Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 26 (30.6.1905)
- Date
- 1905-06-30
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 26 Jüdisches Volksblatt Seite 6 noverschen Schule früher Tendenzen, wie die hier geschilderten, bestanden hatten. Wir nahmen aber als selbstverständlich an, daß die neue studentische Bewegung mit diesen Ausschlußbestrebungen ohne weiteres aufgeräumt habe. Die hannoversche Studentenschaft und mit ihr die studentischen Vereine galten ja in dem Hochschulstreit als besonderer Hort der akademischen Freiheit und speziell als die Hauptgcgner aller konfessionellen Absonderungsgelüste. Und nun wollen dieselben tote, die sich deshalb haben feiern lassen, selber konfessionelle Sonderpolitik treiben, wollen Leute nur ihrer Konfession wegen von ihren Vereinen fernhalten? Eine merkwürdige Konsequenz! Wenn das der gerühmte freie Zug ist, dann iss es mit dem Frci'heitselnpfindcu dieser Herren nicht weit her. Wenn sie sich nicht zu> einer gründlichen Revision alter Vorurteile entschließen, wenn sie nicht zu der Einsicht gelangen., daß eine Studentenschaft, die die konfessionelle A-bschließung im Studententum als etwas diesem Feindliches grundsätzlich bekämpft, unter keinen UmMndcn selber konfessionelle Äbschließungspolitik treiben! darf, daß die Frage nach der >K!onfessiou für sie vollständig, auszuscheiden hat, dann haben! sie keinen Anspruch auf die ihnen entgegengebrachten Sympathien. Dann entbehrt ihr Vorgehen der Zsusrichtigkeit unb Ueberzeugungstrcue, welche die Grnndbedigungen. dauernden Erfolges sind." Für die österreichischen Verhältnisse mag hieraus die Lehre gezogen werden, daß es wenig nützt, wenn den Juden der Eintritt in fremdnationalc Vereine g e st a t t c t wird, wenn man ihnen, die A u f \i a h> m e in die ersehnte Gesellschaft v e r w e i g e r t. Auf der einen Seite ist bekanntlich die Partie Intimer fertig. —b. —sz. Das Wiener Ostend und die Knllnsgemeinde. Zu dem unter obigem Titel in unserer vorwöchentlichen Nummer erschienenen Artikel erhalten wir folgende zwei Zuschriften: I. Präsidium der israelitischen Kultusgemeinde Wien. Z. 7095 1905 Wien, 26. Juni 1905. An die löbliche Redaktion des „Jüdischen Volksblatt" Wien. Die in der letzten Nummer Ihres geschätzten Blattes mir gegenüber einer Deputadie außer meinem Kreise liegenden Versuche aufgeben, in meinem Geschäft auf Verluste experimentieren." Er kaufte um hohen Preis eine Partie verlegenen schwarzen. Tuches, welche in einer Fabrik lange Zeit unverkauft gelagert hatte. „Diese," dachte er spekulativ, „wird mir wohl kein vernünftiger Mensch abkaufen." Einige Zeit jedoch starb plötzlich ein im Lande allbeliebter Prinz. Die Trauer war allüberall und alle Häuser in der Stadt und in den .Provinzstädten hingen Trauerfahnen aus. Es entstand Mängel an schwarzen Stoffen, daher seine Vorräte zu gesteigerten, Preisen reißenden Absatz fanden. Da geriet er inhelle Verzweiflung, „Welches heillose Mißgeschick — das heißt unzerstörbares Glück — verfolgt pstch! Auch mir wird der Ring des Polykra^s immer wieder zurückgebracht," Und er brach in der Klage aus: „Die Götter wollen.p^in Verderben." '.«3.^ Seine Phantasie malte ihm Sch'reckbilder vor; er sah sich in unheilbarer Krankheit dahinsiechen oder durch einen unglücklichen! Sturz mit! gebrochenen Gliedern darniöderliegon. „Nein." ries er, „nicht Nachlassen da.rf ich, ein Sühneopfer zu bringe«. Wie wäre, es," sagte er nach langem Nachdenken, „mit der Liebe? ES heißt im. Volks'immde: „Glück im Spiel, Unglüß in der Liebe." Versuchen Mir es also damit." Er hatte, dieses Gefühl bisher noch nicht gekannt. Die Ruhe, das Wohlleben und die Behaglichkeit hatten ihn abgehalten, sich dem tion des Brigittenauer Bethausvereines in den Mund gelegte Aeußerung ist teils unrichtig, teils entstellt wiedergegeben und ersuche ich Sie höflichst, die nachfolgende Berichtigung entgegenzunehmen. Ich habe wie schon bei früheren Unterredungen auch diesmal dem Vereinsvorstande meine Anschauung mitgeteilt, 'daß ich dessen Begehren um Bestellung eines eigenen „BrigittenauerRabbiner" nicht für berechtigt halte, da für die in diesem Bethause erforderlichen rabbinischen Funktionen durch zeitweise Zuweisung von Geineiderabbinern hinreichend gesorgt werden könne, da derzeit bereits 16 Gemeinderabbiner in der Wiener Kultusgemeinde funktionieren und sich für einen besonderen „Brigittenauer Rabbiner" weder eine seinem Berufe entsprechende hinreichende Beschäftigung noch ein standesgemäßes Einkommen finden läßt. Da der Vereinsobmann sich bei diesem Anlasse als Vertreter der gesamten Brigittenauer Judenschaft gerierte, so habe ich im Laufe des Gespräches unter anderem bemerkt, daß besonders in diesem Bezirke die Armut unter unseren Glaubensgenossen eine sehr große sei und daß sonach hier der Vorstand für seinen Tatendrang ein reiches Feld zu ersprießlicher Wirksamkeit finden könne. Dies ist alles und was sonst über meine Aeußerung in Ihrem Berichte erzählt wird, insbesondere die mir imputierte gemeine Ausdrucksweise liegt und lag mir ferne. Mit vorzüglicher Hochachtung Dr. Alfred Stern. II. Brigittenauer israelitischer Temp elverein. Wien, am 23. Juni 1905«?. t. Redaktion des „Jüdischen Volksblatt" Wien. Infolge einer heute vom Herrn Präsidenten der Wiener Kultusgemeinde eingelangten Zuschrift, welche die Erwartung begründet erscheinen läßt, daß wir zu einer den Verein befriedigenden Lösung der Rabbinerfrage gelangen werden, sieht sich der gefertigte Vorstand veranlaßt, die auf den 26. Juni a. c. anberaumte Generalversammlung bis auf weiteres zu vertagen. Der Vor st and des Brigittenauer israelitischen Tempelvereines. Hermann E l t b o g e n, Obmann. Dr. Max Weißen st ein, Schriftführer. schönen Geschlechtel zu nähern, und so hatte er das Hagestolzcualter erreicht. Seinem Vorsätze getreu sah er sich unter den Töchtern der Stadt um itnb fand in seinem! Bekanntenkreis ein sehr schönes, junges Mädchen, die Tochter einer achtbaren, aber vermögenslosen Familie. „Ihr wird," dachte er, „von allen Seiten gehuldigt; die schönsten jungen Meiner umschwärmen sie. Ich bin« lnc.it über das Jünglingsalter hinaus; mich wird sie gewiß verschmähen, das wird mein erstes Mißlingen sein." Gedacht, getan.! Er hielt bei den Eltern run ihre Hand au, und siehe da: die Bewerbung wurde angenommen und auch die Schöne gab ihr Jawort. Auch da blieb ihm das Glück treu. Wohl hatten die Eltern! manche Kämpfe mit ihr; der Mann, seine nichtschöne Gestalt, seine Geistlosigkeit mißfielen ihr total. Doch die Vorstellungen, die ihr von ihren El sinn gemacht wurden von. seinen Reichtümlc'rn, von seinem sprichwörtlich gewordenen. fabelhaften' Reichtum, dazu von ihrer eigenen' Mittellosigkeit besiegten ihren Widerstand und mit schwerem Herzen willigte sie endlich ein. Die Verlobung fand statt und Franz, war ein glücklicher Bräutigam, dem jedoch vor diesem! neuerlichen Glück angst und bange wurde. Bald darauf erfolgte auch die nrit allein Prunk gefeierte Hochzeit rrnd die junge Frau zog in ihr neues Heim. Jetzt aber kam« etwas Unerwartetes. Bei Franz, der bisher so kalt und gleichgültig gegen das weibliche Geschlecht war, trat der Johannistrieb ein, sein Herz fing Feuer, und er, der aus der Liebe ein Experiment hatte machen wollen, Politische Wochenschau. Blutenlese aus Kmrdgekrmgeu doutschliüeraler Zionisten. „Wir halten den Zionismus für eine innere jüdische Frage, die andere nicht berührt." „Was wir Zionisten können, ist: mit den nationalen Parteien im politischen Leben gehen, als ihre Anhänger und Mitglieder." „Die zionistische Gesinnung hat die Juden, welche bisher Ihrer (d. h. der deutschliberalen) Partei angehört haben, zu einer Aenderung ihrer politischen Haltung nicht veranlaßt noch veranlassen können." „Die Sprache, in der wir aufgezogen, in der wir gelernt und gelesen, die Sprache, in der wir denken und empfinden, ist deutsch; deutsch der Geist und die Ideen, die man uns gelehrt, deutsch die Literatur und die Kunsts . . . Wir haben ein lebhaftes Interesse daran, daß unsere Juden als nationale Juden aufwachsen, aber unter Aufrechterhaltung desselben innigen Zusammenhanges mit dem Deutschtum; daß die Schulen, die sie besuchen, deutsch sind und bleiben, daß das Volk, in deren Mitte sie leben, der Geist, der sie umgibt, die Kultur, in der sie aufwachsen, deutsch sind und bleiben." „Das sind die Momente, die es uns deutschen Juden — für die anderen Juden wird das ganz analog zu gelten haben — ermöglichen, obwohl wir uns als Juden fühlen, die nationale Wiedergeburt unseres Volkes anstreben, die nationale Politik des deutschen Volkes und der Deutschen Fortschrittspartei zu unterstützen." „Ich habe hier gesprochen als deutscher Jude und als ein Wortführer des Zionismus unter diesen. Ich habe hier die Sache jener Gesinnungsgenossen vertreten, die Ihre (b. h. deutschliberale) Parteigänger sind und es bleiben wollen, und die Sie (Dr. Eppinger) nun unvermittelt vor die Alternative gestellt haben, das eine oder das andere zu opfern." (AuS der Broschüre: „Zionismus und Deutsche Fortschrittspartei, Offener Brief an Herrn Dr. K. Eppinger, Prag", von Dr. Emil Marguli.es, Teplitz.) „Das Organisationsstatut des Kongresses verlangt also! von den Zionisten nichts! als das Bekenntnis zum Baseler Programm und die Zahlung des Schekels." „Es ist eine verengende Auslegung des Zionistenprogrammes und würde! zur Folge haben, daß Leute, die der großen Weltpartei der Zionisten angehören, die aus Grund des Kongreßstatutes Zionisten sind, in Oesterreich der Partei verloren gingen." verliebte sich nach der Hochzeit mit verzehrender Leidenschaft in sein junges, schönes Weib. Doch ach! Der Liebe Mühe war umsonst, sie fühlte nicht nur keine Gegenliebe, sondern die stärkste Abneigung, sie konnte nicht! vergessen, daß sie ihre Jugend, ihre Schönheit diesem alten und ihr unsympathischen Manne geopfert habe. Umsonst verschwendete er alle Zärtlichkeit an sie; er überhäufte sie mit allen Aufmerksamkeiten, mit den reichsten Geschenken, mit. allen Gaben des ausgesuchtesten Luxus. Mes prallte wirkungslos an ihrer Apathie gegen ihn ab. Noch mehr, ihr Temperament, launisch und herrisch, tyrannisierte ihn fortwährend, so daß er keine ruhige Stunde hatte. Durch sein bisheriges sybaritisches sorgenfreies Leben war seine Mänlichkeit erschlafft, fehlte ihm die Energie, ihr kräftig entgegenzutreten, und er liebte sie ja leidenschaftlich: wie konnte er sich aufmffeu, ihr den Herrn zu zeigen? Was aber seine Kränkung zur höchsten Potenz brachte, war die Wahrnehmung, daß sie sich von Männern, die früher ihre Verehrer waren, den Hof mächen ließ, daher auch die Eifersucht seine Seelmp ein ve rmeh r t e. Was nützte ihm sein Reichtum- und sein Glück, da die Seelenruhe dahin war? In seiner Verzweiflung suchte er auswärtig Trost, und um sich zu betäuben, stürzte er sich in die antisemitische Bewegung. Bei allen Versammlungen, K'onventikeln war er dabei, zog herum' in allen Kneipen und Agitationslokalen, durchschwärmte die Nächte bei Gelagen aller Art, mied sein Geschäft und sein Haus.