtgläubige Jüdin betet allmorgendlich an derselben Stelle: „Herr GM, ich danke dir, daß du mich als das, was ich btt»aeboren -worden lietzest,"—soll heißen: nicht als Wann. So ist der Jndengott jetzt in der glüMchen Lage, es allen Teilen recht gemacht zu habeMj JrMn in der türkischen Literatur. Bisher habe»: dieOJuden tu der Türkei nur sehr geringen Anteil ai» der türkischen Literatur genommen. Umso größere Beachtttng schenkett jetzt die türkischen. Tages- und Fachblätter einer Netterscheinung aM dein Gebiete der tlirkischetr Liieratttr, einer iimischen Liedersammtung in türkischer Sprache vört Jsak P e r e i r a aus Kvitstantinopel. Die Kritik hebt besonders hervor, daß die Inden eine immer hervorragendere Stellung in der türkischen Literatur einnehntert und zollett dem Buche P^ereiras uneingeschränktes Lob.